Familienunternehmer Gregor Meyer
Familienunternehmer Gregor Meyer

Familienunternehmen bilden mit einem Anteil von 90 Prozent das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Darunter sind große Konzerne wie Volkswagen, aber auch viele klassisch-mittelständische Betriebe. Wie Studien zeigen, sind Häuser mit persönlichen Eigentümern in Krisen oft widerstandsfähiger als rein kapitalgetriebene Gesellschaften. Sie überzeugen mit Integrations- und Innovationskraft. Entscheidende Weichenstellungen können schnell erfolgen. Leitet ein Inhaber die Geschäfte, meidet er in der Regel gefährliche Risiken zugunsten von längerfristigen Entwicklungen. Ein ewiges Problem bleibt die Bestimmung der Nachfolge. An dieser Frage entzünden sich immer wieder spektakuläre Konflikte. Wir stellen drei Familienunternehmen aus dem Rhein-Main-Gebiet vor, die ihre Firma reibungslos übergeben wollen. Von Thomas Zorn

Bei „Arno Arnold“, einem Hersteller von Schutzabdeckungen für Industriemaschinen in Obertshausen, haben sich das Unternehmer-Ehepaar Wolf Matthias Mang und Simone Weinmann-Mang auf den Übergang vorbereitet. Seit 1984 sind die beiden Geschäftsführer. Seit mehr als 150 Jahren steht der Name Arno Arnold für beschwingten Konstruktionsgeist. Ursprünglich produzierten Simone Weinmann-Mangs Vorfahren das Tango-Instrument Bandoneon. Sie wurden damit Weltmarktführer. Das Markenzeichen war ein doppeltes A, das Argentinier noch heute zum Schwärmen bringt. Wunderschöne Exemplare in einem zur Fabrik gehörenden Museumsraum erinnern an die legendäre musikalische Vergangenheit. Das letzte Instrument verließ 1971 die Werkshalle.

Wolf Matthias Mang mit Isabelle Mang und Simone Weinmann-Mang
Wolf Matthias Mang mit Isabelle Mang und Simone Weinmann-Mang

Die Wahl gelassen

Die Hinwendung zum Maschinenbau bahnte sich bei Arnold bereits 1930 an. Damals schützte das Reichspatentamt unter der Nummer 494994 das geistige Eigentum der Firma an einem harmonikaförmig gestalteten Balg, mit dem Führungsbahnen an Werkzeugmaschinen abgeschirmt wurden. Viele weitere Patente folgten. Wohl deshalb wollte Isabelle Mang als kleines Mädchen Erfinderin werden. Seit Januar 2020 gehört die 27-Jährige mit zur Geschäftsleitung. „Wir wohnen ganz in der Nähe des Betriebs und sie ist praktisch mit unserer Arno Arnold GmbH aufgewachsen“, erzählt die Mutter. „Früh war sie neugierig auf all das, was wir dort machen.“

„Meine Eltern haben mir trotzdem die Wahl gelassen“, so die Tochter. Vor rund fünf Jahren sei im Familienkreis überlegt worden, ob jemand aus der Familie die Tradition fortsetzen wolle. Isabelle zeigte Interesse, wollte aber zunächst eigene Erfahrungen sammeln.

Bandeoneon „Doble A“ von Arnold
Dieses Bandeoneon „Doble A“ von Arnold verwendete der berühmte Tango-Komponist Astor Piazzolla bei seinen wichtigsten Konzertauftritten. Der Faltenbalg des Instruments war die Inspiration für Schutzabdeckungen für Werkzeugmaschinen, die das Unternehmen Arno Arnold GmbH heutzutage fertigt.

Auch Bruder Constantin, promovierter Volkswirt und bei einer Beteiligungsgesellschaft tätig, bleibt in die familiären Geschäfte eingebunden. Er bringt sich beratend ein – auch bei der fränkischen Oechsler AG, einem Spezialisten für 3D-Druckverfahren. Vater Wolf Matthias sitzt dort dem Aufsichtsrat vor. Oechsler wurde von seinem Ur-Ur-Großvater gegründet und fertigt intelligente Kunststoffprodukte unter anderem für die Automobil- und Sportartikelindustrie sowie für die Medizintechnik. Oechsler produziert in Deutschland, aber auch in China, Rumänien, Mexiko, den USA und Vietnam. Beide Unternehmen der Mangs wachsen, sind erfolgreich und profitieren gegenseitig von ihren Ideen.

