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„En Ebbelwoi geht immer noi!“ Das Frankfurter Nationalgetränk hat hierzulande viele treue Fans. Doch was macht die Liebe der Hessen zu ihrem Stöffche so einzigartig? Und wie manifestiert sie sich? Top Magazin Frankfurt hat sich in der Apfelweinszene rund um Frankfurt umgesehen und auf Obstwiese, bei einer Lesung, in Kelterei und Schankwirtschaft versucht, die Essenz der Schoppe-Leidenschaft herauszufiltern.
Text: Kathrin Link, Fotos: Michael Hohmann

Heimat schmeckt überall anders. Für Nichthessen mag es zuweilen verwunderlich anmuten, warum ausgerechnet Apfelwein hierzulande zum Getränk der Herzen erhoben wurde. Zu eigenwillig, zu sauer erscheint er manch einem im Geschmack. Eine Skepsis, die Stöffche-Liebhaber nicht nachvollziehen können. Seine Vorzüge werden in Bembeltown gar poetisch besungen: „Willsd de disch gesunnd erhallde, dringg en Ebbelwoi, en kallde, duuds der in de Knoche reiße, dringg en Ebbelwoi, en heisse“, ist eine der bekanntesten Lobeshymnen – Qualitäten heraushebend, die auch objektiv nicht ganz von der Hand zu weisen sind. Hat doch Apfelwein im Gegensatz zu manch anderem alkoholischen Getränk verhältnismäßig wenige Kalorien und kann, in Maßen genossen, mitunter verdauungsfördernd und blutdruckstabilisierend wirken. Unwahrscheinlich jedoch, dass die Affinität der Hessen zum Apfelwein in seinen gesundheitlichen Aspekten begründet liegt. Doch worin dann? Nun, Liebe hat viele Gesichter.

Vergoren, auserkoren

Die Initiatoren der Hessischen Apfelwein-Meisterschaft Johannes Döringer und Hendrick Docken
Die Initiatoren der Hessischen Apfelwein-Meisterschaft Johannes Döringer und Hendrick Docken

Dass Jörg Markloffs Herz für Apfelwein schlägt, ist bereits auf den ersten Blick zu erkennen: Die goldgelben Rauten eines Gerippten ziehen sich über sein T-Shirt, daneben eine Zahl. Sie gibt die einzig wahre Maßeinheit vor, in der das Frankfurter Nationalgetränk nach Ansicht vieler Liebhaber ausgeschenkt werden darf: 0,3 Liter. Zum dritten Mal nun hat der Hobbykelterer mit der schulterlangen Mähne an der Hessischen Apfelweinmeisterschaft teilgenommen, beim vorletzten und bei diesem Mal konnte er den Titel abräumen. Stolz hält er neben Tochter Jule den Bembel mit goldenem Rand auf dem Arm. Warum gerade Apfelwein seine Leidenschaft geworden ist? „Aus Tradition“, erzählt der gebürtige Friedrichsdorfer, „mein Opa hat bereits Apfelwein gekeltert. Seinen Kelterkeller nutze ich heute noch.“ Die Apfelweinernte gehört zu den schönsten Kindheitserinnerungen des 45-Jährigen: „Da hat meine Mutter immer eine große weiße Tischdecke auf der Wiese ausgebreitet, einen Kerzenleuchter in die Mitte gestellt und dann ging es los. Da machte sie ein richtiges Picknick draus.“ Seit einem Vierteljahrhundert keltert Markloff nun selbst. Und ein bisschen anders als der Großvater. „Opa hat immer recht früh die Äpfel vom Baum genommen und dann gleich alle. Da habe ich mir als Kind schon gedacht: Wäre besser, die hängen noch eine Zeitlang. Und so mache ich es heute. Ich warte eine Weile und ich nehme auch nicht alle auf einmal herunter.“ Als ausgebildeter Landschaftsgärtner und Baumpfleger kennt Markloff sich auf botanischem Gebiet aus. „Wir haben selbst etliche Streuobstwiesen“, erzählt er. Auf rund einem Hektar stehen Sorten wie Bohnapfel oder Rheinischer Winterambur, einige darunter noch vom Großvater angepflanzt. Markloff liebt es, mit unterschiedlichen Mischverhältnissen und Säuregraden zu experimentieren. Während viele Teilnehmer seit Jahren bei derselben Rezeptur bleiben, tritt er jedes Mal mit einem etwas anderen Stöffche zum Wettbewerb an. „Du hast ganz viel rumprobiert“, ruft Sohn Fabian. Und das hat sich ausgezahlt: Sein „Selwicher Gold“ mit der Probennummer 12 landete mit deutlichem Abstand vor allen anderen Proben.

