Die Fashion Week Frankfurt-Macher Jörg Arntz und Anita Tillmann mit Detlef Braun
Die Fashion Week Frankfurt-Macher Jörg Arntz und Anita Tillmann mit Detlef Braun

Es glich einem Paukenschlag in der Stadt, als Anita Tillmann und Jörg Arntz vor wenigen Wochen ankündigten, die Fashion Week im nächsten Jahr in Frankfurt zu etablieren. Gemeinsam mit dem hiesigen Messe-Geschäftsführer Detlef Braun wollen die Chefs der Premium Exhibitions GmbH die Modewoche noch internationaler und größer machen. Dabei harmonieren die drei Veranstalter bestens. Von Sabine Börchers

Es ist nicht die erste Zusammenarbeit zwischen Anita Tillmann und Detlef Braun. Die Initiatorin der Berliner Fashion-Week und der Geschäftsführer der Messe Frankfurt kennen sich seit rund 20 Jahren. Damals, ab der Jahrtausendwende, war Braun Geschäftsführer der Joop! GmbH in Hamburg. Anita Tillmann war im Franchise-Management des Mode-Unternehmens tätig und platzierte Shop-in-Shop-Lösungen. „Es war mein erster fester Job nach dem Studium. Detlef war der kompetenteste und angenehmste Chef, den ich jemals hatte“, erzählt die gebürtige Düsseldorferin.

Es zog sie weiter nach Berlin. Dort arbeitete sie für das Modelabel Kathleen Madden und betreute Kunden wie adidas bei der damals größten Digitalagentur Pixelpark, bis sie sich mit zwei Partnern mit dem Messekonzept der Premium selbstständig machte, die erstmals Damen-, Herren-, Schuh- und Accessoire-Kollektionen im Premium-Segment zusammen präsentierte. „Ich war es damals leid, dass alte weiße Männer in schlecht sitzenden Anzügen die deutsche Mode dominierten“, sagt sie. Mittlerweile veranstaltet sie mit ihrem Co-Geschäftsführer Jörg Arntz weitere Messen wie die Seek und verschiedene Konferenzen.

Jörg Arntz, Anita Tillmann und Detlef Braun haben die Fashion Week nach Frankfurt geholt
Jörg Arntz, Anita Tillmann und Detlef Braun haben die Fashion Week nach Frankfurt geholt

Auch Brauns Zeit bei dem Hamburger Designer dauerte nur drei Jahre. Er ging nach Frankfurt, übernahm die Geschäftsführung von J. Walter Thompson und wechselte dann zur Messe Frankfurt. Doch trotz der räumlichen Trennung haben die beiden sich nie aus den Augen verloren. „Sie hat in Berlin die erfolgreichste europäische Plattform im Modebereich etabliert und wir haben weltweit 60 Textilmessen in unserem Portfolio. Es gab also immer wieder Begegnungen“, sagt Braun, der nicht nur weltweit das mit Abstand größte Textilmessen-Portfolio mit 25.000 Unternehmen aus der Branche führt, sondern auch durch seine Tätigkeit für die Joop! GmbH und zuvor schon für die Marke Lancaster eine Affinität zur Modebranche hat.

Braun steht auch hinter der heutigen Neonyt-Messe für nachhaltige Mode, die bislang parallel zur Premium und Seek in Berlin stattfand. „Wir haben immer gedacht, es wäre sinnvoll, etwas Größeres zusammen zu machen und unsere Formate zusammenzulegen“, erzählt Anita Tillmann, deren Premium Group mittlerweile zu Clarion, einer internationalen Messegesellschaft mit Sitz in London, gehört. Auch wenn sie eigentlich Konkurrenten seien, „aber in diesem Fall ergibt 1 plus 1 nicht nur 2, sondern 11.“ Braun nennt ihre Beziehung „Koopetition“, eine Verbindung aus Kooperation und Konkurrenz. Bei einem waren sie sich jedenfalls schnell einig: Auf die Frage, welches der beste Ort für diese besondere Art der Zusammenarbeit sei, gab es nur eine Antwort: Frankfurt.

