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Die Frankfurter Skyline aus der Vogelperspektive. Landschaften, blühende Wiesen und Seen. Mal eben nach Sylt fliegen. Wer ein Flugzeug in seiner Freizeit steuert, weiß um die Faszination dieser Fortbewegung. Sie haben Flugbenzin im Blut, jene Privatpiloten, die wir am Frankfurt-Egelsbach Airport trafen. Zwar ist die Flugausbildung kein Pappenstiel, aber für Enthusiasten das Tor zu grandiosen Erfahrungen. Von Dr. Jutta Failing

Aus heiterem Himmel

Die Freiheit. Immer wieder die Freiheit. Fragt man Flieger nach dem, was sie dort „oben“ reizt, hört man immer wieder dieses Wort. Natürlich gelten auch im Luftraum Regeln, so dass die Freiheit doch nicht ganz so grenzenlos ist, wie sie von Reinhard Mey besungen wird. Wer einmal diese Freiheit spürte, so erfahren wir, will mehr. Dann ist die Privatpilotenlizenz der nächste Schritt, vielleicht ein eigenes Flugzeug. Man muss kein Superreicher sein, um sich diesen Traum zu verwirklichen.

Wir schauten uns dort um, wo man das Fliegen lernen kann und in Hangars Sportflugzeuge, Kleinjets und Hubschrauber auf Reisende warten. Die Rede ist natürlich vom Frankfurt-Egelsbach Airport, Deutschlands größtem regionalen Flugplatz. Verzeichnete man hier schon im Wirtschaftswunderjahr 1956 rund 37.000 Flugbewegungen, sind es heute jährlich bis zu 70.000 Bewegungen, die sich auf eine asphaltierte Start- und Landebahn sowie eine kleinere Graspiste konzentrieren.

Auf dem 72 Hektar großen Areal steht nicht nur der Tower, ein großer Gewerbepark mit Luftfahrtunternehmen und luftfahrtaffinen Dienstleistern hat sich unweit der A661 angesiedelt. 700 Menschen arbeiten hier. Fliegen ist Sehnsucht, was der Mensch vermisst, wird in diese Weite hineinprojiziert, warum würden sonst so viele Gäste auf der Terrasse des Flugplatzrestaurants das Kommen und Gehen der Maschinen verfolgen. Kinder, Familienväter, Großeltern, hier träumen alle.

Der Weg ins Cockpit

Dr. Mike Eberle und seine Cessna
Dr. Mike Eberle und seine Cessna

Wir erwischen gutes Flugwetter, viel Blau, Windgeschwindigkeit 15 km/h. Am Vortag, auf dem Rückflug aus dem Rheinland, kam Dr. Mike Eberle noch in den Regen. Für uns holt er seine einmotorige Cessna Pressurized Centurion, Baujahr 1980, aus dem Hangar, wo er einen festen Stellplatz hat. Ist die schöne Privatmaschine nicht sehr alt, haken wir vorsichtig nach. „Einmal im Jahr muss das Flugzeug zum TÜV, einige Teile werden regelmäßig ausgetauscht und zwar bevor sie defekt sein könnten, alles zur Sicherheit“, erklärt der erfahrene Flieger.

An die 120 Stunden im Jahr sitzt der 48-Jährige im Cockpit, „für einen Privatpiloten ist das relativ viel“, sagt er. Nun muss man wissen, dass Mike Eberle mit „der Huddel“, wie seine Frau die Cessna liebevoll nennt, nicht nur in den Urlaub nach Spanien fliegt, sondern sie auch für seine häufigen Geschäftsreisen nutzt, das spart ihm viel Zeit. Zuhause im Rhein-Main-Gebiet, arbeitet er in Hamburg in der Geschäftsleitung einer Traditionsfirma, die jeder Deutsche kennt. Senf, Essig, Gurken, der Sportflieger hat im Lieferkettenmanagement zu tun. Mal eben schnell von Hamburg ins Werk nach Unterfranken und weiter heim nach Egelsbach.

