Hessens Wirtschaft auf der Überholspur
Hessens Wirtschaft auf der Überholspur

Hessen gehört zu den kraftvollsten Wirtschaftsstandorten in Europa. Und das nicht nur, weil die Europäische Zentralbank ihren Sitz in Frankfurt hat. Was viele nicht wissen: Das Rhein-Main-Gebiet besitzt nach dem Ruhrgebiet die zweitgrößte Industriedichte Deutschlands.

Hier sind große Konzerne mit zweistelligen Milliardenumsätzen wie der Gesundheitsspezialist Fresenius (Bad Homburg), die Technologieschmiede Heraeus (Hanau) oder der Chemie- und Pharma-Riese Merck (Darmstadt) zu Hause. Eine besondere Stärke liegt bei Unternehmen, die immer wieder mit ihrem Erfindungsreichtum überraschen und zu Weltmarken wurden wie Brita und Leica. Auch bei klassischen Mittelständlern und Start-ups tut sich eine Menge. Von Thomas Zorn

Die hessische Wirtschaft konnte im Jahr 2017 wieder kräftig zulegen. Das Bruttoinlandsprodukt ist um 2,2 Prozent gestiegen. „Die Arbeitslosenrate liegt so niedrig wie seit 37 Jahren nicht mehr“, verkündet Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir. „Die Dynamik setzt sich fort.

“Bei der Arbeitsproduktivität steht Hessen an der Spitze der Flächenbundesländer mit einem Bruttoinlandsprodukt von 81.300 Euro pro Erwerbstätigem, noch vor Bayern und Baden Württemberg. Die Beschäftigten müssen sich derzeit keine allzu großen Sorgen machen. Zwei Drittel der Unternehmen wollen nach dem aktuellen Konjunkturspiegel ihr Personal halten, 23 Prozent möchten sogar zusätzliche Arbeitskräfte einstellen und nur zehn Prozent denken an einen Abbau der Belegschaft.

Auch die Zahlen für das verarbeitende Gewerbe sind glänzend. In der hessischen Industrie gingen im ersten Quartal dieses Jahres 6,6 Prozent mehr Aufträge ein als 2017. Die gestiegene Nachfrage kam sowohl aus dem Ausland(plus 7,8 Prozent) wie aus dem Inland (plus 4,9 Prozent).

Hauptsitz der Brita-Gruppe in Taunusstein
Hauptsitz der Brita-Gruppe in Taunusstein

Immer aufwärts für die Brita-Gruppe

„Immer aufwärts“ könnte auch der Slogan für die Brita-Gruppe aus Taunusstein sein. Das Familienunternehmen gehört bei der Trinkwasseroptimierung zu den Weltmarktführern. Mit der Erfindung des Tischwasserfilters für Privathaushalte legten die Hessen in den sechziger Jahren den Grundstein für die Expansion. Inzwischen rückt der Gesamtumsatz an die 500 Millionen Euro heran. Längst bietet man auch Filtersysteme für Profis oder leitungsgebundene Wasserspender an, die in Betrieben, Kliniken und der Gastronomie zum Einsatz kommen.

Permanente Verbesserungen bei Produkten und Technologien, ein weltweit wachsendes Kundeninteresse an nachhaltigen Lösungen und die große Resonanz auf dem noch jungen chinesischen Markt hätten den Erfolg ermöglicht, meint Britas CEO Markus Hankammer. Er führt das Unternehmen in zweiter Generation und engagiert sich für die Umwelt.

In Partnerschaft mit der Tierschutzorganisation „Whale and Dolphin Conservation“ setzt sich das Unternehmen für den Schutz der Weltmeere ein. „Die endlich stattfindende Diskussion um Einwegplastik und seine entsetzlichen Folgen für unsere Ozeane und unseren Planeten hat Alternativen, wie wir sie bieten, in den Blickpunkt gerückt“, konstatiert der Unternehmer.

