Sein Entwurf für das One World Trade Center in New York hat seinen Namen weltweit berühmt gemacht. Seine Bauten stehen aber auf der ganzen Welt, viele von ihnen auch in Deutschland, wo er bis 2003 sein Büro hatte. In Frankfurt will der ausgebildete Musiker mit einem weltweit einmaligen Projekt nun die Stadt zum Klingen bringen. Von Sabine Börchers

Wenn Daniel Libeskind durch Frankfurt läuft, dann klingt die Stadt für ihn. „Selbst meine Architektur klingt. Alles, was ich über Architektur weiß, hat mit dem Aufbau von Musik zu tun, mit Akustik, Harmonien, mit Schwingungen von Tönen und natürlich mit Empfindungen“, stellt er fest. Zudem hätten beide Disziplinen etwas Wichtiges gemeinsam, dass sie den menschlichen Intellekt und die Seele gleichermaßen ansprechen.

Daniel Libeskind vor der Alten Oper
Daniel Libeskind vor der Alten Oper

Um die Stadt Frankfurt auch für ihre Bewohner zum Klingen zu bringen, hat er sich jetzt mit der Alten Oper auf ein einmaliges Projekt eingelassen, das entsprechend den Namen „One Day in Life“ trägt. Mehr als 75 Konzerte an 18 unterschiedlichen Orten sind am 21. und 22. Mai innerhalb von 24 Stunden geplant, darunter Orte, die zuvor eher selten mit Musik in Berührung kamen wie etwa der Operationssaal eines Krankenhauses, die Übungshalle der Frankfurter Feuerwehr, das Magazin der Nationalbibliothek, die Küche im Römer oder ein Hochbunker. Die Besucher können von Station zu Station laufen oder fahren und entscheiden, wie viele davon sie erleben möchten. Die Konzertereignisse werden an dem Tag mehrfach wiederholt.

„Es ist ein Projekt, das es so auf der Welt noch nie gegeben hat, bei dem Musik an Orten gespielt wird, die eigentlich nicht für musikalische Aufführungen gemacht sind und die wir mit speziellen klassischen und modernen Stücken bespielen“, freut sich Libeskind. Er selbst hat die Orte und die Musik ausgewählt. Er habe im Geiste einen Stadtplan von Frankfurt entworfen und dunkle Stellen herausgesucht, die er mit Musik erhellen will.

„Warum denn nicht in Frankfurt?“

Thematisch hat er eine Verbindung zwischen beiden gefunden. So sind bei der Feuerwehr etwa Karlheinz Stockhauses „Gesang der Jünglinge im Feuerofen“ und die berühmten Schicksalsschläge aus Beethovens 5. Sinfonie zu hören und in der Großküche barocke Tafelmusik. Auf die Frage, warum er ein solches Unterfangen ausgerechnet in Frankfurt und nicht etwa in New York startet, fragt er zurück: „Warum denn nicht in Frankfurt?“ Die Stadt sei doch fantastisch und von großer historischer Bedeutung, sie müsse nicht hinter New York zurückstehen.

Liebe zur Musik

Zu verdanken hat das die Mainmetropole, die Libeskind seit langem mag, weil die Frau seines Sohnes von hier stammt – und weil er den Flughafen besser kennt als sein eigenes Wohnzimmer, wie er scherzt –, einem Zufall. Er habe in Heidelberg einen Vortrag über Musik und Architektur gehalten und unter den Zuhörern sei Stephan Pauly, der Intendant der Alten Oper Frankfurt gewesen. Nach der Veranstaltung habe dieser ihn gefragt, ob er etwas für die Alte Oper machen wollte und er habe sofort begeistert zugesagt.

Die Begeisterung für seine Arbeit ist dem Architekten bei jedem Wort anzumerken. Seine Liebe zur Musik ebenso. Denn bevor sich der gebürtige Pole, der 1959 mit seinen Eltern als Flüchtling mit dem Schiff in den USA ankam und heute amerikanischer Staatsbürger ist, beruflich mit Bauwerken beschäftigte und 1970 seinen Abschluss in Architektur in New York machte, studierte er in seiner Heimatstadt Lodz, in Israel und New York Musik. Bereits als Kind soll er ein Wunderkind am Akkordeon gewesen sein. „Ich habe als Jugendlicher sogar einen wichtigen Wettbewerb gewonnen“, erzählt er. Heute habe er den Eindruck, er habe die Musik nie aufgegeben, er spiele nur ein anderes Instrument.

Studio in Berlin

1989 gründete er in Berlin sein Architekturbüro „Studio Daniel Libeskind“. Eines seiner ersten Projekte neben dem Felix-Nussbaum-Haus in Osnabrück wurde das Jüdische Museum in Berlin. Wie alle seine Gebäude wirkt es ein bisschen schief oder leicht verzogen und verweist darüber hinaus auf Inhalte außerhalb der Architektur. So entwarf er für das Museum den bekannten Holocaust-Turm, der ein dunkler, kalter, hoher Gedenkraum ist und auf die meisten Menschen beklemmend wirkt oder einen Garten des Exils, in dem der schiefe Boden das Laufen unsicher macht und Betonsäulen die Sicht einschränken.