Dr. Mike Eberle im Cockpit
Dr. Mike Eberle im Cockpit

„Ich bin nicht der typische Sonntagsflieger“, sagt er von sich. Wer so unterwegs ist, sollte über den Wolken fliegen dürfen. Mike Eberle besitzt die notwendige Zusatzqualifikation: „Im Anschluss an die Privatpilotenlizenz erwarb ich meine Instrumentenflugberechtigung (IR). Damit darf ich auch bei schlechtem Wetter fliegen, ein Sicherheitsgewinn in Bezug auf das Wetter und im Hinblick auf die Kollisionsgefahr. Über den Wolken, konkret über 3.300 Meter, befindet man sich außerdem im kontrollierten Luftraum und steht unter Radarüberwachung.“

Üben für Turbulenzen

Wohl dem, der in extremen Wetterlagen die Nerven behält. Einen Blitzeinschlag hat Mike Eberle schon hinter sich: „Ich flog damals noch mit einer anderen Maschine und ohne Wetterradar an Bord. Merkwürdigerweise war ich weit entfernt von aktiven Gewitterzellen. Doch wie im Pkw kann bei einem Blitzeinschlag eigentlich nichts passieren. In der Ausbildung lernt man mit solchen Situationen umzugehen. Zudem müssen Piloten jährlich einen Checkflug mit einem Fluglehrer machen, um Notverfahren zu üben.“

Sehen und gesehen werden. Der Frankfurt-Egelsbach Airport besitzt kein Instrumentenlandesystem, hier fliegt man auf Sicht. „Der Tower gibt den Piloten die notwendigen Informationen und betreut sie in der Luft wie am Boden, alles sehr professionell“, schildert uns Mike Eberle und ergänzt: „Fliegerisch ist dieser Platz sicher anspruchsvoller als ein normaler ‚Feld-Wald-Wiesenflugplatz‘.“

Flieger, grüß’ mir den Mond!

„Piloten werden mit Fakten konfrontiert und müssen unmittelbar entscheiden“ – Mike Eberle

Es kommt vor, dass Mike Eberle in die Nacht hineinfliegt. „Südlich von Hannover sieht man schon die glitzernden Lichter von Hamburg. Einmal hatte ich eine unglaublich klare Sicht, den Vollmond über mir, magisch.“ Man kann richtig neidisch werden auf diese emotionale Dreidimensionalität, auch als er erzählt, wie er mit Freunden die Kreidefelsen von Rügen umflog. „Strukturiertes Denken und Entscheidungsstärke sind grundlegend. Piloten werden mit Fakten konfrontiert und müssen unmittelbar entscheiden“, weiß er. Für ihn lief alles rund: Theorieausbildung im Westerwald, die Praxis größtenteils im spanischen Jerez de la Frontera. 2004 hatte er die Lizenz in der Tasche. „In Spanien hat man praktisch jeden Tag Flugwetter, das ist der Vorteil.“

Ausbildung in den USA

Hobbypilot Moritz Klein
Hobbypilot Moritz Klein

Einer, der ebenfalls seine ersten Flugstunden unter heißer Sonne nahm, ist Moritz Klein, Direktor des Luxushotels Steigenberger Frankfurter Hof. Er steuerte über Floridas Küste, machte dort 1998 seinen Flugschein. „Als Kind begeisterte mich die Vorstellung vom Fliegen, und nachdem mir die Mutter einen Rundflug über meine Heimatstadt München geschenkt hatte, wusste ich, genau das will auch können“, erinnert sich der Hotelier. Sechs Wochen Praxis und er kam mit einer US-Fluglizenz zurück. Ausflüge allein oder mit der Familie, mehr nicht, er sieht sich als reiner und „extrem vorsichtiger“ Hobby-Pilot. In Deutschland darf Moritz Klein nur Flugzeuge steuern, die für eine amerikanische Lizenz zugelassen sind, vereinfacht formuliert.

