Das hr-Sinfonieorchester ist eines der innovativsten sinfonischen Ensembles in Deutschland. Mit seinem breiten stilistischen Repertoire und seinen Konzert- und CD-Produktionen genießt das Orchester (noch) unter der Leitung des US-Amerikaners Paavo Järvi internationales Renommee. Kein anderes ARD-Sinfonieorchester hat einen eigenen youtube-Channel, keines kombiniert cooler klassische Klänge mit Rap. Top Magazin besuchte die Proben für ein Bruckner-Konzert und sprach mit Musikern über ihren Arbeitsalltag, frühes Talent und den Kick beim Tischfußball. Was das Orchester am Ende der Saison erwartet, verriet Hörfunkdirektor Dr. Dieter-Heinz Sommer. Text: Dr. Jutta Failing, Fotos: Michael Hohmann

Fotogalerie des hr-Sinfonieorchester

Hochleistung im Spiel

Brucknerdämmerung. „So kühn und keck bin ich nie mehr gewesen“, soll Anton Bruckner über seine Sinfonie Nr. 1 gesagt haben. Leise Harmonie-Andeutungen, gefolgt von bebendem Willen, Groll und dem wuchtigen Fortissimo der Bläser. Dann Zweifel, beruhigende Weisen, kurz ein Donnergepolter und schließlich die bewegte wie feurige Überwindung im vierten Satz, jubelnd der Ausklang. Im Auge des Orkans: Chefdirigent Paavo Järvi. Nach knapp einer Stunde ist alles vorbei. Frenetischer Applaus im Saal der Alten Oper, Bravorufe. Für die Orchestermusiker und den Dirigenten endet Schwerstarbeit, keine Sekunde der Unaufmerksamkeit darf sein, wenn der vielköpfige Klangkörper in jedem Detail perfekt harmonieren soll. Im hr-Sinfonieorchester führen hochqualifizierte Musikerpersönlichkeiten Instrumente und Taktstock. Jeder von ihnen kennt von frühester Kindheit an Mozart und Co., wurde als Talent gefördert, und jeder von ihnen kennt das, was man den Takt der Leidenschaft nennt.

Bruckner und Tischkicker

Spiellaune auch hier
Spiellaune auch hier
Einige Tage zuvor. Es ist Pause, in zwanzig Minuten wird Paavo Järvi im Sendesaal des Hessischen Rundfunks (hr) die Probenarbeit fortsetzen. Die Musikerinnen und Musiker strömen in die Aufenthaltsräume, schnell etwas essen, plaudern, das Instrument reinigen. Einige spielen Tischfußball, das baue Stress ab, ruft man uns lachend zu. Nach Bruckners anspruchsvollem Höhenflug gewiss eine gute Erdung. Dann erinnert ein Klingeln an das Pausenende. Wenig später hebt Dirigent Järvi seinen Taktstock und sogleich breitet sich der vierte Satz der 1. Sinfonie wie eine gewaltige Klangwoge im Saal aus. Ruhig und konzentriert, wie es seine Art ist, lenkt Järvi das Orchester. Verbessert hier, ermuntert dort. Bruckner ist sein roter Faden in Frankfurt. Dabei blickt das 1929 gegründete hr-Sinfonieorchester auf eine große Bruckner-Tradition, die bereits in den 1980er Jahren unter Chefdirigent Eliahu Inbal mit preisgekrönten Einspielungen internationale Maßstäbe setzte. Järvi hat in den vergangenen sieben Jahren diese Tradition neu belebt und das Profil des Orchesters weiter geschärft. Hochgelobte CDs (u.a. Bestenliste: Preis der deutschen Schallplattenkritik 2012) und ein kompletter Mahler-Zyklus für DVD halten die Erfolge fest.

