Soziale Netzwerke setzen auf die Schwarm-Intelligenz. In der Finanzwelt versuchen viele jetzt damit Geld zu verdienen, indem sie gemeinsam an der Börse investieren. Beim Social Trading können Anleger anderen ins Portfolio schauen und die Strategien der Besten kopieren. Das können genauso Hobby-Investoren sein wie Profis. Doch man sollte die Risiken nicht aus dem Auge verlieren.

In Social-Trader-Kreisen ist Viktor Dellos ein Star. Und das, obwohl ihn niemand kennt. In seinem Händlerprofil verrät er nur, dass er in Deutschland lebt, als Versicherungsmakler arbeitet und an Jesus Christus glaubt. So finden sich auf seiner Trader-Seite hauptsächlich Bibel-Zitate. Deshalb glaubten einige Anleger, Dellos sei nur ein Computerprogramm. Aber eines, das Gewinne macht, göttliche Gewinne, nannten es einige. Innerhalb von zwei Jahren seien es mehr als eine Million Prozent gewesen, sagt eToro, die Plattform, auf der er handelt. In den vergangenen sechs Monaten hat er sein dortiges Eigenkapital um 420 Prozent vergrößert, so ist es auf seiner Seite zu lesen. Diejenigen, die ihm folgen und seine Anlagestrategie kopieren, können damit eine ebenso große Rendite erzielen wie er – mit nur wenigen Mausklicks.

Internet-Plattformen wie eToro, Ayondo oder der Wiener Wettbewerber Wikifolio sind die bekanntesten Anbieter des Social Trading. eToro ist nach eigenen Angaben mit 4,5 Millionen Nutzern Weltmarktführer. Bei Ayondo legen rund 100.000 Nutzer aus 123 Ländern ihr Geld an, wie die Deutschland-Geschäftsführerin Sarah Brylewski bestätigt. Das Unternehmen ist die deutsche Alternative mit Sitz in Frankfurt.

Das Geschäftsmodell ist simpel: Statt sich auf die Empfehlungen des persönlichen Bankberaters oder Fondsmanagers zu verlassen, schauen sich die Privatanleger auf den Plattformen Käufe und Verkäufe anderer an. Diese werden ihnen ähnlich serviert wie aktuelle Facebook-Meldungen, denen sie regelmäßig folgen können. Die Anlageentscheidungen sollen dadurch transparenter werden, werben die Plattformen. Für die besten Trader gibt es ein Ranking. Und wer besonders erfolgreich ist, der wird am häufigsten vom Schwarm kopiert.

Vom Studenten bis zum Topmanager

Waren die Plattformen noch vor wenigen Jahren Nischenanbieter, entwickelt sich das Social Trading derzeit zum weltweiten Trend. Bei den verschiedenen Anbietern spekulieren mittlerweile Studenten ebenso wie ehemalige Banker, Unternehmer oder Topmanager. Mit dem Unterschied, dass sie das öffentlich machen – natürlich gegen einen Obolus des Plattformbetreibers.

Das Social Trading stützt sich auf die Weisheit der Masse. Ein Kenner wählt seine Anlagen aus, veröffentlicht seine Strategie und jeder kann in seinem Kielwasser handeln, sein Portfolio kopieren und die gleiche Rendite erzielen. Je besser die Ergebnisse sind, desto mehr Anleger folgen den Vorbildern, wie die Universität Bochum in einer Studie herausfand. Der Schwarm weist dabei den Weg. Die Bochumer fanden bei der Auswertung aller Trades des Jahres 2012 von vier großen Plattformen heraus, dass die Rendite bei mehr als 9 Prozent lag. Auch das Massachusetts Institute of Technology (MIT) stellte bei 6000 eToro-Tradern fest, dass sie ihre Performance um 6 bis 10 Prozent steigern konnten durch die Plattform. Das Bochumer Fazit lautete deshalb: Social-Trading-Anbieter seien die Hedge Fonds für den kleinen Geldbeutel.

Nicht immer sind diese Vorbilder professionelle Händler. Christian Wittig zum Beispiel arbeitet in einem Fitnessstudio. Unter dem Pseudonym „Running Chris“ ist er einer der beliebtesten Trader von eToro und wurde dort zum Anleger-Phänomen. Er spekulierte auf den Dax und hat sein Depot in wenigen Monaten mehr als verdoppelt. Mittlerweile folgen ihm mehr als 10.000 Nutzer, etwa 1500 kopieren seine Strategie. Er habe Ende 2008 angefangen, um für sich etwas Geld zu verdienen und dabei auch andere kopiert, erzählt er auf der Plattform.

