Stardesigner Karim Rashid
Stardesigner Karim Rashid

Er liebt große Auftritte. In Frankfurt wurde der New Yorker Designer kürzlich wie ein Popstar begrüßt. Er kam – wie es sich gehört – mit leichter Verspätung, verschwand hinter einem rosa Vorhang, der dann theatralisch aufgezogen wurde. Ein Glashersteller präsentierte stolz den 58-jährigen Künstler, der erstmals eine Kollektion für das Haus entworfen hat. Nur wenige sind so produktiv wie Rashid. In den vergangenen zehn Jahren hat er jährlich rund hundert Produkte kreiert.

Von ihm gestalteten Möbel, Leuchten, Tapeten, Uhren, Innenräume, Fassaden, Flaschen, Gläser, Modeartikel und Accessoires sind weltberühmt und zu Ikonen geworden. Wie „Garbo“, ein Plastikpapierkorb, der sich mit seinen Varianten schon mehr als sieben Millionen Mal verkauft hat. Im Interview erzählte uns der Sohn eines Ägypters und einer Engländerin von seinem Traum: Er möchte ein völlig neues Auto mit Elektroantrieb für eine deutsche Marke entwerfen.

Designer Karim Rashid
Designer Karim Rashid

Sie sind ein Kosmopolit und überall in der Welt zu Hause. Suchen Sie mit den Ortswechseln neue Herausforderungen?
Ortswechsel sind ein Ausdruck von Freiheit. Ich möchte mich nicht einengen lassen. Ich schlafe weit öfter in Hotels als zu Hause. Mit Krosno Glass habe ich jetzt erstmals für ein polnisches Unternehmen gearbeitet. Polen ist nun das neunundvierzigste Land, in dem ich ein Projekt realisiert habe.

Sind Grenzen etwas Schlechtes?
Das kommt darauf an. Wenn sie nur absperren und Austausch unterbinden wollen ja. Aber ein Individuum benötigt auch Leitplanken, Orientierungen und Gerüste, um Lösungen zu finden. Wenn man mir eine streng umrissene Aufgabe stellt, funktioniert mein Gehirn am besten. Probleme mobilisieren meine Kreativität. Ich mag das. Gedankliche Grenzziehungen schaffen vorübergehend Klarheit. Doch wir müssen flexibel bleiben und unsere Ideen immer wieder in Frage stellen.

Sind Sie ein Fan der Globalisierung?
Sie ist eine Tatsache und eine große Chance. Grenzüberschreitungen gehören zum Alltag. Sehr vieles ist möglich geworden. Die Entwicklung lässt sich mit Mauern nicht mehr aufhalten.

Sie arbeiten gern und viel mit Kunststoffen. Ist Glas mal wieder eine Abwechslung?
Ich habe ja schon recht oft mit Glas gearbeitet. Glas ist ein spannendes Material, in der Herstellung zunächst noch flüssig, sehr formbar. Es lässt sich auf ganz unterschiedliche Weise produzieren und steht mit seiner Transparenz für unsere Epoche, in der Exklusivität nicht mehr akzeptiert wird.

Wer in Schanghai, Frankfurt oder New York aus einem Hochhaus schaut, spürt, wie wir miteinander vernetzt sind. Entfernungen schrumpfen zusammen. Uns trennt nicht mehr viel. Zwischen Innen- und Außenwelt steht nur eine drei Zentimeter dicke Glasscheibe. Sie bildet keine Barriere, sondern kann als Einladungen zur Kommunikation verstanden werden.

Ihre Kollektion für Krosno wirkt beinahe klassisch.
Ich suche stets nach möglichst einfachen Formen. Die neue Kollektion wird mit ihren eleganten konischen und zylindrischen Gefäßen von einer klaren Geometrie bestimmt. Die Zusammenarbeit mit Krosno war sehr anregend. Die Firma ist ja schon vor fast hundert Jahren gegründet worden und blickt damit auf eine lange Tradition zurück. Aber trotzdem zeigten sich alle aufgeschlossen, etwas Neues und Modernes zu wagen, ohne die Geschichte des Hauses zu verleugnen. Auch fest etablierte Marken müssen sich verändern, wenn sie auf dem Markt bestehen wollen.

Für Krosno Glass designte Karim Rashid die Timeless Collection
Für Krosno Glass designte Karim Rashid die Timeless Collection

Diesmal traten die Farben stark zurück. Mussten Sie sich bremsen?
Alle wissen, dass Farben für mich ein ganz wichtiges gestalterisches Element sind. Aber sie müssen in Verbindung zum Material stehen. Bei Kunststoffen lassen sich unendlich viele Farben mühelos verwenden. Bei Glas ist es delikater. Ich glaube, ich besitze die Fähigkeit, mehr Farbnuancen als die meisten Menschen wahrzunehmen. Für einen Designer ist das keine schlechte Voraussetzung.

Sie schaffen oft schillernde Welten. Greifen Sie damit auf die 60er- und 70er-Jahre zurück?
Ich möchte lieber voraus- als zurückgreifen. Richtig ist aber, dass damals sehr lustvoll mit Farben operiert wurde. Farben stehen für Gefühle, Fröhlichkeit, Energie, Entspanntheit. Das Leben kann sehr monochrom sein. Das möchte ich ändern.

