Sie führen tausende Mitarbeiter, jonglieren mit Milliarden-Budgets und gestalten unsere Zukunft mit: Frauen in der Chefetage. Immer mehr Damen schaffen es ins Top-Management. Auch im Rhein-Main-Gebiet sitzen starke Frauen in Führungspositionen. Wir haben vier Powerfrauen der Businesswelt besucht und gefragt, was es wirklich braucht, um die Karriereleiter zu erklimmen.

Frauenpower – Ein Blick in die Chefetage
Frauenpower – Ein Blick in die Chefetage

In Saudi-Arabien wird künftig erstmals eine Frau an der Spitze einer Investment-Bank stehen. Sarah Al-Suhaimi wird die neue Chefin von NCB Capital. Im Vorstand des deutschen Weltkonzerns Siemens sitzt ab August die Chemie-Ingenieurin Lisa Davis aus Amerika. Medienwissenschaftlerin Miriam Meckel wurde mit 32 Jahren Deutschlands jüngste Professorin. Im Oktober setzt sich die frühere NRW-Regierungssprecherin als erste Frau auf den Chefsessel der Wirtschaftswoche.

Lange Zeit jedoch waren die Arbeitswelt und besonders die Positionen mit Führungscharakter nur durch Männer geprägt. Führungskräfte wurden oft mit typisch „männlichen“ Eigenschaften wie Dominanz, Selbstsicherheit oder Selbstständigkeit assoziiert. Daraus resultiert heute der immer noch herrschende Mangel an Frauen auf dem Chefsessel. Denn in unserer Gesellschaft sind Frauen immer noch vorrangig für Haushalt und Familie verantwortlich. Doch Kinder und Job in einer Führungsposition unter einen Hut zu bekommen, gestaltet sich für viele Karrierefrauen nicht gerade einfach. Obwohl Staat, Gesellschaft und Unternehmen mehr Frauen in Spitzenpositionen fordern, scheuen sich viele weibliche Nachwuchsführungskräfte, sich zu einer – für Frauen in Deutschland immer noch unüblichen – Karriere als Top-Managerin mit allen Konsequenzen zu bekennen. In der Rhein-Main-Region gibt es jedoch einige Frauen, die zeigen, dass es auch anders geht. Sie alle haben einen Job auf Führungsebene und stehen ihren männlichen Kollegen in nichts nach.

Bulle oder Börse

Dr. Christine Bortenlänger
Dr. Christine Bortenlänger
Dass Frauen anders handeln, kommunizieren und führen als Männer, ist hinlänglich bekannt. Was aber zeichnet die Frauen aus, die es bis in die Unternehmensführung – auf das sogenannte „Chief-Level“ der größten Unternehmen in Deutschland – geschafft haben? Welche Mittel und Wege haben diese Top-Managerinnen ergriffen? Und welche Empfehlungen geben sie jungen Frauen mit ambitionierten Karrierezielen? Dr. Christine Bortenlänger, geschäftsführender Vorstand des Deutschen Aktieninstituts in Frankfurt, hatte nie geplant, Karriere zu machen: „Über die Zukunft habe ich mir nie große Sorgen gemacht. Ich hatte mir auch nicht vorgenommen, Chefin einer Bank oder Börse zu werden, als Kind wollte ich lieber in die Landwirtschaft. Mein Onkel hatte einen großen Hof, auf dem ich viele Schulferien verbracht habe. Und wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich die Schule beendet und mich Richtung Ackerbau und Tiere bewegt“, so Bortenlänger.

