Eigentlich ist es nur altes Blech. Doch natürlich ist es weit mehr. Es ist Sexappeal auf vier Rädern und rollendes Kapital. Jetzt im Frühling erwachen in den Garagen der Rhein-Main-Region ganz besondere „Schätze“, und wer sie in Bewegung setzt, fühlt sich im Fahrtwind um Jahrzehnte zurückversetzt. Top Magazin hat sich zum Saisonstart unter Oldtimer-Besitzern umgehört und neben verchromten Fakten sehr persönliche Autogeschichten erfahren.Text: Dr. Jutta Failing, Fotos: Michael Hohmann

Ente auf Höhenflug

„Im Großraum Frankfurt gibt es viele Oldtimer-Sammlungen, die nicht öffentlich sind. In diesen privaten Garagen befinden sich Fahrzeuge, die im Wert an und über die Millionengrenze gehen, etwa Renntypen von Jaguar“, weiß Johannes Hübner, anerkannter Oldtimer-Experte und Buchautor. Seit mehr als dreißig Jahren ist der automobilbegeisterte Friedberger Streckensprecher bei den wichtigsten historischen Rennveranstaltungen und seit 2002 deutscher Delegierter des Automobil-Weltverbandes FIA. Wenn nächstes Jahr das Meilenwerk Berlin auf der Havel-Insel Eiswerder eröffnet, wird Hübner das Centermanagement übernehmen. „Der Kunde orientiert sich aktuell sehr breit am Markt, zum 1. Januar sind die Einfuhrbestimmungen für ‚Sammlerkraftfahrzeuge‘ aus dem außereuropäischen Ausland klarer festgelegt worden, das heißt, wenn ein Wagen älter als 30 Jahre alt und noch weitgehend im Originalzustand ist, fallen keine Zollgebühren mehr an. Außerdem sucht der Kunde ein Fahrzeug, mit dem er anständig fahren kann und das dennoch klassisch ist, daher werden der Porsche 911, der Mercedes SL und der BMW 02 so stark gekauft.“ Der Vorteil von klassischen Fahrzeugen als Wertanlage liegt für den Experten auf der Hand, doch man müsse genau hinschauen. „Vor 20 Jahren gekauft, erreichen heute einige Autos eine Rendite von fast fünf Prozent. Die Kosten für Wartung und Unterhalt sind natürlich einzukalkulieren. Ich sage: Im günstigen Einkauf liegt der Gewinn!“ Eine seriöse Beratung vor dem Kauf sei ratsam. „Überraschend ist, dass der Wert von Rolls-Royce-Fahrzeugen weder steigt noch fällt. Dafür hat der Citroën 2CV – die „Ente“ – in den vergangenen zwei Jahren eine unglaubliche Wertsteigerung von fast 60 Prozent erreicht. Ebenso wie der alte VW Bus, was sicher mit den Jugenderinnerungen bei vielen Käufern zusammenhängt.“

This is a Men’s World

Peter Kring, Triumph Roadster (1949)
Peter Kring, Triumph Roadster (1949)

Laut Kraftfahrtbundesamt besitzen derzeit rund 233.000 Fahrzeuge ein H-Kennzeichen, Tendenz steigend. Hinzu kommen gut eine Million Youngtimer, also Autos, die mindestens 20 Jahre alt sind. Mit Abstand am beliebtesten ist der VW Käfer, ein perfekter Einstiegsklassiker und noch dazu alltagstauglich. „Unser alter weißer Käfer heißt Knut“, verrät Unternehmer Peter Kring. Der Däne, der einst der Liebe wegen nach Deutschland kam, bekennt lachend: „Ich habe das Lego-Syndrom!“ Denn er zerlege jeden gekauften Oldtimer zunächst in Einzelteile, sorgfältig, Stück für Stück, die Schrauben in Tüten. Acht Autos besitzt er, darunter einen Triumph Roadster 2000 und einen Renault von 1933. Alle haben Kosenamen: Maurice, Tobi und so weiter. „Diese alten Autos haben einfach Seele. Unsere heutigen Fahrzeuge werden in achtzig Jahren zu Staub zerfallen sein, Oldtimer nicht“, sagt Kring. In mehreren Automobil-Clubs ist er Mitglied, zwei davon sind die Heimat für Bentley- und Rolls-Royce-Fahrer. Seine Begeisterung teilt er mit sechs anderen Enthusiasten aus der Region, die Männer-Clique trifft sich jeden Freitagabend, auch außerhalb der Fahrsaison. „Wir lieben Oldtimer und Golf, und das verbinden wir im Sommer mit Touren zu schönen Golf-Destinationen.“ Zwar seien sie kein klassischer Club, aber die Chrom-Leidenschaft schweiße eben zusammen, außerdem gingen ihnen die Benzingespräche nie aus. Frauen? „Wir bleiben bei unseren Treffen, wo wir auch das Wochenende einläuten, lieber unter uns“, lacht Kring wieder, um sogleich die Oldtimer-Parole der munteren Clique auszurufen: „The difference between men and boys is the price of their toys.“

