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Weltstar und genialer Charakterdarsteller. Mario Adorf geht seit sechs Jahrzehnten einem Beruf nach, der neben Talent viele Gallonen von Herzblut verlangt. Jetzt feierte „Deutschlands beliebtester Schauspieler“ seinen 85. Geburtstag, Grund genug, seinem Publikum die schönsten Geschichten aus seinem Bühnenleben zu erzählen. Im Gespräch mit Top Magazin Frankfurt denkt der große Mime an die „Blechtrommel“, Bösewichter und bittere Süßigkeiten zurück. Text: Dr. Jutta Failing, Foto: Michael Hohmann

Kaum ist die Kamera auf ihn gerichtet, ist da dieses berühmte Blitzen in den Augen. Die Brauen leicht hochgezogen. Mario Adorf steht vor uns, sein Anzug mit Goldknöpfen, vermutlich keiner von der Stange. Bella Figura. Dass er selbst nähen kann, darüber hat er schon geschrieben. Seine Mutter war Näherin in der Eifel, auch Röntgenassistentin. In Süditalien lernte diese den jungen Chirurgen Matteo kennen, ein hübscher Mann, aber leider verheiratet. Das Kind aus der heimlichen Liaison nannte sie Mario. Ein knappes „Ganz gut“ war das höchste Kompliment, das der Sohn je von ihr erntete, da wurde dieser bereits als Filmstar gefeiert. Besonders litt sie unter den vielen Schurkenrollen, in denen er brillierte, auch an den Kostümen stieß sie sich: „Nur Lumpen! Nicht ein einziges Mal anständig angezogen.“

Auch der Papst muss mal

So lange ist das her. Die Mutter Alice ist tot, und das Verhältnis zu ihr hat er sich vor Jahren in einem Buch von der Seele geschrieben. Denn Schreiben kann er auch, sehr gut sogar. Er ist der geborene Erzähler. Nach unserem Treffen wird Mario Adorf aus seinem neuen Buch in der Alten Oper lesen, die Autorenreise führt ihn weiter nach Wien und Hamburg. „Schauen Sie mal böse“, heißt die Biografie, gespickt vielen Anekdoten aus seinen frühen Theaterjahren. Mit Hans Albers „um die Häuser gezogen“ und an der Seite von Freund Hardy Krüger die Promille-Grenze ausgereizt. Mit Heinz Rühmann erlaubt er sich keck eine Extratour. Große Namen schüchterten den jungen Mimen nicht ein. „Ich versuchte mich mit dem alten Ratschlag meiner Mutter zu beruhigen: Wenn du einem berühmten Zeitgenossen gegenüberstehst, bleib ruhig und denke: Auch der Papst geht aufs Klo.“

Bösewichter gibt es nicht

Mario Adorf in der Thomas Mann-Suite im Steigenberger Frankfurter Hof
Mario Adorf in der Thomas Mann-Suite im Steigenberger Frankfurter Hof

Immer wieder Halunken, Schlawiner und Mafiosi. Schwarzer Bart, dunkle Stimme, dunkle Seele. Das ewige Klischee. Als Prärie-Fiesling Santer erschießt er Winnetous Schwester. Vor allem in seinen frühen Rollen auf dem internationalen Filmparkett hat Mario Adorf viel auf dem Kerbholz. „Den Bösewicht als Person gibt es eigentlich nicht, so wie es den ‚Gutmenschen‘ wahrscheinlich auch nicht gibt“, resümiert er auf unsere Frage nach dem größten Bösewicht, der ihm im wahren Leben begegnet sei. Im Buch erinnert er sich an „Schulkameraden, die mit erbeuteten Süßigkeiten aus den Judengeschäften prahlten.“ Im Luftschutzbunker singt der Jungvolkführer Mario „Heimat deine Sterne“, hinten im Keller hört er Radio London. Vor seinen Pimpfen schwingt er gefährliche defätistische Reden. „Das Merkwürdige daran ist, dass diese Ambivalenz mir keine Gewissenbisse verursachte.“ Wir möchten von ihm wissen, wie das beim Dreh für den Klassiker „Die Blechtrommel“ war, als er die rheinische Frohnatur Alfred Matzerath verkörperte, der beim Einmarsch der Russen grausam zu Tode kommt, da er seine NS-Mitgliedschaft verbergen will. Eine heftige Szene, der Film gewann den Oscar. „Das war schon eine sehr schwierige Rolle. Das Parteiabzeichen zu schlucken, war nicht das Problem, aber die Schüsse auf meinen Körper waren leider sehr heftig und schüttelten mich kräftig durch. Sicherlich die schwierigste Sterbeszene, die ich je zu spielen hatte“, sagt er.

Alles ist eine Lektion

„Immer auf dem Boden bleiben“

„Immer auf dem Boden bleiben“, beschreibt er das Gefühl, das ihm Sicherheit gibt, das ihn erdet. Angst habe er wenig. „Wenn überhaupt, dann wünsche ich mir, dass ich von körperlichen Gebrechen verschont bleibe, die eventuell eine jahrelange Qual verursachen.“ In seinem Buch erinnert er sich an die letzten Stunden mit seiner Mutter, wie er jeder Einzelheit ihres Sterbens beobachtet, als Vorahnung seines eigenen Todes, und doch zugleich als eine Lektion für eine mögliche Filmszene. Mario Adorf als rüstigen älteren Herrn zu titulieren, spräche ihm viel von dem besonderen Zauber ab, der ihn umgibt. Ihn, den man aus „Kir Royal“ und „Rossini“ kennt. Der Schauspieler kann hemdsärmelig-saftig und Grandseigneur. Er spricht leise, sachlich, ohne das Chi-Chi vieler Stars. Er bleibt geduldig bis unser Kameralicht eingerichtet ist, ein Profi eben. Man sieht ihm noch den muskulösen Boxer an, den er in jungen Jahren einmal war. „Mit Sonnenbrille saß ich in der Klasse, um mein Veilchen zu verbergen. Im Boxklub des TuS Mayen lernte ich auch, mich auf der Straße von den anderen Burschen nicht mehr verdreschen zu lassen.“ In der Eifelgemeinde Mayen, wo er aufwuchs, ist er heute Ehrenbürger.

05Immer schön munter

Mit Ehefrau Monique entspannt der Schauspieler an mehreren Wohnsitzen, gern ist er im Luxusdörfchen Saint Tropez. Vor bald fünfzig Jahren lernte er die blonde Französin als Double von Brigitte Bardot kennen. Eine lange wie glückliche Beziehung, im Schauspielberuf gleicht das fast einem Lottogewinn. Seine Frau achte auf seine Linie und halte ihn zu Fitnessübungen an, „ein guter Geist, manchmal auch ein Quälgeist“, scherzte er schon zu seinem 80. Geburtstag. Welches Buch daheim auf seinem Nachtisch liegt, verrät er uns nicht. Nur so viel: „Immer eins – mindestens.“ Als Genussmensch ist er bekannt, ganz italienisch isst er seine Spaghetti „am liebsten mit der Gabel, ohne einen Löffel zur Hilfe zu nehmen.“ Wenn es nach seiner Mutter gegangen wäre, hätte er vielleicht einen ganz anderen Weg eingeschlagen. Sie machte ihm klar: „Wenn du lernst, gehst du weiter auf die Schule, wenn nicht, wirst du Metzger, so einfach ist das!“. Das saß – und wirkte. Mario lernte fleißig. Wir hätten sonst einen Charakter-Koloss weniger.

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