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Das Rhein-Main-Gebiet ist einer der größten Standorte diplomatischer Vertretungen in Deutschland. 52 Berufskonsuln repräsentieren als Beamte des auswärtigen Dienstes ihre jeweiligen Länder. Dazu kommen 57 Honorarkonsuln, die diese ehrenamtlich vertreten. In einer Serie wollen wir diese vorstellen. Rüdiger Freiherr von Rosen, langjähriger geschäftsführender Vorstand des Deutschen Aktieninstituts, ist seit mehr als 10 Jahren Honorarkonsul von Lettland. Auch seine familiären Wurzeln liegen in dem baltischen Staat. Von Sabine Börchers

Ein Honorarkonsul hat im günstigen Fall wirtschaftliche oder persönliche Verbindungen zu dem Land, das er auf diplomatischem Parkett vertritt. Rüdiger Helmold Freiherr von Rosen kann gar verwandtschaftliche Beziehungen vorweisen. Seine Familie verfügt über jahrhundertealte Wurzeln in Lettland. Dafür gibt es steinerne Zeugen. Auf seiner Terrasse hängt ein wagenradgroßes gotisches Familienwappen mit seinem Namen, zwei Hermelinen, Federn und drei Rosen.

Prof. Dr. Rüdiger Freiherr von Rosen vor seinem Familienwappen
Prof. Dr. Rüdiger Freiherr von Rosen vor seinem Familienwappen

„Das Original befindet sich im Kreuzgang des Doms von Riga“, erzählt der Frankfurter Diplomat. Auch das älteste erhaltene Wappen seiner Familie aus dem Jahre 1306 hat er sich nachprägen lassen. Es liegt wie eine große Münze in der Hand und zeigt drei Rosen auf einem Schild. Seit dem frühen 13. Jahrhundert seien die Rosens im Baltikum nachweisbar, berichtet er. „Sie kamen mit dem damaligen Bischof Albrecht von Bremen dorthin, um im Auftrag des Papstes den Heiden das Christentum zu bringen.“ Und sie blieben.

Es habe zu Hochzeiten rund 50 Familiensitze der Rosens im heutigen Lettland und Estland gegeben, erläutert der Nachkomme weiter. Seine Familiengeschichte ist gut dokumentiert, die Deutsche Biographie der Bayerischen Akademie der Wissenschaften nennt viele berühmte Vorfahren, darunter einen Vizegouverneur von Estland, einen politischen Rebellen, einen russischen Schriftsteller, einen Mineralogen und einen Diplomaten.

Der Stammsitz seines Familienzweigs aus dem 14. Jahrhundert liegt bis heute nördlich von Riga, in der ehemaligen lettischen Hansestadt Straupe, die kürzlich ihren 800. Geburtstag feierte. „Auf Deutsch hieß sie Groß-Roop. Unser Familiensitz ist eine alte Wasserburg mit zwei Meter dicken Backsteinmauern“, berichtet von Rosen. Der Ort sei auch den heutigen Letten ein Begriff, war er doch im Jahr 1919 eine Widerstandshochburg im Freiheitskampf des Landes.

Zwei verlorene Familiensitze

Von Rosens Vater, geboren 1900, hätte den Familiensitz von seinen Eltern übernehmen sollen. Rüdiger von Rosen wäre dann vermutlich in Lettland geboren worden. Doch nachdem die Letten nach dem Ersten Weltkrieg ihre Unabhängigkeit erklärt hatten, enteigneten sie die Deutschbalten, so dass die Familie das Land verlassen musste. „Mein Vater hat dann das Familiengut Grocholin in der Provinz Posen übernommen, das zur Hälfte seinen drei Tanten gehörte. Dort bin ich geboren.“ Kaum hat von Rosen dies erzählt, bittet er von der Terrasse ins Esszimmer, wo drei zarte Ölbilder die Tanten zeigen, die dem Vater das polnische Rittergut überließen. Von Grocholin hängt eine historische Ansicht daneben.