Es ist ein Schulausflug in der 10. Klasse zur Münchner Börse, der dann ihre Begeisterung für Bulle und Bär weckt. Im Rekordtempo erklimmt sie die Stufen der Karriereleiter, die sie dem Chefsessel des Deutschen Aktieninstituts näher bringen: Banklehre, BWL-Studium mit Promotion, natürlich über das Börsenthema „Börsenautomatisierung – Effizienzpotentiale und Durchsetzbarkeit“, es folgen Stationen in der Bayerischen Landesbank und der Unternehmensberatung und schließlich 1998 ihr erster Posten bei der öffentlich-rechtlichen Börse in München als stellvertretende Geschäftsführerin, verantwortlich für Marketing und Öffentlichkeitsarbeit. Zwei Jahre später übernahm sie dann als erste Frau die Führung einer deutschen Börse. 2012 gab sie den Chefposten wieder ab und wechselte nach Frankfurt.

Ihr Weg bis an die Spitze des Deutschen Aktieninstituts war dabei nicht immer leicht. Als junge Führungskraft und Mutter musste sie auch so manche Herausforderung bewältigen. „Ich war aber schon immer bereit, Verantwortung zu übernehmen. Und hatte Lust, etwas zu bewegen. Mich interessiert ein funktionierender Kapitalmarkt, daher habe ich viel Spaß an meiner Arbeit und die Motivation ist ungebremst.“ Vor allem das Vertrauen ihrer Mitmenschen hat sie stets gepusht. „Mein Umfeld hat mich stark gemacht. Das kannst du nicht, das geht nicht: Das hat nie jemand zu mir gesagt. Die positive Grundhaltung meiner Eltern hat mir immer das Gefühl gegeben, dass man alles lernen kann. Es gibt keine Grenzen, das hat mich motiviert.“ An ihrer Berufswahl hat sie deshalb nie gezweifelt. „Ich habe gute Gene und ein gutes Tempo. Gesundheitlich bin ich topfit und mir wurde wahrscheinlich eine genetische Power mitgegeben. Ich halte viel aus und tue mich leicht mit neuen Infos und Themen.“ Auch mit beruflicher Kritik geht sie sachlich um. „Privat bin ich da empfindlicher“, gibt sie zu. „Klar kommt vor einem wichtigen Termin schon mal der Respekt. Generell denke ich da aber, die anderen kochen auch nur mit Wasser. Eine gute Vorbereitung ist zudem alles. Man muss sich manchmal auch etwas trauen“, sagt Dr. Christine Bortenlänger. Und der Erfolg bestätigt sie. „Ein gewisser Erfolg ist wie eine 1 in der Schule. Er spornt an und bestärkt das Selbstbewusstsein.“ Wichtig sind für Dr. Christine Bortenlänger aber vor allem die Menschen, mit denen sie zusammenarbeitet. „Ich bin gerne von motivierten Menschen umgeben und brauche ein Team, auf das ich mich verlassen kann. Ich bin keine Einzelkämpferin. Vertrauen und Verlässlichkeit sind dabei ganz wichtig. Während meiner beruflichen Laufbahn musste ich mich auch nie gegen ein Männer-Bollwerk durchsetzen. Ich bin immer ganz Frau geblieben, menschlich und vor allem authentisch. Zudem weiß ich, was ich kann und was nicht.“ Jungen, karriereorientierten Frauen gibt sie deswegen den Tipp: „Man muss die eigenen Grenzen kennen und Dinge richtig einschätzen. Dabei ganz bei sich sein, denn Authentizität ist das A und O. Schaut euch um, welche Möglichkeiten bestehen, und traut euch etwas!“

Frauen in Führungspositionen wie Dr. Christine Bortenlänger sind trotzdem immer noch die Ausnahme in börsennotierten Unternehmen. Für eine Frauenquote ist die dreifache Mutter trotzdem nicht: „Ich bin gegen eine gesetzliche Quote. Der Markt regelt das von selbst. Eine freiwillige Quote in Aufsichtsräten fände ich aber gut. Die Gesellschaft kann es sich nicht leisten, gut ausgebildete Frauen nicht zu fördern“, sagt Bortenlänger.

