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Lebensmittel, welche die sexuelle Lust steigern? Klingt verlockend. Was ist dran am Mythos der natürlichen Scharfmacher, die nach der Liebesgöttin Aphrodite benannt sind? Und was tun, wenn die Potenz trotz sinnlicher Reize nicht mitspielt oder die Libido fehlt? Kein Grund zur Panik, wie medizinische Experten im offenen Gespräch erläutern.

Seinen Mann stehen, heißt eine Redensart, die seit jeher das das „starke Geschlecht“ bewegt. Funktioniert nicht alles wie gewünscht, wird Sex schnell zur schwierigsten Nebensache der Welt. Chronischer Leistungsdruck, zu viel Stress im Job oder schlicht Langeweile in der Partnerschaft – die psychischen Ursachen für eine erektile Dysfunktion sind vielfältig. Aber auch Bluthochdruck oder Hormonmangel können die Ursachen sein, wenn beim Mann Flaute im Bett herrscht. Hier sind seit Jahren „Viagra“ (Wirkstoff Sildenafil), auch „Cialis“ (Tadalafil), „Levitra“ (Vardenafil) oder „Stendra“ (Avenafil) anerkannte Helferlein für die Hydraulik.

Ihre Markteinführung glich einer Revolution: Impotenz ist kein Schicksal mehr, sondern dank einer Pille heilbar. Die in diesen Medikamenten wirksamen PDE-5-Hemmer greifen in den biochemischen Prozess ein, an dessen Ende sich die Muskelzellen entspannen. So kann Blut in die Schwellkörper fließen. Kurz gesagt, es geht um das Können, nicht um das Wollen. Ein Haken hat die Sache allerdings: „Viagra“ und Potenz-Generika dürfen nicht leichtfertig geschluckt werden, bei gewissen, nicht erkannten Grunderkrankungen kann dies sogar tödlich enden. Ohne ärztliche Abklärung, keine Einnahme, lautet daher die gesunde Formel.

Pink Viagra

Medizinischen Studien zufolge klagen mindestens 40 Prozent der Frauen über mangelnde sexuelle Lust. Pharmahersteller haben daher diesen Markt schon seit Jahren im Blick. Jetzt wurde in den USA unter dem Namen „Addyi“ die erste „Lustpille“ für die Frau zugelassen. Libido auf Abruf? Die rosa Pille muss täglich eingenommen werden und nicht nur bei Bedarf. In Deutschland entwickelt, danach in den USA marktreif gemacht, setzt das Psychopharmakum auf den Arzneistoff Flibanserin. Dieser wirkt über das Gehirn und soll den Spiegel des lusthemmenden Hormons Serotonin absenken.

Noch kritisch sieht der Frankfurter Gynäkologe Dr. med. Julius Kryss die Lustpille. „Das Medikament ist nur zugelassen für Frauen vor der Menopause. Doch Frauen möchten sexuelle Lust empfinden bis ins hohe Alter“, erläutert der Arzt im Gespräch. Sexualstörungen bei der Frau seien weitaus komplexer als beim Mann. „28 Tage dauert der Zyklus, das heißt aus hormoneller Sicht, an jedem Tag haben wir es mit einer anderen Frau zu tun. Auch die Lust ist nicht an jedem Tag gleich“, fasst er zusammen. Viele Probleme haben für den Mediziner eine tiefere Wurzel: „Die moderne Gesellschaft will alles und zwar sofort. Vor allem Frauen empfinden viel Druck, Ideale werden vorgegeben.

„Die moderne Gesellschaft will alles und zwar sofort.“

Alles muss funktionieren, alles muss perfekt sein, in jedem Lebensbereich. Hier sollte sich die Sexualität frei machen von der Projektionsfläche der Medien.“ Julius Kryss, Kosmopolit und seit Jahrzehnten im Beruf, glaubt nicht, dass die Lustpille sich breit durchsetzt, erwartet aber in der Zukunft weitere Sex-Medikamente, welche die weibliche Psyche beeinflussen. Testosteron, lange das Mittel der Wahl bei weiblicher Unlust, sieht er eher verhalten. „Das Organische können wir reparieren. Doch die Bereitschaft – im Kopf – kommt nicht automatisch mit.“ Körperliche Symptome, über die Frauen häufig nach der Menopause oder nach Geburten klagen, und die mitunter der Lust und dem Sex im Wege stehen, seien medikamentös, manche auch operativ, zu beheben, so der Gynäkologe. „Lust kennt kein Alter, insbesondere bei der Frau nicht, und warum sollte auch eine Über-70-Jährige keine Lust am Sex haben?“, macht er Mut.