Verlustrisiko

Doch wer mit dem Schwarm schwimmt, der kann schon mal vergessen, dass jeder einzelne dennoch das Risiko trägt. Die Plattformen bieten Erklärvideos und Webinare an, damit die Anleger sich über die verschiedenen Anlageformen und Strategien informieren können. „Unsere Webinare sind sehr beliebt“, sagt Sarah Brylewski von Ayondo. Bestimmt ein Drittel ihrer Kunden würden sich darüber oder über persönliches Coaching am Telefon informieren. Denn auch beim Social Trading gilt die alte Börsenweisheit: Hohe Performance-Werte gibt es in aller Regel nur um den Preis eines hohen Risikos.

Da auf den meisten Plattformen nicht direkt mit Aktien, sondern mit CFDs, so genannten Contracts for Difference gehandelt wird, die eine Hebelwirkung haben, besteht sogar das Risiko, mehr als das eigene Kapital zu verlieren und damit zusätzlich Verluste zu machen. Außer bei Ayondo. Die Plattform hat die möglichen Verluste auf die Höhe des eingezahlten Kapitals begrenzt. Zudem ist es möglich, auf seinem Konto eine virtuelle Grenze zu setzen, bis zu der man bereit ist, Verluste einzugehen. Wird diese erreicht, werden die Positionen automatisch geschlossen.

Bei eToro gibt es diese Stop Loss-Funktion ebenfalls. Den rund 16.000 Anlegern, die vor einiger Zeit Viktor Dellos folgten, ist zu wünschen, dass sie sie nutzten. Denn sonst sind sie wie die Lemminge mit ihm über die Klippe gestürzt. Nicht umsonst hatte er hohe Renditen von rund 1000 Prozent pro Jahr eingestrichen. Eben weil er bereit war, ein großes Risiko einzugehen. So wettete er häufig gegen den Trend einer Anlage. Das tat er auch bei einem Währungspaar und hielt an seiner Entscheidung so lange fest, bis sein Kapital erschöpft war. Damit hatte er sich um sein gesamtes Geld gebracht. Sein maximaler Verlust beträgt, so gibt es auch seine Seite an, 99,9 Prozent.

Klassensystem für Trader

Social Trading auf dem iPad
Social Trading auf dem iPad

Ayondo gibt dem Schwarm zumindest eine Hilfestellung, um den besten Trader zu erkennen. Das Frankfurter Unternehmen hat ein Ranking-System entwickelt. Jeder Händler wird in eine von fünf Stufen eingeordnet – vom Street Trader über den Advanced, Professional, den Risk-adjusted bis zum Institutional. Während die
Performance beim Street Trader mindestens 0,5 Prozent betragen muss, liegt die Schwelle beim Institutional bei 6 Prozent. Dieser muss zudem mindestens ein Jahr Handelserfahrung vorweisen und darf nicht mehr als 25 Prozent Verlust machen. Anfang November erfüllten von den 1700 Tradern der Plattform zwölf diese Bedingungen.

Auch eToro hat für seine Trader ein Klassensystem eingeführt, bei dem die Anfänger als „Cadet“ einsteigen und sich zum „Rising Star“, „Champion“ oder „Elite“ hocharbeiten können. Dafür müssen sie im relevanten Kalendermonat mindestens 50 bis 250 Kopierer pro Tag haben und über ein Eigenkapital von 500 bis 1000 Dollar verfügen. Je nach Stufe erhalten sie unterschiedliche Vergütung. Ein Champion erhält unter anderem eine feste monatliche Zahlung von 1000 Dollar.

Professionelle Händler

Immer häufiger finden sich unter den Tradern mittlerweile professionelle Börsenhändler wie etwa Christian Steinberger, besser bekannt unter seinem Pseudonym „Patternicus“. Der gebürtige Münchener ist seit 17 Jahren professioneller Trader und legte 1998 die Börsenhändlerprüfung an der Frankfurter Wertpapierbörse ab. Er zählt zu den 12 Institutionals bei Ayondo.

Man hat nicht so hohe Einstiegsbarrieren, wie bei einer Bank oder muss eine Ausbildung nachweisen. Am Ende zählt nur die Performance. – Sarah Brylewski, Ayondo

„Die meisten unserer besten Trader machen das hauptberuflich“, bestätigt auch Sarah Brylewski von Ayondo. Sie beschäftigten sich meist den gesamten Tag über damit, den Markt zu analysieren. Darunter seien auch Fondsmanager, die die Plattform als moderne Form des Marketings sähen und sich darüber bekannt machen wollten. Es könne aber jeder traden, der dazu Talent habe. „Man hat nicht die Einstiegsbarrieren, wie in einer Bank oder muss eine Ausbildung nachweisen. Am Ende zählt nur die Performance.“

Dennoch warnen immer wieder Experten, dass Social Trading keine Alternative zu Banken und Fondmanagern sei. Jemand, der bislang sein Geld auf dem Sparbuch oder als Festgeld angelegt habe, für den sei es vielleicht nichts, räumt auch Sarah Brylewski ein. „Für den, der bereits Aktien und vielleicht sogar Fonds und Zertifikate gekauft hat, für den ist der Weg zu uns aber nicht weit.“ Ayondo sei massentauglicher als die reinen Handelsplattformen.

