Barbara von Stechow vor Heiner Meyers „Violette“ (2015)
Barbara von Stechow vor Heiner Meyers „Violette“ (2015)

Die glatten Fassaden der Geschäftstürme überschatten bisweilen die charmante Seite Frankfurts. Hinter Soll und Haben offenbart das Finanzzentrum erst auf den zweiten Blick seine sinnlich-kreative Seite. Dass die Bankenmetropole eine Kunststadt ist, wissen Kenner natürlich. Längst wird nicht nur das tradierte, hochkulturelle Erbe gepflegt. Die Städelschule mit dem Portikus, das Städel mit dem unterirdischen Erweiterungsbau, das Museum für Moderne Kunst (MMK) oder der Kunstverein rücken das zeitgenössische Schaffen in den Mittelpunkt.

Ein wahres Kraftzentrum sind die mehr als 40 Galerien. Die Galeristen begleiten die Künstler auf ihrem Weg, regen an, bestärken und knüpfen Netzwerke. Manchmal werden so aus Persönlichkeiten voller Selbstzweifel souveräne Meister, die mit ihrem Schaffen eine große Zahl von Menschen beglücken. Die Förderer sind oft starke Frauen. Einige haben wir besucht.

Die Stadt hat erkannt, dass man den attraktiven Kunstbetrieb auch einer breiten nationalen und internationalen Öffentlichkeit bekannt machen sollte. Die Macher von „The Frankfurt Art Experience“ stellten gerade ein vielstimmiges und schillerndes Festival auf die Beine, unterstützt vom Wirtschaftsdezernat mit Mitteln der Tourismusabgabe.

Organisierte Rundgänge führten zu Malern, Grafikern, Fotografen oder Bildhauern und ihren Werken. Eine kunstaffine Zielgruppe begegnete einer energiegeladenen Künstlerszene. Es ist zugleich der 25. Saisonstart der Galerien gewesen.

„Im diesem Jahr wird meine Galerie 25 Jahre alt, ich habe durchgehalten“ – Barbara von Stechow

Engagierte Galeristinnen

Wir sind drei enthusiastischen Galeristinnen begegnet, die sich schon lange und mit großem Erfolg engagieren. Die konzentrierte Frauenpower ist bemerkenswert. Zunächst führt der Weg ins Westend in die Galerie Barbara von Stechow in der Feldbergstraße. „In diesem Jahr wird meine Galerie 25 Jahre alt“, sagt die Namensgeberin. „Ich habe durchgehalten.“ Barbara von Stechow, die in New York aufgewachsen ist, studierte zunächst Kunstgeschichte und Betriebswirtschaft. Mit der Eröffnung ihrer Galerie verfolgte die Frankfurterin das Ziel, den Absolventen der Städelschule und der HfG in Offenbach viel Raum zu geben.

Förderung junger Kunst

Fast ein Vierteljahrhundert später sitzt sie in der Jury „Junge Kunst mit Zukunft“, die einmal im Jahr je zwölf Studenten beider Hochschulen aussucht. Die Ausgewählten können ihre Arbeiten im Museum Angewandte Kunst dem Publikum vorstellen. Der Auftritt erstmals auf großer Bühne motiviert. „Ich setze mich gern mit jungen Leuten auseinander“, bekennt Stechow.

Die mit der Stadtgesellschaft gut vertraute 60-Jährige, die von einer noch immer jugendlichen Begeisterung angetrieben wird, hat so manches Talent für ihre Galerie gewonnen. Unter anderem entdeckte sie die mittlerweile sehr angesehene Städelschülerin Justine Otto. „Ich habe mehrere tolle Ausstellungen mit ihr gemacht.“ Doch die Beziehung zwischen Galerist und Künstler ist nicht zwangsläufig auf Ewigkeit angelegt. Otto wird inzwischen von ihrem Mann vermarktet.

