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Kari Voutilainen – Der Meister der mechanischen Uhren

Kari Voutilainen ist einer der wohl wichtigsten Vertreter der unabhängigen Uhrmacherbranche. Seine Ausbildung zum professionellen Uhrmacher schloss er in seiner Heimat Finnland ab, inzwischen fertigt er in seinem Workshop in der Schweiz jährlich etwa 50 luxuriöse, einzigartige Zeitmesser an. Wir haben mit ihm über die Anfänge seiner Karriere sowie seine Inspirationsquellen gesprochen und unter anderem erfahren, was der Meister der mechanischen Uhren von Smartwatches hält.

Kari Voutilainen
Kari Voutilainen

Herr Voutilainen, wann wussten Sie, dass Sie Uhrmacher werden wollen?
Ich wusste schon im Alter von zwölf Jahren, dass ich etwas machen möchte, bei dem ich meine Hände benutzen muss. Als ich mit 18 Jahren mit der Schule fertig war, kam mir die Idee, Uhrmacher zu werden und ich besuchte die Uhrmacherschule Tapiola im Süden Finnlands, die einzige private Uhrmacherschule, die gleichzeitig von einem Uhrmacher-Verband geführt wird.

Ich habe dort alle Uhrmacher-Fertigkeiten von Grund auf gelernt, zu dieser Zeit war die Ausbildung dort sehr gut. Das hat sich inzwischen leider geändert – nicht nur dort, sondern überall. Es gibt immer weniger praktische Stunden und viel mehr Theorie. Jedenfalls dachte ich damals zu Beginn meiner Ausbildung tatsächlich zum ersten Mal: „Das ist genau das Richtige für mich.“ Seither habe ich in meinem Beruf nie das Gefühl gehabt, dass ich zur Arbeit gehen muss.

Warum zog es Sie nach Ihrer Ausbildung in die Schweiz?
Finnland ist im Bereich des Uhrmacher-Business sehr klein. Die Ausbildung konzentriert sich dort eher auf Reparaturen und Restaurationen. Als ich zur Uhrmacherschule ging, befand sich die Branche in Finnland in einer Krise. Als ich mit der Uhrmacherschule dort fertig war, gab es also nicht viel Arbeit für mich.

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Ich habe ein Jahr lang im Norden Finnlands gearbeitet, dann aber schnell gemerkt: Das ist nichts auf Dauer. Ich wollte noch mehr lernen. Also kam ich 1988 in die Schweiz, dort habe ich mich an der Internationalen Schule für Uhrmacherei „Wostep“ weitergebildet. Zwei Jahre später bin ich dann komplett in die Schweiz gezogen und habe zehn Jahre lang für das Unternehmen „Parmigiani Mesure et Art du Temps“ gearbeitet. Heute führe ich in Môtiers meinen eigenen Workshop.

Erinnern Sie sich noch an die erste Uhr, die Sie je kreiert haben?
Das allererste Stück war meine „Schul-Uhr“ in der Uhrmacherschule in Finnland. Meine zweite Uhr habe ich 1990 kreiert, als ich anfing, in der Schweiz bei Parmigiani Mesure zu arbeiten. Mein Kollege hat mich dazu gebracht, eine eigene Uhr zu machen. Die Arbeiten dazu habe ich im Jahr 1994 beendet, es war die Tourbillon Pocketwatch. Ich habe vier Jahre lang jede Nacht daran gearbeitet, bis sie fertig war. Bis heute ist sie mein Lieblingsstück, denn ich habe alles an ihr von Beginn an kreiert – in ihr steckt sehr viel Arbeit.

Kari Voutilainens V-8R Power Reserve
Kari Voutilainens V-8R Power Reserve

Woher nehmen Sie die Inspiration für Ihre Kreationen?
Zum einen inspirieren mich antike Uhren, vom technischen Standpunkt aus. Außerdem Vintage-Autos, die in den 50ern und 60ern hergestellt wurden – die haben tolle, elegante Formen. Ich kopiere nichts, aber ich lasse mich von diesen Formen und Kurven inspirieren. Zudem kommen mir Ideen, wenn ich Architektur betrachte oder mich in der Natur aufhalte. Simple Dinge wie Blumen und Bäume mit all ihren geometrischen Formen können tolle Inspirationsquellen darstellen.

Lassen Sie sich auch von aktuellen Trends beeinflussen?
Nein. Ich verfolge überhaupt nicht, was in den sozialen Medien oder in Uhrenforen geschrieben wird. Manchmal lese ich Uhrenmagazine. Aber ich bin eigentlich viel zu beschäftigt und meine freie Zeit verbringe ich dann lieber anderweitig. Ich schaue auch schon lange kein Fernsehen mehr, am 11. September 2001 habe ich damit aufgehört. Denn zu dieser Zeit ging es nur noch um negative Dinge, um Attentate und Terrorismus. Ich fand das schrecklich und hatte das Gefühl, dass mein Geist zum Arbeiten frei davon sein muss. Natürlich ist es mir wichtig, zu wissen, was auf der Welt passiert und es kümmert mich – aber es sollte nicht als ständige Last auf meinen Schultern liegen.