Tabuthema Prostatakrebs

Viele Männer sind erkrankt, kaum einer spricht darüber. Heute ist man bestrebt, beim operativen Eingriff Nerven und Gefäßstrukturen zu schonen. So hat der Mann durchaus Chancen, seine natürliche Erektionsfunktion wiederzuerlangen, was zwei Jahre und länger dauern kann. Wenn nichts mehr „geht“, auch orale Therapien nicht greifen, können „Potenzspritzen“ sehr wirksam helfen, mit ihnen kommt es unabhängig von sexueller Stimulation zur Erektion.

Aphrodite weiß Rat

Der Wunsch, mit Hilfe bestimmter Substanzen sexuell in Stimmung zu kommen oder die Erektion zu verlängern, ist wohl so alt wie die Menschheit. Kaum war die Schrift erfunden, notierte man auch schon sexuelle Nöte. Da empfiehlt etwa ein altägyptischer Papyrus-Text einen mit Honig vergorenen Trank aus Dornakazie zum „Steifmachen der Weichheit“. Vermutlich brachte nur der darin enthaltene Alkohol die Herren in prickelnde Wallung. Nicht weniger kurios, eine Quelle aus dem 19. Jahrhundert: „Möchtest du einen Burschen an dich fesseln, so stehle ihm vom Haupt einige Haare, koche sie mit Quittenkernen und einigen Tropfen deines Blutes zu einem Brei, und sag, den Vollmond anblickend, dreimal den Spruch her: …“.

Von Aal bis Zucker und Zwiebel reicht die Palette der Liebesmittel auf die Männer wie Frauen bauten. Ein bisschen harmlose Magie war das Salz in der Suppe. Meist tat allein der Placebo-Effekt seine Wirkung. Dennoch ist Interesse an den nach der antiken Liebesgöttin Aphrodite benannten Mitteln für Sexlust und Fruchtbarkeit, kurz Aphrodisiaka, nach wie vor groß. Inzwischen hat die Medizin sogar einige der traditionellen Lustmacher als sanft wirksam nachgewiesen, zumindest halten sie durch ihre konzentrierten Nährstoffe und Vitamine die Sexualorgane und die Libido von Mann und Frau „in Schwung“. Andere wecken allein durch ihre Form und Farbe sinnliche Assoziationen. Einige fallen schon mit ihrem botanischen Namen wie etwa das deftige Liebstöckel-Kraut mit der Tür ins Haus.

Und auch intensive Aromen von Gewürzen und Blüten können lustfördernd sein, da sie den Geruchs- und Geschmackssinn anregen und so das Unterbewusstsein auf Erotik und Sex vorbereiten. Rauschpflanzen wie Stechapfel oder der getrocknete Fliegenpilz, gehören dagegen nicht ins Schlafzimmer. Im halluzinogenen Erregungszustand reiten die Liebenden allenfalls den Hexenbesen, und der Absturz kann ungemütlich sein. So sollten Männer auch von dem altväterlichen Potenzmittel „Spanische Fliege“, hergestellt aus einer Käferart, lieber die Finger lassen, denn hier liegen Liebe und Tod nur ein paar Gramm voneinander entfernt. Die heute in deutschen Sex-Shops angebotenen „Liebestropfen“ gleichen Namens enthalten statt Käfer nur Vitamine und Zucker-Placebos.

Eros auf dem Teller

Genug der Theorie. Erotik und kulinarischer Genuss gingen schon immer Hand in Hand. Sie möchten zu zweit am Kaminfeuer kuscheln, mit tiefem Blickkontakt und einem Liebestrank aus Aphrodites Füllhorn? Nichts einfacher als das, ein Glas Champagner entspannt. Alkoholfrei kommen Liebende mit einem heißen Kakao in Stimmung, dieser sollte mit jeweils zwei Messerspitzen aromatischem Zimt, Kardamom und Nelkenpulver gewürzt sein.

Wer nicht allergisch auf Gewürze reagiert, darf sich hier ganz fallenlassen. Kardamom, im Orient bekannt als „Paradies-Samen“, bringt mit dem gesamten Stoffwechsel auch die Sexualhormone in Schwung. Gewürze generell erst gegen Ende der Garzeit Gerichten hinzugeben, denn ihr ätherisches Öl ist so empfindlich wie das zarte Pflänzchen Liebe. Ein Love-Dinner am romantisch gedeckten Tisch bei Kerzenlicht kann weitere Register ziehen, die nicht nur das Auge begeistern.

