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Rugby – der Kampf ums Ei. Schnell, brutal, ein Sport für Raufbolde? Mitnichten. Die Spieler pflegen die Tugenden des Rittertums, aber Kleinigkeiten wie ein Stollenschuh im Gesicht müssen sie wegstecken können. Top Magazin Frankfurt schaute bei einer Trainingseinheit des Rugby-Pioniers SC 1880 zu und ließ sich von Nationalspieler Mark Sztyndera den Kick und die Regeln erläutern.

Der Ball ist nicht rund

Hoppla, das „Ei“ ist überraschend leicht. Die Oberfläche griffig, an seinen Enden spitz. Der starke Wind, der über das Spielfeld in der Feldgerichtstraße am Dornbusch fegt, ist schlecht. Eigentlich ist Hallenwetter. Nebenan wird Hockey gespielt. Schwarz-rot die Vereinsfarben. Auf dem Rasen stehen professionelle Rugby-Trainer des Sportclubs, fast alle sind Neuseeländer. In ihrem Land mobilisiert dieser Sport die Massen.

In Deutschland war Rugby einmal ganz groß, früher. Verboten nur während der Zeit des Nationalsozialismus, der Sport galt als zu britisch. Die Frankfurter spielten schon 1894 in London gegen die Engländer, und bei den Olympischen Spielen 1900 holten sie die Silbermedaille. Lange her. Immerhin, der SC Frankfurt 1880 wurde in den letzten Jahren mehrfach Deutscher Meister und trainiert zur Zeit über 300 Jungen und Mädchen, außerdem konnte der Traditionsverein für 35.000 Schüler Rugby-Workshops anbieten.

Der Nachwuchs ist die Zukunft. Die Eintracht Frankfurt pflegt ebenfalls seit langem die Sportart, dort trainieren auch Frauen. Im Vergleich mit anderen Amateur-Nationen steht Deutschland international ziemlich gut da. Sollten sich die deutschen Männer im Juni tatsächlich für die Olympia-Teilnahme qualifizieren, könnte in Rio so etwas wie ein „Steffi Graf-Effekt“ entstehen – ein neuer Hype für die Sportart.

Keilerei mit Klasse

Rugby-Nationalspieler Mark Sztyndera
Rugby-Nationalspieler Mark Sztyndera

Mark Sztyndera zeigt uns, was das „Tackling“ ist. Der 29-jährige Frankfurter spielt sein halbes Leben Rugby, er kennt die Regeln in- und auswendig – ein sehr komplexes Regelwerk, komplizierter als beim Fußball, möchte man meinen. Über die Stationen Eintracht Frankfurt und RK Heusenstamm wechselte der gebürtige Bornheimer zu den „80ern“. 2009 absolvierte er sein erstes Länderspiel. Er trainiert im Verein die U14-Mannschaft, das ist sein Job. Von Gehältern wie im Fußball können Rugby-Spieler weltweit nur träumen, auch Profis werden nicht reich.

Tackling also. Wir schauen zu und verstehen: der Ballträger darf zu Fall gebracht werden, indem ihn der Gegenspieler am Oberkörper mit beiden Händen umgreift. Sanft sieht das nicht aus. Gehen beide Spieler zu Boden, muss der Ballträger das Ei loslassen und es wird ein offenes „Gedränge“ zum Kampf um den Ball gebildet. Das „Gedränge“, auch so eine erlaubte und häufig eingesetzte Technik. Sztyndera spielt in der Position Außendreiviertel (Wing) und gehört damit zur Hintermannschaft (Backs). Hinten sind die Taktiker, die viel laufen, vorne bewegen sich die kompakteren Spieler, die ihre Statur in den Dienst der Mannschaft stellen. 15 Spieler bilden eine Mannschaft bei den Frankfurtern, gespielt wird

Rugby Union, die weltweit populärste Rugby-Art. Die schnellere Variante des 7er Rugby (7 gegen 7 Spieler über 14 Minuten) ist seit 2016 olympisch. „Beinstellen, Schlagen oder Festhalten am Hals sind verboten“, erklärt der 97-Kilo-Mann. Doch wir ahnen, und warum sollte es ausgerechnet bei diesem Rasensport anders sein, versteckte Fouls oder ausgefahrene Ellenbogen im „Scrum“, also im Gemengelage, bei dem sich die Teams gegenüberstehen – alles part of the deal. Niemand ist ein Lamm in diesem Wolfsrudel.