Träume wagen

Während andere Mädchen mit Puppen spielten, bastelte Melanie Schacker lieber an ihrer Carrera-Bahn. Die PR-Expertin aus Frankfurt ist eine der wenigen Frauen in der Oldtimer-Szene, die selbst schrauben. Technische Details wie Fuchsfelgen, Porsche-Ölklappen-Modell und mechanische Einspritzung sind also für sie keine Fremdwörter. Viele Jahre schlummerte ihr „Schätzchen“ erst in einer amerikanischen, dann in einer deutschen Lagerhalle. „Es war Liebe auf den ersten Blick, obwohl der Porsche 911, Baujahr 1972 und 190 PS, ganz elend und nach sehr viel Arbeit aussah. Fünf Jahre hat sie schließlich gebraucht, um mit Unterstützung eines Mechanikers das Fahrzeug authentisch zu restaurieren und laut Gutachter in einen 1er-Zustand zu versetzen. Obwohl die Farbe „Moos metallic“ eigentlich keine typische Porsche-Farbe ist, entspricht sie dennoch dem in diesem Baujahr einmaligen Porsche-Farb-Code 999 – „Sonderfarbe nach Muster“. Alles lagerte zwischenzeitlich in Kisten, von der kleinsten Schraube bis zum elektrischen Schiebedach. Unzählige Wochenenden und Abende mit ölverschmierten Händen. „Die Reaktionen waren anfangs heftig: Familie und Freunde schüttelten verständnislos den Kopf, auch energische Einwände, mitleidiges Grinsen und schallendes Gelächter kamen vor. Wie kann sich eine technisch vollkommen unversierte Frau nur auf so etwas einlassen? Ganz klar, ich musste über Nacht verrückt geworden sein!“ Heute ist alle Skepsis verflogen, „aber rückblickend war die Restaurierung des Wagens eine harte Schule.“ Ab Mai wird Melanie Schacker wieder an verschiedenen Oldtimer-Rallyes teilnehmen und auch beim kommenden Oldtimer Grand Prix am Nürburgring ist sie im „Porsche-Lager“ dabei, wo sie den Wagen präsentiert. Ihre Courage und die Begeisterung für leistungsstarke Autos kann sich die Mutter eines 12-jährigen Sohnes leicht erklären: „Mein Vater fuhr in jungen Jahren mit großer Begeisterung Bergrennen. Bis heute bekomme ich Gänsehaut, wenn ein schnelles und zugleich stilvolles Auto mit durchdringendem Motorengeräusch an mir vorbeifährt. Mein Sohn hat auch schon Feuer gefangen, letztes Jahr durfte er mich dank einer Sondergenehmigung als Rallye-Beifahrer unterstützen, eine Aufgabe, die generell hohe Konzentration erfordert. Mein wunderbarer Porsche hat definitiv zwei Nebenwirkungen: pure Freude und Dauerlächeln!“

Der Schnellste im Quartett

Wolfgang Höfler, E-Type Series 3 V12 (1973)
Wolfgang Höfler, E-Type Series 3 V12 (1973)

