Auf der Jagd nach den Produktpiraten
Auf der Jagd nach den Produktpiraten

Wer Markenprodukte nachahmt, verdient nicht nur auf Kosten anderer. Oft genug wird auch die Gesundheit der Käufer mutwillig aufs Spiel gesetzt. Der Zoll versucht mit großem Aufwand und Engagement, gefälschte Ware aus dem Verkehr zu ziehen. Frankfurt mit seinem Flughafen ist für Deutschland ein Haupteinfallstor für das kriminelle Geschäft. Doch es gibt spektakuläre Erfolge im Kampf gegen die Fälscher. Von Thomas Zorn

Deklariert war die Ware als Schlüsselanhänger. Das klingt harmlos. Doch die im Mai am Airport eingetroffene Frachtsendung aus China kam dem Hauptzollamt Frankfurt gleich verdächtig vor. Dass die Ware aus dem Land des Exportweltmeisters stammte, erhöhte nicht gerade das Vertrauen. Schließlich werden von dort die meisten Plagiate eingeschleust.

Beim Öffnen entdeckten die Beamten dann in jeder Kiste 60 Beutel mit je 20 niedlichen Lego-Figuren. Schnell stellte sich allerdings heraus, dass es sich um keine Originale handelte. Die mehr als 50.000 nachgemachten Lego-Wesen wurden sogleich sichergestellt. „Der verhinderte wirtschaftliche Schaden beträgt 25.200 Euro“, berichtet Sprecherin Isabell Gillmann. Ob die Materialien für Kinder verträglich gewesen wären, musste man erst gar nicht untersuchen. Denn die Fakes sind – wie üblich – schnell vernichtet worden.

Die Statistik bildet nur das ab, was dem Zoll in die Hände fällt.

Seit Jahren ist China beim Frankfurter Zoll Spitzenreiter bei den beschlagnahmten Plagiaten. 2017 machte der Anteil 37 Prozent aus. Es folgten in beträchtlichem Abstand die USA, die sich beim Abkupfern von Marken-T-Shirts einen unrühmlichen Namen gemacht haben. Dahinter rangieren Hongkong und Singapur. Die Menge der einkassierten Produkte ist von 337.000 auf rund 550.000 Artikel gestiegen. Allerdings lag der Warenwert mit 18,7 Millionen Euro unter dem von 2016 mit fast 42 Millionen Euro.

Deutschlandweit verhielt es sich genau umgekehrt: Die Menge der abgefangenen Markenkopien nahm 2017 ab. Dafür stieg ihr Wert von 180 auf 196 Millionen Euro. Die Statistik bildet nur das ab, was dem Zoll gerade in die Hände fällt. Die Dunkelziffer ist gewaltig. Nachgemacht wird alles: Brillen, Taschen, Uhren, Schmuck, Textilien, Schuhe, Bürobedarf, aber natürlich auch Maschinen, Werkzeuge sowie Fahrzeuge samt Zubehör.

Oben: Der Range Rover Evoque von Jaguar Land Rover. Unten: Der Landwind x7 von Jiangling Motors. Der Wagen kostet nur ein Bruchteil seines Vorbildes.
Oben: Der Range Rover Evoque von Jaguar Land Rover. Unten: Der Landwind x7 von Jiangling Motors. Der Wagen kostet nur ein Bruchteil seines Vorbildes.

Deutsche und europäische Rechteinhaber beklagen seit vielen Jahren die Dreistigkeit, mit der vor allem in Fernost abgekupfert wird. Es existieren rechtliche Grauzonen. Die Behörden sind oft machtlos. Der Landwind X7, ein Kompakt-SUV des chinesischen Automobilherstellers Jiangling Motors, ist dafür ein Beispiel. Der Wagen gilt als Kopie des Range Rover Evoque. Nur dass man für das Auto aus dem Reich der Mitte einen Bruchteil des Preises hinlegen muss, der für den Range Rover verlangt würde. Jaguar Land Rover versuchte den Start des X7 zu verhindern – vergeblich. Gerichtliche Interventionen scheiterten. Patentfragen sind eben hochkompliziert. Inzwischen produziert Jiangling Motors eine veränderte Variante, die dem Evoque etwas weniger ähnlich sieht.

Plagiarius – der Preis für dreiste Fälscher

Wenn juristisch nichts auszurichten ist, weil besonders asiatische Staaten kein Interesse an der Bestrafung eigener Unternehmen zeigen, kann man die Produktpiraten wenigstens in der Öffentlichkeit lächerlich machen. Der Unternehmer Stephan Koziol, dessen Firma im Odenwald Haushalts- und Büroartikel aus Kunststoff herstellt, verleiht mit anderen Betroffenen den „Plagiarius“ jährlich bei der Konsumgütermesse „Ambiente“ in Frankfurt. Mit der negativen Auszeichnung bedenkt man besonders dreiste Fälscher.

Die Produkte der Koziol GmbH stehen bei Imitatoren hoch im Kurs. Stephan Koziol schätzt, dass die Plagiate zehn- bis hundertmal häufiger verkauft werden als seine originalen Produkte. „Es ist, als ob einem das Geld aus der Hosentasche gezogen wird“, ärgert er sich. Die volkswirtschaftlichen Verluste durch Kopien sind kein Spaß. Nach einer aktuellen Studie des „Amts der Europäischen Union für geistiges Eigentum“ entsteht für Unternehmer aller EU-Mitgliedsstaaten ein Gesamtverlust von 83 Milliarden Euro pro Jahr.