„Beinstellen, Schlagen oder Festhalten am Hals sind verboten“

Eigentlich steht für den Frankfurter am Wochenende ein Länderspiel gegen Georgien an, doch wegen eines Rippenbruchs muss er ein Spiel aussetzen. Der Spieler lächelt tapfer und kickt den Ball in Richtung Stangentor. Der Ball muss übrigens nicht ins Tor, sondern über das Tor gehen, nur das zählt. „Training ohne Kontakt geht“, sagt er. Schutzausrüstung gibt es zwar, etwa helmartige Kappen aus Leder und Zahnschutz, aber wenn einer aus dem Sprint heraus hart „getackelt“ wird, hilft oft nur das richtige Fallen. Und das lernt man früh.

Der Kick beim Kick

Reiche Tradition - Mark Sztyndera vor dem Trophäenschrank des SC 1880
Reiche Tradition – Mark Sztyndera vor dem Trophäenschrank des SC 1880

Große und kleine Pokale, einer ist mehr als hundert Jahre alt. Mark Szytndera zeigt uns die stattlichen Ehrenvitrinen im Vereinshaus. Hier und da liegen bestickte Samt-Kappen hinterm Glas, ein bisschen erinnern die schönen Trophäen an den Harry Potter-Kosmos und überhaupt an die britische Internats- und Universitätskultur. In England ist der Rugby-Sport eben zuhause. „Meine 80er-Kappe hat einen Bommel“, verrät der Bornheimer.

Wenn alles rund läuft, kann er noch gut zehn Jahre voll am Limit spielen, mit Ende Dreißig ist für die meisten Schluss. Für den Frankfurter bedeutet Rugby vor allem „Team- und Mannschaftsgeist“, auch die Community mit den zehn neuseeländischen Profi-Trainern, die sogar unweit des Spielfelds wohnen, schätzt er. „Wir machen viel privat zusammen, feiern Geburtstage oder besuchen Feste“. Die Daumen drückt ihm Freundin Sina, „sie ist bei jedem Spiel dabei, ob in Heidelberg oder Hannover, zwei der Hochburgen des deutschen Rugby.“ Er trainiert täglich, wenn es das Wetter nicht zulässt in der Halle oder im Fitnessstudio.

Körperlich kein leichter Job, das Spiel ist von intensiver Physis geprägt und wirkt für Laien hart und ungestüm. Dabei hat sich der Sport durch sein Regelwerk eine große Fairness auf die Fahnen geschrieben. Auch werden Schiedsrichterentscheidungen traditionell klaglos hingenommen. Ebenso sind Handgreiflichkeiten zwischen Fangruppen weltweit unbekannt, man feiert vor, während und nach dem Spiel gemeinsam. „Undenkbar, dass jemand anders als der Kapitän mit dem Schiedsrichter spricht. Nur der Kapitän spricht diesen an, nicht die Spieler wie oft beim Fußball“, weiß der Außendreiviertel.

Ritter auf Rasen

Womit wir bei weiteren Tugenden wären. Das Wort „Gentlemen“ fällt oft bei dieser Sportart. Auch Dr. Ulrich Byszio spricht davon. Der 50-jährige Unternehmer hat früher selbst die deutschen Farben vertreten und war Rugby-Profi in Frankreich. Er ist so etwas wie der mächtige Mann hinter den Erfolgen der Frankfurter „80er“. Mäzen hört er nicht gern. „Ich bin die treibende, organisierende Kraft. Ich investiere Geld und kann andere überzeugen, Geld in den Sport zu investieren“, sagt er.