Christliche Werte

Den Kindern wollten die Eltern Orientierungen mitgeben. „Sie teilen unsere christlichen Werte“, stellen sie heute zufrieden fest. Geld zu verdienen sei nicht alles im Leben. Es komme auf Überzeugungen an. Grundvoraussetzung sei, die Menschen zu respektieren, mit denen man arbeite und Geschäfte mache.

Die ersten Monate bei Arno Arnold hat Tochter Isabelle dazu genutzt, tief in die Firma einzutauchen. Sie kam von einem der spektakulärsten Unternehmen der Welt. Nach dem Master in Betriebswirtschaft war sie in der europäischen Google-Zentrale in Dublin gelandet. „Die Zeit dort war total spannend“, meint sie rückblickend. Sie habe jede Menge mitbekommen, zum Beispiel wie Prozesse gesteuert werden können, wie man kommuniziert und motiviert. Doch nach zwei Jahren hatte sie das Gefühl, genug gelernt zu haben, um nun im elterlichen Betrieb anfangen zu können.

Isabelle Mang sieht darin keinen Sprung von der großen weiten Welt in die hessische Provinz, sondern nur einen Szenenwechsel. Sie strahlt Begeisterungsfähigkeit aus und bevorzugt ihren eigenen Stil. Von den Mitarbeitern lässt sie sich duzen. Zunächst hat sie jeweils für einen Tag alle Arbeitsplätze im Betrieb kennengelernt.

„Schnell zu handeln habe ich bei Google gelernt.“ – Isabelle Mang

Gemeinsam mit dem Vater teilt sie sich das Büro, das sie komplett umgestalten durfte. Die klassischen Möbel flogen raus, um zu markieren, das sich etwas geändert hat. Die Eltern freuen sich über den Schwung der Tochter. Auf die Corona-Pandemie reagierte die Junior-Chefin sofort mit einem kleinen Start-up, das in ganz kurzer Zeit Visiere und „Arno Care Pockets“ für Masken auf den Markt brachte. „Schnell zu handeln habe ich bei Google gelernt“, erläutert sie.

Verteilte Aufgaben

Die Aufgaben sind bei den Mangs verteilt. Die Mutter, eine ausgebildete Juristin, verantwortet PR und Marketing sowie den Personalsektor. Der Vater hat sich um die übrigen Bereiche gekümmert. Allmählich übernimmt die Tochter seinen Part. Ob Junior oder Senior spiele bei den Entscheidungen keine Rolle mehr, heißt es übereinstimmend.

„Gerade jetzt in der Corona-Phase spüren wir, wie gut uns Isabelles Optimismus tut“, bemerkt Mutter Simone. Sie versetze ihre Umgebung einfach in gute Laune. „Wir sind froh, dass die nächste Generation in unsere Fußstapfen tritt“, resümiert der 63-jährige Wolf Matthias Mang. Der Präsident der hessischen Unternehmerverbände hält es für gefährlich, wenn die Älteren in Familienunternehmen nicht weichen wollen. „Wir brauchen frischen Wind und neue Im-pulse.“ Irgendwann lasse die Gestaltungskraft auch bei charismatischen Unternehmern nach.

Laut Handelsblatt sind die Familienunternehmer von morgen sehr gut ausgebildete Teamplayer, die kein Problem damit haben, die Firma zusammen mit angestellten Führungskräften oder weiteren Familienmitgliedern zu führen. Unternehmerkinder finden es zunehmend attraktiv, im angestammten Haus Verantwortung zu übernehmen. Mehr als 500 Sprösslinge wurden Anfang 2020 vom Friedrichshafener Institut für Familienunternehmen befragt. 70 Prozent gaben an, dass sie dort spätestens mit 40 eine wichtige Rolle übernehmen wollten. Vor einer Dekade lag die Quote gerade einmal halb so hoch.

