In der heutigen Arbeitswelt ist der Wettbewerb omnipräsent. Das gilt nicht nur für Manager, die immer höhere Gewinne erzielen sollen, sondern für jeden Angestellten, der ständig mehr leisten und besser werden soll, und das auf eigene Initiative. Woher kommt der Zwang zur Selbstoptimierung und wie kann man ihn positiv nutzen?
Von Sabine Börchers

Erbarmungslos unterzog sie sich Diäten. Um ihre Traumfigur zu erreichen, soll sich die Opernsängerin Maria Callas sogar mit einem Glas Champagner einen Bandwurm einverleibt haben. Der Parasit machte sie innerhalb kurzer Zeit um 50 Kilo schlanker – so die Legende. Für den Regisseur und Bühnenbildner Ersan Mondtag steht diese Geschichte stellvertretend für den Selbstoptimierungs-Wahn, dem mittlerweile die gesamte Gesellschaft verfallen ist.

Künstler Ersan Mondtag
Künstler Ersan Mondtag

Wir tragen Fitness-Armbänder, zählen unsere Schritte per Sensor im Sportschuh, achten ständig auf unsere Ernährung, unser Gewicht und kontrollieren Dauer und Qualität unseres Schlafs. Im Büro organisieren wir alles nach neusten Erkenntnissen des Zeitmanagements oder arbeiten mit modernen Apps, die regelmäßig die eigene Leistung und Effizienz bewerten.

„Quantified Self – Selbsterkenntnis durch Zahlen“ lautet das Schlagwort, unter dem sich diese Bewegung aus dem kalifornischen Silicon Valley auch zu uns ausgebreitet hat. Sie vereint zwei große Trends unserer Zeit: den Wunsch nach menschlicher Perfektion und den Glauben an die Segnung digitaler Technologie.

Ersan Mondtag überschrieb die Ausstellung im Museum für Moderne Kunst, die er kürzlich inszenierte, deshalb mit dem Titel „I’m a problem“. Er gestaltete die Räume als mit Kunstwerken geschmückten Magen der Callas und ließ sich einen rund 30 Meter langen Bandwurm aus Plastik hindurchschlängeln. Seine Botschaft: Der Mensch selber wird zum Problem.

Wettbewerb in allen Lebensbereichen

Dabei ist es nicht unbedingt der Einzelne, der das Problem darstellt, sondern der soziale Wandel. Die Soziologin Greta Wagner, die am Institut für Soziologie der Frankfurter Goethe-Universität tätig ist und ein Buch dazu geschrieben hat, nennt es die Neoliberalisierung der Sozialordnung. Dabei stehe der Wettbewerb heute stets im Zentrum und wenn dieser alle Lebensbereiche bestimme, müsse jeder Einzelne versuchen, sich zu verbessern.

Greta Wagner (Goethe-Universität)
Greta Wagner (Goethe-Universität)

Die Zeiten, in denen also die Werbung eine Frau ins Wurst-Brötchen beißen ließ und dabei „Ich will so bleiben wie ich bin“ propagierte, sind vorbei. Das äußert sich selbst in den beliebtesten Fernsehformaten, in denen nur die besten Sänger, die besten Köche oder die Shopping-Queen zählen und selbst Firmengründer in der Höhle des Löwen miteinander konkurrieren.

Der Philosoph Peter Sloterdijk geht sogar noch weiter als die Soziologin. Für ihn ist die Optimierungspraxis an die Stelle der alten Glaubenslehren getreten. Er nennt dieses permanente Nach-oben-Streben „Vertikalspannung“. In Zeiten, in denen alle Ideologien ausgedient hätten, bleibe dem freien Menschen nur noch diese eine große Metaidee. Mach das Beste aus dem eigenen Leben.

Selbstoptimierung – Trendsetter Goethe

Dabei ist die Idee, sich selbst stetig zu verbessern, grundsätzlich durchaus positiv. Vielen Selbstoptimierern geht es darum, das eigene Leben besser zu nutzen, so viel wie möglich aus jedem Tag herauszuholen und die eigene Zeit glücklich und erfolgreich zu verleben. Technische Hilfsmittel, die alles protokollieren, können dabei unterstützen.

Auch die Idee, sich und die eigene Leistung regelmäßig zu kontrollieren, ist uralt: So verspürte schon der 37-jährige Dichter Johann Wolfgang von Goethe 1796 einen Hang zur Selbstbeobachtung. Mehr als 35 Jahre lang notierte er Tag für Tag den Fortschritt seiner Werke, aber auch, mit wem er wann zum Essen, zum Tee oder zum Gespräch beisammen saß und welche Spazierwege er zur Erholung abschritt.

Der Frankfurter Stadtarzt Johann Christian Senckenberg überwachte einige Jahrzehnte früher sogar bereits regelmäßig den eigenen Gesundheitszustand. Er wollte herausfinden, wie eine naturgemäße Lebensweise des Menschen aussieht. Sein Ergebnis lautete schon damals: körperliche Bewegung, mäßiges Essen, viel Wasser trinken.

