Wie fühlt es sich an, sein Land bei Olympischen Spielen zu repräsentieren? Welche Hoffnungen und Ängste spielen vor dem Wettkampfeine Rolle? Wie geht der Athlet mit Siegen und Niederlagen um? Darüber sprachen wir mit dem ehemaligen Hürdenläufer Edgar Itt und Olympia-Hoffnung Betty Heidler. Von Natalie Rosini

Edgar Itt bei der Leichtathletik-EM 1990 in Split
Edgar Itt bei der Leichtathletik-EM 1990 in Split (© Fotoagentur Sven Simon)

Die 30. Olympischen Spiele der Neuzeit in London. Rund 400 Sportler treten an, um in ihren Disziplinen zu siegen. Gold für ihre Nationen zu holen. Es aufs Siegertreppchen zu schaffen. In die Geschichte einzugehen. Denn Olympiasieger bleibt man für immer. Doch der Traum vom Erfolg ist gleichbedeutend mit einem enormen Druck. Von Trainern und Team, vom Publikum und nicht zuletzt vom Sportler an sich selbst. Wie geht man damit um? Wie schwer ist dieser Weg, auf den sich Athleten über Jahre vorbereiten? Fakt ist: Wenige Minuten, oftmals auch nur Sekunden, entscheiden darüber, ob sich Training, Ehrgeiz, Disziplin und Kampfeswille auszahlen.Edgar Itt, der unter anderem 1988 die Bronzemedaille im Hürdenlauf in Seoul gewann, weiß, was es bedeutet, beim wichtigsten Sportwettbewerb der Welt sein Land zu repräsentieren…

Adler auf der Brust

„Es ist die größte Ehre, die einem Sportler zuteilwerden kann“, umschreibt Edgar Itt die Teilnahme an Olympia. Wir treffen den einstigen deutschen Leichtathleten in Frankfurt an der Alten Oper – obwohl er mittlerweile einen zweiten Wohnsitz in München hat, wird das Rhein-Main-Gebiet stets seine Heimat sein, erklärt er. „Als Kind, wenn ich die Wettkämpfe bei Olympia sah, träumte ich davon, auch einmal das Trikot mit dem deutschen Adler zu tragen. Als es dann tatsächlich so weit war, war das für mich das Größte. Und es kamen mir ganz absurde Gedanken, wie: Das Shirt könnte dreckig werden…“. Und die Hymne, wenn man im Stadion für sein Land antritt? „Das verursacht mir bis heute Gänsehaut. Diesen Moment in Worte zu fassen, scheint mir unmöglich.“

Der Moment der Wahrheit

Der Wettkampf beginnt. „The moment of truth“ naht… Circa 120.000 Zuschauer waren damals in Seoul im Stadion. Hat Edgar sie tatsächlich wahrgenommen? „Beim Einlaufen ins Stadion schon. Die Tribünen wirkten wie Wände aus Menschen. Doch dann realisiert man schnell, dass man nicht die volle Aufmerksamkeit des Publikums hat.“ Und das liegt daran, dass bei Olympischen Spielen die leichtathletischen Disziplinen zu großen Teilen parallel stattfinden. An der einen Ecke der Weitsprung, an der anderen einer der Läufe. „Das macht auch vieles leichter. Überall im Stadion passiert etwas. Man hört Jubel, Applaus. Andere haben es hinter sich… Das macht einem irgendwie bewusst, dass dieser Moment nicht ewigwähren wird. Und man ist ganz bei sich. Man hat jahrelang darauf hingearbeitet. Und nun ist der Moment. Man will es. Man weiß, dass man auf dem Höhepunkt angelangt ist. Und der ganze Druck fällt irgendwie von einem ab.“

Nahaufnahme

Die Laufdisziplinen sind dennoch immer Zentrum der Aufmerksamkeit. Nicht nur, weil dann zwangsläufig andere Disziplinen ruhen müssen, sondern auch, weil sie zu den Klassikern gehören, welche die Aufmerksamkeit des Publikums auf den Plan rufen. „Von den 120.000 werden dann doch 50.000 ganz ruhig. Als würde das gesamte Stadion in Schweigen verfallen“, sagt Edgar. „Wenn es dann ‚auf die Plätze‘ heißt, werden nochmal gefühlte 30.000 ruhig. Es ist, als würde die Welt stillstehen. Ich kann mich erinnern, dass ich auf der entgegengesetzten Seite ein einzelnes Kind schreien hörte.“ Alles läuft wie in Zeitlupe. Das Klicken der Schuhe in den Startblöcken ist lauter vernehmbar als in jedem Training zuvor. Einatmen, ausatmen. Und dann fällt der Schuss! „Innerhalb von Bruchteilen von Sekunden fangen die Menschen an zu schreien. Es ist Jubel. Und er gibt einem zusätzlich Adrenalin.“ Edgar spricht von seinem legendären Hürdenlauf, bei dem auch Stars wie EdwinMoses und Kevin Young mitliefen. „Ein Faktor, der mitspielte. Ich hatte großen Respekt vor diesen Athleten. Und ich hatte den Willen, sie hinter mir zu lassen.“

Angst oder Motivation?

