Neuer Präsident der Goethe-Universität Frankfurt Enrico Schleiff
Neuer Präsident der Goethe-Universität Frankfurt Enrico Schleiff

Vom 1. Januar 2021 an übernimmt Enrico Schleiff das Amt des Präsidenten der Goethe-Universität Frankfurt. Der Professor für Molekulare Zellbiologie der Pflanzen hat viele Pläne für die kommende Amtszeit. Dabei zeigt er sich diskussionsbereit und zugleich pragmatisch. Von Sabine Börchers

An seinen Schreibtisch kommt Enrico Schleiff morgens am liebsten, wenn er leer ist. Dann ist es ihm gelungen, am Abend zuvor alles Anstehende abzuarbeiten. „Wenn doch noch etwas übrig war, habe ich es früher mit nach Hause genommen, damit der Schreibtisch wirklich leer war“, erzählt er. Seit einiger Zeit kommt er gegen die Papierberge allerdings kaum noch an.

Neben seiner Professur am Institut für Molekularbiologie hat er gleich mehrere Direktorenposten in Instituten und Beiräten. Von 2012 bis 2018 war er bereits Vizepräsident der Universität. Heute ist er Vorstandsvorsitzender des FIAS, des Frankfurt Institute for Advanced Studies mit Sitz auf dem Riedberg, wo derzeit noch sein Schreibtisch steht. Das Institut ermöglicht es, dass Forscher unterschiedlichster Disziplinen gemeinsam an einem Projekt arbeiten.

Auch künftig wird sich Enrico Schleiff an den Anblick eines gut gefüllten Schreibtisches gewöhnen müssen, selbst wenn er den Posten des FIAS-Chefs zum Jahresende abgibt. Das Amt des Präsidenten der Goethe-Universität mit rund 60.000 Angehörigen sei ein Fulltime-Job, sagt er und erläutert zugleich seinen Rückzug im FIAS. „Als Unipräsident habe ich automatisch einen Sitz im FIAS-Stiftungsrat. Das ist dessen Aufsichtsrat, da ist es nicht möglich, gleichzeitig einen Vorstandsposten zu haben.“ Er bleibe dem Institut aber als sogenannter „Fellow“ verbunden, schon allein, weil einige seiner Projekte weiterlaufen und er noch Promotionen begleitet.

Enrico Schleiff: International & regional

Darüber hinaus hat er sich für seine Amtszeit als Präsident einiges vorgenommen. Sichtbarer soll die Goethe-Uni werden, vor allem international, um ein noch attraktiverer Studienort für Interessenten aus dem Ausland zu werden. „Ich würde gerne eine „International Goethe-University“ gründen, um fachübergreifend Dinge in der Lehre zusammenzuführen und die Leuchttürme der internationalen Zusammenarbeit weiterzuentwickeln.“ Auch über das Studium hinausgehende Kompetenzen könnten dort vermittelt und Angebote wie Mentoring, Coaching, Deutschkurse bis hin zur Hilfe bei der Wohnungssuche zentral organisiert werden.

In der Stadt will er die Universität ebenfalls noch präsenter und vor allem exzellenter machen. Er wünsche sich, dass auf dem Ortsschild, wenn er nach Frankfurt reinfahre, künftig Wissenschaftsstadt stehe. Dass der Versuch, die Goethe-Uni zu einer der deutschen Exzellenz-Universitäten in der Initiative des Bundes zu machen, vor drei Jahren gescheitert ist, hat er dabei im Blick. „Wir müssen zunächst das Verständnis bei allen entwickeln, dass wir in Forschung und Lehre exzellent sind, dann können wir uns um den Titel bewerben“, findet er und sieht viel Potenzial dafür.

„Da, wo Spitzenforschung gemacht wird, siedeln sich auch Unternehmen an. Wir müssen für sie ein kreatives Umfeld schaffen“ – Prof. Dr. Enrico Schleiff

Unter anderem will er die Zusammenarbeit mit externen Spitzenforschungsinstituten, von denen es viele im Rhein-Main-Gebiet gebe, dafür stärken. „Denn da, wo Spitzenforschung gemacht wird, siedeln sich auch Unternehmen an. Wir müssen für sie ein kreatives Umfeld schaffen.“

Als Zellbiologe hat Schleiff auch bei seinem neuen Posten die kleinste Einheit des Systems im Blick, die Mitarbeiter der Universität. „Wir haben so viele tolle Leute hier, mir ist es wichtig, die verschiedenen Fachkulturen zu würdigen, ihre Kernkompetenzen zu stärken. Ich möchte, dass sie gehört werden.“ Immer wieder betont er im Gespräch, die Menschen, mit denen er arbeitet, zu überzeugen, sie mitnehmen zu wollen.

Das gilt auch für die beiden Leitungsgremien der Uni, den Senat und den Hochschulrat, die sich bei der Wahl zum neuen Präsidenten über das Prozedere und die Anzahl der Kandidaten so uneins waren, dass einige der Senatsmitglieder ungültige Stimmen abgaben und die amtierende Präsidentin Birgitta Wolff, Schleiffs Gegenkandidatin, schließlich nach dem zweiten Wahlgang ihre Kandidatur zurückzog.