Brita CEO Markus Hankammer
Brita CEO Markus Hankammer

Der Zugang zu gesundem Wasser wird für die nächsten Jahrzehnte weltweit eine Herausforderung bleiben. Brita möchte mit seinen Produkten die Verfügbarkeit von reinem Wasser erleichtern und zur Einsparung des logistischen Beschaffungsaufwands beitragen. Die Recyclingfähigkeit der Kartuschen gehört zum ökologischen Ansatz, den Brita verfolgt. Der Markt belohnt die Konsequenz des Unternehmens aus Hessen. Der Umsatz wuchs 2017 währungsbereinigt um 7,5 Prozent. 84 Prozent des Erlöses erzielt man außerhalb von Deutschland.

Leica Camera AG auf der Überholspur

Auch die Leica Camera AG aus Wetzlar genießt rund um den Erdball einen hervorragenden Ruf. Das Traditionsunternehmen, das in den zwanziger Jahren mit seiner Kleinbildkamera die Fotografie revolutionierte, ist nach einer zwischenzeitlichen Krise wieder voll auf der Überholspur. Der Einstieg des Investors Andreas Kaufmann 2005 wurde zum Glücksfall.

In der schicken, vom Architektenbüro Gruber + Kleine-Kraneburg entworfenen Unternehmenszentrale im Leitz-Park am östlichen Stadtrand Wetzlars freut man sich über gute Zahlen. Knapp 400 Millionen Euro Umsatz verzeichnete die Leica Camera AG im Geschäftsjahr 2016/2017 – ein sattes Plus von sechs Prozent gegenüber dem Vorjahr. Damit koppelte sich Leica vom rückläufigen Trend im weltweiten Kameramarkt ab.

Die Unternehmenszentrale der Leica Camera AG im Leitz-Park
Die Unternehmenszentrale der Leica Camera AG im Leitz-Park

Das aktuelle Geschäftsjahr begann mit einem kumulierten Wachstum von 15 Prozent verheißungsvoll. Der Aufbau einer Kette mit inzwischen mehr als 90 Leica-Stores hat sich bewährt. Wie Vorstandschef Matthias Harsch mitteilt, plant das Unternehmen allein für China weitere 20 bis 30 neue Läden.

„Wir haben mit Huawei die beste Übereinstimmung bei Marke und Strategie gefunden.“ Matthias Harsch

Über die Marke „Leica Akademie“ steigt der Konzern überdies verstärkt in das Geschäftsfeld „Dienstleistungen und Services“ ein. Damit möchte Leica auch jüngere Zielgruppen für die Fotografie begeistern. Dazu passt die Kooperation mit dem chinesischen Unternehmen Huawei bei der Handy-Fotografie.

Leica AG CEO Matthias Harsch
Leica AG CEO Matthias Harsch

Leica wird dadurch zu einem international führenden Anbieter von Applikationen für Smartphone-Optik, einem rasant wachsenden Technologiesegment. „Wir haben mit Huawei die beste Übereinstimmung bei Marke und Strategie gefunden“, resümiert Harsch. Zusätzliches Potential verspricht der 2017 vollzogene Einstieg in das Brillengeschäft unter dem Namen „Leica Eyecare“.

Rekordjahr bei Fresenius

Flexibilität und Schnelligkeit sind überall gefragt. Auch ein ganz Großer wie Fresenius, Hersteller von Medizintechnik und einer der führenden Krankenhausbetreiber Deutschlands, nutzt die Beweglichkeit kleinerer Einheiten. Die 1999 gegründete Tochter Fresenius Kabi AG (Bad Homburg) hat sich mit Medikamenten und Produkten zur Infusion, Transfusion und klinischen Ernährung einen Namen gemacht. Die Therapie und Versorgung chronisch und kritisch kranker Menschen steht im Mittelpunkt.