Als Mitglied des Darmstadt Flying Clubs stehen ihm am Airport Egelsbach Vereinsflugzeuge mit US-Zulassung zur Verfügung. Jeans, Turnschuhe, der Wahlfrankfurter mag es bequem im Cockpit. Er fliegt nur auf Sicht, an Bord unterstützt ihn ein GPS. „Es gibt nichts Schöneres, ein tolles Gefühl. Diese Ruhe und die Technik“, schwärmt der 49-Jährige, der zwischendurch gern mal am Flugsimulator eine Boeing steuert. Regelmäßige Gesundheitschecks müssen nicht nur Berufspiloten absolvieren, auch für den Freizeitflieger steht die Sicherheit an oberster Stelle: „In meinem Alter gehe ich alle zwei Jahre zum medizinischen Check, die Augen habe ich mir vor Längerem lasern lassen. Als junger Mann wollte ich Berufspilot werden, was damals an einer Sehschwäche scheiterte.“

Sicher ist sicher

„Wer wirklich den Wunsch hat, lernt fliegen.“ – Moritz Klein

„Total ungefährlich“, antwortet Hoteldirektor Moritz Klein auf unsere Frage nach den mechanischen Risiken. „Das meiste gibt es, anders als beim Pkw, doppelt, etwa die Zündkerzen. Und wenn der Motor tatsächlich ausfallen sollte, fliegt das Flugzeug ja noch eine gewisse Strecke weiter. Als Pilot hat man immer ein Auge dafür, schaut nach Wiesen und ähnlichem, wo eine Landung ohne großen Schaden gelingen kann. In Egelsbach erklärt er uns, was ein Pilot vor dem Abflug geprüft haben muss, „dafür gibt es Checklisten, die man selbst durchgeht, und fehlt Superbenzin, genannt Avgas (Aviation Gasoline), funke ich den Tower an und bitte um Erlaubnis, zum Tanken rollen zu dürfen.

In den USA wird das Tanken für Privatpiloten meist übernommen.“ Freiheit! Auch Moritz Klein empfindet sie in schwindelnder Höhe. „In Alaska fliegen, das ist mein Traum“, verrät er. Das ferne Abenteuer muss noch etwas warten, denn gerade entdeckte er ein neues Hobby für sich: „Ich habe mit Paragliding angefangen, zwar schwebt man dabei nur einige Minuten am Gleitschirm, aber das Gefühl ist unbeschreiblich. Völlig losgelöst.“

Frauen gehen in die Luft

Flugschülerin Clara
Flugschülerin Clara

Auch wenn sich zunehmend Frauen trauen, bleiben sie in der Minderheit. Noch wenig trifft man so junge Flugschülerinnen wie die 20-jährige Clara aus Schwalbach. Die Volkswirtschaftsstudentin hat im vergangenen Jahr ihre Ausbildung beim Rhein-Main Flightcenter am Airport Egelsbach begonnen. Jüngere findet man häufiger beim Segelflugsport, wo man bereits mit 14 Jahren die Flugausbildung beginnen kann. „Ich hatte es mir gefährlicher vorgestellt“, überrascht die Studentin und zeigt ihre moderne Schulungsmaschine. „Eine Woche in Stunden“, war sie bereits oben.

Ihr erster Flug in einer Propellermaschine kam gleichsam mit Schleife, denn es war ein Geburtstagsgeschenk. Kaum über dem Erdboden „funkte“ es sogleich. „Meine Eltern sind total angetan von dem was ich tue, vor allem mein Vater möchte, dass ich ihn mitnehme“, erzählt sie. Rückhalt von der Familie ist auch finanziell notwendig, denn eine Ausbildung kostet im Schnitt rund 15.000 Euro.

Chartert man ab Egelsbach stunden- oder tageweise ein Flugzeug, kommen Kosten hinzu. Lande- und Abstellgebühren sind weitere Posten für lizenzierte Piloten. Gerade mal vier Frauen lernen derzeit das Fliegen im Flightcenter, doch die Männerdomäne bröckelt schon länger. Mehr und mehr Frauen erwerben die Berufspilotenlizenz ATPL (Air Transport Pilot Licence) und führen riesige Passagiermaschinen. Viele begannen ihre fliegerische Karriere mit einer Privatpilotenlizenz. Flugschülerin Clara hat andere Pläne, ihren Job sieht sie nicht in der Luft. „Ehrlich, am liebsten fliege ich für mich.“