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Michael von Zitzewitz ist seit rund 15 Jahren der diplomatische Vertreter Bangladeschs in Hessen. Es ist ein Land, das ihn fasziniert, das ihn aber auch herausfordert. So musste er die Erfahrung machen, dass es nicht immer einfach ist, die Beziehungen zu einer räumlich und mentalitätsbedingt weit entfernten Kultur aufrecht zu erhalten.

„Diesen Menschen muss man einfach helfen!“ Mit diesem Satz überzeugte Horstmar Stauber, bis 1988 Geschäftsführer der Messe Frankfurt, den im Jahr 2000 amtierenden Messechef Michael von Zitzewitz, das Amt des Honorarkonsuls von Bangladesch von ihm zu übernehmen. Schließlich biete die Messe als eines der weltweit führenden Unternehmen der Branche eine gute Basis, auch in Bangladesch, einem der ärmsten Länder der Welt, etwas zu bewegen, dachte sich von Zitzewitz.

Also machte er sich, ohne die Volksrepublik je persönlich bereist zu haben, auf den Weg in deren Botschaft nach Berlin, um sich die offizielle Bestätigung der Konsulatsübergabe zu holen. Doch mit einer einfachen Willenserklärung war es nicht getan, wie er schnell feststellen musste. Der damalige Botschafter des südasiatischen Landes überraschte seinen Besucher mit Fragen und prüfte genau, ob er sich mit Bangladesch intensiv beschäftigt hatte.

„Er hat mich zuerst gefragt, wo das Land liegt. Das wusste ich natürlich. Dann wollte er wissen, was es Besonderes dort gibt.“ „Viel Wasser“, habe von Zitzewitz geantwortet und damit auf die häufigen Überschwemmungen des Landes am Golf von Bengalen angespielt. Die Richtung stimmte. „Wir sind das einzige Land der Welt, das eine Million Menschen in sechs Stunden evakuieren kann“, lehrte ihn der Botschafter und berichtete dem Konsul-Anwärter von einem Frühwarnsystem, das gemeinsam mit den Niederländern entwickelt worden sei.

Honorarkonsul Michael von Zitzewitz
Honorarkonsul Michael von Zitzewitz

Bei einem dicht besiedelten Land mit rund tausend Einwohnern pro Quadratkilometer wie in Bangladesch kann ein solches System viele Leben retten. Am Ende des Gesprächs, das noch einige weitere Fragen beinhaltete, war der Botschafter offenbar zufrieden mit den Antworten seines Gegenüber und Michael von Zitzewitz wurde im Mai  2001 offiziell zum neuen Honorarkonsul für Hessen ernannt.

Umweg über China

Mit ähnlichen Anlaufschwierigkeiten begann auch sein darauf folgender erster Besuch in dem Land, das er seither vertritt. Als von Zitzewitz für die Messe nach China reisen sollte, wollte er die Gelegenheit nutzen und anschließend nach Bangladesch weiter fliegen. Sein Kontaktmann vor Ort hatte alles organisiert. „Dazu muss man wissen, dass man in China zur damaligen Zeit kein Geschäft ohne den Einsatz seiner Leber abschließen konnte“, erzählt der Honorarkonsul und spielt damit augenzwinkernd auf den hohen Alkoholkonsum an, der bei solchen Geschäftsessen üblich war.

Ausgerechnet am Vorabend des Flugs nach Bangladesch wurden die Gläser besonders oft gefüllt. Am nächsten Morgen wachte von Zitzewitz aber nicht nur mit einem dicken Kopf, sondern mit einem ebensolchen Knie auf und sah den Flieger schon ohne sich starten.

Anders als zwei telefonisch konsultierte deutsche Ärzte, die per Ferndiagnose einen Meniskusschaden und eine bevorstehende Operation in Aussicht stellten, blieb der chinesische Kollege am Flughafen aber gelassen. Der Honorarkonsul habe eine allergische Reaktion auf zu viel Alkohol und Nüsse, die sich als Beule am Knie äußere, stellte er fest, gab ihm Tabletten und entließ ihn ins Flugzeug. „Als ich in Bangladesch ankam, konnte ich wieder laufen“, berichtet von Zitzewitz.