„Es ist, als ob einem das Geld aus der Hosentasche gezogen wird.“ Stephan Koziol

Gerade das Luxussegment leidet unter dem Ideenklau. Hier sind die Gewinnspannen besonders hoch. Handtaschen von Gucci, Fendi oder Prada werden nicht nur als Originale gern in Webshops angeboten. Hier wie bei edlen Uhren sind getürkte Stücke keine Seltenheit.

Ein bekannter Frankfurter Juwelier erzählt, wie schockiert Kunden gewesen sind, wenn sie ihre Rolex, Cartier oder Jaeger-LeCoultre zur Reparatur gebracht haben und erfuhren, dass es sich um eine Fälschung handelte. „Ich spreche hier nicht von dem billigen Zeug, dass in Südostasien ein paar Dollar kostet. Sondern von wirklich täuschend echt aussehenden Uhren.“ Die könnten schon mal über 1.000 Euro kosten. „Trotzdem ist das weit unter dem normalen Preis und sollte stutzig machen“, warnt der Geschäftsmann. Spätestens ein Blick ins Gehäuse verschafft dem Experten Klarheit.

Es ist die Gier, die Kunden blind macht. Viele glauben, ein Schnäppchen zu machen. Andere wissen zwar, dass ihr Hemd, ihre Stehlampe oder die Sneakers gefälscht sind. Sie wollen sich aber mit einer Marke schmücken, die sie sich sonst nicht leisten können oder wollen. Dass damit die Markenhersteller bestraft werden, die viel Geld in die Entwicklung hochwertiger oder origineller Produkte investiert haben, daran denken zu wenige. Auch die jämmerlichen Arbeitsbedingungen in den Kopistenwerkstätten werden ausgeblendet.

Ein besonderer Fall ist der massenhafte Verkauf zusammengepanschter Potenzmittel über das Internet. Ihre Wirkung ist schwer einzuschätzen. Die Medikamente – als Viagra oder Cialis offeriert – können zu viel, aber auch gar keinen Wirkstoff enthalten. Außerdem ist die Hygiene bei der Fabrikation der rautenförmigen Tabletten oft eine Farce. Jeder, der für seine Manneskraft darauf zurückgreift, nimmt also erhebliche gesundheitliche Risiken in Kauf.

Rechts: Die Day-Date von Rolex. Links: Das Plagiat. Hier weichen zum Beispiel die Schriftarten vom Original ab
Rechts: Die Day-Date von Rolex. Links: Das Plagiat. Hier weichen zum Beispiel die Schriftarten vom Original ab

Der Zoll hat seine Bemühungen verstärkt, um den Produktpiraten auf breiter Front das Handwerk zu legen. Während die Beamten am Frankfurter Airport Stichproben vornehmen und illegale Ware konfiszieren, versuchen die Zollfahnder an die Hintermänner heranzukommen. Zum Beispiel geben die Adressen bei aufgeflogenen Sendungen wichtige Hinweise. Es werden verdeckte Ermittlungen veranlasst und schließlich Hausdurchsuchungen durchgeführt. „Als Rechteinhaber unterstützen uns die Hersteller mit Infoveranstaltungen, damit wir die Merkmale zur Unterscheidung von Original und Fälschung schnell erkennen“, sagt Hans-Jürgen Schmidt, Sprecher des Zollfahndungsamtes Frankfurt.

Es hat in den vergangenen Monaten aufsehenerregende Erfolge gegeben. So ist das Zollfahndungsamt in einer Frankfurter Firma auf 18 Paletten mit mehr als 60.000 Handy-Artikeln gestoßen. Es handelte sich um MP3-Player, Kopfhörer, Gamecontroller, Akkus, Speicherkarten, Kabel, Steckersets und Handyhüllen. Sie sahen nur so aus, als stammten sie von renommierten Unternehmen. In Wirklichkeit war es Schrott aus China. Die gepfuschten Akkus hätten im Mobiltelefon explodieren können. Die Speicherkarten waren teilweise völlig unbrauchbar. Und die Qualität der Kopfhörer war so lausig, dass Musik eher zur Tortur würde.

Die Kapitäne der Produktpiraterie sind Schwerkriminelle in Nadelstreifen.

Auch die Zerschlagung einer deutsch-iranischen Gang, die Tonerkartuschen von Kyocera im Wert von rund zehn Millionen Euro gefälscht hatte, war ein großer Erfolg. Die Haupttäter sollen dafür verantwortlich sein, leere Kartuschen in Europa angekauft und nach China und Dubai ausgeführt zu haben, um sie anschließend befüllt wieder einzuführen. Abgefüllt wurde auch in Dieburg und Frankfurt.

Die Gelder aus dem Geschäft flossen auf Konten in Dubai. Der Gesamtschaden ist noch nicht zu beziffern. Der Wert der beschlagnahmten Tonerkartuschen wird auf zehn Millionen Euro taxiert. Außerdem wurde Bargeld in Höhe von 106.000 Euro, Gold und andere Wertgegenstände gefunden. An dem Einsatz waren 200 Beamte von Zoll, LKA und Staatsanwaltschaft sowie Sachverständige der Firma Kyocera beteiligt.

Original oder Fälschung?: Restaurierte Möbel bewerten - Plagiate erkennen (Sammlerpraxis)
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  • Martin Marquardt
  • Herausgeber: Battenberg Gietl Verlag
  • Auflage Nr. 2 (10.03.2008)

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