Kleider machen Musiker

Leben aus dem Koffer: Paavo Järvis Garderobe
Leben aus dem Koffer: Paavo Järvis Garderobe
14 Uhr, die Probe ist zu Ende. Zuhause werden die Musiker weiter üben, das ist Alltag. „Dieses Orchester ist ein wichtiger Teil meines Lebens, ich fühle mich im Ensemble sehr wohl und seine Fortentwicklung liegt mir am Herzen“, sagt Streicher Peter Zelienka, der seit zwanzig Jahren dabei ist. Der in Prag geborene Musiker ist einer von drei Orchestervorständen, die als Sprecher des Ensembles gegenüber dem Arbeitgeber auftreten. Alle zwei Jahre werden die Vorstände neu gewählt und sie übernehmen vor allem disziplinierende Aufgaben, so die Überwachung pünktlicher Anwesenheit bei Proben und Aufführungen. Sie dürfen sogar Geldstrafen verhängen. „Klingelt während einer Probe ein Mobiltelefon sind 50 Euro Strafe fällig.“ Auch in Kleiderfragen gibt es einen festen Codex: Männer tragen den traditionellen Orchesterfrack mit weißer Fliege, bei Neuer Musik darf es auch ein schwarzer Anzug mit Krawatte sein. „Frauen tragen einheitlich Schwarz, auch schwarze Strümpfe und einen Rock, der – im Sitzen – über das Knie reicht“, erläutert Andrea Kim, Vorspielerin der 1. Violinen. „Diese konservative Kleidung ist ein Teil unserer Kultur.“ Als die Musikerin von der Kammerphilharmonie Bremen nach Frankfurt kam, hatte sie ein strenges Casting hinter sich. Eine Position im hr-Sinfonieorchester ist hoch begehrt und von den vielen internationalen Bewerbern werden am Ende nur wenige zum Probespiel nach Frankfurt eingeladen. „In der ersten Runde spielte ich wie jeder Bewerber hinter einem Vorhang, so dass allein das Können überzeugte“, erinnert sich Andrea Kim. Im Auswahlverfahren bleiben jedem Bewerber nur wenige Minuten, um Spitzenleistung zu zeigen. Nervenstärke zahle sich daher aus, weiß Kim, gilt es doch bis zu vier Runden zu absolvieren. Heute Teil dieses erfolgreichen Ensembles zu sein, macht die Musikerin glücklich: „Als ich noch keine feste Orchesterstelle hatte, bin ich eigentlich nur gereist, hatte praktisch kein Zuhause. Frankfurt, der Hessische Rundfunk, ist jetzt mein Zuhause. Der Sender schafft seinen Musikern zudem Freiräume für eigene Projekte und fördert auf diese Weise die Vielseitigkeit seiner Orchestermitglieder.“ So gründete die am Niederrhein geborene Geigerin 2010 ein Kammermusikfestival, das „Amici Ensemble Frankfurt“, und gastiert weltweit mit verschiedenen Ensembles. Gefragt nach einem typischen Ritual, kommt Kim auf die Rolle des Konzertmeisters zu sprechen. „Er ist vergleichbar mit einem Hirten: wir folgen ihm. Wenn der Dirigent beim Konzert ans Pult tritt, steht der Konzertmeister auf, und wir mit ihm. Nimmt er wieder Platz, ist das auch für uns das Signal, wodurch immer ein einheitliches Bild entsteht.“ Und noch ein Ritual ist zu beobachten: Lobt der Dirigent einen einzelnen Musiker für ein brillantes Solo, klopfen die Kollegen mit dem Bogen anerkennend auf ihre Notenständer.

Die Welt im Orchester

Anne-Sophie Bertrand gehört bereits seit zwölf Jahren zum Ensemble
Anne-Sophie Bertrand gehört bereits seit zwölf Jahren zum Ensemble
Viele Nationalitäten sind unter den hr-Sinfonikern vertreten. Die Spanierin Clara Andrada de la Calle kam vor acht Jahren nach ihrem Studium in London nach Frankfurt. Besonders gern erinnert sich die Solo-Flötistin an ihre erste Tournee mit dem hr-Sinfonieorchester, die nach Japan, Korea und China führte. Wie bei den meisten ihrer Kollegen stand für sie die Wahl des Instruments früh fest. Kaum dass sie laufen konnte, hatte sie das entscheidende Erlebnis: „Als ich zwei Jahre alt war, besuchte ich mit meiner Familie ein klassisches Konzert und hörte im Orchester die Flöte. Später erzählte man mir, dass ich mit offenen Augen die Musik verfolgte, völlig hingerissen vom zarten Klang der Flöte. Von da an wollte ich nur noch dieses Instrument spielen.“ Ähnlich erlebte es die französisch-amerikanische Solistin Anne-Sophie Bertrand, die seit zwölf Jahren zum Ensemble gehört. Sie entschied sich mit fünf Jahren für die Konzertharfe, studierte später an der Londoner Royal Academy of Music und am Conservatoire Royal in Brüssel und gewann zahlreiche internationale Wettbewerbe und Preise. Die Musikerin ist ein Beispiel dafür, wie sich die anstrengende Orchestertätigkeit mit einer Familie vereinbaren lässt. Bei drei Kindern sei ohnehin vieles eine Frage der Organisation, erläutert sie im Interview. Ihr Mann, der kein Musiker ist, betreut an Konzertabenden die Kinder. Und da nicht jedes Konzert des hr-Sinfonieorchesters eine Harfe vorsehe, habe sie im Vergleich zu den Streichern weniger Dienste. Auch Samuel Seidenberg kennt die Herausforderungen von Musikertätigkeit und Kinderbetreuung. Seinen ersten Musikunterricht erhielt der Solohornist im Alter von neun Jahren, später besuchte er ein Berliner Musik-Gymnasium. Die Liste seiner Engagements und Gastauftritt ist lang und illuster, darunter das Orchester der Mailänder Scala und zahlreiche deutsche Spitzenorchester. Wenn er mit dem hr-Sinfonieorchester mehrere Wochen unterwegs ist, was in der Saison ein- bis zweimal vorkommt, seien das „harte Zeiten“ für seine vierköpfige Familie. Dafür gebe es im Anschluss an eine Konzertreise einige freie Tage oder Ausgleichstage. Überhaupt würde der Musikerberuf, so Seidenberg, andere Dienstzeiten als in vielen Branchen üblich abrufen, „vormittags zuhause, abends ein Konzert“. Da komme es schon mal vor, dass Nachbarn sich wundern.