Barbara von Stechow hat früh erkannt, dass das Geschäft mit noch weitgehend unbekannten Künstlern allein nicht funktioniert. Bei einer Delegationsreise mit der damaligen Oberbürgermeisterin Petra Roth nach New York konnte sie alte Kontakte in die Weltkunsthauptstadt wieder aufleben lassen. Bald vertrat sie US-Stars, wie den abstrakten Expressionisten Joe Stefanelli, dessen Nachlass sie mittlerweile in Europa exklusiv betreut. Oder Tom Christopher, dessen Straßenszenen aus Manhattan weltweit beliebt sind.

Kunstmessen als Bühne

Um den Interessentenkreis für ihre Künstler zu erweitern, besucht die umtriebige Galeristin diverse Kunstmessen, zum Beispiel in Köln, Karlsruhe oder Zürich – auch wenn die Standgebühren kräftig angezogen haben. Sogar auf der Messe in Miami ist sie dabei, obwohl der Auftritt dort mittlerweile rund 70.000 Euro kostet. „Das ist oft erstmal ein Minusgeschäft“, berichtet die Mutter von vier Söhnen.

Die Anfragen kämen dann aber häufig nach der Veranstaltung, erzählt sie. Den Iraner Alireza Varzandeh hat sie mit ihrem Messeengagement in den Vereinigten Staaten bekannt gemacht. „Seine Momentaufnahmen von Menschen am Meer werden jetzt in der besten Galerie von Los Angeles gezeigt. Sie berühren die Seele.“ Die Werke des Künstlers, der lange in Köln gelebt hat, passen zum Stil der Galerie. Stechow mag gegenständliche Malerei, farbig und pastös aufgetragen.

„Mich fasziniert die gute handwerkliche Ausbildung der Leipziger HGB-Absolventen. An anderen Kunsthochschulen wird ja oft gar nicht mehr Anatomie und Aktzeichnen unterrichtet“ – Kirsten Leuenroth

Die nächste Station ist die Fahrgasse, nur ein paar Schritte von der neuen Altstadt entfernt. Im Umkreis von 300 Metern liegen rund 15 Galerien. Kirsten Leuenroth hat ihre vor 13 Jahren im April 2006 eröffnet. Rund 80 Prozent der gezeigten Werke entstammen der Neuen Leipziger Schule. „Mich fasziniert die gute handwerkliche Ausbildung der Leipziger HGB-Absolventen“, bekennt die Kunsthistorikerin. „An anderen Kunsthochschulen wird ja oft gar nicht mehr Anatomie und Aktzeichnen unterrichtet.“

Galeristin Kirsten Leuenroth und Künstlerin Isabelle Dutoit vor „Krähen und Rabe“ und „Rabe“ (2019)
Galeristin Kirsten Leuenroth und Künstlerin Isabelle Dutoit vor „Krähen und Rabe“ und „Rabe“ (2019)

Langjährige Künstlerpflege

Zum letztjährigen Saisonstart hat Leuenroth wieder einmal Bilder von Isabelle Dutoit aufhängen können. Genau wie der international gehypte Kollege Neo Rauch gehört auch sie zu den Meisterschülern des vor zwei Jahren verstorbenen Arno Rink. Schon zum sechsten Mal bietet die Galeristin Einblicke in das Schaffen der aus Darmstadt stammenden Künstlerin.

Dutoit hatte zunächst an der HfG in Offenbach studiert, ehe sie an die Hochschule nach Leipzig wechselte. In der sächsischen Großstadt ist sie wegen der lebendigen Künstlerszene geblieben – und auch weil die Mieten für ein Atelier noch bezahlbar sind. Die auf die Leinwand gebannten wilden Tiere, die aktuell zu sehen sind, scheinen in Farbschwaden zu verschwinden. Tiger mit fein gezeichnetem Fell, Raben und Krähen als Menetekel und Wölfe, die den Betrachter aus gelben Augen fixieren, vermitteln die Magie einer vom Untergang bedrohten Natur.

Dass die erhabenen Kreaturen vom Menschen und seinen kommerziellen Interessen verdrängt werden könnten, schleicht sich als Gedanke ein. Kirsten Leuenroth beginnt, über die global agierenden Akteure ihrer eigenen Branche zu räsonieren. Die ganz großen Galeristen, Händler und Auktionshäuser sähen nur noch Zahlen hinter jedem Kunstwerk, stellt sie bedauernd fest.

