Ein seltsames Spekulationsfieber erschüttert von Zeit zu Zeit die Wirtschaft. Als ein Bitcoin im Dezember 2017 mit fast 20.000 US-Dollar gehandelt wurde, fühlten sich Historiker an den ersten großen Hype – die niederländische Tulpenmanie – erinnert. Auf dem Höhepunkt im Jahr 1637 wurde für eine Tulpenzwiebel soviel bezahlt wie für die teuersten Häuser an den Amsterdamer Grachten. Wenig später waren die Zwiebeln fast nichts mehr wert.

Geht es der Kryptowährung Bitcoin ebenso? Anleger sind verunsichert. Die extremen Kursschwankungen sind nichts für schwache Nerven. Im Februar sank die Notierung auf unter 7.000 Dollar. Aktuell sinkt er auf unter 6.000 Dollar. Start-up-Investor und TV-Star Frank Thelen, der mit dem Top Magazin Frankfurt ein Interview über digitales Geld in seinem Bonner Büro mit schönem Rheinblick führte, bleibt dem Bitcoin gegenüber skeptisch. Er besitze keine Substanz, konstatiert der Inhaber der Firma Freigeist Capital.

Für den 42-Jährigen Früh-Phasen-Investor sind Kryptowährungen dennoch die Zukunft. Nicht aber der Bitcoin. Der wurde 2008 erstmals in Dokumenten beschrieben und Anfang 2009 mit den ersten 50 Bitcoins der Öffentlichkeit vorgestellt. Das Zahlungssystem beruht auf der Blockchain, einer Datenbank, die alle Transaktionen verzeichnet. User verwenden die Bitcoin-Wallet-Software und identifizieren sich mit einem privaten Schlüssel. Geht der verloren, gibt es keinen Zugriff mehr auf das eigene Bitcoin-Vermögen. Es ist dann weg – ein Totalverlust.

Mit Bitcoin können Güter und Dienstleistungen im Internet bezahlt werden, auch per Smartphone. Seit 2010 gibt es Wechselkurse zu klassischen Währungen wie Dollar und Euro. Der trotz aller Ausschläge deutliche Aufwärtstrend des Bitcoin über die Jahre hinweg ist zunächst gestoppt. Doch die Währung hat sich auf einem – deutlich niedrigeren – Niveau konsolidiert. elen rechnet damit, dass der Bitcoin irgendwann auf null fallen wird. Doch das könne noch dauern.

Dass der Rheinländer mit Kontakten bis ins Kanzleramt dennoch auf Kryptowährungen setzt, hat mit der Blockchain zu tun. Der Anhänger einer entschiedenen Digitalisierung sieht darin ein brillantes mathematisches Konzept. Eine digitale Währung, richtig gemanagt, sei transparent und sicher und schütze vor willkürlichen Staatseingriffen. Am Ende, so Thelens Prognose, würden sich weltweit die stabilsten und werthaltigsten Kryptowährungen behaupten. Derzeit gibt es davon noch mehrere tausend.

Bitcoin, Litecoin, Zcash & Co.
Bitcoin, Litecoin, Zcash & Co.

Frank Thelen im Interview

Wetten auf die Zukunft sind beliebt. Im Dezember kostete ein Bitcoin fast 20.000 Dollar. Inzwischen ist der Wert um mehr als die Hälfte gesunken. Platzt die Blase?
Noch nicht. Ich glaube, dass der Bitcoin irgendwann auf null fallen wird. Das kann schon in einigen Monaten sein, aber auch erst in zehn Jahren. Gut möglich, dass zunächst die Nachfrage wieder anzieht.

Frank Thelen
Frank Thelen

Als Gründer und Geschäftsführer der Risikokapitalfirma Freigeist Capital und als Juror der Vox-Gründershow „Die Höhle der Löwen“ gelten Sie als Experte für ökonomische Entwicklungen und Chef-Technologist. Was veranlasst Investoren, auf Bitcoin zu setzen?
Vor allem Dummheit und Gier. Geldanlagen sollten aber kein Witz, sondern eine vernünftige Entscheidung sein. Dazu müsste man sich zuallererst um ein tiefer gehendes Verständnis von Kryptowährungen bemühen. Der Bitcoin-Hype war überhaupt nicht nachzuvollziehen. Erst wenn hinter den Kryptowährungen echte Werte stehen, werden die Spekulationswellen und die enormen Wertschwankungen abebben.

