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Wie kein anderer Sport zieht Fußball die Massen in seinen Bann. Durch die DFB-Akademie wird ab 2018 Frankfurt zur Trainingsstätte und Kaderschmiede des deutschen Fußballs. Warum das den Erfolg des Volkssports immens befeuern wird, haben uns DFB-Präsident Wolfgang Niersbach und der Initiator des Projekts, Oliver Bierhoff, im Interview erklärt. Wie ekstatisch solche Siege im Stadion gefeiert werden, weiß kaum einer besser als der neue Eintracht-Aufsichtsratschef Wolfgang Steubing. Er hat es uns geschildert.

Schwer vorstellbar, doch der Volkssport der Deutschen – er galt einst als undeutsch. Als „englische Krankheit“, als „Fußlümmelei“ diffamierten ihn im 19. Jahrhundert Burschenschaften und andere Traditionalisten. Gründe für die Ablehnung gab es genug, waren Sportspiele – zumal aus dem verhassten England – verpönt und konnte man sich bei der Jagd nach dem Ball leicht verletzen. Auch das beim Fußball unvermeidliche Sich-Schmutzig-Machen verstieß gegen die sportlichen Maximen des Kaiserreichs. Von diesen diversen Vorbehalten ist heute freilich nichts mehr übrig. Woche für Woche ziehen Bundesligaspiele riesige Menschenmengen in die gigantischen Stadien der Bundesrepublik und jedes Mal aufs Neue fiebern Millionen Deutsche vor den Fernsehern mit, wenn die Nationalelf ihr Können bei Europa- und Weltmeisterschaft unter Beweis stellt. Fußballdeutschland – Sommermärchen – Fanmeilen – nicht nur in der deutschen Sprache erobert der Fußball neue Welten. In den kommenden Jahren wird ihm eine bundesweite Fortbildungsstätte gewidmet: die DFB-Akademie im Frankfurter Stadtteil Niederrad. Seine Macher sehen darin nicht weniger als ein „Jahrhundertprojekt“.

Alles unter einem Dach

Der Fußball im Mittelpunkt - Der Gewinnerentwurf der DFB-Akademie überzeugte mit einer gelungenen Verknüpfung von Sportfeldern mit dem Gebäude.
Der Fußball im Mittelpunkt – Der Gewinnerentwurf der DFB-Akademie überzeugte mit einer gelungenen Verknüpfung von Sportfeldern mit dem Gebäude.

Dieser Wortwahl des Deutschen Fußballbundes entspricht auch die beträchtliche Summe, die das Unternehmen kosten wird: 89 Millionen Euro. Doch sorgte vor allem die Standortwahl im Vorfeld für reichlich Unfrieden. Denn das auserkorene 15 Hektar große Areal war bislang Schauplatz einer anderen Sportart: des Reitens. Dass die traditionsreiche Galopprennbahn dem DFB-Komplex zum Opfer fallen sollte – diese Offenbarung löste nicht nur bei Pferdefreunden Unbehagen aus. Doch trotz einer leidenschaftlich geführten Gegenkampagne triumphierte bei der Abstimmung über das Projekt schließlich der DFB. Die Errichtung des neuen Komplexes beginnt 2017.

Nach Absicht seiner Planer soll der DFB-Campus mannigfaltige Funktionen erfüllen: als Aus- und Fortbildungsstätte, Forschungseinrichtung und Trainingslager zugleich – für alle Leistungsträger des Fußballs, vom Nationalspieler über Trainer und Schiedsrichter bis hin zu den Managern. Zudem wird auch die DFB-Zentrale mit über 230 Mitarbeitern hierher verlegt werden. Auf diese Weise entstehe „eine in seiner Geschlossenheit und Effizienz einzigartige Führungs- und Organisationseinheit“, erklärt uns DFB-Präsident Wolfgang Niersbach im Interview. „Wir bauen mit dieser Akademie den DFB der Zukunft, wobei es uns wichtig ist, alles unter einem Dach zu haben.“ Das schließe auch die Bündelung von Wissen mit ein. So sei die Akademie auch „Wissenszentrum“, „eine Art Silicon Valley des Fußballs“. Sportwissenschaftler, Mediziner und andere Fußballexperten sollen hier ihre Kenntnisse weiterentwickeln. Kurze Wege innerhalb der Anlage dienen dazu, die Kommunikation und den Austausch zu befördern.