Wenige große „Galeriekonzerne“ würden den Mitbewerbern immer erfolgreicher die Künstler wegschnappen, meint FAZ-Autor Kolja Reichert. Allein Gagosian mache mehr Umsatz als der gesamte deutsche Kunstmarkt. Für Superreiche sei es schicker, in Kunst als in eine Hochseeyacht oder einen Fußballklub zu investieren. „So wird der seiner Bildung und seinem eigenen Geschmack vertrauende Sammler zunehmend überrollt vom Spekulanten, der in sichere Marken investiert: Art Basel, David Zwirner, Richard Serra“, lautet das Fazit von Reicherts Essay „Der Staubsaugereffekt“.

Die Macht der Galeriekonzerne

Bärbel Grässlin, die vielleicht renommierteste Galeristin Frankfurts, trifft die Global Player auf Messen und Auktionen in Europa, USA oder Asien. Sie residiert in einem ehemaligen Gewerbebau aus Beton, Stahl und Glas leicht versteckt in einem Hinterhof der Schäfergasse. Ihr auch architektonisch anspruchsvolles Domizil, nur ein paar Schritte von der Zeil entfernt, bildet den Endpunkt unserer kleinen Tour. Mit ihrer 1985 in Frankfurt gestarteten Galerie spielt die Südbadenerin in der ersten Bundesliga.

Die Marktentwicklung macht ihr keine Angst. „Ich werde als Mittelständlerin respektiert.“ Kunst sei immer schon ein Geschäft gewesen, bei dem es um Angebot und Nachfrage gehe. Grässlin arbeitet mit Künstlern zusammen, die auch von den Megagaleristen Gagosian oder Zwirner vertreten werden. „Ich kann Niemandem böse sein, der mit ihnen kooperiert.“ Letztlich habe der Verkauf „absolute Priorität“. Und der laufe erfolgreich auf mehreren Kanälen. Es sei halt nicht zu leugnen, dass die Big Shots eine „Wahnsinnspower“ hätten.

„Manchmal waren wir am Verzweifeln. Selbst Martin Kippenberger wurde von Experten als ‚Partykellermaler‘ eingestuft“ – Bärbel Grässlin

Die Schwarzwälderin, die ihren alemannischen Dialekt nicht verbirgt, nimmt es fatalistisch: „Wir kleineren Galerien suchen nach Künstlern mit Potential. Und wenn wir erfolgreich sind, kommen die Anderen.“ Traurig macht sie das keineswegs. „Die Drecksarbeit macht doch am meisten Spaß, auch wenn der Weg steinig ist.“ Den richtigen Riecher hat sie oft bewiesen. Früh setzte sie beispielsweise auf Martin Kippenberger, Reinhard Mucha, Günther Förg oder Albert Oehlen, die bald auch im Ausland begehrt waren. „Viele kenne ich seit ihrer Akademiezeit.“

Bärbel Grässlin am „Fragentopf“ von Fischli Weiss
Bärbel Grässlin am „Fragentopf“ von Fischli Weiss

Ein Selbstläufer war ihr Geschäft aber nicht. Längst nicht jede Ausstellung fand Interessenten. „Manchmal waren wir am verzweifeln“, bekennt sie. So sei der von ihr vertretene Kippenberger von angesehenen Experten zunächst als „Partykellermaler“ eingestuft worden.

Provokation und Witz

Ein bisschen Glück hat Bärbel Grässlin gehabt. Schon Vater und Mutter waren legendäre Sammler gewesen. So kam sie sehr früh mit Kunst und Künstlern in Berührung. „Die gegenstandslose, abstrakte, gestische Malerei war für meine Eltern wie ein Befreiungsschlag aus den Fesseln des Krieges und des Naziregimes“, hat sie einmal die Anfänge der familiären Kunstleidenschaft beschrieben. „Ich selbst war bald von ganz anderen Sachen fasziniert“, sagt sie nun im Gespräch.

