Kunstförderung ist ein selbstverständlicher Teil der Unternehmenskultur geworden. Zahlreiche deutsche Großunternehmen, Banken und Versicherungen haben in den letzten Jahrzehnten mit großer Kompetenz Kunstsammlungen aufgebaut, deren Bedeutung dem Bestand eines öffentlichen Museums in nichts nachsteht. Top Magazin fragte Sammler und Kuratoren nach ihren Erfahrungen im Kontext von Kunst und wirtschaftlicher Unternehmung.
Text: Dr. Jutta Failing, Fotos: Michael Hohmann

The Hulks - Jeff Koons, Lever House Art Collection
The Hulks / Jeff Koons, Lever House Art Collection (© Top Magazin Frankfurt)

Für Joseph Beuys war Kunst das eigentliche Kapital der Gesellschaft. Doch wie sieht es mit dem monetären Kapital aus? Kunst und Geld, das ist tatsächlich eine alte Beziehung. Kunst und Finanzunternehmen, das ist eine vergleichsweise junge Verbindung, sieht man einmal von den Medici-Bankiers ab, die namhafte Künstler ihrer Zeit förderten und ihr Mäzenatentum kommunikationspolitisch zu nutzen wussten. Finanzdienst-leister waren die ersten kommerziellen Kunstkäufer und noch heute gehören sie zu den aktivsten Sammlern.

Warum Kunst?

Zunächst, auf den Punkt gebracht: Teure Kunst ist Handelsware, Statussymbol und Mittel zum Kapitalschutz. Zeitgenössische Kunst im Unternehmen ist jedoch weit mehr. In vielen Fällen spiegelt die Sammlung die Persönlichkeit des Unternehmens, dessen Corporate Image genauso wie dessen interne Kultur wider. Mit Führungen, Ausstellungen und Events werden Sammlungen einem breiten Publikum zugänglich gemacht und bieten so die Gelegenheit zum Dialog. Außerdem fördern nicht wenige Unternehmen junge Künstler, die mit Etablierten aus den Sammlungen präsentiert werden.

Wie viel Geld sich Großkonzerne ihre Sammelleidenschaft kosten lassen und wie viel die Sammlungen Wert sind, ist den Verantwortlichen nur selten zu entlocken. Bilanzen helfen auch nicht weiter, die meisten Sammlungen werden im Anlagevermögen erfasst, sind aber nicht als einzelner Posten ausgewiesen. Diese Verschwiegenheit hat mindestens einen guten Grund: Zu viel Offenheit, eine konkrete Zahl, könnte dazu führen, das Management in schwierigen Zeiten aufzufordern, die Kunst zu veräußern. Top Magazin stellt zwei Sammlungen aus Rhein-Main vor, die Art Collection Deutsche Börse als Beispiel für das professionell betreute Kunst-Engagement eines international agierenden Finanzunternehmens und das mittelständische Unternehmen etage3 aus Offenbach, welches mit seiner vom Inhaber initiierten Sammlung beweist, dass auch kleinere Collections durchaus als Marketinginstrument nutzbar sind.

Art Collection Deutsche Börse

„Wir sammeln nicht im Stillen.“ Anne-Marie Beckmann, Art Collection Deutsche Börse
„Wir sammeln nicht im Stillen.“ Anne-Marie Beckmann, Art Collection Deutsche Börse (© Top Magazin Frankfurt)

„Der Wert unserer Sammlung hat sich inzwischen fast verdreifacht, sie ist somit auch finanziell eine gute Investition gewesen, und daher ist die Frage von Aktionären, ob eine Kunstsammlung überhaupt Sinn macht, uns nie gestellt worden“, sagt Anne- Marie Beckmann, langjährige Kuratorin der Art Collection Deutsche Börse. Seit mehr als zehn Jahren gibt es diese Sammlung zeitgenössischer Fotokunst, inzwischen umfasst sie rund 900 Arbeiten internationaler Künstler. 95 Prozent hängen an den Wänden, verteilt über drei Standorte des Unternehmens, „rund 600 in Eschborn, 200 in Luxemburg und neuerdings 50 Werke in Prag, wo wir mittlerweile über 400 Mitarbeiter beschäftigen.“ Die Idee, eine Sammlung musealer Qualität aufzubauen, entstand, als seinerzeit der Finanzdienstleister die Neue Börse in Frankfurt-Hausen bezog. Als Berater kam der damalige Leiter des MMK Frankfurt, Professor Jean-Christophe Ammann. „Von ihm, der schon sehr früh für sein Museum Fotokunst sammelte, kam der Impuls, zeitgenössische Fotografie anzukaufen. Und bis heute findet ein reger Austausch statt, schätzen wir seine Ideen und Impulse.“ Kein Künstler sei mit einer Einzelarbeit vertreten, so die Kunsthistorikerin. „Wir zeigen immer Serien, das erlaubt ein tieferes Eindringen in die Bildsprache, allerdings müssen es nicht immer komplette Serien sein, wir suchen die Arbeiten aus, die uns am meisten überzeugen.“Thematisch sei die Sammlung offen, man habe sich bewusst nicht für eine bestimmte Ausrichtung, aber für ein gewisses Profil entschieden, für dokumentarische Fotografie, aber auch für Künstler, die in verschiedenen Medien und nicht nur in der Fotografie tätig sind. Tobias Zielony, Fotograf und Filmer, ist einer von ihnen, gleichsam eine frühe Entdeckung der Sammlung. Als Gewinner des international ausgeschriebenen Nachwuchswettbewerbs „Talents“ (C/O Berlin, Internationales Forum For Visual Dialogues), den die Gruppe Deutsche Börse begleitet, nahm er „einen sehr steilen Weg“. Die Förderung zeitgenössischer Fotografie, unter anderem durch das „Deutsche Börse Residency Program“, ist mittlerweile neben dem weiteren Ausbau der Sammlung ein fester Bestandteil des Engagements geworden.