„Erst wenn alle an einem Tisch sitzen und wieder vernünftig miteinander reden, können dauerhafte vertragliche Lösungen und ein gerechter Vermögensausgleich gefunden werden.“ – Sabrina Rokuss

Dennoch sind glatte Übergänge bei der Nachfolge nicht selbstverständlich, weiß die Frankfurter Notarin und Rechtsanwältin Sabrina Rokuss. Die Fachanwältin für Gesellschafts- und Steuerrecht hat sich zur Mediatorin ausbilden lassen. Sie traut sich zu, die Dynamiken innerhalb von Familien während kritischer Phasen ausgleichen zu können. „Wenn erst einmal Streit herrscht, lässt sich das nicht allein rechtlich regeln“, meint die Juristin. „Erst wenn alle an einem Tisch sitzen und wieder vernünftig miteinander reden, können dauerhafte vertragliche Lösungen und ein gerechter Vermögensausgleich gefunden werden.“

Notarin und Fachanwältin Sabrina Rokuss
Notarin und Fachanwältin Sabrina Rokuss

Je mehr Personen ins Spiel kämen, desto schwieriger werde es oft, berichtet Rokuss weiter. Mehrere Ehefrauen, Kinder aus unterschiedlichen Beziehungen und auseinanderstrebende Vorstellungen zur Vermögensaufteilung machten das Ausbalancieren der Interessen kompliziert. Auch die steuerlichen Aspekte müssten zusammen mit Steuerberatern immer mitbedacht werden. „Niemand soll schließlich in Fallen laufen.“

Wie man Streit vermittelt

Reinhard Lutz von der Münchner Wirtschaftskanzlei Lutz Abel hat diagnostiziert, dass viele Firmeninhaber die Tendenz hätten, so lange wie möglich die Schalthebel zu besetzen. Irgendwann sei es dann zu spät für einen geordneten Übergang. Wer es versäume, klare Anweisungen zu hinterlassen, gefährde sein Lebenswerk. Lutz hat ein Standardwerk über den „Gesellschafterstreit“ geschrieben.

Kämpfe in den Häusern Porsche und Piech, bei Tönnies, Albrecht oder Darboven haben viele Mittelständler abgeschreckt. Am besten, es kommt gar nicht erst so weit. Immer mehr Familienunternehmer sehen in einem allmählichen Übergang die Lösung. Günter Hildmann, Inhaber des Frankfurter Traditionshauses Betten-Zellekens, ist Vater von zwei Söhnen. Einer ging früh seinen eigenen Weg, studierte Maschinenbau, war Dozent an der ETH in Zürich und ist jetzt als Unternehmensberater tätig. Seinen zweiten Sohn Bardo konnte der Vater für das Geschäft gewinnen. „Im Teenageralter habe ich schon ausgeholfen“, sagt der künftige Nachfolger.

Günter und Bardo Hildmann (Betten Zellekens)
Günter und Bardo Hildmann (Betten Zellekens)

Später als Betriebswirtschaftsstudent jobbte der junge Hildmann immer wieder bei Betten-Zellekens und lernte das Unternehmen gut kennen. Danach arbeitete er zunächst in einem IT-Unternehmen, ehe er vor sieben Jahren bei der Firma seines Vaters anheuerte. Inzwischen ist der 38-Jährige Mitglied der Geschäftsführung und leitet Verkauf und Wareneinkauf. „Ich wollte die Firma an einen Sohn weitergeben“, sagt Günter Hildmann. Er hatte das Bettenhaus vom Vorbesitzer im Jahr 1985 gekauft und danach mit großer Tüchtigkeit neu aufgestellt.

„Wenn du viel Herzblut investiert hast, möchtest du, dass es weitergeht.“ – Günter Hildmann

Herzblut investiert

„Wenn du viel Herzblut investiert hast, möchtest du, dass es weitergeht“, bekennt Günter Hildmann. Demnächst will er seinem Sohn Bardo Anteile übertragen. Aber einige Zeit werde er noch aktiv weitermachen, kündigt der 74-Jährige an. Die Weichen für die Übergabe sind jedoch gestellt.

„Du musst immer besser sein als die großen Möbelhäuser“, lautet das Motto von Betten- Zellekens. Die Hildmanns sind stolz darauf, mit dem Cityhaus in der Frankfurter Sandgasse 6, dem vor gut zwei zweieinhalb Jahren eröffneten Fachgeschäft in der Fußgängerzone von Bad Homburg und dem neuen repräsentativen Flaggschiff an der Hanauer Landstraße, nun gleich drei Vorzeigeadressen zu haben. Die Umstrukturierung wurde gemeinsam – auch mit der Prokuristin Manuela Breker – beschlossen. Bardo Hildmann ist überzeugt, dass sich gut geführte Fachgeschäfte mit einem breiten Produktangebot wie Betten-Zellekens („wir haben sogar einen Physiotherapeuten sowie eine Innenarchitektin in der Kundenberatung“) auch in Zukunft behaupten werden.