Das Schloss von Groß Roop (Lielstraupe Pils), der Familiensitz der Von Rosens in Straupe
Das Schloss von Groß Roop (Lielstraupe Pils), der Familiensitz der Von Rosens in Straupe

Aus eigener Erinnerung hat Rüdiger von Rosen keine Bilder seines Geburtsortes mehr im Kopf. Der 1943 Geborene war gerade mal zwei Jahre alt, als die Familie mit sechs Kindern erneut flüchten musste, diesmal vor den Russen. „Meine Mutter hat die Pferde 24 Stunden lang durchgepeitscht. Wir gehören zu den Wenigen, die damals rausgekommen sind“, sagt er. Die Flucht endete in der Wetterau, wo von Rosen und seine fünf Geschwister aufwuchsen. Grocholin blieb dennoch immer die gefühlte Heimat der Familie. „Wir waren erst vor kurzem da. Wir haben noch Kontakt zum Sohn unseres damaligen Gärtners.“

Geerbte und erarbeitete Titel

In der Wetterau lernte der junge Rüdiger von Rosen die Flüchtlingswirklichkeit kennen. Er sei wegen seiner ärmlichen Kleidung aus Leibchen und Strümpfen gehänselt worden. „Und dann hatten wir auch noch so einen komischen Namen.“ Die Reserviertheit zum Freiherren-Titel, die er damals spürte, hat ihn geprägt. Bis heute trägt er ihn nicht. Seinen Doktor- und seit den 1990er Jahren den Titel des Honorarprofessors an der Goethe- Universität dagegen schon. „Die habe ich mir selbst erarbeitet, das ist etwas anderes.“

Nach der Ausbildung zum Bankkaufmann bei der Dresdner Bank, dem Betriebswirtschafts-Studium und der Promotion in Frankfurt ging Rüdiger von Rosen zur Deutschen Bundesbank. „Man hatte mir versprochen, dass man mich ins Ausland schicken würde“, erläutert er seine damaligen Beweggründe. Doch daraus wurde nichts. Von Rosen wurde Assistent des damaligen Bundesbankpräsidenten Otmar Emmingers und arbeitete schließlich neun Jahre lang mit dessen Nachfolger Karl Otto Pöhl zusammen. „Diese abgeleitete Macht, die hatte schon einen gewissen Charme“, gibt er offen zu und lässt dabei sein typisches kurzes Lachen erklingen. Er schwärmt aber auch immer wieder gerne von der Sachkunde und dem Humor seines Chefs.

1986 verließ er die Bundesbank und organisierte an der Spitze der Arbeitsgemeinschaft deutscher Wertpapierbörsen die acht dazu zählenden deutschen Institutionen neu. Schließlich wurde er Vorstandssprecher der Frankfurter Börse AG. Noch heute trägt er zum gestreiften Hemd gerne Bulle und Bär, die Symbole des Auf und Ab der Börsenkurse als Manschettenknöpfe. Nach seiner Ablösung stand er bis 2012 insgesamt 17 Jahre lang dem Deutschen Aktieninstitut vor und machte sich für die Aktie als Geldanlage stark.

Dafür hielt er Vorträge, schrieb Bücher, nebenbei beriet er Regierungen wie Kambodscha, Vietnam und die Philippinen und kam auf diese Weise doch noch in der Welt herum. „Ich habe in manchen Fällen auf mein Honorar verzichtet und mir lieber das Land zeigen lassen.“ Nur wenige Gegenden der Erde hat er heute noch nicht gesehen: Patagonien fällt ihm auf Anhieb ein, die Fidschi-Inseln und Belize.

Zuständig für 500 Letten

Das Wappen Lettlands
Das Wappen Lettlands

Zum Posten des Honorarkonsuls kam er durch die Vermittlung des früheren Dresdner-Bank-Vorstandes Manfred Meier-Preschany. Er habe immer gesagt, wenn er mal aufhöre, müsse ich übernehmen, berichtet von Rosen. Und so kam es im März 2004. Seitdem ist er für die rund 500 Letten zuständig, die in Hessen leben. Bei Wahlen wurde sein Konsulat, das er nach seiner Pensionierung in Büroräumen einer Steuerberatungsgesellschaft in der Biebergasse untergebracht hat, bereits mehrfach zum Wahllokal und musste zu solchen Gelegenheiten von sechs Uhr morgens bis 20 Uhr geöffnet bleiben.