The Cube

Seit November 2010 hat das Unternehmen eine neue zentrale Adresse in Eschborn, und mit in den eindrucksvollen Glasbau-Würfel „The Cube“ zog die Sammlung. „Hier hängt Kunst unmittelbar am Arbeitsplatz, das gab es am alten Standort, der Neuen Börse, so nicht.“ Was sagen die Mitarbeiter zur Kunst, und gibt es eine Grenze dessen, was man zeigen kann? „Wenn ich eine Unternehmenssammlung betreue“, betont Beckmann, „gibt es andere Schmerzgrenzen, zum Beispiel bezüglich der Darstellung von Sexualität und Gewalt. Von einem Künstler wie Araki kann ich daher einige Arbeiten nicht zeigen, denn diese Räumlichkeiten sind für unsere Kollegen kein Ausstellungsort, sondern in erster Linie der tägliche Arbeitsplatz.“ Gleichwohl stünden die Mitarbeiter im Fokus der Kommunikation, sie erhielten die Bildbände geschenkt und könnten an Führungen, „art talks“ via Intranet sowie an Gesprächen mit Künstlern teilnehmen. Außerdem werde jährlich ein Mitarbeiter-Fotowettbewerb ausgeschrieben. „Unserer Arbeitswelt ist geprägt von Zahlen, Grafiken und Statistiken, unsere Fotokunst bietet demgegenüber spannende visuelle, teilweise opulente Aspekte – eine schöne Ergänzung, die von den Mitarbeitern sehr geschätzt wird.“

Kommunikation und Austausch

„Wir sammeln nicht im Stillen. Doch anders als ein Museum haben wir keinen öffentlichen Auftrag, etwa die wichtigsten Aspekte zeitgenössischer Fotokunst zu präsentieren. Dennoch ist es uns sehr wichtig, dass die Kulturlandschaft Frankfurt Rhein-Main von der Art Collection profitiert, und unser Angebot von jährlich über 100 Führungen, Vernissagen und be- gleitenden Bildbänden ist Teil dieser Transparenz“, so Beckmann. In unserem Gespräch weist die Kuratorin auf den relativ jungen, institutionalisierten Austausch mit Vertretern anderer Sammlungen hin. Im Arbeitskreis Corporate Collecting (ACC), den der Kulturkreis der deutschen Wirtschaft im BDI e.V. im September 2010 gründete, werden für die Mitglieder unter anderem Beratungen und Symposien angeboten, außerdem Zukunftsszenarien erörtert. Die Zeichen bei den meisten Unternehmenssammlungen stehen auf Wachstum, die Wertprognosen für Kunst sind trotz europäischer Krisenstimmung gut und die Vorteile für Image, Arbeitgeberattraktivität und das Good Corporate Citizenship nachweislich vorhanden. Auch die Sammlung Deutsche Börse soll weiter wachsen. „Ich habe ein vernünftiges Budget, was mich auch diszipliniert. Denn es führt dazu, dass ich jedes Jahr das kaufen kann, was für mich ganz oben auf meiner Liste steht.“ Wünschenswert für die Zukunft sei es, Teile der Sammlung an weiteren eigenen Standorten wie New York, Chicago, Hong Kong und Singapur zu präsentieren, um die Kunst noch stärker als verbindendes Element in der Unternehmenskultur erkennbar werden zu lassen. Selbstredend kennt Anne-Marie Beckmann jedes Werk der Sammlung. „Bei der letzten Hängung im Cube und auch in Luxemburg habe ich jedes Bild nach vorheriger Planung selbst gestellt, so in fünf Tagen bei 600 Werken gestanden. An den Verkauf eines Werks hat sie nie gedacht: „Das hat mit Vertrauen zu tun, wir sind kein Trader, der Kunst zu schnellem Geld macht.“ Man merkt, die Sammlung ist ihr ans Herz gewachsen: „Ich habe das Gefühl, jedes Werk ist hier an seinem Platz.“

