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Brexit, Flüchtlingskrise und Klimawandel, was bringt die Zukunft? Der gemeinnützige „Frankfurter Zukunftsrat“ beschäftigt sich mit Fragen, die viele Menschen in Europa umtreiben. Wir trafen Professor Dr. Manfred Pohl, Historiker und Gründer des interdisziplinären Think Tank, zum Interview.
Text: Dr. Jutta Failing, Foto: Michael Hohmann

„Schade, dass ich schon über 70 Jahre alt bin“, wird Manfred Pohl am Ende unseres Gesprächs sagen, „zu gern würde ich die globalen Veränderungen in den nächsten 50 Jahren und die Wende zum nächsten Jahrhundert beobachten. Kinder, die heute geboren werden, haben die Chance dazu.“

Prof. Dr. Manfred Pohl im Schaukelstuhl, den er von Hermann Josef Abs erbte.
Prof. Dr. Manfred Pohl im Schaukelstuhl, den er von Hermann Josef Abs erbte.

Sich bei Zeiten über die Zukunft Gedanken machen, gemäß nach dem von ihm geprägten Motto „Zukunft braucht Zukunft“, ist die Passion des gebürtigen Saarländers, der 1972 als Leiter des Historischen Instituts der Deutschen Bank und Redenschreiber von Bank-Chef Hermann Josef Abs nach Frankfurt kam. Letzterer verstarb 1994 und bleibt als einflussreicher Bankier mit einer Vorliebe für dicke Zigarren in Erinnerung.

Abs’ riesiger englischer Schreibtisch steht bei Manfred Pohl im Büro mit dem legendären Schaukelstuhl und zwei Wirtschaftswunderjahre-Sesseln, auf dessen weichem Leder Vorstände bei Einstellung oder Rausschmiss saßen, ist beinahe eine museale Stimmung geschaffen.

„Ich hatte seinerzeit die Ehre, diese Büromöbel zu übernehmen, später werden sie tatsächlich in ein Museum kommen. Im Schaukelstuhl saß Abs bis es sein Rücken nicht mehr zuließ“, gibt er stolz Auskunft über die Stücke, die viel gesehen haben. Während der „Zukunftshistoriker“, wie er sich nennt, erzählt, sitzt er selbst im alten Schaukelstuhl, im Rücken meterweise Bücher, darunter auch die eigenen.

„Die Flüchtlingswellen, die wir bis 2050 erwarten müssen, werden Völkerwanderungsströme sein.“

„Sein“ umstrittenes Denkmal am Willy-Brandt-Platz ist unlängst auf Vordermann gebracht worden, die Euro-Skulptur vor der alten EZB schwächelte. Manfred Pohl hatte sie 2001 beim Künstler Ottmar Hörl in Auftrag gegeben und binnen drei Tagen 350.000 Euro dafür gesammelt. In den Tagen der Euro-Euphorie war das noch möglich.

„Wir haben in Frankfurt kaum Dinge von großer Symbolkraft, die Alte Oper oder die neuen EZB-Türme etwa. Doch nach wie vor ist das Euro-Denkmal das am meisten fotografierte Wahrzeichen“, so Pohl. Think big: In der „Globalisierungsstadt“ sieht er noch viel ungenutztes Potential. Ein Opernhaus über den Main gebaut blieb nur eine visionäre Idee, die bei unserem Gespräch noch einmal wehmütig aufsteigt.

„Klimamauern“ sind keine Lösung

„Ich bin gegen alle Arten von Mauern. Sie halten Flüchtlinge nicht ab. Dennoch wird es in der Zukunft ‚Klimamauern‘ geben, wie wir sagen, also Bauwerke, die Menschen auf der Flucht vor Überschwemmungen und Dürre aufhalten sollen. Die Flüchtlingswellen, die wir bis 2050 in Europa erwarten müssen, werden historisch betrachtet Völkerwanderungsströme sein. Religionen sind wichtig, aber sie müssen von ihrem Absolutheitsanspruch weg“, wird der Historiker konkret.

Im 2008 von ihm mitbegründeten „Frankfurter Zukunftsrat“ machen sich Koryphäen verschiedener Disziplinen gemeinsam mit einem Kuratorium stark, tragbare und ganzheitliche Modelle für Kultur, Bildung, Gesundheit und Religion zu entwickeln.

„Wir erleben einen riesigen Umbruch.“

Jürgen Schmidhuber, Spitzenforscher in Sachen künstliche Intelligenz, ist einer von ihnen. Die Lösungen der Experten sollen das Leben der nachfolgenden Generationen verbessern, lautet das erklärte Ziel. Zum Vorstand des Vereins gehören so bekannte Persönlichkeiten wie die Reitlegende Ann Kathrin Linsenhoff und die Juristin Kristina Gräfin Pilati. Finanziert wird der Zukunftsrat von mittelständischen Unternehmen und Stiftungen, „wir bekommen kein Geld von politischen Institutionen oder der EU“, betont Manfred Pohl.

Die Welt sieht er aus den Fugen geraten: „Wir erleben einen riesigen Umbruch, auch politisch. Die Art, wie US-Präsident Donald Trump auftritt, fordert uns auf, darüber nachzudenken, was wir in Europa eigentlich wollen“, erläutert er und kommt auf das „neue menschengemachte Erdzeitalter“ – das Anthropozän – zu sprechen, unter dessen Dach sich der Rat sieht: „Die Menschen lenken durch ihre Konsum- und Wirtschaftsweise die Evolution in neue Bahnen. Das birgt eine riesige Verantwortung in sich.

In den nächsten 30 bis 50 Jahren werden neue politische Strukturen entstehen und die Wirtschaft erfährt massive Veränderungen. Die Globalisierung, die heute so vielen Menschen Angst macht, wird sich nach einer Zeit der reaktionären Strömungen durchsetzen. Die Demokratie aber muss die Zukunft sein, nur sie garantiert die Freiheit des Menschen.“

Unsere Gedanken leben ewig

Die Zukunft gehörte schon immer der Jugend. In 30 Ländern bietet der Rat Workshops für Schüler und Studenten an, denn die Europa-Idee braucht die Werbetrommel und das Projekt „My Europe“ soll dabei helfen.

Viele junge Briten bereuten den Brexit beziehungsweise nicht zur Wahl gegangen zu sein, weiß Pohl. Auch für die Schulen kennt der Rat die Zukunft: „Im Bildungssystem wird die Digitalisierung voll einziehen. Die Wissensvermittlung übernehmen Roboter, und Lehrer widmen sich wieder mehr ihrer klassischen Aufgabe der Pädagogik.

Können wir aus vergangenen Ereignissen die Zukunft ableiten? „Schön wär’s“, lacht der Historiker, „man kann gewisse Strömungen betrachten und Daten zur Analyse nutzen, mehr nicht.“ Dann denkt er an die Endlichkeit: „Man muss sich nicht einfrieren lassen. Das Entscheidende ist, die Gedanken weiterzugeben, diese werden weiterleben.“


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