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30 Jahre lang führte Jo. Franzke das nach ihm benannte Architekturbüro in Frankfurt. Er hat die Stadt mit Projekten wie der Jade-Fabrik, dem Handelsblatt-Gebäude oder zuletzt dem Alpha Rotex, dem höchsten Gebäude am Flughafen mitgestaltet und gedenkt nicht, so schnell damit aufzuhören.
Text: Sabine Börchers, Foto: Michael Hohmann

Die alten Kameras in einem seiner Regale sind keine Sammlerstücke. Jo. Franzke hat sie aufbewahrt, weil er damit Zeit seines Lebens fotografiert hat, als „bebildertes Tagebuch“, wie er es nennt. Sein Leben in Bildern und Gegenständen umgibt den Architekten in seinem gesamten Büro in der Nähe des Hauptbahnhofes.

Ein Aquarell seines Vaters mit zwei Booten und abendrotem Himmel steht auf einem der Schränke. Eine Zeichnung des Portikus, für dessen Wiederaufbau er den ursprünglichen Entwurf von Johann Friedrich Christian Hess wieder herausgearbeitet hatte, hängt daneben.

Jo. Franzke in seinem Büro

In einer Vitrine ist eine stattliche Sammlung roter Ferrari-Modelle zu sehen, allesamt Urlaubsmitbringsel aus Italien. Einen Original-Ferrari leistete sich Franzke nicht. Es blieb bei einem Porsche. „Mit einem Ferrari hätte ich doch nicht bei den Auftraggebern vorfahren können“, begründet er das heute.

Hinter seinem Schreibtischstuhl hängt schließlich ein Schattenriss einiger seiner Frankfurter Projekte, zum Beispiel des markanten Handelsblatt-Gebäudes in der Eschersheimer Landstraße, des Frankensteiner Hofs mit seinen drei spitzen Giebeln und des kubischen Wohnhauses von Moritz Hunzinger im Nordend.

Es sind nur einige der zahlreichen Entwürfe, die Jo. Franzke, der eigentlich Joachim heißt, in den vergangenen 30 Jahren in seiner Wahlheimat realisieren konnte. Und mit denen er sich einen Namen gemacht hat, auch dank seines starken Formbewusstseins, der klaren Linienführung und einem Stil der „noblen Reduktion“, wie es ein Architekturkenner kürzlich formulierte.

Lehrmeister Ungers

Einer von Franzkes Lehrmeistern war der Architekt Oswald Mathias Ungers, der mit seinen auf geometrischen Grundformen basierenden Entwürfen, unter anderem zum Messe-Torhaus in Frankfurt und dem Neubau der Kunsthalle in Hamburg, die Nachkriegsarchitektur infrage stellte.

1981 übernahm Franzke, der zuvor in Köln tätig war, die Leitung des Frankfurter Büros von Ungers, als dieser mit seinen Entwürfen gerade die Gestaltung der Messeneubauten gewonnen hatte. „Frankfurt war damals so, dass meine Frau sagte, ich bleibe in Köln, dein Aufenthalt dort dauert sicher nicht lange“, erinnert sich Franzke.

„Ich hoffe, der aktuelle Planungsdezernent ist mutiger als seine beiden Vorgänger.“

Sie irrte sich und kam schließlich doch an den Main. Viele seiner heutigen Kollegen wie etwa Christoph Mäckler, Jürgen Engel und Hans Kollhoff waren ebenfalls Schüler von Ungers. Seit den 1980er Jahren sei es mit Frankfurt eindeutig bergauf gegangen, betont Franzke auch mit Blick auf deren Arbeit. Nachdem die Stadt nach dem Krieg regelrecht Vandalismus betrieben habe, „hat sie sich mit den Hochhäusern eine neue Identität geschaffen, die in Deutschland unvergleichbar ist“, stellt er fest.

Franzke ist ein Mann der klaren, durchaus auch provokanten Worte. So ist er der Ansicht, dass es den Bauherren der Hochhäuser in Frankfurt häufig an Kühnheit fehlt. „Deshalb bin ich dafür, einen Gestaltungsbeirat zu schaffen. Und ich hoffe, dass der aktuelle Planungsdezernent mutiger ist als seine beiden Vorgänger“, sagt er.

„Es kann nicht sein, dass ein paar Kleingärtner und Paddelvereine die Entwicklung einer Stadt massiv beeinflussen.“

Als Beispiel einer verpassten Chance führt er die Riedberg-Bebauung an, eine „Ansammlung bunter Häuser“, die viel zu niedrig seien und viel zu weit auseinander stünden. Um den dringend benötigten zusätzlichen Wohnraum in der Stadt zu schaffen, sieht Franzke auch in den unzähligen Kleingartenanlagen keine Tabuzonen.