Von Nachbarn und Geigen

„Musik wird oft nicht schön empfunden, weil sie stets mit Geräusch verbunden“, stichelte einst der Dichter Wihelm Busch. Fest steht: ein Profi-Musiker braucht tolerante Nachbarn, denn er übt praktisch täglich in den eigenen vier Wänden. Da machen die hr-Sinfoniker unterschiedliche Erfahrungen. Die einen haben Nachbarn, die sich an der täglichen Probenarbeit nebenan laben oder nicht stören, andere bitten schon mal energisch mit lautem Pochen um Ruhe. Apropos zuhause. „Die meisten Kinder meiner Kollegen spielen ein Instrument, sie haben ja das Vorbild“, weiß Boguslaw Furtok aus Kattowitz. Er begann mit neun Jahren, früh für den Kontrabass. Seine Tochter, heute 21, entschied sich mit drei Jahren für die Geige und spielte später im bekannten Bundesjugendorchester, im dem 15- bis 19-Jährige eine besondere Förderung erhalten. Wird aus einer jugendlichen Begeisterung beruflicher Ernst, kommen oft hohe Kosten auf die Musiker zu. Klein, aber teuer: die Geige. Je nach Alter, Bauart und Provenienz kostet das fragile Instrument nicht selten mehr als ein Flügel der Spitzenklasse. Oft muss man spielen, wie die Geige will, sagt ein altes Sprichwort und berührt damit einen empfindlichen Punkt. Jeder Geiger wird bestätigen, dass sein Instrument ein überaus wetterfühliges Wesen ist, und beispielsweise auf trockene Luft spontan reagiert und den Klang verändert. Andrea Kim zeigt uns ihren „Dampit“, einen Luftbefeuchter in Form eines kurzen Schlauches, der in das F-Loch des Instruments gehängt wird. Mit Wasser vollgesogen, verhütet dieser Schlauch Rissbildung durch zu trockene Luft. Dann öffnet die Musikerin für uns ihren Geigenkasten, der für Streicher weit mehr ist als ein Transportschutz. Ein solcher Kasten sei vor allem auf Reisen immer auch „ein Stück Heimat“, erläutert Kim. Unser Blick in die innen weich gepolsterten Geigenkästen des Ensembles bestätigt das: Familienfotos, persönliche Souvenirs und kleine Glücksbringer stecken darin. Geht es auf Konzertreise, werden die Kästen in riesigen Rollcontainern verstaut, ebenso wie die anderen Instrumente, die in alle Welt transportiert werden müssen. Viele Musiker, viele Container. Für die insgesamt mehr als hundert Mitglieder des hr-Sinfonieorchesters braucht es etliche dieser Container, was unterwegs eine logistische Großleistung bedeutet, um die sich eigene hr-Mitarbeiter kümmern.

