Christoph Mäckler in seinem Büro mit Blick auf Main und Skyline
Christoph Mäckler in seinem Büro mit Blick auf Main und Skyline

Das Leben draußen vor der Tür schien eingefroren zu sein. Die Geschäfte waren geschlossen, der Verkehr ruhte. Stunden-, tage- und wochenlang hockten Familien und Singles in den oft engen Wohnungen. Gearbeitet wurde am heimischen Schreibtisch. Einkäufe erledigte man online. Der Stillstand verführte zum Nachdenken. Für manche Beobachter markiert die Corona-Pandemie einen Epocheneinschnitt, vergleichbar der „Stunde Null“ nach dem Zweiten Weltkrieg.

Während sich die Beschränkungen lockern, entwickeln philosophierende Intellektuelle Ideen zu einer Stadt der Zukunft. Alles müsse sich fundamental verändern, fordern einige Seismografen des Zeitgeistes. Der renommierte Architekt Christoph Mäckler bleibt auch in der Krise Realist. Er glaubt an keinen radikalen Bruch, aber an Chancen – gerade auch für Frankfurt. Von Thomas Zorn

Wir besuchten den geschichtsbewussten Vordenker in seinem Büro am Schaumainkai in Sachsenhausen. Der Frankfurter, der in seiner Heimatstadt vom Opernturm bis zum Neuen Portikus an der Alten Brücke zahllose Projekte realisieren konnte, ist ein Verfechter europäischer Traditionen. Er mag Städte, in denen sich Handel und Wandel entfalten können und die für Begegnungen Raum lassen.

„Wir brauchen jetzt nicht auch noch eine Corona-City.“

Einseitigen Konzepten und Ideologien steht der 69-Jährige skeptisch gegenüber. „Die verkehrsgerechte Stadt nach 1945 ordne ich genauso als Irrweg ein wie aktuell die Smart City, in der alle Tätigkeiten digitalisiert und kontrolliert werden sollen“, sagt Mäckler.

Er warnt vor „journalistischen Kurzschlüssen“ und marktschreierischen Akzentuierungen angesichts der Infektionswelle. Es sei verfehlt, aus der kurzen Erfahrung mit der Viruserkrankung die gewachsenen Einsichten zum Städtebau über Bord zu werfen. „Wir brauchen jetzt nicht auch noch eine Corona-City.“

Er distanziert sich von Positionen, die derzeit en vogue sind. So fordert der Autor Constantin Alexander eine Stadtplanung, die sich auf die „neue Normalität“ einstellt und für Epidemien gerüstet ist. Dazu gehörten Hygieneschleusen an Bahnhöfen, Flughäfen und vor wichtigen Gebäuden. Alexander will die Stadt als ganzheitliches System verstehen, das sich auf starke Beanspruchungen und gesundheitliche Gefahren einstellen müsse.

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Zeitenwechsel nach Corona

Einen durch Corona forcierten Zeitenwechsel propagiert auch Architekturkritiker Niklas Maak von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. „Digitalisierung“ und „Robotisierung“ würden zu bisher ungewohnten Formen des Zusammenlebens führen, sagt der Journalist voraus. In den USA stürben bereits die Shoppingmalls, beschleunigt durch Covid-19. Verkehr und Konsum würden neu organisiert.

Das habe dramatische Konsequenzen, von denen die Innenstädte besonders betroffen seien. Die Einkaufszentren, die in Zukunft überflüssig würden, müssten für neues Wohnen genutzt werden, statt sie zu Ruinen verkommen zu lassen. Der Journalist fordert Konzepte für einen Wohnungsbau, der sich auf die sehr unterschiedlichen Bedürfnisse einer individualisierten Gesellschaft einzustellen vermag. Wir stünden erst am Anfang eines Prozesses. Viele Flächen würden frei, auch in Bürotürmen.

FOUR – Das geplante Hochhausquartier auf dem ehemaligen Gelände der Deutschen Bank
FOUR – Das geplante Hochhausquartier auf dem ehemaligen Gelände der Deutschen Bank

Maak hat als Gastprofessor für Architektur in Harvard seine Studenten von der amerikanischen Elite-Uni gebeten, Entwürfe für einen „intelligenten Stadtumbau“ vorzulegen. Dort, wo früher eingekauft wurde, könnten aus seiner Sicht WGs für größere Gruppen entstehen. Die überall gleichen „Kisten“ mit geschlossenen Fassaden und Mini-Balkonen, gedacht für Singles oder Kleinfamilien, hätten sich überlebt. Eine „Blütezeit“ erkennt er am Horizont, in der die Städte ihre Vitalität zurückerlangen könnten.