Der rote Faden ist hier grün

„Ich habe bislang sehr emotional gesammelt.“ Thomas Kypta
„Ich habe bislang sehr emotional gesammelt.“ Thomas Kypta (© Top Magazin Frankfurt)

Im Juni, bei „Kunst privat!“, einer jährlichen Aktion des Hessischen Ministeriums für Wirtschaft, Verkehr und Landesentwicklung, hat der Offenbacher Agenturchef Thomas Kypta zum ersten Mal seine Unternehmenssammlung der breiten Öffentlichkeit präsentiert. Insgesamt öffneten rund 35 Unternehmen aus ganz Hessen für ein Wochenende ihre Sammlungen für Kunstinteressierte. Kypta führte die Besucher durch seine Büroräume in der Heyne Fabrik, einem denkmalgeschützten Fabrikgebäude, das von Unternehmen der Werbe und Modebranche sowie Künstlern genutzt wird. „Die Idee zur Sammlung entstand in der Heyne Fabrik“, erzählt Kypta. „Anfangs habe ich farblich passende Kunst zum grünen Firmen-Logo ausgesucht.“ Sammeln ist für ihn Leidenschaft: „Wenn ich ein Werk aufspüre und sofort Gänsehaut bekomme, investiere ich. Ich kaufe aber nicht für eine Wand, eine Lücke!“ In den vergangenen Jahren sei so die Sammlung auf rund 150 Stücke angewachsen, breit gestreut von der Druckgrafik bis zur Skulptur, darunter Werke von Kerstin Lichtblau, Florian Heinke, Helge „Bomber“ Steinmann und dem Street Art/Graffiti-Künstler „Monsieur Chat“ Thoma Vuille. Es muss inzwischen nicht immer grün sein: Katharina Krenkes gehäkelter Totenkopf in Weiß, eine ihrer typischen „Soft Sculptures“, präsentiert sich wie ein Vanitas-Monument im Meetingraum der Werbeagentur. „Ich suche mir möglichst unbekanntere Künstler, etwa Newcomer von Städelschule und HFG Offenbach, aber auch spannende ältere Künstler, schaue mich in Galerien und Atelierhäusern um, gehe Empfehlungen nach, gebe Arbeiten in Auftrag, und manchmal sind es reine Zufallsbegegnungen.“ Bis zu 20.000 Euro gebe er im Jahr für Kunst aus. Mit „Kunst privat!“, ergänzt Kypta, habe er im Ganzen eigentlich drei Sammlungen gezeigt, denen er als Einzelperson vorstehe, und zwar die seiner Agentur etage3, dann seine private und schließlich Werke aus der Heyne Kunst Fabrik. Letztere befindet sich gleich ein Stockwerk tiefer, auf einer rund 400 Quadratmeter großen Etage, die Kypta für Wechselausstellungen zur Verfügung stellt, und so den Sammler auch zum Galeristen macht. „Ich betreibe hier keineGewinnoptimierung wie eine Galerie, der Eigentümer der Heyne Fabrik bezuschusst diese Schauräume, denn er sieht durch die Heyne Kunst Fabrik ein positives Image generiert“, ergänzt Kypta. In den nächsten Monaten will er eine gemeinnützige GmbH für die Heyne Kunst Fabrik gründen, „das ist der Zwischenschritt auf dem Weg zur Stiftung.“

Schon länger ist Thomas Kypta an einem Punkt angekommen, den fast jeder Sammler kennt: „Ich habe keinen Platz mehr und überlege, was ich mit den eingelagerten Stücken tun kann. Eine Idee ist, leer stehende Gebäude in Frankfurts Innenstadt zu nutzen, vielleicht mit anderen Sammlern, und diese Räume wie ein Museum zugänglich zu machen.“ Dann kommt er auf die umstrittene Diskothek U60311 am Frankfurter Roßmarkt zu sprechen, „toll hätte ich einen Kunstbunker gefunden, mitten in der City hätte man dort ein undergroundiges, alternativ-subkulturelles Institut wie den Kunstverein Familie Montez zulassen sollen – das wäre ein Statement von der Stadt gewesen.“ Ganz klar, so der Offenbacher, selbst seine vergleichsweise kleine Sammlung biete Wettbewerbsvorteile, denn Kunst sei allgemein ein positiver Imageträger. „Und alles, was öffentlich gezeigt wird, macht auch neugierig auf das Unternehmen. Außerdem ist Kunst – richtig versteuert – eine gute Vermögensanlage.“

