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Hitzig ist nicht witzig, weiß ein deutsches Sprichwort. Die Figur des Gernot Hassknecht in der ZFD- Satiresendung heute-show beweist das Gegenteil. Die zwischen drei- und fünfminütigen Kommentare des kleinen Mannes am Nachrichtenpult, die sich stets zu lautstarken Schimpftiraden auswachsen, sind bei den Zuschauern längst Kult geworden. Wir haben Hans-Joachim Heist, den Schauspieler hinter dem national bekanntesten Choleriker getroffen und dessen eigene Gefühlswelt ausgeleuchtet.

„Bitte nicht anschreien“, würden Fans ihm bei Autogrammwünschen sagen. Dabei wirkt der Mann, der hinter dem heute-show-Schreihals Gernot Hassknecht steht, im persönlichen Gespräch alles andere als reizbar. Vielmehr ein Gentleman alter Schule, höflich, zuvorkommend, der Frauen aus dem Mantel hilft. Ein Leisetreter ist Hans-Joachim Heist allerdings nicht. „Ich kann mich schon aufregen und laut werden.“ Da gleiche er seiner Kunstfigur, erklärt er.

Hans-Joachim Heist - mal mit erhobenem Zeigefinger...
Hans-Joachim Heist – mal mit erhobenem Zeigefinger…

Eine weitere Parallele: das Engagement für politische Inhalte. Ab den späten 90ern setzte sich Heist in seiner Heimat Pfungstadt für die Kommunalpolitik der SPD ein, von 2004 bis 2011 sogar als Stadtverordneter. „Ich war immer politisch und bin es auch heute noch. In dieser Hinsicht ist meine Darstellung von Hassknecht durchaus authentisch.“ Der 67-Jährige, der als junger Mann an zahlreichen Demonstrationen in Frankfurt teilgenommen habe, vermisst das gesunde Maß Wut an der heranwachsenden Generation, welches ihn und andere damals auf die Straße brachte.

„Das ist heute so eine Generation der Gleichgültigen. Was mich allerdings stolz macht, ist, dass viele Jugendliche, die mein Bühnenprogramm ‚Das Hassknecht-Prinzip‘ gesehen haben, nach der Aufführung zu mir kommen und sagen, dass erst die heute-show mit Hassknecht ihr Interesse für Politik geweckt hätte. Das finde ich dann schon toll, dass wir dafür einen Beitrag leisten können.“

Dass er selbst seine aktive politische Mitwirkung wegen seiner anderen beruflichen Projekte, insbesondere der „heute-show“, beenden musste, bedauert er. „Das war schade. Vielleicht werde ich mich irgendwann noch einmal engagieren.“ Echte Ambitionen, hauptberuflich Politiker zu werden, habe er jedoch nie gehabt: „Mich zog es schon immer auf die Bühne.“

„Ich war schon damals kleiner als die anderen, da musste ich mich auf andere Weise profilieren.“

Die Bühne als Berufung

Heist, der neben zahlreichen Film- und Fernsehrollen seit Jahrzehnten als Theaterschauspieler und Kabarettist aktiv ist, rezitiert bereits mit acht Jahren vor seinen Mitschülern. „Ich war schon damals kleiner als die anderen“, sagt der nur 1,63 Meter große Komiker. „Da musste ich mich auf andere Weise profilieren.“ Und auch zu dieser Zeit waren es Vierzeiler von Heinz Erhardt, mit denen er die Klasse unterhielt. „Ich hatte das große Heinz Erhardt-Buch im Schrank meiner Eltern entdeckt und war sofort fasziniert.“ Die Imitation des Biedermannes mit der Hornbrille gehört seit fast 20 Jahren zu Heists festem Repertoire und ist seine liebste Rolle.

...mal tobend vor Wut.
…mal tobend vor Wut.