Ihr eigenes Programm, das sie in ihrer Galerie präsentiert, umfasst hauptsächlich deutsche Kunst der 80er und 90er Jahre mit internationaler Reputation. In diesem Sommer brachte sie einige ihrer favorisierten Künstler unter dem Titel „The Eighties“ noch einmal zusammen. Viele Besucher der Ausstellung freuten sich über den großen Fragentopf des Schweizer Duos Fischli/Weiss – ein Kessel voller
Pseudotiefsinn. „Was denkt mein Hund?“, „Fährt noch ein Bus?“ oder „Noch ein Gläschen?“ steht unter anderem im Inneren. Witz und Provokation seien damals die gängige Haltung gewesen, erinnert sich die 65-Jährige.

Dann erzählt sie von der Aufbruchstimmung in ihrer ersten Frankfurter Zeit. Kasper König, der spätere Städel-Professor und Gründungsdirektor des Portikus, hatte ihr die Stadt empfohlen, um sich mit einer Galerie selbstständig zu machen. „Es gab eine enorme Dynamik, aber nur wenige Galerien.“ Es hat geklappt. Frankfurt fasziniert Grässlin noch immer. Seit einiger Zeit betreibt sie mit zwei Partnern eine weitere Galerie – „Die Filiale“ in der Stiftsstraße. „Da schauen wir – wie in der Pionierzeit – vor allem zu den Akademien.“ Das Klima dafür sei in Frankfurt günstig. „In keiner anderen Stadt bin ich einer solchen Offenheit begegnet, wie hier.“

Prof. Tobias Rehberger in seiner großen Ausstellung in der Kunsthalle Schirn (2014)
Prof. Tobias Rehberger in seiner großen Ausstellung in der Kunsthalle Schirn (2014)

Fotografie bis Installation

Dass die Galerien zum Saisonstart ein breites Spektrum boten, kann also nicht überraschen. Was anregend ist, ist auch willkommen. Hier nur ein Ausschnitt: Laura Padgett (Galerie Peter Sillem), Oliver Boberg (L.A. Galerie – Lothar Albrecht) und Laurenz Berges (Galerie Wilma Tolksdorf) stellen konzeptionelle fotografische Positionen vor.

Tobias Donat vermischt ideelle Werte und Gebrauchswerte, denn seine „Daybeds“ sollen auch als Möbel genutzt werden (Philipp Pflug Contemporary). Mit surrealistischen Kompositionen überraschen Leonora Carrington, Dorothea Tanning sowie Max, Jimmy, Amy und Eric Ernst (DIE GALERIE). Auch die Einzelausstellungen mit Hans Ticha (Galerie Hanna Becker vom Rath) und Hans Scheib (Kunstraum Bernusstraße) locken. Schließlich beschäftigen sich Ralf Zollers Gemälde mit Themen von Schuld, Anklage und Verantwortung (Galerie Söffing).

„Es ist unglaublich schwierig, ein bezahlbares Atelier zu finden. Eine Künstlerstadt ist Frankfurt sicher nicht.“ – Prof. Tobias Rehberger

Keine Frage – die Kunst in Mainhattan lebt, auch wenn Berlin mit Hunderten von Galerien und Tausenden von Künstlern übermächtig erscheint. Bildhauer und Installationskünstler Tobias Rehberger warnt vor zu großem Optimismus. „Bei uns finden sich wenig Schlupflöcher, in denen Künstler ihr Biotop gestalten können“, kritisiert der Städelschulprofessor. „Es ist unglaublich schwierig, ein bezahlbares Atelier zu finden. 75 Prozent meiner Studenten verlassen Frankfurt nach ihrem Abschluss und gehen nach Berlin oder New York.“ Daran änderten auch gute Galerien nichts. „Eine Künstlerstadt ist Frankfurt sicher nicht“, resümiert Rehberger.

Galeristin Barbara von Stechow widerspricht. „Es hat sich in Frankfurt schon eine Menge getan. Das muss man anerkennen.“


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