Bis heute baute der vielfach ausgezeichnete Architekt Museen, Konzerthallen, Hotels und Einkaufszentren, aber auch Privathäuser. Sein „The Crystals“ in Las Vegas ist zugleich Wohnhaus, Hotel und Kasino und wirkt von außen wie von innen wie ein riesiger Kristall mit zahllosen Facetten und unterschiedlichem Lichteinfall. Seine luxuriöse Wohnanlage „Reflections“ in Singapur lässt sechs Wolkenkratzer mit Hilfe von Gitterstrukturen scheinbar ins Wanken geraten.

Libeskind entwirft außerdem Möbel und Einrichtungsgegenstände und lehrte an zahlreichen Universitäten, zum Beispiel in Hannover und Hamburg, an der Harvard University in Cambridge sowie der Akademie für Architektur in London. Die Musik begleitet ihn während seiner gesamten Karriere. Im Sommer 2002 inszenierte er an der Deutschen Oper Berlin mit „Saint Francois d’Assise von Olivier Messiaen erstmals eine Oper.

Städtische Kunst

Daniel Libeskinds Plan für das neue World Trade Center
Daniel Libeskinds Plan für das neue World Trade Center

Sein berühmtestes Projekt aber ist bis heute der Masterplan zur Neubebauung des World-Trade-Center-Geländes in New York. 2003 gewann er die Ausschreibung dazu und verlegte sein Büro und seinen Lebensmittelpunkt von Berlin in die USA. Er entwarf ein Mahnmal im Inneren des Geländes, mehrere Bürotürme, darunter das 541 Meter hohe „One World Trade Center“, die aber schließlich auf Betreiben des Bauherrn nach Plänen des ausführenden Architekten David Childs realisiert wurden. Geblieben ist Libeskinds Idee, dass das Haus exakt 1776 Fuß hoch sein sollte, entsprechend dem Jahr 1776 der amerikanischen Unabhängigkeit.

Auch wenn er heute sagt, er sei stolz auf das Ergebnis, dürfte es seinem Verständnis der Aufgabe eines Architekten nicht entsprechen. Libeskind ist jemand, der jedes Detail seiner Entwürfe mitbestimmt, der von Anfang bis Ende ein Projekt begleitet, der, wenn es möglich ist, nur solche Aufträge annimmt, bei denen auch die Bauarbeiter gut bezahlt werden. „Ich wäre nie Architekt geworden, wenn ich meinen Beruf so verstehen würde wie eine Maschinerie, in die ich meine Ideen hineingebe und jemand anderes führt sie aus“, stellt er fest. „Ich verstehe Architektur als eine Art städtische Kunst und ich würde zum Beispiel ein Projekt nicht übernehmen, wenn es nur eine Abstraktion bliebe.

Heute entwirft er Gebäude auf jedem Kontinent. Ein Lieblingsprojekt zu nennen, fällt ihm daher schwer. Sein Lieblingsprojekt sei immer das nächste. „Und wir haben viele nächste Projekte an vielen Orten der Welt auf der Agenda“, sagt er, da könne er sich nicht entscheiden.

Zwei besondere Tage

Dafür bleibt ihm auch keine Zeit, womöglich kürzerzutreten. Denn am 12. Mai dieses Jahres wird Libeskind 70 Jahre alt. Andere genössen bereits den wohl verdienten Ruhestand. Für ihn ist dieser Tag aber kein Anlass, um zurückzublicken, vielmehr sieht er ihn als Chance, neue Dinge anzupacken und noch kreativer zu sein. „Ich erwarte, dass ich mit 70 noch mehr Spaß haben werde, und ich muss sagen, ich hatte schon sehr viel Spaß in meinem Leben“, sagt er lachend.

Etwas mehr als eine Woche später, am 21. Mai, wird Daniel Libeskind ganz sicher viel Spaß haben. Den einen besonderen Tag im Leben will er natürlich in Frankfurt verbringen. Er wird unter anderem in der Commerzbank Arena sein, wo ihm die Alte Oper einen Auftritt beschert hat. Ob er dafür sein Akkordeon mitbringt, oder wie er sich sonst in das urbane Klangerlebnis einbringt, wollte er nicht verraten.

„Ich hoffe sie werden etwas erleben, das sie noch nie erlebt haben.“

Er wünscht sich aber für die Frankfurter vor allem, dass sie einen einmaligen Tag in ihrem Leben haben werden: „Ich hoffe sie werden etwas erleben, das sie noch nie erlebt haben. Ich hoffe, sie öffnen die Tür für beides, die Stadt und die Musik.“ Er hoffe auch, dass die Veranstaltung den Blick auf Frankfurt verändern werde und die Idee davon, was Musik ist und kann. „Sie ist immer sehr individuell, aber auch etwas, das gemeinsam erlebbar ist, genauso wie die Architektur.“

Mehr zum Projekt „One Day in Life“: www.onedayinlife.org