Edgar Itt profitiert auch heute noch von seinen Erfahrungen im Sport.
Edgar Itt profitiert auch heute noch von seinen Erfahrungen im Sport. (© Top Magazin Frankfurt)

„Man muss den Reset-Knopf drücken“, erklärt Edgar Itt in Sachen Druck.Denn dieser kommt vonseiten des Teams, des Trainers, des Publikums, der Presse und nicht zuletzt von einem selbst. „Als Sportler muss man lernen, was man an sich ranlässt. Im Mannschaftssport ist der Druck durch die Kollegen sicher höher. Als Einzelsportler muss man vor allem mit den eigenen Dämonen kämpfen. Doch natürlich kommen einem während des Wettbewerbsauch Gedanken an die Menschen, die einem geholfen haben. An Freunde, Verwandte, Förderer. An die Sponsoren, die für ihre Unterstützung eine Gegenleistung erwarten. Und vor allem an die Konkurrenz. Die einen nicht enttäuschen wollen, die anderenübertrumpfen. Da ist es unumgänglich, besagten ‚Reset‘-Knopf zu drücken und sich voll und ganz auf sich und seinen Körper zu konzentrieren. Auf diesen einen Moment, der über das weitere Leben entscheidet. Bis heute ist das eine der wichtigsten Erfahrungen, die ich machen durfte und die ich in meinen Motivations-Seminaren thematisiere. Die Frage lautet schlicht: Was machst Du aus dem Druck? Lässt du zu, dass er Dich blockiert? Oder nutzt du ihn als Motivation?“

Everyone’s a champion

„Über Hürden zum Erfolg“, so lautet das Motto von Edgar Itt bis heute. Ausdauer und Disziplin sind es, die er heute in Seminaren und Workshops lehrt – und das tut er nicht nur für Sportler, sondernauch für Führungskräfte. Denn „Ehrgeiz kann man lernen“, sagt der einstige Athlet. „Er wird einem natürlich zum Teil in die Wiege gelegt, doch die Fähigkeit, die Massen zu begeistern, ist etwas, das man auch trainieren kann. Erst gestern stand ich bei einem Seminar vor 3.000 Menschen in der O2-Arena, und ich habe definitivvon meiner Erfahrung als Spitzensportler profitiert. Was ich den Menschen zu verstehen gebe: Jeder kann Champion sein. Doch das muss man erst mal wissen.“

The winner takes it all

„Man kann Gewinner sein oder Sieger“, sagt Edgar Itt. Der Unterschied ist, dass man gewinnen kann, Sieger ist man aber erst, wenn man auch sein eigenes Ziel erreicht hat.“ Und das ist wie im Leben, weiß der Coach und Motivator. „Denn auch mit Erfolg muss manumgehen können. Erfolg kann einen nach vorne ziehen oder hemmen. Immer wieder gibt es Sportler, denen letzteres passiert und die überzeichnet und gekünstelt wirken.“ Für Edgar waren damals Familie und Freunde wichtig. „Sie waren mein Halt. Sie halfen mir, die Bodenhaftung nicht zu verlieren. Denn, wenn man ehrlich ist: Man hat schon die Tendenz, abzuheben. Und um nicht zum Egomanen zu werden, braucht es Menschen, die einen kennen und auf den Boden der Tatsachen zurückholen.“

To be or not to be

Edgar ist heute ein gefragter Coach und Motivator. Seine Erfahrungen im Spitzensport machen ihn zum Experten in Sachen Motivation, Begeisterung, Siegeswille. Dennoch bleibt die alles entscheidende Frage: Ist Dabeisein wirklich alles? Der nach wie vor athletisch gebaute Mann mit dem ansteckenden Lachen und derpositiven Ausstrahlung beantwortet es knapp: „Wenn du wirklich dabei bist, dann willst du mehr als Dabeisein. ‚Dabeisein ist alles‘ ist Quatsch!“

10 Fragen an Hammerwurf-Rekordhalterin und Olympia-Teilnehmerin Betty Heidler

Hammerwurf-Rekordhalterin und Olympia-Teilnehmerin Betty Heidler während Ihrer Vorbereitung.
Hammerwurf-Rekordhalterin und Olympia-Teilnehmerin Betty Heidler (Foto: privat)

1 Was ist das für ein Gefühl, sein Land zu vertreten?
Egal, ob es Olympische Spiele, Europameisterschaften, Weltmeisterschaften oder andere internationale Wettkämpfe sind: Ich bin immer stolz darauf, dass ich den Bundesadler auf dem Trikot tragen darf und Deutschland im Leistungssport vertreten und repräsentieren kann!

2 Wie sieht es mit der Aufregung davor aus? Bist Du aufgrund Deiner Olympia-Erfahrung vor London weniger nervös?
Ich denke, ich werde wie immer aufgeregt sein: wenig Schlaf, kaum essen, zitternde Knie! Obwohl ich schon viele Erfahrungen bei Großereignissen gesammelt habe, bin ich immer wieder gleich stark aufgeregt.