Was Rugby lehrt? Respekt, Fairness, Teamgeist und Sportsmanship, kurz: „Tugenden, die Kinder überall brauchen“, ist der Vater von drei Söhnen überzeugt und ergänzt: „Es geht um Persönlichkeit, Selbstbewusstsein und Zielorientierung.“ Er macht es konkret fest: „Beim Rugby lernt man Gegner, die größer, schneller und vielleicht stärker sind, zu besiegen, wenn man technisch sauber arbeiten kann und sich an die Regeln hält.“ Ulrich Byszio spricht von Plänen, den Naturrasen in einen Kunstrasen umzuwandeln, um so auch im Winter trainieren zu können. „So hätten wir Kapazitäten, um für junge Frauen Rugby anzubieten.

Derzeit wechseln unsere Mädchen ab einem Alter von etwa 15 Jahren in andere Sportarten oder Vereine.“ Gegen ein Vorurteil kämpft der SC 1880-Mäzen: „Rugby ist keine Sportart für Reiche. Unsere Beiträge sind moderat. Ich wünsche mir, dass mehr Eltern erkennen, was Rugby für die Entwicklung ihres Kindes bewirken kann.“ Ok, Rugby ist kein Ponyhof. Es geht ordentlich, aber fair zur Sache.

„Ich wünsche mir, dass mehr Eltern erkennen, was Rugby für die Entwicklung ihres Kindes bewirken kann.“ – Uli Byszio

„Der schlechteste Spieler auf dem Platz ist der, der Fouls spielt, da er die Mannschaft aus dem Rhythmus bringt und für Minuten oder komplett des Feldes verwiesen wird.“ Rugby ist letztlich von allem etwas, oder, wie einst der irische Hollywood- Star Richard Burton verglich: „Rugby ist ein wunderbares Gemisch aus Ballett, Oper und grausamem Selbstmord.“ Nun, die Übertreibung machte es für den Schauspieler anschaulich. Es ist kein Sport für Weicheier, so viel steht fest. Schließlich heißt es in England, mit einem Seitenkick auf den Fußball: „Rugby is a game for hooligans played by gentlemen; soccer is a game for gentlemen played by hooligans.“ 

Schmutzig, aber glücklich

Der Wind hat nicht nachgelassen. Egal. Auch, dass die ersten eiskalten Regentropfen fallen. Die Männer aus Neuseeland haben ihren Spaß auf dem Rasen, lachen und necken sich, heben (liften) einen Spieler bei der Gasse hoch. Kluge Taktik ist alles und rüde Aggressivität verpönt, genau das wollen sie uns zeigen. Mark Szytndera gibt kurze Instruktionen, man spricht Englisch auf dem Grün. Kalten Matsch fürchten diese Kerle nicht. Mit voller Kraft in den Gegner rennen auch nicht. Rugby ist ein Vollkontaktsport. Und Zögern heißt hier Boden knutschen.

Interview mit 7er Olympia Trainer Rainer Kumm

Nationaltrainer Rainer Kumm (Foto Jürgen Kessler)
Nationaltrainer Rainer Kumm (Foto Jürgen Kessler)

Olympia ist in Reichweite! Der Hannoveraner Rainer Kumm trainiert die deutsche 7er- Mannschaft für die Qualifikation im Juni. Als Spieler galt er als einer der besten seiner Generation. Wir sprachen mit dem Nationaltrainer über die Ambitionen des deutschen Rugby.

Wie bereiten Sie Ihr Team auf die Olympia-Qualifikation vor?
„Wir trainieren in Südafrika und Portugal. Vor dem „Hong Kong Sevens“-Turnier spielen wir Vorbereitungsturniere auf den Fidschis, in Las Vegas, Polen und Köln. Danach starten unsere Vorbereitung auf das World Olympia Qualifikationsturnier in Monaco. Hier sind Turniere in Dublin, Amsterdam, Paris und Moskau geplant sowie ein Trainingslager in Heidelberg.“