Der Kunstberater

Michael Neff, Sammler, Kunstberater, Ex-Galerist, ehemaliger Leiter der „fine art fair frankfurt“ und seit Jahren Organisator der Galerienschau „Gallery Weekend Berlin“
Michael Neff, Sammler, Kunstberater, Ex-Galerist, ehemaliger Leiter der „fine art fair frankfurt“ und seit Jahren Organisator der Galerienschau „Gallery Weekend Berlin“ (© Top Magazin Frankfurt)

Fragen wir abschließend einen Mann, der schon lange beide Seiten kennt, das Sammeln wie das kommerzielle Verkaufen von Kunst. Er hat Großbanken beim Aufbau ihrer Sammlungen beraten, und man kennt ihn als Mann selbstbewusster, klarer Worte. „The world is not enough“, steht in seinem XING-Profil, und tatsächlich, Michael Neff ist viel unterwegs. „Ich lebe seit zwanzig Jahre davon, Talente zu entdecken“, leitet er unser Gespräch in seinem Sachsenhausener Loft ein. Frische Erdbeeren stehen auf dem Tisch, von draußen dringt der gemächliche Verkehrslärm eines Sonntagvormittags herein. Endlich habe er Zeit für ein Interview. Neff, Sammler, Kunstberater, Ex-Galerist, ehemals Leiter der eingestellten „fine art fair frankfurt“ und seit Jahren Organisator der Galerienschau „Gallery Weekend Berlin“, liefert uns umgehend ein griffiges Statement: „Kunstsammler ist mittlerweile auch ein Modebegriff geworden.“

Herr Neff, vorab, was macht die Kunst in Frankfurt?
„Ohne Städel Direktor Max Hollein wäre die Stadt tot! Und Frankfurt hat wirklich das Talent, die beschissensten Galerien in Deutschland anzuziehen. Jeden Monat machen neue Galerien auf und alle verkaufen ganz gut, da in Frankfurt und im Taunus viel Geld sitzt. Ganz wenige Käufer haben wirklich Ahnung von Kunst, geben aber gern Geld dafür aus, das nutzen die vielen kleinen Galerien in Frankfurt aus.“

Verdienen die hiesigen Unternehmenssammlungen das gleiche Urteil?
„Die Sammlung der Deutschen Bank ist das Nonplusultra, erstaunlich gut für eine konservative Unternehmensgruppe, Vergleichbares findet man allenfalls in New York, wo es auch viele Bankensammlungen gibt. In Frankfurt schaffen es wirklich alle Banken, sich mit ihren Konzepten individuell aufzustellen, das ist erstaunlich.“ Lob findet Neff auch für die Art Collection Deutsche Börse: „Solide, schöne Sachen. Nie marktschreierisch, die Sammlung zunächst ohne große Öffentlichkeit begonnen und dann rauschte sie nach oben.“

Wo heute hochrangige Kunst den Unternehmen als Marketinginstrument diene, habe sie oft nur als Zugeständnis angefangen, erklärt Neff. „Dass Kunst gut ankommt, war anfangs, zu Beginn der 1980er-Jahre, nicht absehbar, im Gegenteil, da sagten viele Bankkunden, wo tut ihr unser Geld hin?“ Durchgesetzt habe sich aber bald eine klare Haltung der Banken, genauer ihrer Entscheider, und hier zitiert der Kunstberater den legendären Chef der Deutschen Bank Hermann Josef Abs: „Wenn man das Glück des Erfolges hatte, sollte man etwas zurückgeben.“

Wann fängt der Wahnsinn an?
„Zu mir kommen Privatleute und Unternehmer, die sagen, ich habe etwas vor, und oft sind schon Stücke vorhanden, geerbt oder gekauft. Dann beginnt eine sehr intensive Zusammenarbeit, denn ein Sammler muss arbeiten, auf Messen gehen, schauen und erkennen, was macht Sinn, hat Bestand und Relevanz.“ Außerdem müsse man dort kaufen, wo die Künstler originär herkommen, in den Galerien, wo sie entdeckt wurden. Nicht ortsbezogen, sondern galeriebezogen kaufen, ist daher Neffs Haltung. „Da muss man streng sein, denn es geht um viel Geld, und deshalb sollte man die Galerien honorieren, die diesen Künstler von Beginn an gefördert haben, und nicht irgendeine Quetsche in der Fahrgasse, die nun ebenfalls diesen Künstler anbietet.“ Neff, der auch den Wisag-Gründer Claus Wisser berät, weiß, wann eine ernstzunehmende Kunstsammlung anfängt: „Dieser Wahnsinn beginnt, wenn die Wände voll sind und man abhängen muss, nicht vorher.“

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