Produktivität überwachen

Heute treiben wir die Selbstbeobachtung längst auf die Spitze. Wir sammeln nicht nur unsere Daten in Excel-Tabellen, wir vergleichen uns dabei auch gerne mit anderen in der Cloud oder auf den Social-Media-Plattformen, und erhöhen damit den Druck, besser zu werden. Neben Fitness-Armbändern gibt es mittlerweile viele weitere Möglichkeiten, sich selbst und seine Leistung zu verbessern und in Zahlen zu beschreiben; sogar am Arbeitsplatz.

Die App 'Forest' lässt als Belohnung für Produktivität Bäume wachsen.
Die App ‚Forest‘ lässt als Belohnung für Produktivität Bäume wachsen.

Da wären Apps wie „Focus“, die man, als Ersatz für den strengen Chef, anweisen kann, bestimmte Programme eine Zeit lang abzuschalten
oder Webseiten wie 
Facebook gar nicht
erst öffnen zu lassen. Die App „Forest“ 
lässt beispielsweise als Belohnung dafür, dass man sich nicht
 ablenken lässt, digitale Bäume wachsen.

Es ist aber heute ebenso möglich, die eigene Produktivität zu überwachen. So analysiert „RescueTime“ das persönliche PC-Verhalten und misst die absolute und relative Zeit, die man in bestimmten Programmen oder auf Websites verbringt. Diese werden in Kategorien zwischen „sehr produktiv“ und „sehr ablenkend“ eingeteilt.

Auf Wunsch sperrt das Programm die verlockendsten Internetseiten für einen selbst gewählten Zeitraum. Zudem kann man sich Ziele setzen – beispielsweise wie viel Pausenzeit man sich am Tag einräumen möchte.

Selbstorganisation

Dass wir uns eigene Ziele setzen, ist auch eine Folge der Freiheiten, die wir am Arbeitsplatz mittlerweile genießen. Diese Wurzeln, wie die Soziologin Greta Wagner kürzlich in einem Interview ausführte, bereits in den sozialen Bewegungen der 1960er Jahre, etwa in der Vorstellung, sich zu entfalten, mehr Freiheit einzufordern in der Arbeit und dadurch mehr Selbst- und Mitbestimmung zu erlangen.

Während zuvor noch die Stechuhren in jeder Firma hingen, der Chef seinen Mitarbeitern genaueste Anweisungen gab und ihm regelmäßig über die Schulter schaute, arbeiten wir in der modernen Arbeitswelt auch dank technischer Revolutionen wie dem Smartphone und Laptop immer eigenverantwortlicher.

Psychologe Marcus Väth
Psychologe Marcus Väth

Die Kehrseite der Medaille: Unsere Arbeit verlangt ein hohes Maß an Selbstorganisation. Zudem müssen wir dank Globalisierung und digitaler Vernetzung nahezu rund um die Uhr erreichbar sein. Dadurch haben sich die Grenzen zwischen Privatleben und Arbeit aufgelöst.

Das jedenfalls meint der Psychologe und Autor Markus Väth in seinem Buch „Arbeit. Die schönste Nebensache der Welt“: „Die Trennung von Arbeit und Freizeit, von Beruf und Privatleben ist vorbei. Der Kapitalismus kriecht nun in alle Ritzen“, stellt er fest und nennt die Entwicklung „Fluch und Segen zugleich.“

„Work ist immer Life“

Der Gewinn an persönlicher Freiheit müsse Hand in Hand gehen mit der Fertigkeit der Selbstorganisation, der Entscheidungsfähigkeit und einem soliden Alltagsmanagement, betont Väth. Bewusst nutzt er dabei nicht den vielgepriesenen Begriff von der Work-Life-Balance. Der stamme aus einer Zeit, in der ein Achtstundentag bei der Arbeit noch gängig war.

Diese Phase hätten wir hinter uns, daher sei auch der Begriff in unserer Gesellschaft mittlerweile verkehrt. „Work ist immer auch Life. Wer diesen Begriff nutzt, der läuft in ein Paradoxon hinein“, sagt Väth und erläutert: Viele Arbeitnehmer suchten auf der einen Seite heute Sinn und Erfüllung in ihrer Arbeit und andererseits spalteten sie mit der Trennung zwischen „Work“ und „Life“ den Arbeitsbereich mental ab.

Der Psychologe rät daher dazu, den Begriff komplett zu streichen und lieber für sich selbst zu definieren, was einem wichtig ist im Leben – die Arbeit, bestimmte Menschen, ein Hobby – und zu entscheiden, wie viel Aufmerksamkeit man jedem einzelnen Punkt widmen möchte. „Wenn es keine institutionellen Grenzen mehr gibt, muss man seine persönlichen Grenzen setzen.“

„In Mathe bist Du schlecht“

Der Ansatz zur Selbstoptimierung sei dabei nicht generell gefährlich. Er könne es aber werden, wenn diese in andere Lebensbereiche übertragen werde, warnt Väth. „Wenn ich gleichzeitig die besten Eltern und im Sport der Beste sein möchte, dazu die besten Kinder haben möchte, dann ist das nicht zu schaffen.“