Die Herzenstäterin

Dr. Beate Heraeus
Dr. Beate Heraeus
Auch Dr. Beate Heraeus ist gegen die gesetzliche Quote, doch sie befürchtet, ohne diese wird es für viele Frauen schwer, sich auf einen Chefposten durchzuboxen. Sie selbst revolutionierte die Geschichte. Zumindest die der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung. Denn in der fast 200-jährigen Geschichte der Gesellschaft wurde die 62-Jährige 2012 als erste Frau zur Präsidentin gewählt. Seitdem gibt sie die Richtung vor. Ziel ihrer Arbeit ist es dort, die kostbare Natur mehr ins Bewusstsein der Gesellschaft zu bringen. Denn Heraeus liebt die Natur, schon immer. 1992 wurde sie deshalb Mitglied des Kuratoriums der WWF, einer der weltweit größten  Naturschutzorganisationen, und war von 1995 bis 2001 Mitglied des Präsidiums.

Schon als junges Mädchen wollte Beate Heraeus mehr erreichen als Kinder zu kriegen und einen Mann zu heiraten. „Neben meinen beiden älteren Brüdern wollte ich auch immer etwas erreichen. Mir schwebte die Nachfolge im elterlichen Zementwerk in Hannover vor. Deshalb studierte ich auch Betriebswirtschaftslehre in München, um ein wenig in die Management-Schiene reinzukommen. Führung hat mich schon immer interessiert“, erklärt Heraeus. Doch dann kam alles anders als geplant: Nach ihrem Studium in München lernte sie 1980 ihren Mann, den Unternehmer Jürgen Heraeus, kennen und heiratete ihn fünf Jahre später. Die „Financial Times Deutschland“ nannte das Ehepaar einst das „Dream-Team von Heraeus“. Denn das weltweit tätige Edelmetall- und Technologieunternehmen ihres Mannes mit Sitz in Hanau befindet sich seit über 160 Jahren im Familienbesitz. Die Holding macht Milliarden-Umsätze und ist äußerst erfolgreich. „Ich habe den Berufsweg meines Mannes lange Jahre sehr eng begleitet und ihn beraten. Nach langjähriger Mitarbeit habe ich mich aus dem aktiven Geschäft zurückgezogen. Bisher koordinierte ich als Gesellschafter-Beauftragte die rund 200 Gesellschafter“, so Beate Heraeus. Seither hat sie Zeit für all jene Projekte, die sie schon immer interessierten. Bildung, Natur, die globalisierte Welt und die großen Zusammenhänge. Darum nahm sie das Ehrenamt als Senckenberg-Präsidentin an. Etwa die Hälfte ihrer Zeit wendet sie für die Senckenberg Gesellschaft auf. Ihr großes Anliegen ist es, den Menschen das Senckenberg Museum in einem anderen Kontext zu präsentieren. „Entdecken kann man das Senckenberg nicht nur bei Führungen, sondern auch bei originellen Events“, so Heraeus. Doch neben ihrer Tätigkeit als Präsidentin der Senckenberg Gesellschaft hat Beate Heraeus noch viele weitere ehrenamtliche Mandate. Als Vorsitzende der Heraeus Bildungsstiftung zum Beispiel hat sie dieser Einrichtung eine klare Richtung gegeben. Die Bildung steht, wie der Name schon sagt, im Mittelpunkt. Besonders die Lehrerbildung. Denn als Mutter dreier Töchter legt Heraeus besonderen Wert auf gute Lehrer: „Das Coaching von jungen Leuten ist mir wichtig. Kinder, ja die nächste Generation, sind ein Seismograph, der vorgibt, wo es lang geht“, so Heraeus. Ihre Arbeit erfüllt sie dabei vollkommen, doch der Terminkalender ist stets prall gefüllt. Ihr Arbeitsalltag ist streng durchgetaktet. „Ich tue etwas“, hat sie sich geschworen. Und in der Tat hat Dr. Beate Heraeus eine ganze Menge getan. Zwar hat sie noch nicht die Welt gerettet, aber sie immerhin ein bisschen besser gemacht. Sich selbst sieht sie dabei inzwischen als Powerfrau. Ihre innere Haltung macht sie nach außen stark. „Um Kraft zu tanken, muss ich auch zur Ruhe kommen. Das klappt am besten, wenn ich die Hunde ausführe oder mich in der Natur bewege. Meine eigene innere Überzeugung treibt mich an. Und ich bin Herzenstäter in allem, was ich tue“, so Heraeus.