Für ihn stimmten am Ende 18 von 34 der Wahlberechtigten. „Ich bin aber fest davon überzeugt, dass alle Mitglieder des Senats ein Interesse daran haben, die Universität weiterzuentwickeln“, sagt er. Sein Konzept, das er für die Bewerbung auf den Posten vorlegen musste, sei nicht in Stein gemeißelt. Vielmehr sieht er es als Gesprächsangebot, über das man ehrliche Diskussionen führen könne. „Wir leben in einer Demokratie, in der Entscheidungen im Sinne der Mehrheit getroffen werden.“

Enrico Schleiff: Kindheit in der DDR

Als Enrico Schleiff ein Kind war, war das anders. Er wurde 1971 in Luckenwalde, einer Kleinstadt südwestlich von Berlin, in eine Bauernfamilie hineingeboren. Er erlebte dort die DDR mit ihren politischen Organisationen, den Fahnenappell der Pioniere, die Blauhemden der FDJ, aber auch eine große Freiheit auf dem Lande und eine besondere Gemeinschaft.

Als einer der Besten in seiner Klasse erhielt er die Möglichkeit zu studieren, während sein Bruder auf dem Hof blieb und ihn bis heute führt. „Mir wurde sogar ein Studienplatz im Ausland angeboten, für den ich ein zweitägiges Aufnahmeverfahren absolvieren musste“, erzählt er. Statt seiner ersten Wahl, der Informatik oder Mathematik, musste er, den Regeln des Systems folgend, dafür Kernphysik studieren. Also ging er 1990, nachdem er zuvor Tschechisch gelernt hatte, an die Universität in Prag. „Das ist der Grund dafür, dass ich keine Wendeerfahrung habe. Ich habe nur gesehen, welchen Einfluss der Mauerfall auf die tschechische Republik hatte.“ Und auf ihn persönlich.

Während er anfangs mit einem Leistungsstipendium der DDR in Höhe von 200 Ostmark auskommen musste, erhielt er am Ende des Studiums Bafög. „Das war mehr wert als das, was meine Professoren verdient haben.“ Noch vor dem Ende seines Studiums wechselte er zum ersten Mal die Universität. Weil er nach der Wende unsicher war, ob ein osteuropäischer Studienabschluss anerkannt werden würde, ging er nach Mainz. Dort hatte er endlich die Freiheit, in andere Fachbereiche hineinzuschnuppern.

Er entdeckte seine Faszination für die Biophysik und entschied sich zum ersten Fachwechsel. Weil aber der einzige Professor für Biophysik wegging und ihn niemand anderer in Mainz prüfen konnte, empfahl man ihn an die deutsche Biophysikalische Gesellschaft und so ging er kurzerhand nach Basel, um seinen Abschluss zu machen. „Dort stellte mir ein Professor eine total spannende Frage: Wie werden Signale in einer Zelle weitergeleitet? Also arbeitete ich am biochemischen Labor mit und das machte so viel Spaß, dass ich entschied, bei diesem Fachbereich zu bleiben.“

Das Hörsaalzentrum auf dem Campus Westend
Das Hörsaalzentrum auf dem Campus Westend

Seinen Doktor machte er schließlich 1999 im kanadischen Montreal, ging dann als wissenschaftlicher Mitarbeiter nach Kiel und fünf Jahre nach München, wo er sich habilitierte. Sein Fachgebiet, die Zellbiologie, fasziniert ihn bis heute, auch wenn ihm nach dem Antritt des Fulltime-Jobs Unipräsident dafür kaum Zeit bleiben dürfte. Sobald er über das Thema spricht, ist ihm die Leidenschaft anzumerken: „Die grundlegende Frage ist immer, wie verhält sich eine Zelle, ob es nun Krebs betrifft, Covid-19 oder eine Pflanze.“

Aktuell beschäftigt sich sein Team mit der Frage, wie Pflanzen auf Stress reagieren. Und das mit einem sehr realen Hintergrund. „Wir haben eine globale Erwärmung, Waldsterben, große Verluste in der Landwirtschaft und müssen Antworten darauf finden“, sagt er und kann durchaus persönliche Erfahrungen vorweisen, wenn er von seinem Bruder erzählt, der seine Felder im besonders von Trockenheit betroffenen Bundesland Brandenburg bewirtschaftet.

Zunächst ging es den Forschern darum, die Schaltstellen zu identifizieren, die Einfluss auf das Reaktionsvermögen der Pflanzen haben. Wenn die Zellen in den Pflanzen bei Stress umprogrammiert würden, müsse man nach einer Sorte suchen, die an diesem Punkt eine höhere Toleranzstufe aufweise und die möglichst gleich multiple Stressphänomene überstehe, erläutert er die praktische Anwendbarkeit dieses Ansatzes.

„Ich löse lieber Probleme, als dass ich sie zu Tode analysiere.“ – Prof. Dr. Enrico Schleiff

Auch wenn die Biologie viel Teamarbeit erfordere, man könne individueller arbeiten als bei physikalischen Experimenten, die immer eine Gruppenaufgabe seien, hebt Enrico Schleiff die Vorteile seines heutigen Fachgebietes hervor. Ihm ist es wichtig, in seinem eigenen Tempo arbeiten zu können, auch wenn er jemand sei, der sehr viel arbeite. Entspannung findet er dann vor allem bei seiner Familie. „Meine Frau ist Handwerksmeisterin, meine Tochter derzeit studienplatzsuchend“, erzählt er. Beide seien sein Rückhalt und könnten ihn mit nur wenigen Fragen aus dem Forscheruniversum in die Realität zurückbringen.

Ein Wissenschaftler im sprichwörtlichen Elfenbeinturm ist Enrico Schleiff aber ohnehin nicht, das macht er im Gespräch schnell klar. Seine Herkunft habe ihn einen gewissen Pragmatismus gelehrt. „Ich löse lieber Probleme, als dass ich sie zu Tode analysiere.“


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