3 Wie gehst Du mit dem Leistungsdruck um? Und was macht Dir mehr Druck? Die Erwartungen von Team und Anhängern oder Du selbst?
Mein innerer Druck ist vermutlich am größten. Den Druck aus der Öffentlichkeit nehme ich kaum wahr und er interessiert mich auch nicht. Mit dem Leistungsdruck umzugehen ist natürlich nicht so leicht. Im Prinzip bleibt man locker, wenn man seine Leistungen realistisch einschätzt, gezielt daran arbeitet und versucht, das rauszuholen, was möglich ist! So besteht der Druck, Leistung bringen zu wollen, aber man kann trotzdem gut damit umgehen und entspannt bleiben.

4 Mit welchen Erwartungen startest Du in London?
Ich arbeite seit Jahren daran, internationale Medaillen zu sammeln, und das wird auch in London so sein. Es ist der Traum eines jeden Sportlers, nicht nur bei den Spielen dabei zu sein, sondern ganz besonders auch dort eine Medaille zu gewinnen. Und genau das ist auch mein Traum!

5 Hast Du ein Vorbild?
Ja, mein Vorbild ist schon immer Marianne Buggenhagen!

6 Wie gehst Du mit Niederlagen um? Bzw. siehst Du es als Niederlage, wenn Du ein gestecktes Ziel nicht erreicht hast?
Das kommt ganz auf die Niederlage an! Natürlich will ich die Beste sein und trainiere hart dafür, aber ich bin keine Maschine und kann so leider auch nicht immer die Leistung erbringen, die ich gerne zeigen will. Aber es ist die Frage, wie weit ich werfe und ob eine andere eben besser ist! Wenn ich für mich sagen kann, ich hab alles gegeben und mehr war nicht drin, dann kann und muss ich zufrieden sein! Auch wenn ich im Wettkampf dann vielleicht den zweiten oder dritten Platz belege. Wenn ich meine eigenen Ziele nicht erfüllen kann, wie letztes Jahr bei der WM in Daegu, dann bin ich natürlich schon sehr enttäuscht. In erster Linie von mir selbst. Wenn der erste Gefühlsausbruch vorbei ist, setzt man sich hin und überlegt, warum man die Leistung nicht erbringen konnte. Welche Fehler man gemacht hat, warum und wie man sie in einem anderen Wettkampf vermeiden kann. Dieser Prozess kann mal lang und mal kurz sein, aber die Vergangenheit hat mir immer gezeigt, dass es trotzdem positiv und mit guten Weiten weiter geht, und so kämpfe ich mich auch von Niederlage zu Niederlage. Denn aus Niederlagen lernt man weitaus mehr als aus Siegen.

7 Beschreib bitte den Moment vor dem Wurf? Was denkst/empfindest Du in einem solchen Moment?
Vor dem Wurf denke ich allein an den Bewegungsablauf und an ein oder zwei technische Elemente, auf die ich besonders achte.
Alles andere um mich ist ausgeblendet. Es zählt nur der nächste Wurf und dass ich ihn besser treffe als die anderen zuvor!

8 Ab wann realisiert man, dass ein Wurf gut bzw. nicht so gut war?
Das kann unter Umständen schon zu Beginn sein, definitiv aber am Ende des Wurfes – quasi, wenn man abgeworfen hat und der Hammer die Hände verlässt. Da weiß man eigentlich schon, ob er gut oder schlecht war. Spannend bleibt es dann nur bis zu dem Moment, in dem die Weite auf der Anzeigentafel steht.

9 Mit der Leichtathletik bringt man Attribute wie Disziplin, Siegeswille, Kampfgeist in Verbindung. Musstest Du etwas davon erst lernen?
Nein, davon musste ich nichts erlernen. Eher, dass ich meinen Ehrgeiz und die Sturheit drosseln und kanalisieren muss, um leistungsfähig zu sein und nicht zu überdrehen. Auch heute arbeite ich noch daran! Wenn man die genannten Eigenschaften nicht hat und auch viele andere nicht, dann ist es schwer, an die Weltspitze zu kommen bzw. auch dort zu bleiben.

10 Inwieweit beeinflusst der Sport Dich? Gibt es Dinge, die man privat und beruflich nutzen kann?
Der Sport bestimmt mein Leben seit fast 14 Jahren! Er hat mich und meinen Lebensweg bis jetzt geprägt. Er hat meinen Charakter geformt,meine Lebensumstände, Menschen, die mich begleiten oder begleitet haben. Alle Bereiche meines Lebens sind mit dem Sport verbunden, und natürlich hat man einen Nutzen! Sowohl aus dem Privaten für den Sport, aber auch der Sport in Bezug auf das Privatleben. Allerdings gibt es auch berufliche Bezüge, denn ohne den Sport wäre ich nie bei der Bundespolizei gelandet (worüber ich sehr froh bin) und würde auch nicht Jura studieren. Ich bin froh, dass der Sport diese große Rolle in meinem Leben spielt, quasi mein Leben ist, und ich genieße alles, was damit in Verbindung steht!