„Früher in der Schule spielten wir in den Pausen Autoquartett. Heiß begehrt war die Karte mit dem Jaguar E-Type, seine zwölf Zylinder stachen beinahe alles. Nur wenn einer mit dem Goggomobil und dessen vier Sitzen dagegenhielt, verlor der E-Type, denn er hat ja nur zwei“, erinnert sich Unternehmer Wolfgang Höfler. Heute fährt er selbst eine „Raubkatze“. Die Form – lange Schnauze, kurzes Heck – hat das elegante Fahrzeug zu einer zeitlosen Ikone werden lassen. Kein Wunder, dass ein Exemplar im Museum of Modern Art in New York steht, gleich neben den Werken von Andy Warhol. Reinsetzen und schon ist man in der Welt der 60er und 70er Jahre. Jerry Cotton fuhr ihn in rot. Höflers Jaguar – Baujahr 1973, Serie 3 – glänzt in „Old english white“. Nur 1.500 Kilometer standen auf dem Tacho, als er vor drei Jahren den Wagen von einem Sammler aus Paderborn kaufte. „Überführt nach Frankfurt, blieb ich schon nach 100 Kilometern mit kochendem Motor auf der Autobahn bei Offenbach liegen, denn die Leitungen waren durch das jahrelange Stehen in der Garage des Sammlers verschmutzt. Oldtimer muss man regelmäßig bewegen, durch das Stehen passiert mehr als durch das Fahren.“ Mit bis zu 150 Stundenkilometern reizt Wolfgang Höfler seinen E-Type schon mal aus, offiziell ist das europäische Modell 240 Stundenkilometer schnell. „Das Fahrzeug hat eine mittlere Übersetzung, doch wegen der Bremsen fahre ich nicht schneller. Nur die amerikanischen E-Type Modelle sind auf das Cruisen mit 55 Meilen ausgelegt, die kommen bei höheren Geschwindigkeiten schnell ins Kochen“, erklärt der 61-Jährige. Dann hat der Oldtimer-Fan noch einen echten „Filmklassiker“ zuhause: einen Alfa Spider von 1981. Mit so einem roten Italo-Flitzer rauschte 1967 Dustin Hoffmann in der „Reifeprüfung“ davon, nachdem ihn Mrs. Robinson alias Anne Bancroft verführt hatte. „Diese alten Fahrzeuge verkörpern für mich traditionelle Werte, handwerkliches Können und technische Perfektion. Außerdem sind sie stark im Design und daher absolut erhaltens- und erstrebenswert“.

Hund an Bord

Chris Charlton, Austin-Healey 3000 Mk.III (1967)
Chris Charlton, Austin-Healey 3000 Mk.III (1967)
Rostfreudig, zorniger Sound und einen Tiefgang, dass die Ameisen beim Überfahren den Kopf einziehen sollten: der Austin-Healey. Fondmanager Chris Charlton fährt ein solches Roadster-Urvieh, Baujahr 1967, Mark III. Der Wagen besitzt das, wovon fast alle neuen Fahrzeuge zu wenig haben: Charakter. Und zwar so viel, dass ihn Pat Moss, die Schwester der britischen Motorsport-Legende Sir Stirling Moss, wegen seines tückischen Fahrverhaltens mit dem Spitznamen „The Pig“ – „Das Schwein“ – belegte. Chris Charlton hat mehr Glück, für ihn ist der Wagen die Erfüllung eines alten Traums, zärtlich schwärmt er von der Erotik, die das Fahrzeug ausstrahle. Als 20-Jähriger fuhr der Brite einen Triumph Cabrio, an einen Austin-Healey war damals wegen des hohen Preises nicht zu denken. „Natürlich ist mein Wagen heute auch ein gutes Investment, denn die Menge ist begrenzt und jedes erhaltene Fahrzeug steigt im Wert. Und anders als beim Goldbarren kann man diese Wertanlage sogar noch genießen.“ Charltons quirliger Münsterländer Linus tut es ganz offensichtlich, das Tier ist kaum aus dem offenen Wagen herauszubekommen. „Sobald ich den Austin-Healey aus der Garage hole, springt Linus rein und setzt sich in Szene wie ein großer Angeber. Wenn wir dann fahren, streckt er genießerisch seine Schnauze in den Wind.“

Rough and dirty

Orte und Gelegenheiten, in der Region Oldtimer zu sehen, gibt es reichlich. Wochenends auf den Straßen im Vordertaunus, ganzjährig in der Fechenheimer Klassikstadt, wo auf 16.000 Quadratmetern Raritäten vom frühen Automobil bis zu aktuellen Supersportwagen gezeigt werden, außerdem finden sich dort spezialisierte Werkstätten und Händler. Daneben bieten aktive Vereine und Freundeskreise eine Anlaufstelle, etwa der Adler-Motor-Veteranen-Club Frankfurt oder der Chauffeur-Verein Darmstadt. Ab und zu hört man einen „Muscle Car“ lautstark röhren, Sportwagen von Dodge, Ford und Mustang, mit denen sich die US-Jugend in den 60er und 70er Jahren von den Boulevard-Cruisern der Eltern lossagte. Bei diesen coolen Muskelpaketen lauern unter der Haube bis zu 390 PS aus drei Doppelvergasern. „Der Ford Mustang ist ein bisschen rough, ein bisschen böse, er darf ruhig auch mal schmutzig sein, das ist authentischer als nur auf Hochglanz poliert“, findet Modedesigner Daniel Steingrand. Der 45-Jährige fährt einen V8 von 1966, in „Midnight blue metallic“. 1992 sah er den Wagen an einer Frankfurter Tankstelle, durch einen Zufall bot sich die Gelegenheit, ihn zu kaufen. „Ich träumte schon lange von diesem Wagentyp, Form und Design sind sensationell und der eigene Sound fasziniert mich, diese Kraft, dieses satte Blubbern. Wenn ich mit ihm im Sommer auf der B44 in den Rheingau unterwegs bin, kann ich wunderbar entspannen und habe das Gefühl von Freiheit.“ Das „böse Pony“ provoziert, nicht selten legen hochpreisige Neuwagen an der Ampel neben Steingrand einen Kavaliersstart hin, nur um schneller zu sein. Verbrauch? „Darüber spricht man nicht“, lacht Steingrand. „Vielleicht sollte ich mit der Tochter eines Tankstellenpächters liiert sein.“ Apropos. „Meine Freundinnen fanden das Auto immer toll, bislang habe ich aber mit ihm nur befreundete Brautpaare zum Altar gefahren, da fragt man mich gern.“ Bloß keinen Kult ums Auto, ist seine Devise. „Ich bin auch nicht in der Muscle Car-Szene. Ein bisschen Schrauben ja, Tunen nein. In Saulheim bei Mainz gibt es eine Profi-Werkstatt, die sich auf den Mustang spezialisiert hat.“ Dann startet Steingrand den Wagen und der Mustang blubbert dankbar. „Toll, wenn man anschließend nach Öl und Benzin riecht, der Wagen ist der perfekte Ausgleich zum Job.“