Erdbeeren, Feigen und Butter mit Rosenblüten sind hier süße Versprechen, genau wie ein scharfes Chili-Hühnchen, Hummer oder die fleischige Auster Hunger auf mehr machen. Besonders der wilde Ruf der Auster ist nicht unbegründet, denn die Meeresfrucht ist mit 50 Milligramm Zink-Ionen in 100 Gramm das zinkreichste Nahrungsmittel. Zink und Eiweiß sind gut für die Bildung und Beweglichkeit der Spermien. Solche schmackhaften Potenz- und Lustmittel, wie sie einst bei prallen Festgelagen oder auch als Fingerfood im römischen Amphitheater üblich waren, reizen nach wie vor. Und, wie schon Austernfreund Casanova wusste: Jede Frau ist für gutes Essen anfällig. Der Italiener war nicht nur ein legendärer Bettenheld, sondern galt auch als potenter Koch. Eines seiner Lieblingsgerichte war übrigens eine schlichte Makkaroni-Pastete. Unter einer süßen Teigkruste schlummerte satte Sauce mit Ragout. Ein umtriebiger Mann braucht eben auch Kohlenhydrate. (jf)


Kurz und klar

Dr. med. Hartwig Büttner
Dr. med. Hartwig Büttner (Foto: privat)

Dr. med. Hartwig Büttner, medizinischer Leiter für den Bereich Männergesundheit und Urologie bei Lilly Deutschland, beantwortet die wichtigsten Fragen rund um Viagra, Cialis & Co.

Pille geschluckt, Lust da?

Die auf dem Markt zugelassenen, verschreibungspflichtigen Medikamente zur Behandlung der erektilen Dysfunktion (Impotenz) sind keine luststeigernden Mittel, sie können die sexuelle Stimulation nicht ersetzen. Vielmehr sind sie wie ein „Treibstoff“, der den natürlichen Vorgang unterstützt. Fehlt die Lust, spricht also ein Mann auf sexuelle Reize vermindert an, können hormonelle Ursachen zugrunde liegen, allen voran ein Testosteronmangel. Dieser äußert sich auch durch Müdigkeit und erektile Dysfunktion. Hier empfiehlt sich ein Check des Hormonstatus.

Potenzstörungen können auf ein krankes Herz hinweisen, stimmt das?

Männer schieben Impotenz gern auf beruflichen Stress. Studien haben gezeigt, dass nach dem erstmaligen Auftreten einer erektilen Dysfunktion nicht selten eine klinische Herzerkrankung auftritt, und zwar mit einer zeitlichen Verzögerung von 2 bis 3 Jahren. Männer sollten daher ihre erektile

Dysfunktion abklären lassen, denn oft wird eine bis dahin nicht erkannte Grunderkrankung aufgedeckt, z.B. Diabetes mellitus.

Was ist bei der Einnahme von Potenzpillen zu beachten? Zum Beispiel nicht kontrollierter hoher Blutdruck und schwere Herzerkrankungen, etwa eine instabile Angina pectoris, sind klare Kontraindikationen. Die Kombination mit nitrathaltigen Medikamenten kann lebensgefährlich sein und gilt daher auch als absolut kontraindiziert. Die Richtlinien des behandelnden Arztes sind strengstens zu befolgen.

Once a day, ist das die Lösung?

Statt nach Bedarf, können einige Wirkstoffe auch täglich eingenommen werden. Bei dieser Konstanztherapie wird ein Wirkstofflevel im Körper erhalten, die übliche Wartezeit nach der bedarfsmäßigen Einnahme entfällt. Damit wird die Tabletteneinnahme vom intimen Beisammensein entkoppelt, was viele Patienten sehr schätzen.

Sind jahreszeitliche Spitzen im Absatz festzustellen? Ja. Bei Lilly Deutschland stellen wir eine Steigerung um Ostern und Weihnachten fest. Wir gehen hier von Urlaubsbevorratungen aus.

Wo kaufen?

Grundsätzlich gilt: Wer unter Erektionsproblemen leidet, sollte eine Arztpraxis aufsuchen. Die verordneten Medikamente sollte man ausschließlich über Apotheken und zertifizierte Online-Apotheken beziehen. Nur so ist man weitgehend sicher vor wirkungslosen oder gar lebensgefährlichen Fälschungen. Die kommen auch unter dem Deckmantel „rezeptfrei/ pflanzlich/natürlich“ daher, etwa aus China oder Indien. Manchmal enthalten sie tatsächlich die – in diesen Fällen nicht deklarierten – Wirkstoffe, die im Einzelfall dem Patienten aus medizinischen Gründen vorenthalten werden müssen! Im Interesse der eigenen Gesundheit ist daher von einer Selbstmedikation dringend abzuraten.

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