Sie ist sechsfache Mutter, glaubt an die Familie, lebt traditionelle Werte und führt doch ein Leben, das ihrer Zeit stets voraus war. Eine Begegnung mit Anne-Marie Steigenberger. Text: Nadia Saadi, Foto: Michael Hohmann

Anne-Marie Steigenberger vor dem Frankfurter Hof
Anne-Marie Steigenberger vor dem Frankfurter Hof

Mit Stoff bespannte Wände, Antiquitäten, blaues Sofa. Die Lobby des Frankfurter Hof strahlt Geschichte aus. Der passende Ort für eine Begegnung mit einem Menschen, der diese mitprägte. Kerzengerade, aber unverkrampft sitzt sie da. Eine schöne Frau. Anne-Marie Steigenberger ist bekannt dafür, dass sie stets tadellos erscheint. Cremefarbene Hose, Blazer mit dunkelblauem Revers und Schuhe mit Pfennigabsatz bilden ein stimmiges Ensemble. Die sternenförmigen Ohrringe setzen Glanzlichter auf ein dezent geschminktes Gesicht mit feinen Zügen. „Ein gepflegtes Äußeres ist mir sehr wichtig. Die Menschen gehen einfach ganz anders auf jemanden zu, der auf sich achtet“, sagt sie mit Nachdruck. „Man muss aber die Kraft aufbringen, das zu leben. Unsere Zeit ist sehr schnelllebig geworden. Wenn ich morgens mit dem Hund in den Wald gehe, habe ich auch oft nur eine Trainingshose und einen Pulli an. Lässig finde ich gut, ungepflegt nicht.“ Anne- Marie Steigenberger wurde 1928 in Baden-Baden geboren. Ihr Leben ist nicht nur von gesellschaftlichem Aufstieg, Reichtum und Glanz, sondern auch von vielen Schicksalsschlägen geprägt. Als sie 15 ist, wird der Vater erschossen. Sieben Jahre später stirbt die Mutter, im gleichen Jahr scheitert ihre erste Ehe, aus der ein Sohn und eine Tochter hervorgingen. 1955 heiratet sie Hotelbaron Egon Steigenberger und bekommt drei Töchter und einen Sohn. Nach mehr als zwanzig gemeinsamen Jahren stirbt ihr Mann im Alter von 59 Jahren. „Im ersten Moment kommt man sich vor, als ob man verloren in einem tiefen lange bekannten Wald stünde und den Weg zurück nicht fände“, erzählt sie. „Wenn dein Mann stirbt, ändert sich ja der ganze Tagesablauf. Das kann dazu führen, dass man sich sagt, auch egal, ich stehe heute nicht auf. Ich stelle mir dann einen Plan auf, wie ich die Dinge angehe. Ein gewisser Zwang und Selbstdisziplin können dazu beitragen, in die Realität zurückzufinden.“

Dankbarkeit für sechs Kinder und zwölf Enkel

Auch heute noch bestimmt ein fester Rhythmus ihren Tag. „Ich stehe um sieben Uhr auf und mache einen Spaziergang mit dem Hund. Ich treibe Gymnastik oder gehe schwimmen. Man muss morgens immer wieder neu anfangen. Ein bis zweimal die Woche gehe ich ins Büro.“ Es klingt nach einer Lebensphilosphie. „Meine Geschichte lässt sich so oder so erzählen. Ich bin gesund, habe sechs gesunde Kinder und zwölf gesunde Enkel, allein das ist ein großartiges Geschenk. Ich bin sehr dankbar für mein Leben.“ Nach wie vor erscheint sie auf zahlreichen Festen, Konzerten oder in der Oper. „Das soziale Leben macht mir Freude. Von 1000 Menschen mag ich sicherlich 999. Das Spannendste am Leben sind doch die Menschen.“ Anne-Marie Steigenberger ist für ihre Tatkraft bekannt. Nach dem frühen Tod ihres Mannes musste die sechsfache Mutter unvermittelt die Leitung des Familienunternehmens übernehmen. Bis zum Verkauf der Anteile im August 2009 war sie gemeinsam mit ihren drei Töchtern Mehrheitsaktionärin des Steigenberger Hotelimperiums. Nicht alle trauten ihr die Führung zu: „Am Anfang hatte ich schon Probleme “, gibt sie zu. „Aber ich hatte die Macht, Dinge durchzusetzen, weil die Kinder auf meiner Seite waren. Ich war mit ihrem Einverständnis im Vorstand.“ Ihre Führungskraft und Stärke fanden auch außerhalb des familiären Kreises schnell Anerkennung. „Als mein Mann starb, gab es 26 Steigenberger Hotels, als der Konzern verkauft wurde, waren es 82. „So falsch können wir das alles nicht gemacht haben“, sagt sie und lächelt. In ihrer feinen Sprache schwingt der Geist einer vergangenen Zeit mit. Welche Werte lebt eine Frau, die in einer anderen Ära groß wurde und doch stets modern lebte. Anne-Marie Steigenberger scheute den Ausbruch aus einer ersten Ehe nicht, obwohl Scheidung damals als gesellschaftliches Makel galt. Sie gründete drei Einzelhandelsgeschäfte, ohne einen Kredit aufzunehmen. Sie traute sich die Führung eines Weltkonzerns zu, als die Emanzipationsbewegung noch ganz am Anfang stand. Sie zog sechs Kinder groß und blieb doch nie nur Hausfrau. „Für mich steht die Familie an erster Stelle. Und Gott sei Dank empfinden meine Kinder und Enkel das genauso. Es ist entscheidend, das ein junger Mensch weiß, er findet in der Großfamilie immer Rückhalt. Egal was kommt.“ „Wahrhaftigkeit ist mir das Wichtigste“, betont sie. „Ich finde Lügen ganz schrecklich. Probleme werden dadurch nicht weggewischt, zudem kommen sie ja doch ans Licht. Wenn Sie die Wahrheit mit dem Menschen, der Ihnen zur Seite steht, teilen, kann etwas Wunderbares entstehen. Die Wahrheit hat einen besonderen Zauber.“