„Die DFB-Akademie wird eine Art Silicon Valley des Fußballs.“ — Wolfgang Niersbach

DFB-Präsident Wolfgang Niersbach
DFB-Präsident Wolfgang Niersbach

Die Idee für ein solches Fußballkompetenzzentrum – nach Meinung einiger kommt sie erstaunlich spät, gemessen an der Bedeutung, die dem deutschen Fußball im In- und Ausland zugestanden wird, zumal Nachbarländer wie Spanien, England und Frankreich bereits seit Längerem über ähnliche Einrichtungen verfügen. „Das Argument war immer, das brauchen wir nicht“, sagt Wolfgang Niersbach, „weil wir eine exzellente Landschaft mit hochwertigen Sportschulen hätten und Deutschland mit seiner generell stark föderalistischen Struktur nicht so zentral ausgerichtet und organisiert ist wie beispielsweise Frankreich.“ Nichtsdestoweniger sei die Diskussion darüber nicht erst in der jüngeren Vergangenheit in Gang gekommen: Franz Beckenbauer habe direkt nach seinem Amtsantritt als Teamchef 1984 einen derartigen Wunsch formuliert und auch der damalige Präsident Hermann Neuberger sei dieser Idee gegenüber aufgeschlossen gewesen. Sogar eine Suche nach einem geeigneten Standort habe es gegeben. Ende der 80er jedoch seien dann zunächst andere Themen in den Vordergrund gerückt. „Mit dem Fall der Mauer 1989 kam es auch zur Wiedervereinigung im Fußball. Inhaltlich und wirtschaftlich verlangte dies vom DFB eine andere Prioritätensetzung. Deshalb wurde das Projekt eines DFB-Leistungszentrums hintenangestellt. Jetzt aber war die Zeit reif.“

Haus der Zukunft

Oliver Bierhoff, seit 2004 Manager der deutschen Nationalelf, wird von vielen als „Architekt“ der Akademie bezeichnet. Denn er war es, der 2009 eine neue Initiative für das Projekt startete. „Die DFB-Akademie soll ein Ort der Begegnung, der Kommunikation sein“, erklärt er uns im Gespräch. „Die verschiedenen Ebenen des Fußballs sollen hier miteinander verschmelzen.“ Das Wissen über Fußball sei bislang in vielen „einzelnen Silos des DFB“ über ganz Deutschland verteilt – ein Missstand, der mit der neuen Einrichtung der Vergangenheit angehöre. Dadurch, dass Spieler, Scouts, Fitnesstrainer, Fußball-Lehrer, Schiedsrichter, DFB-Mitarbeiter und Wissenschaftler eine gemeinsame Heimat erhielten, entstünden für die Weiterentwicklung des Sports wertvolle Synergien. Nach Bierhoffs Vision wird sich das schon auf absehbare Zeit auszahlen: „Ich bin fest davon überzeugt, dass wir durch die Akademie auf Sicht einen besseren Fußball haben werden.“ Glücklich ist Bierhoff auch darüber, dass das Projekt wie geplant in Frankfurt verwirklicht werden kann. „Frankfurt und der DFB – das gehört einfach zusammen.“

All work, all play - der Manager der Nationalmannschaft, Oliver Bierhoff, im Gespräch mit Robin Dutt.
All work, all play – der Manager der Nationalmannschaft, Oliver Bierhoff, im Gespräch mit Robin Dutt.

Mit dem Modell der DFB-Akademie, das aus dem Aachener Architekturbüro kadawittfeldarchitektur stammt, ist Bierhoff ebenso sehr zufrieden. Mit ihrer Arbeit hatten sich Klaus Kada und Gerhard Wittfeld gegen 213 Mitbewerber durchsetzen können – mit dem einstimmigen Voting der Jury. Am Gewinnerentwurf hat Oliver Bierhoff vor allem die enge Verknüpfung von Sportfeldern mit dem Gebäude überzeugt. „Unter den vielen bemerkenswerten Vorschlägen war er klar auch mein Favorit. Hinter dem Entwurf steht als Gedanke: Der Sport formt das Haus. Der Fußball steht im Mittelpunkt der Architektur, das hat mir gut gefallen.“

„Spiel ohne Grenzen“

Im Mittelpunkt steht der Fußball auch für viele Deutsche. Über ein Drittel aller Einwohner hierzulande hegt ein ausgeprägtes Interesse für die Ballsportart. Nationale Wettkämpfe wie die Europa- und die Weltmeisterschaft fesseln sogar noch mehr Menschen. Fast 35 Millionen Bürger und damit an die 45 Prozent der deutschen Bevölkerung verfolgten das WM-Finale an den Bildschirmen. Darunter Männer wie Frauen, parteien- und altersübergreifend. „Ein Spiel ohne Grenzen“, sagt Wolfgang Niersbach. Genau dies möchte der DFB-Präsident auch mit seiner Arbeit befeuern: „Grenzen im sozialen, gesellschaftlichen und politischen Bereich überwinden, zwischen Nationen und Geschlechtern.“ Einmal in der Geschichte sei das bereits in herausragender Weise geglückt: Bei der Annäherung zwischen Ost- und Westdeutschland habe auch der Fußball eine Rolle gespielt, sagt Niersbach. Als Fußballchef des Sportinformationsdienstes und danach als Pressechef des DFB habe er in den 70er und 80er Jahren immer wieder das große Interesse und die Begeisterung der DDR-Fußballfans an der Nationalmannschaft miterlebt. „Sie sehnten die Vereinigung zwischen dem Westen und Osten Deutschlands herbei.“