Auf ihren Flächen könne man die Stadt verdichten, ohne dass die großen Frischluftschneisen angetastet werden müssten. Bei einem Projekt in Niederrad entwarf er bereits eine Wohnbebauung bis hinunter zum Main, die die Gelände der dortigen Schrebergärten und Wassersportvereine verdrängt hätte.

Das Vorhaben scheiterte an den Protesten der Anlieger. „Es kann aber nicht sein, dass ein paar Kleingärtner und Paddelvereine die Entwicklung einer Stadt massiv beeinflussen. Das halte ich nicht für angemessen“, stellt er fest. Es sei durchaus möglich, wenige Kilometer weiter neue Kleingärten zu schaffen.

Vorbildliche Bauten

„Stolz halte ich für vermessen. Ich hatte Glück, solche Projekte entwickeln zu dürfen.“

Dabei ist Franzke auch selbstkritisch. Städtebaulich seien die Häuser an der Europaallee – sein Büro hat im Süden der Straße drei Baufelder mit rund 1.000 Wohnungen realisiert – etwas überdimensioniert. Die Bauherren hätten sich aber zu einigem Aufwand hinreißen lassen, und das bei beschränktem Budget.

„Die Straße mit der Stalinallee zu vergleichen, halte ich für falsch. Diese ist sehr viel skulpturaler und steht heute unter Denkmalschutz.“ Die Sanierung der Heinrich-Lübke-Siedlung, deren Neubauten 2014 als vorbildliche Bauten im Land Hessen ausgezeichnet wurden, hält Franzke, der die Generalplanung für die ABG Frankfurt Holding übernahm, aber für eine erheblich gelungenere Arbeit.

Von Stolz will er dennoch nicht sprechen. „Stolz halte ich für vermessen. Ich hatte Glück, solche Projekte entwickeln zu dürfen.“ Die Zusammenarbeit mit der ABG setzt Franzkes Büro fort. Eine große Siedlung in Höchst steht als nächstes an, die das Thema Energieeffizienz noch ein Stück fortschreiben könnte. „Die Häuser der Zukunft sind diejenigen, die sich selbst versorgen. Wir hoffen, das in Höchst durchspielen zu können.“

Als Jo. Franzke vor 30 Jahren sein Büro eröffnete, zeichnete er seine Projekte noch mit Tusche. Heute arbeiten rund 50 Architekten, Ingenieure, Zeichner und andere am Computer in den hohen Räumen im Posthof, den er selbst vor gut zehn Jahren umgestaltete. Nur Franzke selbst entwirft nach wie vor mit der Hand.

Das Büro ist international tätig, hat ab 2006 mit einem eigenen Büro in Tripolis gar einen ganzen Stadtteil für 30.000 Bewohner in Libyens Hauptstadt geplant. Die Fertigstellung scheiterte jedoch am dortigen Bürgerkrieg. „Die letzten Mitarbeiter sind mit der Bundeswehr heimgeflogen“, erzählt Franzke, der das Projekt gerne fertiggestellt hätte.

Neue Wege

Seit Januar dieses Jahres hat er sein Architekturbüro auf neue Beine gestellt und es an die Sweco-Gruppe verkauft, einen führenden europäischen Anbieter für Architektur- und Ingenieursdienstleistungen. Die Geschäftsführung übertrug er seiner langjährigen Kollegin Heike Klotz.

Die Sweco als Partner gebe ihm Sicherheit, dass das Büro weitere 30 Jahre bestehe, betont der 75-Jährige. Dass er selbst weit über das übliche Ruhestandsalter hinaus ist, ist ihm kaum anzumerken. Das liegt sicher nicht nur daran, dass er zweimal in der Woche ein Fitness-Studio besucht.

Die Bauherren würden aber schon genau hinschauen, ob sie einem 75-Jährigen noch 100 Millionen Euro anvertrauen könnten, räumt er ein. Ans Aufhören denkt er deshalb noch lange nicht. „Ich wüsste nicht, warum“, lautet die schlichte Antwort. Er habe keine anderen Hobbys als die Architektur. Deshalb verpflichtete er sich für weitere fünf Jahre im vormals eigenen Büro und ist dort weiterhin für Akquise und Architektur zuständig. Zum Gehalt lockte man ihn sogar mit einer Erfolgsbeteiligung. Ob er diesen Ansporn benötigt, darf allerdings bezweifelt werden.


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