Universum der Motoren

Sammlung Hochhut - Mercedes S-Klasse (1973)
Sammlung Hochhut – Mercedes S-Klasse (1973)
Zu Unrecht wenig bekannt ist die Stiftung Sammlung Hochhut, ein wahres Universum der Motoren, mitten im Frankfurter Gallusviertel. In einem völlig unscheinbaren Gebäude werden historische Fahrzeuge und Motoren gezeigt, die durch ihre Schönheit und technische Raffinesse kaum einen Besucher unberührt lassen. Über Jahrzehnte sammelte der Unternehmer Fritz Hochhut einfach alles, was sein Technikherz begeisterte, vom amerikanischen Dampfautomobil von 1902 über Junkers-Motoren bis zum Sinclair C5 Elektroauto von 1985. Schon vor seinem Tod wurde die Sammlung in eine Stiftung umgewandelt, um die tausende Exponate der Öffentlichkeit und der Forschung zugänglich zu machen. „Das Schlimmste, was man so einem alten Auto antun kann, ist Stop-and-go-Verkehr, dann fängt es an zu kochen, damals kannte man ja noch keine elektrischen Lüfter“, erklärt Harry Neumann am Bergmann Piccolo von 1898, 3,8 PS, Frankfurts ältestes zugelassenes Auto. Der Mechaniker-Meister und Kfz-Sachverständige ist so etwas wie die gute Seele der Sammlung, seit Jahren betreut er das Eldorado der Ingenieurskunst. Jedes noch so kleine Detail ist ihm lieb: „Schauen Sie, der Schirmständer war Sonderzubehör, der Fahrer sitzt rechts, das kommt noch von der Kutsche, damit der Lenker auf dem Bürgerstein aussteigen konnte!“ Jedes Fahrzeug hat hier Geschichte(n): „Das ist ein Auto der Marke Wanderer von 1937, gefahren hat ihn der Besitzer der Firma Jöst, die in Frankfurt für ihre Wasserhäuschen bekannt war.“ Dann zeigt Neumann sein neuestes Projekt, einen weißen 450er Mercedes S-Klasse von 1973, V8 Motor. „Wir restaurieren ihn, zwei Tonnen schwer, 100.000 Kilometer auf dem Tacho, von Fritz Hochhut selbst gefahren. Allein der neue Reifensatz kostet uns rund 1.400 Euro.“ Der Jaguar E-Type von 1973 ist schon fertig, „die letzte Auflage mit zwölf Zylindern, für den amerikanischen Markt gebaut, neu lackiert, aber in der Originalfarbe.“ Aus Neugier steigen wir in eine „kleine Zitrone“ – „Petit Citron“ – den Citroën C4 CV Torpedo, Baujahr 1922 – und kapitulieren. Zu lange Beine, um sicher das Lenkrad zu steuern, früher waren die Leute eben kleiner. Beim Abschied bemerkt Harry Neumann unsere Irritation. Was haben nur diese vielen antiken Wäschestampfer in der Sammlung verloren? „Jedes Mal, wenn Herr Hochhut über einen Flohmarkt ging und Ausschau nach alten Motoren hielt, aber nichts fand, kaufte er aus Frust einen Wäschestampfer.“ Es dürften Hunderte sein.