Der alle eint

Ex-Nationaltorhüter Uli Stein mit Aufsichtsratschef Wolfgang Steubing und Ex-Nationalspieler Dieter Müller
Ex-Nationaltorhüter Uli Stein mit Aufsichtsratschef Wolfgang Steubing und Ex-Nationalspieler Dieter Müller

Wer die einende Kraft des Fußballs heute hautnah miterleben möchte, muss ins Stadion kommen, sagt Wolfgang Steubing, seit Juni dieses Jahres neuer Aufsichtsratsvorsitzender der Eintracht, im Interview. „Der Fußball bringt alle zusammen. Die Anspannung beim Anpfiff, das Mitfiebern, die Euphorie, der Jubel – in diesen 90 Minuten schlägt das Herz der Anhänger einer Mannschaft im selben Takt. Im ganzen Stadion.“ Steubing muss es wissen – er hat die Faszination Fußball in jeder Platzkategorie erlebt.

„Der Fußball bringt alle zusammen – in diesen 90 Minuten schlägt das Herz aller Fans im selben Takt. Im ganzen Stadion.“ — Wolfgang Steubing

Als Kind von sechs Jahren stand er einst im G-Block, von der damaligen Eintracht-Ikone Alfred Pfaff zu gelegentlichen Trainings und Spielen mitgenommen. Heute feiert der 65-Jährige mit Freunden in seiner eigenen Loge, privater, exklusiver und dabei doch ohne jeden Anflug von Dünkel. Denn das Gefühl, Teil einer großen eingeschworenen Gemeinschaft zu sein, die Verbundenheit mit der gesamten Fangemeinde, das ist ihm immer erhalten geblieben. „Fußball eint Menschen. Da geht’s nicht um Titel, nicht um Gehälter, nicht um Parteizugehörigkeit: Da geht es um gemeinsam gelebte Leidenschaft.“

Auch die Gäste in Wolfgang Steubings Loge sind, so heißt es aus Insider-Kreisen, stets eine bunte Mischung, vom hochrangigen Politiker bis zum Gastronom. Dies vermag kaum zu überraschen, ist Wolfgang Steubing doch dafür bekannt, zu den unterschiedlichsten Leuten einen Zugang zu haben.

'Fußballgott' Alex Meier und Eintracht-Präsident Peter Fischer jubeln beim Public Viewing des WM Endspiels.
‚Fußballgott‘ Alex Meier und Eintracht-Präsident Peter Fischer jubeln beim Public Viewing des WM Endspiels.

Beliebt gleichermaßen bei Aufsichtsräten, Aktionären wie Vereinsvertretern, hat der Finanzexperte trotz seiner steilen Karriere an die Spitze der deutschen Fußballszene nie die Bodenhaftung verloren. Schon als selbstständiger Börsenmakler standen ihm die Nöte und Bedürfnisse des kleinen Mannes stets vor Augen, als Mäzen nahm er sich dieser mit einem intensiven Engagement für zahlreiche soziale und karitative Projekte an. Eine selbstverständliche Pflicht an der Gesellschaft, meint Steubing – eine exzeptionelle Haltung, loben Weggefährten wie Kollegen. So repräsentiert Steubing als Aufsichtsratschef der Eintracht eine Sportart, die seinem Naturell voll und ganz entsprechen dürfte: eine, die alle mitzureißen vermag. Der Brückenbauer – mit dieser Bezeichnung wurde Steubing kürzlich in der Presse bedacht – sie trifft ebenso auf den Fußball zu.

Form follows function

Diese Menschen zusammenführende Funktion kommt dem Fußball nicht nur in Frankfurt zu. Sie ist, wie immer wieder bei internationalen Wettkämpfen zu beobachten, auch auf Länderebene – weltweit – wirksam. Fußball ist gleichermaßen positive Identifikationsmöglichkeit für eine Nation wie Bindeglied über alle Nationalitäten hinweg. Fußball ist für alle da. Dass dieser großen Bedeutung nun auch eine große Form gegeben werden wird, ist daher nur folgerichtig.


Was ist der DFB?

Der Deutsche Fußball-Bund e.V. (DFB) mit Sitz in Frankfurt am Main ist der Dachverband von 27 Fußballverbänden in der Bundesrepublik, denen wiederum über 25.000 örtliche Fußballvereine unterstehen. Mit rund sieben Millionen Mitgliedern ist er der weltweit größte Sport-Fachverband, zugehörig sowohl zum Fußball-Weltverband FIFA sowie dem europäischen Fußballverband UEFA. Gegründet wurde er 1900 in einer Leipziger Gaststätte. Mit der Deutschen Fußballmeisterschaft und dem DFB-Pokal trägt der Verband die zwei wichtigsten deutschen Fußball-Turniere aus. 1964 führte er das bis heutige gültige Ligensystem der höchsten Spielklasse, die Bundesliga, ein. Weitere Aufgaben des DFB sind die Organisation der deutschen Fußballnationalmannschaften, die DFB-Auswahl sowie die Ernennung der Bundestrainer.

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