„Diese heitere, humorige Herangehensweise von Erhardt an das Leben und seine Wortspielereien mag ich sehr. Wobei man sagen muss, dass Hassknecht ebenfalls sehr witzig und unterhaltsam sein kann.“ Auch an diesem Abend tritt Heist im Kabarett „Die Käs“ als Erhardt auf, in Optik und Habitus verblüffend nah am Original.

„In Siegen kam einmal die jüngste Enkelin von Heinz Erhardt nach der Show in meine Garderobe und sagte, sie habe an verschiedenen Stellen ihren Opa Eins-zu-eins wiedererkannt“, erzählt er stolz. Echtes Lampenfieber habe er vor Auftritten nicht mehr, einzig „so ein leichtes Kribbeln im Bauch. Nach dem ersten Satz, wenn ich merke, dass die Leute mitgehen, ist es weg. Aber die Spannung muss ja auch da sein, um eine andere Rolle überzeugend auszufüllen.“

Nach zwei Semestern brach Heist Anfang der 80er Jahre sein Ingenieurs- zugunsten eines Schauspielstudiums ab. Er finanzierte sich dieses unter anderem mit Taxifahren. „Das war ideal, um in den Standzeiten meine Texte zu lesen und auswendig zu lernen. Außerdem hat man natürlich viele Menschen und ihre Verhaltensweisen kennengelernt, was ebenfalls hilfreich für die Schauspielerei war.“ Heute ist das Auto für Heist der Ort, an dem er am schnellsten in Rage gerät. War das als Taxifahrer einst nicht hinderlich? „Da waren ja noch nicht so viele Idioten auf der Straße“, lacht Heist und für einen Moment blitzt etwas Hassknecht‘sches durch.

Doch viel mehr als Hass war für Heist Liebe das Motiv, das ihn stets bewegte – die Liebe zur Bühne, zur Komik, aber auch die Liebe zur Heimat, zu Pfungstadt, zu Hessen. Sie ließ ihn als Regisseur mundartlicher Stücke in Erscheinung treten und brachte ihm 2013 die „Holzig‘ Latern“, die höchste Auszeichnung des Karnevalsvereins Dieburg, ein. „Ich bin mit Leib und Seele Hesse, ich liebe Dialektrollen und ich liebe auch den Dialekt. Leider wird der nicht mehr so gepflegt wie früher.“

„Auf die Bühne könnte ich nie verzichten, auf das Fernsehen schon.“

Ihm selbst sei das Hessische in der Schauspielschule aberzogen worden. „Da sagte man mir: Lern erst mal richtig Deutsch!“ Heute gebrauche er es nur noch, wenn er in seinem Pfungstädter Stadtteil unterwegs sei. „Ich wohne seit über 30 Jahren in Eschollbrück. Wenn ich hier Leute treffe oder in die Kneipe gehe, dann spreche ich Dialekt, klar.“

Im vergangenen Jahr wurde Heist als Sprecher einer ganz besonderen Rolle auserkoren: die Stimme der Wut in Pixars „Alles steht Kopf.“ „Das hat mir richtig viel Spaß gemacht.“ Aufgrund des direkten Kontakts zum Publikum habe ihm das Format „Bühne“ aber immer am meisten Freude bereitet. „Darauf könnte ich nie verzichten, auf das Fernsehen im Zweifel schon. Auch wenn das meine Bekanntheit natürlich enorm gepusht hat.“

Heist, der so viele verschiedene Gesichter hat, hat auch eines, das ihm vollständig gleicht: Mit seinem eineiigen Zwilling Karl-Heinz ist er als junger Erwachsener gemeinsam aufgetreten. Doch den Bruder habe es danach nicht ins Theatermetier gezogen, man schlug unterschiedliche Wege ein. „Charakterlich sind wir nicht gleich. Es gibt Verbindendes und es gibt Trennendes.“ Ebenso wie es sich mit den vielen verschiedenen Rollen von Hans-Joachim Heist verhält: Sie alle sind Verwandte, aber keine Kopien seiner selbst. (kl)

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