Starinvestor Warren Buffett hat gerade Bitcoin als „Rattengift hoch zwei“ bezeichnet. Warum schrecken die vielen Warnungen aus der Finanzindustrie vor Bitcoin nicht stärker ab?
Weil die Hoffnung, kurzfristige Gewinne einfahren zu können, bei vielen noch vorhanden ist. Bitcoins besitzen keinerlei Substanz. Als allgemeines Zahlungsmittel sind sie nicht akzeptiert und die von Bitcoin angewandte Blockchain verbraucht inzwischen immense Energie, um neue Coins zu minen. Die Berechnungen der dahinter stehenden Algorithmen verbrauchen inzwischen soviel Energie, wie manche Staaten im Jahr verbrauchen. Das ist doch geisteskrank.

Haben die Kryptowährungen ihr Versprechen, nachhaltiger als das traditionelle Geld zu sein, gebrochen?
Man muss zwischen Bitcoin und der Idee der Kryptowährungen unterscheiden. Da schmeißt leider auch Warren Buffett vieles in einen Topf. Bitcoin hat meiner Meinung nach keine große Zukunft – dennoch sind Kryptowährungen die Zukunft.

Woher speist sich Ihre Zuversicht?
Das Blockchain-Konzept finde ich brillant. Jeder kann sich mühelos an der Schöpfung des Geldes beteiligen und eine elektronische Währung kaufen oder verkaufen. Jede Transaktion wird aufgezeichnet und von der Community bestätigt. Es ist nicht nötig, das Vertrauen an Mittelsmänner in Zentralbanken zu delegieren, die es in der Vergangenheit oft missbraucht haben. Das digitale Geld ist, richtig gemanagt, sicher. Es kann bei entsprechenden Rahmenbedingungen nicht von politischen wie ökonomischen Mächten missbraucht werden.

Scheitern Kryptowährungen nicht generell daran, dass die Blockchain mit einer Vielzahl von Rechenvorgängen pro Sekunde überfordert ist?
Inzwischen gibt es tausendmal effzientere Nachfolgemodelle als die Blockchain von Bitcoin. Plattformen wie zum Beispiel Hashgraph verbrauchen viel weniger Energie. Eine optimierte Blockchain kann auch die klassische Börse ersetzen, wie wir es mit Neufund auf der Ethereum-Plattform zeigen.

Wird digitales Geld die staatlichen Währungen verdrängen?
Ich schätze, dass dies spätestens in zehn Jahren weltweit der Fall sein wird. Ich habe selbst in die digitale Währung Neumark investiert, die mit der Ethereum-Blockchain arbeitet. Mit Neumark werden keine Pizzen bezahlt, sondern man kann Anteile an jungen Tech-Unternehmen erwerben. Es warten reale Startups mit spannenden Geschäftsmodellen statt fragwürdige Spekulationsgewinne. Die Anteile werden über unsere Funding-Plattform Neufund gehandelt. Die Firmen können sich auf diese Weise mit Kapital versorgen. Auch kleine Summen bringen etwas.

Das mag ja interessant sein. Aber der Gedanke vom globalen Siegeszug digitaler Währungen erscheint doch kühn. Allein die Fehlerintoleranz ist gewaltig. Ein falscher Klick und schon sind gewaltige Summen unwiderruflich verloren.
Elektronische Transaktionen vereinfachen das Leben. Es ist doch nur eine Sache der Gewöhnung und außerdem ohnehin nur eine Frage der Zeit. Vielleicht gehen in der Phase der Umstellung auch mal jemandem 500 Euro verloren, aber das ist mir lieber, als dass Deutschland weiter der Entwicklung hinterherhinkt. Im Übrigen werden sich die Sicherungsmechanismen weiter verbessern. Wollen wir denn die digitale Revolution den Chinesen und den Amerikanern überlassen?

Bargeld verzeiht Unaufmerksamkeit.
Für mich macht Bargeld keinen Sinn mehr. Es begünstigt eine auf Schwarzgeld beruhende Schattenwirtschaft, von der die Superreichen profitieren. Hinzu kommen unschöne Begleiterscheinungen. Das Geld geht durch unzählige Hände und überträgt Bakterien. Für die Papierherstellung werden riesige Wälder abgeholzt. Andere Länder haben sich längst auf bargeldlosen Zahlungsverkehr eingestellt. Warum fürchten Sie um die Konkurrenzfähigkeit der deutschen Wirtschaft? Weil Deutschland ein Land der Bedenkenträger ist. Die globale Wirtschaft verändert sich sehr schnell. Wenn wir nicht aufpassen, verlieren wir den Anschluss an die Spitze. Mit der klassischen Automobilindustrie, die auf Verbrennungsmotoren beruht, ist schon bald kein Staat mehr zu machen. Wir brauchen Ideen, Mut und mehr Eigenverantwortung.

Das Interview führte Thomas Zorn.


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