Im vergangenen Jahr stieg der Umsatz von Fresenius Kabi um sechs Prozent auf rund 6,4 Milliarden Euro. Geschäftsführer Frank Lucaßen ist mit der rasanten Entwicklung zufrieden, die nicht zuletzt auf motivierte Mitarbeiter zurückzuführen sei. Auch der Mutterkonzern blickt optimistisch in die Zukunft. Fresenius steuert von Rekordjahr zu Rekordjahr und erzielte 2017 einen Gesamtumsatz von 33,9 Milliarden Euro.

Die Fresenius Kabi AG in Bad Homburg
Die Fresenius Kabi AG in Bad Homburg

Von Hessen in die Welt

Hessen exportiert Waren und Dienstleistungen in die Welt. Aber die Welt will auch nach Hessen. Thorsten Schulte, Sprecher der Hessen Agentur, berichtet von 173 internationalen Unternehmen, die sich 2017 im Bundesland angesiedelt
oder bestehende Investitionen erweitert hätten. Der Brexit hat das internationale Interesse an der Region und Mainhattan verstärkt. Das betrifft durchaus nicht nur Banken wie das japanische Investmenthaus Nomura, das nun die EU-Geschäfte von Frankfurt aus lenkt.

So hat sich kürzlich der japanische Chemie-Komponentenhersteller Dexerials in der Finanzmetropole am Main niedergelassen. „Frankfurt mit seiner internationalen Anbindung war ideal für uns als erster Standort in Deutschland“, sagt Manager Donald Schaffer. Das Büro will sich zunächst auf Kunden aus der Automobilbranche konzentrieren. Auch die IbisWorld, ein Marktforschungsunternehmen aus Australien, will von hier den deutschen Markt erobern.

„Hessens kleine und mittlere Unternehmen profilieren sich häufig als Impulsgeber.“ Tarek Al-Wazir

Derweil tüfteln fleißige, begabte und risikobereite Hessen weiter an der Zukunft. Die A+W Software GmbH aus Pohlheim bei Gießen erhielt den alle zwei Jahre von den Industrie- und Handelskammern verliehenen Hessischen Exportpreis. Die Gesellschaft mit weltweit knapp 200 Mitarbeitern, davon 50 in Forschung und Entwicklung, entwickelte eine bahnbrechende Software für die Flachglasindustrie sowie für Produzenten von Fenstern, Türen, Toren und Sonnenschutz.

Mit dem neuen Instrument kann die gesamte Wertschöpfungskette vom Basisglas bis zum fertigen Fenster oder Fassadenelement gesteuert werden. Die 1977 gegründete Firma gilt in ihrer Sparte global als richtungsweisend. „Hessens kleine und mittlere Unternehmen profilieren sich häufig als Impulsgeber“, lobt Wirtschaftsminister Al-Wazir den Einfallsreichtum der Mittelständler.

Fresenius erzielte 2017 einen Gesamtumsatz von 33,9 Milliarden Euro
Fresenius erzielte 2017 einen Gesamtumsatz von 33,9 Milliarden Euro

Phantasie ist auch bei der Start-up-Szene gefragt. Laut einer aktuellen Studie schlägt sich die Frankfurter Gründerkultur im Sektor Finanzen sehr gut und belegt international einen Spitzenplatz, wenn es um Vernetzung und Zusammenarbeit geht. Die Dichte an „Fintechs“ sei hier am größten, hat die Analysefirma „Startup Genome“ herausgefunden. Es fehle gegenüber London, New York oder Berlin nur noch an erfahrenen Softwareentwicklern.

Die Landesregierung will die Zahl der Start-ups in Hessen bis 2022 branchenübergreifend mehr als verdreifachen. Nicht jede Idee wird sich durchsetzen. Aber es ist schon erstaunlich, was junge hessische Unternehmen alles so auf den Markt bringen. Das reicht von einem Schloss mit Zahlencode („Chocloc“) für Süßigkeiten, das vor dem Zugriff von Naschkatzen schützt, über Post- und Geschenkekarten aus Holz bis zu veganen Windeln. Manches klingt verrückt. Doch am Ende kommt es auf den richtigen Riecher an.


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