Mit wie vielen Spielern arbeiten Sie am Bundesstützpunkt Heidelberg?
„Ich persönlich arbeite nicht täglich mit den Spielern, da ich in Hannover lebe und arbeite. Das tägliche Training wird von Chad Shepard geleitet, in enger Zusammenarbeit mit dem Olympiastützpunkt (OSP) Heidelberg und der „Wild Rugby Academy“ (offizieller Premium-Sponsor der Herren-Nationalmannschaft im 15er- und 7er-Rugby des deutschen Rugby-Verbands, Anm. d. Red.). Im Moment besteht die Trainingsgruppe aus 15 bis 20 Spielern. Daneben besteht noch eine Trainingsgruppe in Hannover.“

Wie sehen Sie die Zukunft des deutschen Rugby in der Bundesliga und international?
Alle Nationalteams (U18, 15er, 7er) spielen momentan auf einem sehr hohen Niveau. Um dieses halten zu können, benötigen wir hochwertige Wettkämpfe. Der richtige Ansatz dafür war die Bundesliga-Reform vor drei Jahren, die Freiräume für Regionalteams schaffen sollte und die zum Start der Saison viele Derbys vorsah. Leider wurde die Regionalteams nicht aufgestellt und so eine gute Möglichkeit vergeben, dass sich unsere Topathleten weiterentwickeln.

Doch dank des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) und der „Wild Rugby Academy“ ist es gelungen, in Hannover, Berlin und Heidelberg Trainingsgruppe aufzubauen, wo Athleten zusätzlich zu ihrem Vereinstraining trainieren können. Das größte Problem liegt momentan im U16/U18 Bereich. Dort gibt es deutlich zu wenige Spiele im Jahr. Hier wird gerade wieder die Idee der Regionalteams diskutiert und ich hoffe, dass diese umgesetzt wird.“

Was kann getan werden, um Rugby in Deutschland populärer zu machen?
„Kurz: Medienpräsenz. Die WM im Fernsehen war ein guter Anfang. Der nächste Schritt müsste jetzt sein, deutsche Teams ins Fernsehen zu bekommen, um Eltern, Kindern und Jugendlichen einen Bezugspunkt zu geben. Vielleicht gelingt uns das mit den Olympischen Spielen.“

Rugby, kurz erklärt?

Kaum, denn das Regelwerk ist kompliziert. Hier die wichtigsten Infos:

Zwei Stangen-Tore in H-Form, zwei Mannschaften (je 15 Spieler, davon acht „Stürmer“/Ballsicherung und sieben „Flanker“/Angriff), ein Ball in rotationselliptischer Form. Eine Partie dauert 2 x 40 Minuten. Wer die meisten Punkte hat, gewinnt. Gespielt wird mit der Hand (nur nach hinten oder zur Seite) und dem Fuß. Allein der ballführende Spieler darf angegriffen werden. Liegt er am Boden, muss er den Ball freigeben.

Rugby Union (populärste Variante, 15-Rugby) und Rugby League (13er- Rugby): sehr ähnliche Regeln. League hat das kleinere Spielfeld, es kommt zu mehr Körperkontakt – das Spiel ist härter.

Dafür gibt’s Punkte: „Versuch“ (Try), Ball wird im gegnerischen „Malfeld“ (Endzone, ähnlich dem „Touchdown“ im American Football) abgelegt; „Erhöhung“ (Conversion), ein Kick und der Ball fliegt durchs Tor; „Strafkick“ (Penalty), Tor-Kick nach Regelverstoß; Dropkick, Tor-Kick aus laufendem Spiel heraus.

Hier wird’s eng: Kommt der Ball ins Aus, bilden alle Spieler eine „Gasse“, in die der Ball hineingeworfen werden muss. Jeder will den Ball, die Mannschaften heben einen ihrer Mitspieler in die Luft, um den Fang des Balles zu unterstützen.

In Deutschland gibt es eine Erste und eine Zweite Bundesliga, darunter Regional- und teilweise Verbandsligen. Die deutschen Herren konnten sich noch nie für eine Endrunde in der 15er-Rugby-Union- Weltmeisterschaft qualifizieren. Seit 1989 spielt eine deutsche Frauen- Nationalmannschaft.

Weltmeister Neuseeland ist „rugbyverrückt“. Auch in Australien, Südafrika, England und Frankreich ist der Sport enorm populär.

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