Auch gegen Widerstände musste Heraeus schon ankämpfen. Doch mit Kritik kann die blonde Frau sehr gut umgehen. „Man muss sich auch selbstkritisch sehen, doch kritische Analysen von außen sind auch wichtig. Offenheit gehört dazu. Denn Konflikte gehören auf den Tisch, nicht darunter. Ideen annehmen und gestalten. Das macht einen guten Führungsstil aus“, sagt Heraeus. „Fragend führen“, so bezeichnet Beate Heraeus ihren eigenen. „Ich muss die Rahmenbedingungen geben, aber erst mal höre ich den Menschen zu. Mit Mitarbeitern reden und zuhören, das finde ich sehr wichtig. Führungskräfte brauchen Empathie, müssen gewissenhaft sein und schauen, was nicht gut läuft und wie man einen Beitrag leisten kann, damit es läuft“, erklärt Heraeus. Sie schätzt den Satz „Wenn viele kleine Menschen an vielen kleinen Orten viele kleine Schritte tun, verändert sich die Welt“ und versucht, danach zu leben. Eine Strategie hatte sie bei ihrem Karriereweg aber nicht. „Ein tiefes Wissen und Grundvertrauen an mich selbst hat mich da weiter gebracht.“ Doch auch ein wenig Geschick: Denn wenn sie im Gespräch mit Aufsichtsräten oder Vorständen punkten möchte, zieht sie einfach ihre Brille mit dem schwarzen Gestell auf. Das unterstreicht ihre Professionalität. Auf die Frage, welchen Rat sie jungen Frauen, die in Führungspositionen kommen möchten, gibt, antwortet sie ganz locker: „Der Erfolg ist immer zweitrangig. Folge deinem Herzen, das ist wahrscheinlich der beste Rat, den ich jungen Menschen geben kann.“ Denn sie selbst hat auch immer auf ihr Herz gehört. „Ich wollte immer voll und ganz für meine Kinder da sein. Sie hatten bei mir oberste Priorität, denn eine gute Beziehung zu den Kindern ist mit das Wichtigste. Karriere ist schön und gut, aber die Familie geht über alles“, so Heraeus.

Die Authentische

Anke Giesen
Anke Giesen
Auch für Anke Giesen ist die Arbeit eine Herzensangelegenheit. Kraft für ihre  anstrengenden Arbeitstage schöpft Anke Giesen zuhause bei der Familie und bei Spaziergängen mit ihrem Hund. Als einziges weibliches Vorstandsmitglied der Fraport AG sind ihr die strategischen Geschäftsbereiche Handels- und Vermietungsmanagement, Bodenverkehrsdienste sowie die Zentralbereiche Personal Führungskräfte im In- und Ausland am Frankfurter Flughafen zugeordnet. Rund 9.000 Mitarbeiter arbeiten unter ihrer Verantwortung. Als junges Mädchen hatte sie jedoch Karriere nicht im Sinn: „Ich hatte mir nie vorgenommen, Karriere zu machen. Zwar gehe ich Aufgaben immer zielstrebig und mit Engagement an, aber nicht vorrangig, weil ich Karriere machen will. Das war eine sukzessive Entwicklung. In  meiner Jugend wollte ich eigentlich Medizin studieren. Diese Pläne habe ich dann schnell wieder verworfen. Aber Entscheidungen konnte ich schon immer treffen und diese Ziele auch konsequent verfolgen“, sagt Giesen lächelnd.

