Sie ist eine der erfolgreichsten deutschen Sportlerinnen aller Zeiten: Heike Drechsler. Wir trafen die Leichtathletik-Legende auf einer Veranstaltung von Audi in Frankfurt und sprachen mit ihr über ihre Olympia-Erfahrungen und Emotionen.Text: Natalie Rosini, Foto: Michael Hohmann

Es sei, als würde die ganze Welt zuschauen, beschreibt Heike Drechsler das Gefühl vor dem Wettkampf. Zweimal hat sie bei Olympischen Spielen aus dieser Mischung aus Anspannung, Vorfreude und Bangen vor dem falschen Schritt das Beste rausgeholt: die Goldmedaille im Weitsprung 1992 in Barcelona und 2000 in Sydney. „Wenn man im Stadion steht, das atemberaubende Spektakel, die Fahnen sieht, dann fühlt man sich wie beim Gang der Gladiatoren. Heute sehe ich das Bild der vollen Ränge genau vor mir, doch damals hatte ich den so genannten Tunnelblick, war wie unter einer Glocke.“

Millimeter entscheiden

Heike Drechsler ist eine der erfolgreichsten deutschen Sportlerinnen aller Zeiten.
Heike Drechsler ist eine der erfolgreichsten deutschen Sportlerinnen aller Zeiten. (© Top Magazin Frankfurt)

„Der Jubel der Fans sorgt ohne Frage für einen Adrenalin-Kick“, sagt die Leichtathletik- Legende. „Das rhythmische Klatschen kurz vor dem Sprung jedoch hat mich vor allem bei meiner ersten gesamtdeutschen Olympiateilnahme in Barcelona nervös gemacht. Ich bat das Publikum um Ruhe. Die Stille war geradezu gespenstisch. In diesem Moment gab es nur noch mich, meinen Körper und das alles entscheidende Brett.“ Und wie ist es beim Sprung selbst? Merkt man, dass er gut war? Weiß man, dass man unglaubliche 7,48 m (die größte Weite in Drechslers Karriere bei Olympia ’92) gesprungen ist? „Man registriert den weiten Sprung. Dann geht der Blick zur Fahne, um sich zu vergewissern, dass man nicht übergetreten ist. Ich weiß, dass meine wichtigsten Sprünge immer haarscharf waren – eine Frage von Millimetern.“

Das Erwachen

Und wenn dann alles klar ist? „Dann ist es, als würde alle Last der Welt von einem abfallen. Und man fängt wieder an, das Drumherum zu registrieren: den Beifall, die Menschen im Publikum, das eigene Team, die anderen Sportler, Wind, Regen, Sonne,den Beifall.“ Klingt, als wolle man in so einem Moment jeden umarmen. „Nicht ganz: Man teilt zwar die Freude mit Team, Fans und Freunden, und wenn man die Medaille verliehen bekommt und die Nationalhymne hört, weiß man, dass man den Sieg für sein Land geholt hat, und dennoch ist man während der ganzen Zeit überwiegend mit sich selbst und diesen vielen Emotionen von Erleichterung bis Euphorie beschäftigt. Vielleicht war dieses Gefühl während meiner ersten Olympischen Spiele zwei Jahre nach der Wende auch etwas stärker als bei anderen Sportlern: Ich stand unter dem Druck, im gesamtdeutschen Team an meine Erfolge aus DDR-Zeiten anzuknüpfen. Ich wollte es allen beweisen.“ Und das tat sie auch ein zweites Mal – bei den Olympischen Spielen im Jahr 2000 in Sydney: Dort stach sie die Favoritin Marion Jones aus. „Ich konnte die amerikanische Hymne schon mitsingen“, erzählt sie und lächelt, als sie an den Tag zurückdenkt, an dem sie mit 35 Jahren erneut olympisches Gold holte und damit in den erlauchten Kreis der erfolgreichsten deutschen Sportlerinnen aller Zeiten aufstieg. „Trotz aller Erfahrung war es dieselbe Aufregung, dieselbe Anspannung, dasselbe mentale Drumherum. Aber ich denke, das gehört genauso dazu wie hartes Training, Disziplin und der Siegeswille.“

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