Mehr als das Beste

... und sein Nachfolger Andrés Orozco-Estrada
… und sein Nachfolger Andrés Orozco-Estrada
Chefdirigent Paavo Järvi...
Chefdirigent Paavo Järvi…

Hört man sich um, wie Leiter Paavo Järvi sein Orchester fordert, ist der Tenor eindeutig: er will das Beste von seinen Musikern und hat den Anspruch, das Beste noch zu toppen. Oboist José Luís García Vegara: „Ganz egal, wo wir spielen, ob in Frankfurt oder im Ausland, ob in großen oder kleineren Häusern, er fordert von uns immer Maximalleistung.“ In der Chefetage des Senders weiß man das zu schätzen, wie Hörfunkdirektor Dr. Heinz-Dieter Sommer im TOP-Interview bestätigt. „Als Paavo Järvi das Orchester übernommen hat, war das für uns eine Richtungsentscheidung. Und wir taten einen Glücksgriff! Einerseits führte er die Arbeit seines Vorgängers Hugh Wulf fort, gedanklich wie musikalisch, indes setzte er andere Akzente, etwa, an die große Tradition des hr-Sinfonieorchesters anknüpfend, Interpretationen der Werke Bruckners und Mahlers, wofür das Ensemble heute weltweit bewundert und geliebt wird. Für mich ist es eines ganz wenigen Orchester, das in fast allen Epochen, Stilen und Musikarten zuhause ist, vom Barock bis zur zeitgenössischen Avantgarde – diese Vielfältigkeit ist wirklich einzigartig. Bemerkenswert sind auch so überaus erfolgreiche Aktivitäten wie „Barock plus“ und das jährliche „Music Discovery Project“, welches Jugendlichen einen Zugang zu klassischer Musik eröffnen will, gepaart mit elektronischen Beats.“ Nicht zuletzt dadurch sei die wirtschaftliche Auslastung des Orchesters viel größer als früher, „das Output ist deutlich zwischen dreißig und vierzig Prozent gestiegen.“ Ein messbares Merkmal für den Erfolg stellen für Sommer die deutlich gestiegenen Verkaufs- und Abonnentenzahlen dar. Geradezu sensationell bewertet der studierte Musikwissenschaftler die Abrufzahlen auf dem eigenen youtube-Channel, der eng mit „ARTE Live Web“ kooperiert, „darunter sind Videos mit bis zu 50.000 Abrufe.“ Noch etwas hat sich verändert: „Wir hatten vor Jahren die Situation, dass wir bei bestimmten Gastdirigenten und Konzertagenturen angeklopft haben, wo wir freundlich abgewiesen wurden. Heute bieten uns die Agenturen von sich aus hochkarätige Namen an, wenn beispielsweise ein Dirigent oder Solist kurzfristig ausfällt. Je besser ein Orchester ist, desto bessere Solisten und Gastdirigenten kommen. Gleiches zieht Gleiches an. Stars bekommen Sie nicht nur mit Geld – ein Star kommt auch, weil er mit diesem Orchester spielen will.“ Zum Stichwort Finanzen ergänzt Sommer: “Jeder im hr muss sparen, auch das Orchester. Wir versuchen eine wirtschaftliche Programmgestaltung, verzichten schon mal auf ein großes Chorwerk, denn wir müssten dafür auf unsere Kosten einen externen Chor einladen. Oder unsere Musiker fahren jetzt nach einem Konzert im Reisebus zurück. Früher hätte man am Spielort übernachtet.“ Dann schließt der Hörfunkdirektor mit einer schlechten und einer guten Nachricht. Zunächst der bittere Tropfen: „Paavo Järvi wird uns als Chefdirigent ab der kommenden Saison nicht mehr zur Verfügung stehen.“ Doch der Lichtblick kommt gleich hinterher: Neuer Chefdirigent wird Andrés Orozco-Estrada, der von den Feuilletons weltweit als herausragender Dirigent der jüngeren Generation gelobt wird. Der 35jährige Kolumbianer, der in Wien ausgebildet wurde, zeigt ein ausgeprägtes Interesse an zeitgenössischer Musik, womit er ab der Saison 2014 sicher auch in Frankfurt auf Begeisterung stoßen wird. Und den Frankfurtern bleibt ja auch noch „der Alte“, denn Paavo Järvi wird auch weiterhin mit dem hr-Sinfonieorchester arbeiten. So wird man den Star-Dirigenten in Zukunft als Gast in Frankfurt erleben, dort, wo er Maßstäbe gesetzt hat, die es erst mal zu toppen gilt. Für seinen Nachfolger dürfte das Ansporn und Herausforderung zugleich sein.

www.orozcoestrada.com
www.hr-Sinfonieorchester.de

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