In der Flughafen-Branche war sie jedoch ein unbeschriebenes Blatt. Gleichwohl verfügte sie schon über einige Führungserfahrung. Nach dem Jura-Studium startete Anke Giesen ihre Karriere 1992 bei der Mannesmann Dematic AG als Referentin für Personal und Führungskräfte im Bereich Maschinenbau und Elektrotechnik. Neun Jahre später wechselte die gebürtige Hagenerin zum internationalen Holzwerkstoff-Produzenten Pfleiderer AG, wo sie diverse leitende Funktionen bekleidete, unter anderem als Mitglied der Geschäftsleitung. 2009 wechselte sie zur Douglas Holding AG, wo sie ihre Arbeit auf Vorstandsebene fortsetzte. Drei Jahre später kam dann das Angebot der Fraport AG. „Die Aufgabe hat mich gereizt, operative Bereiche liegen mir. Ich suche stets Herausforderungen und liebe das Neue. Da musste ich zusagen. Und die ausgeprägte Mitarbeiterorientierung bei Fraport hat mir den Einstieg erleichtert. Zuhören, aufnehmen und lernen, so habe ich mich schnell in meine neue Aufgabe eingelebt“, so Giesen.

Während ihrer Laufzeit wurde sie stets gefördert: „Ich hatte immer Vorgesetzte oder Kollegen, die mir eine Chance sowie einen Rahmen für meine Arbeit gegeben haben. Die Gelegenheit für persönliche Entfaltung ist mir wichtig und die habe ich bekommen“, erzählt das Vorstandsmitglied.

Dass sie neben Zielstrebigkeit, Engagement und Flexibilität auch eine Portion Glück bei ihrer Führungsposition hatte, weiß sie. Denn um Frauen überhaupt in Führungspositionen zu bringen, bedarf es laut Anke Giesen immer noch einiger Voraussetzungen: „Ganz wichtig ist die Unternehmenskultur. Unternehmen sind da gefordert, sie müssen Möglichkeiten schaffen. Beruf und Familie müssen vereinbar sein. Überall da, wo man Frauen Chancen gibt, werden Frauen auch in Führungspositionen gelangen. Wichtig ist die Unterstützung. Frauen brauchen hier besondere Aufmerksamkeit, denn sie schreien oftmals nicht laut ,Hier‘, wenn es eine Führungsstelle zu besetzen gilt. Aber junge Talente brauchen Chancen“, sagt Giesen. Zwischen Männern und Frauen mag sie da aber gar nicht unterscheiden. „Um eine gute Führungskraft zu sein, ist das Geschlecht zweitrangig. Wichtig ist das Mind-Set, das jeder braucht, Zielstrebigkeit, Leistung, Beharrlichkeit und Authentizität können auch nicht schaden. Ganz wichtig ist es, seiner Persönlichkeit treu zu bleiben.“ Jungen Frauen gibt sie deshalb den Tipp, kontinuierlich die eigenen Ziele zu verfolgen. „Frauen müssen ihre Stärken und Schwächen kennen und eine gute Portion Selbstbewusstsein mitbringen, aber auch Dinge kritisch hinterfragen und sich nicht scheuen, auch Forderungen zu stellen“, weiß Giesen.

Feste Quoten für Frauen müssen aus ihrer Sicht aber nicht sein, mehr Frauen in Führungspositionen schon. Denn Frauenförderung ist ihr wichtig: „Ich bin keine Quotenfreundin. Aber ich halte die Diskussion für wichtig. Denn erst die Diskussion um die Frauenquote hat in den Köpfen der Gesellschaft das Nachdenken bewirkt.“ Anke Giesens Meinung zur Frauenquote hat wohl aber weniger mit frauenpolitischen Grundsätzen zu tun als vielmehr mit ihrer Berufs- und Lebenserfahrung. „Gemischte Teams sind einfach leistungsfähiger: unterschiedliche Persönlichkeiten, unterschiedliche Führungsstile“, ist sie sich sicher, „die Vielfalt macht es. Je vielfältiger das Team, desto leistungsfähiger ist es.“