„Manchmal glaube ich, dass ich nicht von diesem Planeten bin.“ – Karim Rashid

Sie gelten als bunter Vogel. Trotzdem sind Sie heute ganz in Weiß erschienen. Um zu provozieren?
Nein. Manchmal glaube ich, dass ich nicht von diesem Planeten bin. Das ist ein schöner Gedanke. Man befreit sich von der Last der Vergangenheit und fühlt sich ganz ungebunden. Weiß passt zu dieser Stimmung.

Völlig losgelöst wie die Galaxie-reisenden bei Star Trek?
Vielleicht. Die sind ja auch ständig unterwegs zu neuen Sternen und erleben Unvorstellbares.

Wollen Sie die Leute mit Ihrem Design in einen anderen Bewusstseinszustand versetzen?
Das wäre dann doch ein bisschen abgedreht. Design ist keine hohe Kunst mit versteckten Bedeutungen. Ich will keine esoterischen Botschaften versenden, damit ein spezielles Publikum irgendetwas Geheimnisvolles entschlüsseln kann. Es ist eigentlich ganz simpel. Design steht hinter jedem Kontakt zur Welt. Wir gebrauchen ununterbrochen Gegenstände, für die eine bestimmte Form gewählt wurde. Mehr ist es nicht.

Designer Karim Rashid im Interview mit Top Magazin-Redakteur Thomas Zorn
Designer Karim Rashid im Interview mit Top Magazin-Redakteur Thomas Zorn

Aber verfolgen Sie nicht auch eine Idee auf dem langen Weg vom ersten Einfall bis zur Realisierung?
Natürlich. Ein Gegenstand sollte gut aussehen und funktionieren. Das zweite ist unabdingbar. Es gab in den 80er-Jahren eine Phase, wo Dinge auf den Markt kamen, die toll wirkten, aber nachher nicht richtig benutzt werden konnten. Das geht heute nicht mehr. Ein ganzes Team muss seine Vorstellungen im Prozess mit einbringen. Wenn etwas nicht praktisch ist, hat es keinen Wert. All das sind keine Neuigkeiten. So ähnlich wurde das schon vor 100 Jahren vom Bauhaus formuliert.

Hat Sie das Studium auf die Anforderungen vorbereitet, Praktisches für den Alltag zu entwerfen?
Absolut. Ich habe Industriedesign an der Carleton University in Ottawa studiert. Nach dem Bachelor habe ich ein Postgraduate-Studium bei Ettore Sottsass angeschlossen und Praktika bei Rodolfo Bonetto und KAN Design gemacht. Ich hatte gute Lehrer.

Anders als beim Bauhaus wirken Ihre Objekte nicht sachlich-kühl, sondern verspielt und manchmal sogar erotisch. Sind Ihnen die Deutschen zu seriös?
Ich achte die deutsche Professionalität sehr. Aber jeder muss seinen eigenen Weg gehen. Ich schätze nun einmal organische Formen, mit denen Phantasie geweckt werden kann.

Sie haben mit dem Papierkorb Garbo oder mit dem Oh Chair Design-Ikonen geschaffen. Sind Sie darauf stolz?
Es freut mich. Garbo, kurvig und geschwungen, war 1996 mein erstes Produkt für die kanadische Marke Umbra. Inzwischen hat sich der Papierkorb millionenfach verkauft und ist zum Klassiker geworden, der im New Yorker MoMa zur permanenten Ausstellung gehört. Der Oh Chair, auch für Umbra, mit einer Sitzfläche aus Polypropylen, entstand drei Jahre später. Er ist bequem, stabil, leicht und stapelbar. Beide Produkte sind sehr preiswert. Auch das trägt zu ihrer Popularität bei.

Voxel Chair Vondom von Karim Rashid
Voxel Chair Vondom von Karim Rashid

In Deutschland haben sie auch für die Hotelkette Prizeotel gearbeitet. Was reizte Sie daran?
Übernachtungen im Prizeotel sind günstig und doch verfolgen die Betreiber ein smartes Konzept, das eine stilvolle Atmosphäre mit neuen technischen Errungenschaften verbindet. Gutes Design ist nicht nur etwas für Reiche. Das kann sich jeder leisten.

Sie haben schon so vieles entworfen, aber noch kein Auto. Wollen Sie nicht?
Doch, das wäre ein Traum. Zwar fahre ich nicht selbst Auto, doch Mobilität fasziniert mich. Es müsste ein ganz neues Auto sein. Die vier Räder müssten sich unabhängig voneinander bewegen und verschieben lassen. Der Antrieb wäre auf jeden Fall Elektro. Auf den ersten Blick sollte man erkennen, dass dieses Fahrzeug nichts mit einem herkömmlichen Auto zu tun hat.

Klingt ein bisschen verrückt.
Das gehört zu meinem Job. Leider werden nicht alle Pläne umgesetzt. Ich hatte auch schon mal ein Fahrrad entworfen. Doch daraus wurde später nichts. Das passiert schon mal. Es wäre aber phantastisch, wenn sich ein mutiger Hersteller fände, der mit meiner Unterstützung ein Auto der Zukunft entwickeln möchte.

Schauen Sie auf Tesla?
Ich blicke vor allem nach Deutschland. Da sitzen die besten Autobauer der Welt.

Das Interview führte Thomas Zorn


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