Mehr Menschlichkeit

Mäckler, Direktor des Deutschen Instituts für Stadtbaukunst in Frankfurt, verzieht bei solch pointierten Erzählungen leicht abwehrend das Gesicht. An fundamentale Veränderungen glaubt er nicht. „Die europäische Stadt funktioniert seit Jahrhunderten, obwohl ihr Planer immer wieder neue Moden aufdrücken wollten.“ Dennoch sieht auch er Risiken und zugleich Möglichkeiten für die Stadt.

„In Frankfurt wie beinahe überall schreitet die Gentrifizierung rasch voran“, stellt er nüchtern fest. „Viele können sich keine Wohnung mehr in den Zentren leisten.“ Arm und Reich hätten in den Städten jahrhundertelang eng neben-einander gelebt. Inzwischen gebe es eine klare Tendenz zur Separierung. Selbst Rechtsanwälte oder Ärzte müssten in Vorstädte ziehen.

„Jede Stadt profitiert von Lebendigkeit und Freiheit“

Es könne nicht hingenommen werden, dass Vermögende aus aller Welt sich auf Wohneigentum als lukrative Anlagemöglichkeit stürzten. Deshalb sei es angebracht, sich Gedanken über eine bessere Nutzung von Grund und Boden im Bereich des Wohnungsbaus zu machen.

„Jede Stadt profitiert von Lebendigkeit und Freiheit“, führt er seine Vorstellungen aus. Vielfältige Lebensentwürfe und Ideen benötigten Orte, wo sich die Menschen spontan austauschen und miteinander reden könnten. „Gerade die Corona-Krise hat gezeigt, wie wichtig das Zusammenhalten und die Kommunikation untereinander sind.“ Sogar gemeinsame Konzerte auf Balkonen über die Straße hinweg habe es gegeben. „Natürlich nur in Stadtvierteln, die persönliche Nähe zulassen“, setzt er einschränkend hinzu.

Vom öden Platz zur Piazza?

Die Erweiterung der Gastronomiefläche macht den Opernplatz zur italienischen Piazza
Die Erweiterung der Gastronomiefläche macht den Opernplatz zur italienischen Piazza

Imponiert hat Mäckler, wie Kioske und Take-aways während der Epidemie zu Treffpunkten wurden. Dort holte maskiertes Stadtvolk Kaffee oder Snacks ab und plauderte in gebotener Distanz. Jetzt registriert er aufmerksam, wie in der zweiten Phase die Gastronomen ihre Tische – als Ausnahme für die Krise gedacht – auf die öffentlichen Plätze vorziehen dürfen. Bisweilen beschleiche einen fast schon das Gefühl, man sei in Italien, Frankreich oder Spanien, bekennt er. „Das ist ein spannender Effekt. Die meisten Plätze in Frankfurt sind ohne Aufenthaltsqualität, zu weit und unbehaust.“ Nun würden sie zu Stätten der Begegnung, wo man die wieder aufkommende Freude am Leben genieße. „Das ist ein Fanal.“

Der Rathenauplatz 2020 - Orangene „Hipster-Kringel“ sollen temporär die Aufenthaltsqualität auf dem Platz verbessern.
Der Rathenauplatz 2020 – Orangene „Hipster-Kringel“ sollen temporär die Aufenthaltsqualität auf dem Platz verbessern.

Der Schinkel-Preisträger, der die Stadtbaumeister des 19. Jahrhunderts sehr schätzt, hätte sich schon vorher gewünscht, dass sich die Stadt Frankfurt für ihre Plätze engagiert. Das Musterbeispiel einer Ödnis ist für ihn die Abfolge von Rathenau-, Goetheplatz und Roßmarkt. „Immer wieder ist mal etwas versucht worden, ohne dass sich wirklich etwas positiv verändert hätte.“ Die dort angepflanzten Bäumchen seien zu mickrig und wie von der Stange, das grau-schwarze Pflaster zu trist. Ein beiger Kiesboden, wie er in den Frankfurter Parks zu finden sei, würde schon deutlich freundlicher aussehen, glaubt Mäckler.

„Etwas Verkehr kann durchaus zur Urbanität beitragen. Wer alle Autos aus der Stadt verbannen will, zerstört den Einzelhandel nachhaltig.“

Der Professor für Städtebau an der Technischen Universität Dortmund hatte einmal angeregt, die Riesenfläche mit einem Bauwerk zwischen Goethe- und Rathenauplatz zu unterteilen. Das hält er noch immer für eine gute Idee.