Frankfurt: Die internationalste Fashion-Week

„Frankfurt hat die Kaufkraft, die die Modebranche braucht, und die Stadt ist viel cooler als man denkt“, begründet Tillmann die Wahl. Neben der zentralen Lage, die vor allem für internationale Aussteller und Besucher interessant ist, dem großzügigen Messegelände mitten in der Stadt, sind es zudem die kurzen Wege, die sie schätzt. Schließlich will sie die vom 6. bis 8. Juli 2021 geplante Messe in die Stadt hineintragen und möglichst viele Akteure der hiesigen Musik-, Kunst- und Kulturszene, aber auch den Handel mit einbeziehen. Was das angeht, haben es ihr die Frankfurter und Hessen bereits angetan. „Sie sind unheimlich lokalpatriotisch. Dieses Wir-Gefühl und die Bereitschaft, daran teilhaben zu wollen und sich aktiv mit einzubringen, kreiert eine Emotionalität, die wichtig ist für unsere Events.“

„Das Bewusstsein, sich über Mode auszudrücken, ist in Frankfurt groß. Die Affinität ist da und auch das Geld dafür“ – Anita Tillmann

Selbst die Politiker in Stadt und Land seien Feuer und Flamme gewesen, bestätigt Detlef Braun. „Sie haben erkannt, dass es eine Chance für die Stadt ist, ihr Image zu verändern und waren schnell dabei, die Aktivitäten auch finanziell zu unterstützen, damit Frankfurt zur Fashion-Metropole wird.“ Dass viele es der Banken-Stadt am Main nicht zugetraut haben, eine solche Messe anzuziehen, versteht Anita Tillmann gar nicht. „Das Bewusstsein, sich über Mode auszudrücken, ist in Frankfurt groß. Die Affinität ist da und das Geld dafür.“ Auch Berlin habe mal klein angefangen, in einem Zelt am Brandenburger Tor. „In Frankfurt starten wir im Vergleich dazu in einer ganz anderen Größenordnung.“

Die Messe am Main will stärker auf Themen wie Nachhaltigkeit, neue Technologien und Digitalisierung setzen. Es sollen aber auch neue Formate entstehen, die berücksichtigen, dass Mode heute nicht mehr nur elitär ist, sondern durch Social Media und Influencer viel breiter wahrgenommen wird. „Es geht auch darum, nicht nur das bestehende Modepublikum anzusprechen, sondern die nächste Generation. Die ‚GenZ‘ ist so informiert, auch die wollen wir mit Events und Contentformaten abholen.“

Viel bewegt: Fashion Week Frankfurt

Jörg Arntz, Mitgeschäftsführer der Premium Exhibition GmbH und ein langjähriger Freund, ist von Frankfurt ebenfalls überzeugt. Der gebürtige Koblenzer hat sogar schon mal zwei Jahre am Main gelebt. „Wir haben viel bewegt in Berlin“, stellt er fest. „Wir waren aber an einen Punkt gekommen, an dem wir alles erreicht hatten und an dem es Zeit war, den nächsten Schritt zu gehen.“ Die Partnerschaft mit der Messe Frankfurt biete extrem viele internationale Möglichkeiten, die sie alleine nicht hätten.

Die Zielrichtung ist daher klar: „Wir wollen, was Aussteller und Besucher angeht, die internationalste Fashion-Week ausrichten, die es in Deutschland bisher gab.“ Neben den bekannten Messen Premium, Seek und Neonyt will Detlef Braun daher mit seiner Expertise zusätzliche Formate schaffen und Kooperationen mit globalen Messen eingehen. So könnten auch Länder sich beteiligen, deren Designer bisher noch nicht in Deutschland präsentiert wurden.