Sarah Brylewski, Ayondo
Sarah Brylewski, Ayondo

Die MIT-Studie von 2012 hat dennoch festgestellt, dass 84 Prozent der Kunden zwischen August 2010 und Januar 2012 Geld verloren hätten. Viktor Dellos ist zwar immer noch einer der beliebtesten eToro-Trader, mittlerweile kopieren ihn aber nicht einmal mehr hundert Anleger. Und auch Running-Chris hat den Monat Oktober erstmals mit einer Negativ-Performance abgeschlossen. „Die Börse in den vergangenen Monaten war nicht einfach für den Handel. Unsere Top-4-Trader haben aber Geld verdient“, betont Sarah Brylewski. Doch auch ihre Nutzer hätten verstanden, dass eine Super-Performance nicht immer die beste Wahl sei. „Sie wissen zu schätzen, wenn jemand sein Risiko im Griff hat.“ MIT rät den Social Tradern ebenfalls, sie sollten die hohen Risiken mit einberechnen, um hohe Renditen zu erzielen. Denn auch wenn der Schwarm, in dem man schwimmt, weise ist, schützt er doch nicht davor, alleine unterzugehen. (sb)

Social Trading – Die Anbieter im Vergleich

eToro

etoro2007 gegründet mit Sitz in Zypern, 4,5 Millionen Nutzer aus mehr als 170 Ländern, Mindestanlage 200 Euro, kostenloses und zeitlich unbegrenztes Demokonto, es gibt eine mobile Anwendung sowie eine Trading Akademie mit Webinaren und Erklärvideos, die Trader sind zertifiziert in vier Stufen, Kosten: Spread (Spanne zwischen An- und Verkaufskurs) und Übernacht-Gebühren, die Plattform wird von der BaFin und der CySec, der Finanzaufsichtsbehörde Zyperns überwacht, Einlagensicherung von 20.000 Euro pro Kunde.
www.etoro.com

Fazit: für Anfänger und Profis geeignet.

 

Ayondo

ayondoTrader aus Frankfurt, 2009 gegründet, 100.000 Nutzer aus 123 Ländern, zwei verschiedene Plattformen für Social Trading und CFD-Trading mit Hebelwirkung, Mindestanlage 100 Euro, kostenloses Demokonto für 15 Tage, deutschsprachiger Kundenservice, mobile Anwendung sowie eine Trading Akademie mit Webinaren und Erklärvideos, die Trader sind zertifiziert in 5 Stufen, Kosten: Spread, unterliegt der Aufsicht der BaFin und der britischen FCA, Ayondo ist bei der britischen FSCS bis zu 85.000 Pfund versichert, eine individuelle Versicherung bis zu 500.000 Pfund ist zusätzlich möglich, es besteht keine Nachschusspflicht bei einem Negativsaldo des Kontos.
www.ayondo.com

Fazit: deutschsprachiges Portal, für Einsteiger und Profis geeignet.

 

Wikifolio

wikifolioSocial-Trading-Plattform, gegründet 2012 von dem Düsseldorfer Broker Lang & Schwarz, Sitz in Wien, Mindestanlage 100 Euro, Instrument sind Zertifikate von Lang & Schwarz, es gibt keine Handelsplattform, gehandelt wird über das Tradingkonto des Partnerbrokers, es muss zusätzlich ein Wertpapierdepot eröffnet werden, es fallen gewinnabhängige Gebühren an, Trader werden in einem festgelegten System bewertet.
www.wikifolio.com

Fazit: innovatives und deutschsprachiges Portal, eher etwas für Profis.

 

ZuluTrade

zulutradeUS-amerikanische Social Trading Plattform, rund 20.000 Trader, arbeitet mit Partner-Brokern, die die Anlageklassen bestimmen, hier kann jeder Nutzer Follower und Signalgeber werden, kostenloses Demokonto für 30 Tage, Mindesteinzahlungen hängen ebenso vom Broker ab wie die Kosten und die Sicherheit, mobile Anwendung möglich, die Trader sind nicht zertifiziert.
www.zulutrade.com

Fazit: eher für Fortgeschrittene empfohlen.

 

Copyop

CopyopWeltweit erstes Social Trading Netzwerk für Binäre Optionen, also Termingeschäften, seit Januar 2015 am Markt, Sitz auf Zypern, unterliegt EU-Richtlinien und der Aufsicht der CySec Zypern, Mindesteinlage 200 Euro, kein Demokonto, aber die Möglichkeit, einen Account zu registrieren, ohne eine Einzahlung zu tätigen, mobile Anwendungen sowie umfangreiches Material zum Handel mit Binären Optionen.
www.copyop.com

Fazit: man muss sich mit Termingeschäften auskennen.

Teilen