Der Rathenauplatz um 1900
Der Rathenauplatz um 1900

Frankfurt habe sich leider allzu oft mit seinen Schwächen arrangiert. Dazu gehört nach Mäcklers Ansicht auch die Verkehrsführung. Im Zentrum wechselten sich noch immer breite Autotrassen mit Fußgängerzonen ab. Ein solches Verkehrssystem sei veraltet. Inzwischen sei jedoch einiges in Bewegung geraten. Ausdrücklich nimmt der streitbare Geist Bezug auf die Römer-Debatte um die künftige Gestaltung der Berliner Straße und des Mainkais. „Etwas Verkehr kann durchaus zur Urbanität beitragen“, glaubt er. „Wer alle Autos aus der Stadt verbannen will, zerstört den Einzelhandel nachhaltig.“

Behutsame Verkehrsführung

Den Vorschlag von SPD-Planungsdezernent Mike Josef, die Berliner Straße auf je eine Spur zurückzubauen, findet Mäckler im Prinzip gut. Wenn dafür auf dem Mainkai die Sperrung für Kraftwagen aufgehoben würde. Dazu könnten Radspuren und breite Fußgängerwege eingerichtet werden. Insgesamt werde der Verkehr auf diese Weise gleichmäßiger verteilt. Wichtig sei, endlich die Barriere zu beseitigen, mit der die Altstadt seit der Nachkriegszeit vom Main und der Einkaufszone abgetrennt worden sei.

Sogar Zeil und Schillerstraße möchte der Querdenker wieder für den Autoverkehr öffnen. „Das lässt sich ohne Probleme machen.“ Kleine Geschäfte würden davon profitieren, ist Mäckler überzeugt. An den Samstagen könne dann die Zeil ruhig ganz für den Autoverkehr gesperrt werden. Ohnehin nehme die Bedeutung des klassischen Autoverkehrs in den Innenstädten ab. Viele Bürger seien schon auf Fahrrad, Roller oder Carsharing umgestiegen. „Wir dürfen den Klimawandel nicht außer Acht lassen“, mahnt er.

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Gründerzeitviertel als Vorbild

Die Gründerzeitviertel – ob Bornheim, Sachsenhausen oder Nordend – faszinieren ihn. „Wir brauchen in Neubauquartieren eine ähnlich hohe Bebauungsdichte wie damals“, lautet sein Credo. „Wenn alle in die Altbauviertel streben, warum baut man dann heute nicht wieder so wie vor 120 Jahren?“ fragt er. Ihre Popularität verdankten diese Quartiere den wohlproportionierten Straßen und Platzräumen sowie den abwechslungsreichen Fassaden. „Die Bewohner lieben die originellen Läden und die gelebte Nachbarschaft.“

Uniformität und Tristesse an der Europaallee
Uniformität und Tristesse an der Europaallee

Die Isolierung, über die viele im Zusammenhang mit Corona klagten, sei hier nicht anzutreffen. In den zahlreichen Innenhöfen versteckten sich Kneipen, Restaurants, Handwerksbetriebe oder Arztpraxen. „Die Buntheit steht in krassen Gegensatz zu den immer noch angesagten Retortenquartieren wie dem Europaviertel, wo die Leute in ihren oft teuren Apartments wie abgeschottet sind.“

Das Geheimnis liegt laut Mäckler in der atmosphärischen Verdichtung. Die heute gerade außerhalb der Innenstädte üblichen Häuserzeilen böten keinen eingefassten Straßenraum und keine Bühne mehr, auf der sich die Bewohner präsentieren könnten. Er appelliert an den Bundestag, die Baugesetze zu verändern. Dann könne wieder so kompakt gebaut werden wie in der Belle Époque. „Obendrein verschafft ein Kiez mit vielen Einwohnern den Gewerbetreibenden die Möglichkeit, genug Kunden zu finden.“

Nach wie vor ist Christoph Mäckler mit zig Vorhaben beschäftigt. Wenn er doch einmal etwas Zeit hat, flaniert er durch die Straßen und nimmt dabei Häuser, Geschäfte und Passanten genau in den Blick. Ein Büchlein für Skizzen führt er immer mit sich. Der Professor mag das Authentische, das auf den ersten Blick vielleicht recht unscheinbar wirkt.

Sich verzaubern lassen

In Frankfurt ist für ihn die Töngesgasse mit ihren vielen kleinen Geschäften so ein Geheimtipp. Gern macht er Entdeckungen und lässt sich verzaubern. Effekthaschende Bauten mit kühl kalkulierter kommerzieller Ausrichtung langweilen ihn dagegen zutiefst.

Dass er zurzeit das Deutsche Romantik-Museum neben dem Goethehaus realisiert, freut ihn besonders. Es wird ein Erinnerungsort für eine Schlüsselepoche der Geistesgeschichte. Ästhetisch ist das Gebäude der Moderne verpflichtet. Und doch ist es ein Brückenschlag in eine Vergangenheit, in der Produktivität, Originalität und Emotionalität geschätzt wurden. Das passt zu diesem Architekten. Im nächsten Jahr ist die Eröffnung.

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