Giesen, die mit vier Männern den Vorstand der Fraport AG bildet, setzt entschieden auf den offenen Austausch mit ihren Mitarbeitern, will Transparenz, Offenheit und Vertrauen. Trotz ihrer zahlreichen Termine und vielfältigen Aufgaben sieht sich Anke Giesen aber nicht als typische Powerfrau. „Wenn man das aber auf die Energie bezieht, dann schon. Zielstrebigkeit und Engagement würde ich mir schon auf die Fahne schreiben, aber der Begriff Macht, der mit Powerfrauen impliziert wird, stört mich. Man kann nämlich nur erfolgreich führen und gestalten, wenn man die Menschen mitnimmt“, erklärt Giesen.

Der Erfolg bei der Arbeit steht dabei für sie nicht an erster Stelle. „Wie gesagt, Karriere machen hatte ich nicht auf der Agenda. Der positive Weg ist für mich viel entscheidender. Erfolg ist nicht so wichtig, in dem Sinne, dass mich unbedingt jemand loben muss. Aber wenn ich mit meinem Team etwas erfolgreich gemeistert habe, macht mich das schon stolz. Ich bin von der Grundhaltung ein positiver Mensch und gehe die Dinge optimistisch an. Rückschläge kann ich also auch mal einstecken“, sagt Giesen. Im Berufsalltag hält sie deshalb ihre Werte hoch: „Vertrauen, Respekt, Integrität und Wertschätzung, das ist mir wichtig. Die gleichen Basiswerte wie im Privatleben braucht man auch auf der Arbeit“, weiß Giesen.

Auf Dienstreise

Gisela Sökeland
Gisela Sökeland
Für Gisela Sökeland, Geschäftsführerin des Reiseanbieters Aldiana, zählt bei der Arbeit das Vertrauen und die Loyalität: „Ehrlichkeit und Offenheit mit anderen, das schätze ich bei der Arbeit.“ Und Gisela Sökeland weiß, wovon sie spricht. Denn eigentlich hatte sie ihr Berufsleben schon hinter sich. Gisela Sökeland war in Rente. Doch ein Anruf von Touristikinvestor und Aldiana-Chef Jürgen Marbach, und Gisela Sökeland war wieder zur Stelle. Bereits von 1997 bis 2002 leitete sie die Aldiana GmbH. Begonnen hat sie ihre touristische Laufbahn bereits 1965 als Reisebürokauffrau. Doch der Aufstieg folgte schnell: zunächst zur Büroleiterin bei Neckermann und schließlich zur Marketingleiterin Sportreisen und Club 28. Drei Jahre später wurde Sökeland zur Marketingleiterin von Aldiana ernannt. Als Prokuristin war sie dann für die Marken Paradise Hotels International und Aldiana zuständig, bevor sie 1997 als Geschäftsführerin Marketing bei Aldiana anfing. Ein Jahr später wurde sie zur Sprecherin der Geschäftsführung ernannt, von 2000 bis 2002 war sie dann die alleinige Geschäftsführerin von Aldiana. Schon als Kind war Reisen ein großes Thema bei ihr. Dass sie später einmal in dieser Branche arbeiten will, wusste sie schon immer. Ihr Berufswunsch als junges Mädchen war allerdings Stewardess.