Am Flughafen begrüßt von Rosen darüber hinaus regelmäßig Minister, die aus Riga in Frankfurt landen, und auch schon mal den Staatspräsidenten. Er hat es aber auch mit Letten zu tun, denen in Hessen die Papiere gestohlen wurden oder die heiraten wollen. „Ich vermittele dann meist an die Botschaft in Berlin“, weist er darauf hin, dass alle offiziellen Papiere nur dort ausgestellt werden können.

Seine umfangreichen Kenntnisse des Finanzwesens konnte er dagegen schon mehrfach einbringen. So führte der lettische Notenbankpräsident von 2002 an regelmäßig Gespräche mit ihm über die bevorstehende Euroeinführung. Die Kulturtage der EZB, die vor einigen Jahren Lettland zum Thema hatten, begleitete von Rosen ebenso wie ein großes Konzert zur Übernahme der EU-Ratspräsidentschaft des für seine Kultur bekannten Landes Anfang 2015.

Lettland und auch sein Nachbar Estland hätten sich in den vergangenen Jahren
aber insgesamt sehr gut entwickelt, obwohl sie über keine Rohstoffe verfügen betont er, ganz Diplomat, und schwärmt von Riga als Perle der Ostsee-Region. Einmal im Jahr fliegt von Rosen auch heute noch in die Heimat seiner Familie. Zur 800-Jahrfeier Straupes stiftete diese dem Ort unter anderem eine neue Wetterfahne. Der dortige Erbbegräbnisplatz gehöre nach wie vor den von Rosens, berichtet er. Auch wenn sich auf ihm von seiner Familie seit dem Verlassen Lettlands noch niemand habe begraben lassen.

Auf den Gipfel

Neben dem Konsulat und einigen Aufsichtsratsmandaten engagiert sich Rüdiger von Rosen auch ehrenamtlich für die Heussenstamm-Stiftung. Er ist Gründungspräsident des Lions Clubs Frankfurt Am Leonhardsbrunn und seit zwei Jahren Präsident der Frankfurter Gesellschaft für Handel, Industrie und Wissenschaft. Erholt hat sich von Rosen, der fünf Kinder und fünf Enkel hat, schon immer auf seine spezielle Art.

Denn nicht nur beruflich erklomm er gerne Gipfel, auch privat zog es ihn auf die Berge. 6000 Meter hoch mussten sie sein. Sechs dieser Riesen hat er in seinem Leben bestiegen. Den letzten mit 64 Jahren. Dazu etwa 40 mit rund 5000 Metern Höhe. Heute, im Ruhestand, sind es eher die Gipfel der Völkerverständigung, die es ihm angetan haben. Auch dabei begibt er sich gerne auf schwieriges Terrain, etwa auf chinesisches. So gründete er mit einigen Mitstreitern vor kurzem das „Sino-German Center of Finance and Economics“ (SGC), das am House of Finance der Goethe-Universität angesiedelt ist.

Von Rosen übernahm die Präsidentschaft und sorgt damit künftig für das wissenschaftliche Fundament der Handelsbeziehungen zwischen China und Deutschland. „China wird unser Handelspartner Nummer Eins. Die wirtschaftlichen Dimensionen sind gewaltig“, sagt er. Dafür sei es wichtig, die unterschiedlichen Unternehmenskulturen oder Rechtsauffassungen abzugleichen. Viele Gespräche und gegenseitige Besuche waren nötig, um das Institut auf die Beine zu stellen. Am 21. September feiert es seine Eröffnung. Während China ihm deshalb derzeit ständig im Kopf herumgeht, schlägt für Lettland weiterhin sein Herz.