Star-Designerin Patricia Urquiola
Star-Designerin Patricia Urquiola

„Das einzige, was mich zufrieden stellt, ist morgens aufzustehen und Ideen zu entwickeln, die etwas größer sind als ich selbst“, hat Patricia Urquiola einmal gesagt. Die spanische Star-Designerin und Innenarchitektin verfolgt ihre Ziele leidenschaftlich, manchmal auch obsessiv. Viele von ihr entworfene Sessel, Stühle, Liegen, Sofas oder Leuchten wurden zu Ikonen und stehen in den großen Museen dieser Welt. Urquiola, die seit langem in Mailand lebt, gestaltet auch Showrooms, Restaurants und Hotels.

In Frankfurt hat sie jetzt ihr erstes großes Büroimmobilienprojekt im deutschsprachigen Raum abgeschlossen. Ziel war es, das Innere von Marienturm und Marienforum behaglich zu gestalten – ungewöhnlich für einen Hochhauskomplex. In der 17 Meter hohen Lobby des Marienturms erläuterte sie dem Top Magazin, wie sie sich eine Arbeitswelt vorstellt, die den globalen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen gerecht wird. Als plötzlich ein knallroter Teppich für die abendliche Feier zum Start des Marienturms verlegt wurde, intervenierte die 58-Jährige energisch. Die Farbe passe einfach nicht. Der Teppich wurde wieder eingerollt. 

Sind Farben wichtig für Ihre Arbeit?
Natürlich. In das Gestaltungskonzept für den Marienturm wollte ich die Taunusanlage miteinbeziehen. Soviel Vegetation mitten im Frankfurter Bankenviertel – das hat mich fasziniert. Bei der farblichen Gestaltung wählte ich deshalb Töne, die auch draußen vor der Haustür vorkommen. So findet sich jetzt im Haus viel beige und grau, auch grün. Die hohe gläserne Lobby über vier Etagen bot die Voraussetzung, um den direkten Kontakt zur Natur herzustellen. Innen und außen vermischen sich, fließen ineinander.

Die Lobby im Marienturm Frankfurt
Die Lobby im Marienturm Frankfurt

In der Vergangenheit fanden Ihre oft frechen Farbkombinationen Applaus. Haben Sie sich diesmal zurückgehalten, um keine Mieter zu verprellen?
Ich bin nicht festgelegt. Farbe, Form und Material korrespondieren mit dem jeweiligen Objekt. Das elegante Gebäude setzt sich mit seinem Interieur von vielen anderen Banktürmen ab. Die Räume besitzen eine warme Ausstrahlung und eine ganz eigene Individualität. Die Natur quasi ins Haus zu holen, erschien mir spannend.

Die Außenanlagen des Turms sind allerdings nicht pünktlich fertig geworden. Statt hoher Bäume sieht man nur braune Beete.
Aus Sicherheitsgründen musste umgeplant werden. Die Bepflanzung hat sich dadurch verzögert. Das ist sehr schade. Sie wird aber kommen.

Patricia Urquiola im Gespräch mit Top Magazin-Redakteur Thomas Zorn
Patricia Urquiola im Gespräch mit Top Magazin-Redakteur Thomas Zorn

Eine raumhohe Holzwand aus heller Esche bekleidet die Rückwand der Lobby im Marienturm. Sollen die unterschiedlich hervorstehenden Blöcke Assoziationen an einen stufig herabströmenden Wasserfall wecken?
Das Bild von der Kaskade gefällt mir, weil damit ein Naturkreislauf angesprochen wird. Aber was der einzelne Betrachter wirklich fühlt und sieht, dürfte jeweils ganz unterschiedlich sein. Die gewaltige Wand haben wir übrigens maschinell anfertigen lassen. Das verwendete Holz erzählt trotzdem eine lange Geschichte. Auch den Boden, den wir für alle Etagen aussuchten, finde ich eindrucksvoll. Die neue Variation heißt Tecnoceppo und ist eine Mischung. Halb Stein, halb Terrazzo.

Von der Lobby-Decke hängen Gitter aus Messing, Stahl und Kupfer. Sie nennen sie „Clouds“. Ist auch das eine Verbeugung vor der Natur?
Sie reflektieren wunderbar das Tageslicht – wie Wolken eben. Sie sind nicht nur ästhetische Gebilde. Vor allem haben sie eine klar definierbare Funktion. Denn sie sorgen dafür, dass in dem großen Raum der Sound stimmt. Grundsätzlich lohnt es sich, die Natur und ihre Erscheinungen in den Blick zu nehmen. Die Natur beschert uns. Wir müssen nur offen genug sein, sie in ihrer Vielfältigkeit zu erkennen.

Patricia Urquiola (2013) bei Morgen Interiors
Patricia Urquiola (2013) bei Morgen Interiors

Versuchen Sie nachhaltig zu bauen und zu gestalten?
Ich operiere mit zertifizierten Materialien, die nicht von weither kommen sollten. Die Esche für die Holzwand im Marienturm stammt beispielsweise aus dem Schwarzwald. Ich schaue auch darauf, dass die sozialen Standards eingehalten werden.

In der Regel soll die Eingangshalle eines Wolkenkratzers demonstrieren, wie bedeutend die dort residierenden Unternehmen sind. Ist eine solche Machtdemonstration noch zeitgemäß?
Normalerweise kleidet man das Entrée eines Hochhauses gern mit teurem Naturstein aus und krönt das Ganze mit einem überdimensionalen Werk eines bekannten Künstlers. Das hat etwas Einschüchterndes. Man kann es auch anders machen und das haben wir getan.
„Cultivating Work“ lautet das Stichwort. Arbeit wird bei uns wertgeschätzt. Alle Verantwortlichen des Baus haben sich die Devise zu eigen gemacht. Die Menschen, die den Marienturm betreten, sollen sich wohl fühlen.