In ihrer Laufbahn bei Aldiana gelang es ihr einerseits, die Expansion des Veranstalters, der damals noch zu Thomas Cook gehörte, voranzubringen, als auch eine umfassende Qualitätsoffensive zu starten. Durch gezielte Umbauten und Renovierungen wurden die Standards aller Clubanlagen vereinheitlicht und die Kundenorientierung intensiviert. Danach wechselte sie zur Muttergesellschaft und baute dort die Marke Thomas Cook Reisen auf. 2002 wurde sie dann zur Geschäftsführerin für den Premiumveranstalter berufen. Diesen etablierte sie erfolgreich und positionierte ihn im Markt. Von Juli 2009 bis April 2010 war sie dort die Geschäftsführerin Marketing und Vertrieb der Thomas Cook AG. Um sich ihren eigenen Projekten widmen zu können, zog sich Sökeland 2010 allerdings aus dem operativen Geschäft zurück. „Ich habe das Leben genossen und bin viel gereist, aber irgendwann wird das ja auch langweilig.“ Und so kam sie zurück. Seit April führt sie nun wieder erfolgreich den Reiseveranstalter. „Das ist mein Baby, es macht mir Spaß, zu gestalten, und es fordert mich. Nur zuhause sein reicht mir nicht.“ Und der Erfolg gibt ihr Recht für ihre Entscheidung: „Der Erfolg bei der Arbeit ist mir auch sehr wichtig. Das ist vielleicht eine Erziehungsfrage. Mein Vater war sehr anspruchsvoll, bezogen auf meine Leistung. Dieser Anspruch hat mich stets beflügelt. Wenn ich etwas tue, habe ich auch den Willen, diesen Auftrag zu 120 Prozent zu erfüllen. Schließlich will ich auch die Streicheleinheiten danach, wenn die Arbeit gut war. Manche nennen das Ehrgeiz“, sagt Gisela Sökeland. Ihre Ziele erreicht die Geschäftsführerin, indem sie Ideen entwickelt. Als Chefin von rund 2.500 Mitarbeitern braucht sie natürlich auch Führungsgeschick: „Man benötigt schon eine Portion Durchsetzungsvermögen. Natürlich auch die große Übersicht. Doch am allerwichtigsten ist das Teamwork. Jedes Glied in der Kette muss mitspielen. Man muss konstruktiv zusammenarbeiten, denn nur ein Team ist erfolgreich. Klar muss der Chef die Anweisungen geben. Aber keiner ist allein so schlau. Das macht nur der Austausch mit anderen“, erklärt Sökeland. Vor allem weibliche Führungskräfte sollten sich mehr trauen, findet Sökeland: „Frauen in Führungspositionen müssen sich auch trauen, unbequeme Entscheidungen zu treffen, viele sind zu zögerlich. Entscheidend ist auch, zu vermitteln. Ich bin sehr klar in meinen Forderungen“, so Sökeland. Für die Frauenquote in Firmen war sie aber noch nie. Frauen können sich schließlich auch über die Leistung für einen Job qualifizieren. „Bleiben Sie aber immer ganz Frau“, rät sie ihren Kolleginnen, das riet ihr auch ihr damaliger Chef. „Ein charmanter Umgang mit den Mitmenschen erleichtert vieles. Wenn man die Menschen ernst nimmt, zuhört und freundliche Umgangsformen an den Tag legt, erreicht man viel mehr“, weiß Sökeland. Dass sich mehr Frauen für eine Führungsposition entscheiden, sieht sie allerdings kritisch. Doch es sei die eigene Einstellung schuld daran. Will ich weiterkommen? Traue ich mir zu, diese Verantwortung zu übernehmen? Das sei für viele Frauen noch ein Handicap. Auch Kinder machen den Berufsweg nicht einfacher, findet Sökeland. „Aber das ist eine individuelle Entscheidung. Frauen müssen ihre Chance nutzen, aber da ist jeder unterschiedlich“, sagt sie.