Ein weiteres Problem, gerade bei der Arbeit, entstehe, weil häufig eine Selbstoptimierung vorausgesetzt werde für Ziele, die nicht die eigenen sind. „Der Mitarbeiter wird allein gelassen und überfordert. Eine Aufgabe muss nahe genug an seinen Fähigkeiten dran sein, damit er sagt, ich schaffe das. Zu nah darf sie aber auch nicht sein, dann langweilt sie ihn.“

„Viele von uns sind mit einer Negativprägung aufgewachsen.“
– Markus Väth

Warum aber machen wir uns so leicht selber Druck, wenn doch der Wunsch, stetig besser zu werden, im Menschen tief verankert ist? Auch dafür hat Väth eine Erklärung. „Viele von uns sind mit einer Negativprägung aufgewachsen, man hat uns nicht gesagt: In Deutsch bist du gut, sondern vor allem: In Mathe bist du schlecht.“

Um so schwieriger werde es dadurch, die eigenen Erfolge anzuerkennen. Wir seien viel zu häufig darauf fokussiert, Fehler zu finden. „Das macht uns zu sehr guten Ingenieuren, aber es macht uns das Leben oft schwer.“ Wenn man die eigenen Erfolge gar nicht mehr wahrnehme, könne das sogar schon ein erster Schritt zum Burnout sein.

Positive Grundhaltung

Markus Väths Rezept, wie man seine Leistungen optimiert, ohne sich zu überfordern, ist daher simpel: „Erstens: Man sollte eigene Ziele finden und versuchen, diese umzusetzen. Man kann auch den Chef ansprechen und ihm sagen, dieses Gebiet interessiert mich. Gibt es eine Chance, dort eingesetzt zu werden?“

Im zweiten Schritt rät er dazu, auf sich selbst zu hören. „Wir wissen eigentlich genau, wann Schluss ist, wir ignorieren es nur. Hier gilt es, Kontrollfunktionen zu entwickeln, damit wir wieder spüren, wann es zu viel ist.“ Drittens gibt Väth den Selbstoptimierern mit auf den Weg, sie sollten eine positive Grundhaltung zu ihren Erfolgen und der eigenen Leistung entwickeln. „Sonst rennen wir weiter gegen die Defizitmauer an. Besser ist es zu sagen: ‚Ich mag mich für meinen Erfolg.‘“

Dabei sollte aber jedem bewusst sein, dass dies ein anstrengender Weg wird. „Diese Strategie ist nicht zu verwechseln mit dem gerne propagierten positiven Denken, nach dem Motto: Tschakka, ich schaffe das. Das funktioniert nämlich nicht“, erläutert er weiter. Es spreche die Menschen nur auf der Gefühlsebene an, sei eher Massenhysterie als mentale Strategie. „Und am Ende kommt der Absturz, weil das Gefühl enttäuscht wird.“

Selbstbespiegelung

In Zeiten von Facebook, Instagram & Co. ist es besonders für die jüngere Generation nicht leicht, dem Druck zu entgehen, sich permanent mit anderen vergleichen zu müssen. Durch die ständige Selbstbespiegelung in den Sozialen Netzwerken würde man anfälliger für die Selbstoptimierung, bestätigt auch Markus Väth.

„Wir jagen immer die perfekte Version unseres Selbst.“
– Markus Väth

Die Instagram-Macher hätten ja schon selbst beklagt, dass die Plattform zu einer Perfektionsdarstellungs-Maschinerie verkomme. „Wir jagen dort immer die perfekte Version unseres Selbst. Junge Menschen wachsen in diesem Spiegelkabinett auf.“ Ihre Individualität bleibt dabei leicht auf der Strecke, weil alle sich an das gleiche Bild anpassen und austauschbar werden.

Markus Väth glaubt aber daran, dass es auch in dieser narzisstischen Generation eine Gegenbewegung geben wird. „Wir müssen mit dem Internet wie mit dem Fahrrad umgehen lernen, das dauert Jahre, bis wir so weit sind.“ Einige Anzeichen dafür gibt es bereits. Schon jetzt haben Instagram-Seiten Erfolg, auf denen sich Frauen bewusst unperfekt präsentieren.

Erasmus von Rotterdam
Erasmus von Rotterdam

Im realen Leben eröffnen Menschen Cafés, in denen Handys und Laptops nicht erlaubt sind. Vielleicht gelingt es uns künftig besser, uns dem Druck zur Selbstoptimierung wieder zu entziehen, indem wir uns auf Altbewährtes besinnen. Der beliebte Benediktinerpater Anselm Grün zitiert für seinen Tipp, um glücklich zu werden, den Renaissance-Gelehrten Erasmus von Rotterdam: Glück besteht darin, der sein zu wollen, der ich bin.

Das bedeutet: Nicht ständig an sich herumändern zu wollen, sich nicht ständig mit anderen zu vergleichen. Sich mit seiner eigenen Durchschnittlichkeit aussöhnen und akzeptieren, dass ich in meiner Begrenztheit ein einmaliger und wertvoller Mensch bin. Und trotzdem darauf vertrauen, dass da in mir etwas wachsen kann.


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