„Wir wollen die Plattform für die künftigen Größen sein, die in Paris und Mailand solche Möglichkeiten nicht haben“ – Anita Tillmann

Dass es über die Messeveranstaltung hinaus Catwalks unter anderem in der Festhalle und eine Preisverleihung zum Thema Nachhaltigkeit in der Mode geben wird, so viel können die drei bereits verraten. Für alles andere sei es noch zu früh. Wer nun allerdings glaubt, die Frankfurter erleben im Juli nächsten Jahres Modenschauen von Louis Vuitton oder Chanel wie in Mailand oder Paris, den belehren die beiden Veranstalter schnell eines Besseren. „Eine solche Erwartungshaltung wollen wir gar nicht schüren, das gab es in Berlin auch nie“, betont Arntz. Premium und Seek seien schließlich keine Luxusmessen. Sie stehen für Contemporary Fashion, also zeitgemäße Mode und die Trends von morgen.

Das bedeute aber, dass etwa die jungen Talente nach Frankfurt kämen, ergänzt seine Partnerin. „Wir wollen die Plattform für die künftigen Größen sein, die in Paris und Mailand solche Möglichkeiten nicht haben.“ Als Beispiel nennt sie das heute erfolgreiche Modelabel Lala Berlin mit der Wiesbadener Designerin Leyla Piadayesch. Sie habe auf der Premium-Messe damals den Preis für die beste Jungdesignerin bekommen.

Fashion Week Frankfurt will Kreativszene einbinden

Dass die Mercedes-Benz-Fashion-Show signalisiert hat, in Berlin bleiben zu wollen, sieht Anita Tillmann gelassen, und sie will auch gar keine Konkurrenz zwischen beiden Städten heraufbeschwören. „Die Frankfurt Fashion Week (FFW) steht für mehr als nur Catwalks. Es geht um diverse Messeformate, Konferenzen, Shows, Präsentationen, Partys, Awards, Events, und zwar innerhalb und außerhalb des Messegeländes. Das Programm geht über mehrere Tage unter dem Dach der FFW.“ Bei den Designern und Einkäufern auf der Messe erwartet sie dagegen, dass diese nach Frankfurt wechseln werden. „Sie gehen dorthin, wo die Geschäfte gemacht werden.“

Zudem rechnet Anita Tillmann damit, dass viele Marken, die sich auf der Messe präsentieren, auch Veranstaltungen und Präsentationen in der Stadt ausrichten. „Wir haben bereits jetzt Anfragen für Locations von Marken und einige Aussteller suchen schon nach Ladenlokalen, weil sie hier vor Ort Fashion-Stores eröffnen wollen.“ Auch die großen deutschen Verlage für Fashion-Magazine hätten bereits signalisiert, dass sie Empfänge ausrichten würden.

Wenn sich darüber hinaus die Frankfurter Kreativszene, die Fashion-Stores und die Kultur mit einbinden lassen, sodass Designer ihre Kollektionen als künstlerische Inszenierungen oder mit digitalen Mitteln präsentieren können, dann wird die Fashion-Week so bunt, wie Anita Tillmann sie sich vorstellt. „Wir wollen einen Mehrwert für alle Beteiligten schaffen, so werden die Messe und der Standort zukunftsfähig.“ Das werde vielleicht nicht alles beim ersten Mal erkennbar sein, räumt sie ein, „so etwas muss erst wachsen.“ Ähnlich wie die Freundschaft zwischen den beiden Veranstaltern und dem Messechef.

Heute lobt Anita Tillmann den Freund Detlef Braun für dessen Neugier und Offenheit für Neues und dessen Lust am Netzwerken. Er stehe bei jedem großen Fashion-Event in Deutschland auf der Gästeliste. „Ich kenne keinen anderen Messechef im Land, der eine solche Affinität zu Mode hat.“ Deshalb sagt sie am Ende deutlich: „Wenn wir nicht das Vertrauen auf der persönlichen Ebene zueinander hätten, hätten wir das Ganze nicht gemacht. It‘s peoples business.“


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