Daher denke ich, dass diese Entscheidung gut für mich war. Und generell dem Trend zu folgen, wäre für mich ein großer Fehler. Denn wir machen schließlich nur bis zu 50 Uhren im Jahr. Da ist es besser, wenn diese meine eigene DNA tragen und über meinen eigenen roten Faden verfügen. Das ist der Grund dafür, dass ich nicht beeinflusst werden möchte. 50 Käufer lassen sich leicht finden – wenn man aber 500.000 Uhren im Jahr macht, sieht das natürlich anders aus, dann muss man den Trends und dem Markt folgen. Das brauchen wir nicht, und darüber bin ich sehr froh. Es ist wie mit einem guten Wein – wenn du ihn mit Wasser verdünnst, gibt es mehr davon und mehr Leute können von ihm trinken. Aber er schmeckt nicht mehr.

Was sind einige der größten Innovationen, die sich in Ihren Uhren finden lassen?
Es gibt technische Innovationen, wie etwa unser Hemmungsrad, auf das wir ein Patent haben. Auch unsere Zeiger haben bestimmte technische Raffinessen, zum Beispiel wie sie an der Uhr befestigt sind. Ich mag technische Dinge, wie Uhren mit Schlagwerk, Chronographen und ewige Kalender. Vor allem sollen meine Uhren einfach in der Nutzung sein, Gimmicks sind nicht mein Ding.

Kari Voutilainens Tourbillon Pocket Watch von 1994
Kari Voutilainens Tourbillon Pocket Watch von 1994

Glauben Sie, dass Ihre Art des Handwerks eines Tages von neuen Technologien abgelöst wird?
Nein. Nehmen wir einmal die Smart Watches: Diese Uhren sind elektronisch, sie überwachen die eigene Gesundheit, wie viel man sich bewegt, was man tut und so weiter. So etwas ist fortschrittlich, transportiert aber keine Emotionen. Es bewegt nichts im Menschen. Eine mechanische Uhr ist etwas vollkommen anderes. Es ist eines der wenigen Objekte, das wir an kommende Generationen weitergeben können. Das kann man bei einer Smartwatch nicht – wenn die Elektronik nicht mehr funktioniert, war es das mit der Uhr.

Daher bin ich davon überzeugt, dass die mechanische Uhr eine Zukunft hat. Und diese Zukunft liegt wahrscheinlich vor allem in der Fertigung, in den Arbeitsprozessen; nicht unbedingt in den High-Tech-Materialien, aus denen eine Uhr gefertigt ist. Meiner Meinung nach wird die klassische Uhr ihren Platz in der Zukunft haben. Meine älteste Tochter, die 18 ist, hat sich beispielsweise von ihrem ersparten Taschengeld ihre erste Uhr gekauft.

„Eine mechanische Uhr ist etwas vollkommen anderes. Es ist eines der wenigen Objekte, das wir an kommende Generationen weitergeben können.“

Was unterscheidet Ihre Arbeit von der von anderen unabhängigen Uhrenmacher?
Zum einen die Art, wie ich arbeite. Ich habe meinen Workshop so aufgebaut, dass wir all unsere Komponenten selbst machen, das ist ein großer Unterschied. Wir machen unser eigenes Uhrwerk und stellen alle weiteren Teile her, ich glaube, das ist sehr selten. Wir machen Zifferblätter, Uhrzeiger und jetzt fangen wir auch damit an, Uhrengehäuse zu machen. Zum anderen denke ich, dass es der Zeitaufwand ist, der in der Fertigung der Uhren steckt.

Und die Transparenz. Ich bekomme mit, dass mehr und mehr Leute wissen wollen: Wie wird etwas hergestellt? Wo wird es hergestellt? Wer steckt dahinter? Das ist auch der Grund, warum wir viele Besuche bekommen. Die Kunden sehen: Der macht das ja wirklich alles selbst. Wenn sie meinen Workshop besuchen, können sie sich mit uns austauschen. Es ist etwas Anderes, wenn Sie eine Geschichte mit der Uhr verbinden, die Sie besitzen, als wenn Sie nur eine Person aus dem Verkauf eines größeren Unternehmens kennenlernen. Da gibt es dann keine echte Verbindung. Bei uns wissen die Kunden, wenn sie ihre Uhr anschauen: Ich bin vor Ort gewesen, ich habe mit demjenigen gesprochen, der die Uhr gemacht hat.

Diese Beziehung ist für viele unserer Kunden wichtig. Ich persönlich würde auch immer lieber mit demjenigen sprechen, der das Produkt hergestellt, als einfach online eine Taste zu drücken und die Kreditkarte zu zücken. Der zwischenmenschliche Kontakt ist so bedeutend. Ich kann nicht verstehen, dass die Leute heutzutage alles online kaufen.

Das Interview führte Johanna Müdicken


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