Durften Sie deshalb so viele Sitzinseln in der Eingangshalle verteilen?
Ich will damit auf die Veränderung der Büroarbeit reagieren. Meine Vorstellungen, zu denen auch Zonen für Begegnung und Entspannung gehören, passten offenbar zum Gesamtkonzept, das Projektentwickler, Bauherr und Architekt für den Marienturm entwickelt hatten. Die Zusammenarbeit mit ihnen funktionierte und machte Spaß.

Sitzbereich in der Lobby im Marienturm
Sitzbereich in der Lobby im Marienturm

Ihre Möbel gelten als weich und kantig zugleich. Ist das ideal für einen Büroturm mit dem Anspruch, neue Wege zu gehen?
Meine Möbel laden dazu ein, sich niederzulassen. Und genau das passiert in der Lobby des Marienturms. Ich kann mich dorthin zurückziehen, um einfach nur auf andere Gedanken zu kommen oder um mit dem Notebook zu arbeiten. Es ist aber auch ein schöner Treffpunkt, um sich mit anderen auszutauschen.

Waren solche Überlegungen auch bestimmend für das „Chez Marie“ mit dem Restaurant im ersten Stock und dem Café im Erdgeschoss?
Es sollte keine normale Kantine mit angeschlossener Cafeteria werden. Mir gefällt, dass der Betreiber die beiden Orte auch für Besucher geöffnet hat. Auch hier haben mein Atelier und ich versucht, alles Starre zu vermeiden. Warme Farbtöne dominieren. Terrazzo-Oberflächen, Messingstreben, Holzfächer, matte Stoffe gepaart mit schwebenden Lichtinstallationen und offenen Rohren sorgen für Dynamik und spannende Kontraste. An der eleganten Bar unten, geschmückt mit einem Muster aus unterschiedlich gefärbtem Marmor, gibt es sogar italienische Kaffeespezialitäten.

Café im Marienturm
Café im Marienturm

Verändert sich der Büroalltag?
Ja. An der kalifornischen Westküste, wo ich auch Projekte realisiere, scheint fast niemand mehr den ganzen Tag am angestammten Schreibtisch zu sitzen. Alles ist in Bewegung geraten. Es herrscht ein ständiges Kommen und Gehen. Die Leute setzen sich irgendwohin und diskutieren. Dann löst sich wieder eine Gruppe auf. Einige bleiben sitzen und arbeiten konzentriert am Computer. Andere flanieren. Sogar Hunde sind an vielen Orten erlaubt. Architekten und Designer sollten auch in Europa ihre Phantasie anstrengen. Die strikte Trennung von Arbeit und Freizeit löst sich auf.

Lilo Wing (2018) für Moroso: Faszination und Anklänge eines skandinavischen Designs, an die Moderne der 1950er Jahre und die Arbeiten der großen Meister, darunter Achille Castiglioni, dessen Assistentin sie am Beginn ihrer beruflichen Karriere war.
Lilo Wing (2018) für Moroso: Faszination und Anklänge eines skandinavischen Designs, an die Moderne der 1950er Jahre und die Arbeiten der großen Meister, darunter Achille Castiglioni, dessen Assistentin sie am Beginn ihrer beruflichen Karriere war.

Ihr Vater war Baske. Die gelten gemeinhin als stur. Trifft das auf Sie zu?
Stur klingt immer ein bisschen negativ. Ich versuche, konsequent zu sein. Und deshalb knie ich mich gern in eine Aufgabe hinein, um für Räume und Gegenstände angemessene Lösungen zu finden, die auch ein bisschen Flair und Magie besitzen. Damit es gelingt, muss man sich mit oft sehr kleinen Details auseinandersetzen.

Wer von der Lobby im Marienturm hinausschaut, erblickt gegenüber eine Skulptur des berühmten baskischen Bildhauers Eduardo Chillida. War das für Sie ein gutes Omen?
Ganz sicher. Er war nicht nur ein großartiger Künstler, sondern auch Freund meines Vaters.

Husk (2011) für B&B Italia: „Der Betrachter sollte schon beim Anblick eines Sessels einen nicht nur körperlichen, sondern auch geistigen Komfort empfinden.“
Husk (2011) für B&B Italia: „Der Betrachter sollte schon beim Anblick eines Sessels einen nicht nur körperlichen, sondern auch geistigen Komfort empfinden.“

Brauchen Sie bei Ihrer Tätigkeit emotionalen Rückhalt?
Den brauchen wohl die meisten. Ich habe das Glück, mit meinem Mann Alberto Zontone zusammenzuarbeiten. 2001 haben wir gemeinsam das eigene Studio gegründet. Es liegt in einem zweistöckigen Hinterhaus in Mailand, das früher eine Stofffabrik war. Als Designerin muss man ständig kritisieren und Dinge hinterfragen. Das ist manchmal anstrengend. Alberto ist mit seiner Ruhe ein idealer Gegenpol für mich.

Man sagt Ihnen nach, dass Sie mit ganzer Seele bei der Sache sind.
Wenn wir Dinge neu denken und Gutes schaffen wollen, machen wir vielleicht nicht nur die Produkte, sondern auch die Welt ein klein bisschen besser.

Das Interview führte Thomas Zorn


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