Start aus den Ruinen

Generell denken heute Unternehmerkinder sehr gründlich darüber nach, ob sie die Tradition ihrer Familien fortsetzen sollen. Gregor Meyer vom Catering-, Feinkost- und Gastronomieunternehmen Meyer wachsen deshalb keine grauen Haare. Der Frankfurter hat drei minderjährige Söhne – 15, 8 und 6 Jahre alt. „Schauen wir mal, was sich ergibt.“

Angefangen hat es 1948. Damals eröffnete Großvater Gottlieb eine Metzgerei in Sachsenhausen. Er kam als Zweitgeborener von einem fränkischen Bauernhof in das stark zerstörte Frankfurt. Direkt nach dem Krieg glaubte er an seine Chance. Seinen Laden errichtete er in einer Kriegsruine an der Schweizer Straße. Es wurde das heutige Stammhaus.

Freien Lauf lassen

Später übernahm Sohn Willi das Geschäft und baute es aus. Ein Meilenstein wurde der „Partyservice“, den er in den achtziger Jahren startete. Dann folgte 1993 der Laden an der Freßgass. Seine Kinder halfen ganz selbstverständlich mit und standen schon als Zwölfjährige an den Samstagen hinterm Ladentresen in Sachsenhausen. Irgendwann entschieden sich die beiden älteren Schwestern gegen das Geschäft. „Unser Vater hat uns da völlig freien Lauf gelassen“, erinnert sich Gregor Meyer.

Er selbst absolvierte nach dem Abitur eine Lehre als Koch in einem feinen Hotelrestaurant in München, das mit einem Stern ausgezeichnet worden war. Nach der Ausbildung begann er ein Betriebswirtschaftsstudium in der Heimatstadt. Parallel betraute ihn der Vater immer stärker mit Aufgaben in der Firma. Als man 1996 in der Freßgass „Meyer’s Restaurant & Bar“ eröffnete, wurde dies Gregor Meyers Baby. Der Erfolg stellte sich sofort ein, auch wenn er anfangs von Kinderkrankheiten begleitet war. „Jeder neue Prozess braucht Zeit, ehe alles in-einander greift“, resümiert der 49-Jährige, der gern bei jedem Vorhaben das wirtschaftliche Umfeld analysiert.

Ab Mitte der 90er-Jahre arbeiteten Vater und Sohn gemeinsam an der Spitze des expandierenden Hauses. 2008 verabschiedete sich der Senior ins Privatleben. Schon 1999 hatte sich das „Holbein’s“ am Städel etabliert. 2011 nahm „Die Werkskantine“ (mit Partner Thomas Haus) in der Klassikstadt den Restaurantbetrieb auf. Es entstanden eine Kochschule, vier Läden am Airport und ein Deli im Westend. Der Cateringservice und die Events florierten.

„Wir müssen darüber nachdenken, ob wir so wie vorher weitermachen können oder ob wir uns verändern müssen.“ – Gregor Meyer

Handfeste Ausbildung

„Wir haben in all den Jahren gut verdient“, konstatiert Gregor Meyer. „Aber die Pandemie ist eine Herausforderung.“ Bei Event und Catering sowie der Kochschule sei es im Moment schwierig. „Da mussten wir Kurzarbeit anmelden.“ So etwas kannten die Meyers bisher nicht. Aber die Corona-Zeit werde vorbeigehen, versichert der Unternehmer der dritten Generation. „Wir müssen darüber nachdenken, ob wir so wie vorher weitermachen können oder ob wir uns verändern müssen.“

Übernimmt jemand? Louis, der Älteste, arbeitet schon gelegentlich mit. Aber das heiße nicht viel. „Wir möchten nur, dass unsere Söhne vor dem Studium eine handfeste Ausbildung machen.“ Das sei erst mal ein guter Start. „Wer einsteigt, muss auf jeden Fall Leidenschaft und Talent für unser Geschäft mitbringen“, sagt Gregor Meyer. „Wir möchten unseren Kindern auf keinen Fall etwas aufzwingen, was ihnen nicht behagt.“

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