Zwei Frauen konkurrieren ums Amt

Vor Ort war er dann allerdings schnell erschlagen von den optischen Eindrücken, die auf ihn einstürmten. „Es war Monsunzeit und überall stand das Wasser einen halben Meter hoch. Das Chaos auf den Straßen war noch deutlich anders als in der größten indischen Stadt Mumbai.“ Die Gespräche mit dem Außenminister, dem Handelsminister und weiteren Politikern seien aber sehr interessant gewesen, erinnert er sich. Auch die damalige und heute erneute Premierministerin, Sheikh Hasina Wajed, lernte er kennen und ist noch immer beeindruckt von ihrer Geschichte.

Ihr Vater, der Staatsgründer des muslimischen Landes, Mujibur Rahman, wurde im Jahr 1975 bei einem Militärputsch zusammen mit seiner Familie ermordet. Nur zwei seiner Töchter überlebten, weil sie sich damals zufällig in Deutschland aufgehalten hatten. Die Ältere der beiden ist die aktuelle Premierministerin, die ebenfalls bereits mehreren Attentaten entkam. „Ihre Gegenspielerin bis heute ist ausgerechnet eine Tochter jener Familie, die wohl ihren Vater ermorden ließ“, sagt von Zitzewitz. Diese wiederum verlor 1981 ihren Ehemann, den damaligen Präsidenten, der bei einem Militärputsch ermordet wurde.

Das Zerwürfnis zwischen beiden Frauen dauert aktuell an. Auch die letzten Parlamentswahlen im Land waren 2014 von Unruhen und Vorwürfen zur Wahlfälschung überschattet. Die schwierige politische Lage erschwert es Michael von Zitzewitz, sich für Bangladesch zu engagieren. Hinzu kommen generelle Mentalitätsunterschiede, die eine kontinuierliche Zusammenarbeit verhindern würden.

Der Konsul nennt ein Beispiel: Weil er der Jugend im Land helfen wollte, habe er schon 2004 mit Politikern Gespräche darüber geführt, an der Frankfurter Messe junge Menschen aus Bangladesch als Praktikanten aufzunehmen. Selbst die damalige Außenministerin habe sich von der Idee sehr angetan gezeigt. Sie habe aber auch gleich hinzugefügt: „Das funktioniert nicht.“ Immer wieder seien Termine vereinbart worden, um konkrete Gespräche darüber zu führen, doch dazu sei es nie gekommen. „Es ist schwierig, mit dem Land langfristig zu planen und Termine einzuhalten“, erläutert er.

Mentalitätsunterschiede

Rund 4000 Bangladescher leben im Rhein-Main-Gebiet, schätzt der Honorarkonsul. Auch für sie ist er Ansprechpartner, kann allerdings keine Dokumente wie Pässe oder Visa ausstellen. Das mache nur die Botschaft in Berlin. „Einige von ihnen treffen sich regelmäßig und laden mich auch schon mal dazu ein.“ Eine seiner Hauptaufgaben in Hessen bestehe aber darin, hochrangige politische Vertreter Bangladeschs, die am Frankfurter Flughafen landen oder zwischenlanden zu begrüßen oder ihnen zu helfen. Das bereitet ihm schon mal unruhige Nächte: „Die Flüge kommen meist um 5 Uhr morgens an.“

Doch auch die Anforderungen sind nicht einfach. So hatte sich vor einigen Jahren eine Delegation von 14 Leuten aus Bangladesch angekündigt und ihn nur wenige Tage vor der Ankunft gebeten, nicht so teure Hotelzimmer für alle zu besorgen. Er rief also kurzfristig in einem Hotel nahe der Messe an, verhandelte dank seiner persönlichen Kontakte noch vergleichsweise moderate Preise und fuhr schließlich zum Flughafen, um die Gäste in Empfang zu nehmen. „Als sie kamen, erfuhr ich, dass sie doch selbst Zimmer gebucht hatten, im teuersten Hotel am Platz. Kommuniziert hatten sie mir das nicht.“