Um sich von ihren anstrengenden 12-Stunden-Arbeitstagen auch mal zu entspannen, malt und liest Sökeland gerne oder kocht Gourmet-Menüs für ihre Freunde. An den Wochenenden bereist sie die Clubs, um vor Ort zu sein. „Man muss sich einfach mit dem, was man tut, identifizieren und seine Ziele verfolgen. Klar, manchmal überschätzt man sich, aber ich habe Power, habe Energie, kann Dinge schnell bewegen und Mitarbeiter mitreißen, das hilft enorm.“

Frauen in Führungspositionen

Sie sind top im Beruf, arbeiten bis nachts, lesen und beantworten Mails – auch am Wochenende. Ständig auf Reisen, anstrengende Sitzungen, große Verantwortung, viel Stress, das ist der Alltag von Karrierefrauen. Im Privatleben Schularbeiten kontrollieren, die Kinder zum Sport bringen, Zeit haben zum Spielen, Gute-Nacht-Geschichten vorlesen – ein Balanceakt zwischen zwei Welten. Doch die weiblichen Führungskräfte der Rhein-Main-Region meistern diese Aufgaben. Auch ohne die Frauenquote. Denn in vielem sind sich Dr. Christine Bortenlänger, Dr. Beate Heraeus, Anke Giesen und Gisela Sökeland einig: Eine gewisse Authentizität und  Zielstrebigkeit ist wichtig, um die Karriereleiter zu erklimmen, denn nur Frauen, die auch ganz Frau bleiben, sich nicht verstellen und keine Energie und Kraft aufwenden, männliche Vorbilder zu kopieren, haben Erfolg, sich in der Chefetage zu positionieren. Zwar führen Frauen nicht wirklich anders als Männer, doch sie setzen andere Schwerpunkte und Prioritäten. Der Ellenbogen als wichtigster Helfer, nicht lange fackeln bei Entscheidungen – das sind Merkmale, die man eher mit männlichen Chefs verbindet. Doch solche Macho-Eigenschaften, so stereotyp sie auch sein mögen, garantieren in den heutigen Führungsetagen nicht mehr allein den Erfolg – im Gegenteil. Frauen als Chefs gelten vielen als teamfähiger, fürsorglicher, kreativer, aber auch mutiger, realistischer und stressresistenter. Doch es sind nur Nuancen, die den Unterschied machen. Auch darin sind sich die vier Powerfrauen der Businesswelt einig. Frauen haben mehr Fingerspitzengefühl und  Einfühlungsvermögen bei der Führung. Um Ziele durchzusetzen, brauchen sie vielleicht mehr Geduld und Durchhaltekraft und manchmal auch vielleicht sogar ein Argument mehr. Doch der größte Unterschied ist: Männliche Chefs appellieren in erster Linie an das Eigeninteresse der Mitarbeiter, zeigen Verantwortungsbereiche auf, belohnen für Leistung und sanktionieren Zielverfehlung. Frauen hingegen gewinnen das Vertrauen der Mitarbeiter, werden zum Vorbild, setzen Ziele, entwickeln Pläne und setzen sich für Neuerungen ein. Sie agieren als Mentor, eröffnen neue Handlungsspielräume und motivieren die Mitarbeiter, ihr Leistungspotenzial voll auszuschöpfen. Sie vermitteln Autorität, indem sie Mitarbeiter in die Entscheidungsfindung einbeziehen und als positives Vorbild wirken. Sie setzen also stärker auf Mitwirkung und Zusammenarbeit – und das mit großem Erfolg. Denn allein die Teamarbeit ist es, sagen Bortenlänger, Heraeus, Giesen und Sökeland, die eine erfolgreiche Chefin ausmachen. Widerstände bekämpfen und unbequeme Entscheidungen treffen ist mit loyalen Mitarbeitern, die hinter einem stehen, wesentlich einfacher. Doch weder autoritärer Führungsstil noch Laissez-faire allein werden zur Höchstleistung bei den Mitarbeitern führen. Wertschätzung und Respekt sind die eigentlichen Erfolgsfaktoren. Zeit also für Veränderungen auf den Chefposten der Region: Denn Männer können dazulernen und Frauen sollte mehr zugetraut werden.