Dass die Menschen vor Ort durchaus herzlich und interessiert sind, erfuhr er bei einem Empfang, der 2004 zu seinen Ehren in der Hauptstadt Dhaka stattfand. Das Botschaftspersonal habe die Gäste zuvor mehrfach angerufen, um sie an die Einladung zu erinnern. Am Ende kamen 180 Gäste. Sie schüttelten ihm alle die Hand zur Begrüßung. „Als die Veranstaltung vorbei war, verabschiedeten sich auch alle 180 Gäste wieder von mir. Das würde es bei uns nicht geben.“

Von Zitzewitz hat mehrfach versucht, deutsche Unternehmen anzusprechen und ihr Interesse für Bangladesch zu wecken. Besonders auf dem Energiesektor sieht er Chancen. „Noch sind Öl und Gas dort die Hauptenergiequellen, aber sie sind aufgrund der vielen Menschen sehr teuer. Alles, was die Energiekosten reduziert, ist daher Gold wert.“

90 Prozent der Exporte nach Deutschland sind aber nach wie vor Textilien, mit den entsprechenden Problemen bei der Produktion. Es dauere, bis soziale und Sicherheits-Standards angehoben seien, sagt von Zitzewitz und deutet zudem an, dass auch die Korruption schädlichen Einfluss auf die Entwicklung des Landes habe.

Adelsfamilie aus Pommern

Für sein Amt als Honorarkonsul bringt er nicht nur die Erfahrung aus elf Jahren an der Spitze der Frankfurter Messe mit. Zuvor war der gelernte Steuerberater und Wirtschaftsprüfer, der in Aalen geboren ist und in Hamburg und München Volkswirtschaftslehre studierte, für Immobiliengesellschaften tätig. So übernahm er für die Deutsche Bank 1983 als stellvertretender Direktor den Vertrieb aller Anlageprodukte auf Immobilienbasis. „Damals bin ich schon durch die Welt geflogen, um Immobilien zu finden.“

Bei der Messe legte er den Schwerpunkt auf die Entwicklung des internationalen Geschäftes. Sein Name lässt unschwer erkennen, dass Michael von Zitzewitz einer Adelsfamilie entstammt. Sie kommt aus Pommern und blickt auf eine 800-jährige Geschichte zurück. „1945 gab es dort noch etwa 44 Familiengüter, die aber zum Teil zwei bis drei Stunden auseinander lagen.

Viele meiner Vorfahren kannten sich gar nicht so gut.“ Heute trifft sich der Familienverband mit rund 150 Mitgliedern alle paar Jahre. „Wir fahren dann mit dem Bus in die alte Heimat, beim letzten Treffen waren zum ersten Mal sogar Mitglieder aus Amerika dabei“, erzählt er, der im Vorstand des Familienverbandes sitzt. Neben seinem Amt als Honorarkonsul engagiert sich der Pensionär derzeit außerdem für das Kuratorium des Deutschen Filmmuseums sowie den Rotary Club.

Da er in diesem Jahr zum Rotary District Governor gewählt wurde und damit hessenweit für 69 Clubs und rund 3500 Mitglieder zuständig ist, nimmt er über diese Organisation einen neuen Anlauf, sich auch für Bangladesch einzusetzen. Es sei schwierig, dem Land zu helfen, sagt er ein wenig desillusioniert. Er würde gerne mehr tun. „Ich versuche aber, am Ball zu bleiben.“ Bei der Rotary-Welttagung in San Diego hat er kürzlich seine Fühler ausgestreckt. „Ich suche Kontakt zu einem Rotary-Club in Bangladesch, der uns Verbindungen in Dhaka vermittelt. Das scheint mir derzeit am aussichtsreichsten.“

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