Siegerkuss - Zum goldenen Bembel gibt es für Jörg Markloff auch ein Küsschen von amtierenden Apfelweinköniginnen.
Siegerkuss – Zum goldenen Bembel gibt es für Jörg Markloff auch ein Küsschen von amtierenden Apfelweinköniginnen.

„Sehr ausgewogen im Geschmack“, lobt Johannes „Jockel“ Döringer. Zum fünften Mal hat er gemeinsam mit Hendrik „Hendoc“ Docken den Wettbewerb für Amateur-Kelterer ausgerichtet, bei dem sich 20 regionale Apfelweinkönige in Blindverkostung dem Urteil von Jury und Gästen stellen. „Die Bandbreite an Qualität und Geschmack ist enorm“, berichtet Jockel. Gänzlich frei in der Ausgestaltung des Apfelweins ist hier allerdings niemand: Nur sortenreine Schoppen werden für den Wettbewerb zugelassen.

Paradiesgarten

Naturverbunden - Seit über 20 Jahren schon bewirtschaftet Obstbauer Andreas Schneider den Apfelhain seiner Vorfahren
Naturverbunden – Seit über 20 Jahren schon bewirtschaftet Obstbauer Andreas Schneider den Apfelhain seiner Vorfahren

Geheimrat Dr. Oldenburg, Geflammter Kardinal, Gelber Richard – wer die ‚Köpfe‘ hinter diesen Namen kennen lernen will, sollte Andreas Schneider einen Besuch abstatten. Auf seinem Obsthof in Nieder-Erlenbach beherbergt der 46-jährige auf 15 Hektar großen Streuobstwiesen über 125 Apfelsorten an 7.500 Bäumen. Der Betrieb mit 25 Mitarbeitern zählt zu den wenigen bio-zertifizierten Plantagen des Rhein-Main-Gebietes. Kurze Zeit, nachdem Andreas Schneider den Obsthain vor 20 Jahren von seinen Eltern übernommen hatte, stellte er auf ökologische Anbaumethoden um. Nicht von Anfang an hat er dies auch offen kommuniziert – aus Bedenken vor möglichen Vorbehalten. „Bio, das klang nach Körnerbrot und Wollsocken.“ Was der Obstbauer einst als potentiellen Makel fürchtete, ist im Laufe der Jahre zu einem Gütesiegel geworden. 2002 erhielten Schneider und sein Team eine bedeutende Anerkennung für ihre Arbeit: „Da haben wir den mit 10.000 Euro dotierten ökologischen Förderpreis bekommen.“ Auch das Ergebnis der Produktionskette dürfte das Herz jedes Hessen höher schlagen lassen: In seiner Schoppenwirtschaft und dem Hofladen hat Schneider aufregende, sortenrein gekelterte Apfelweine und Apfelschaumweine wie „Goldparmäne Alte Bäume“ oder „Rote Sternrenette“ im Angebot – und kreiert fortlaufend neue. Die Lust am Experimentieren ist eine seiner Triebfedern, eine weitere die Verbundenheit zur Natur. „Ich liebe es, in der Natur zu arbeiten und gestalterisch in ihr zu wirken.“ Bereits als Jugendlicher hatte er für die Baumpflege Feuer gefangen, mit 17 ließ er sich zum Obstbauern ausbilden. Einem Abstecher ins Ausland folgte die Übernahme des elterlichen Hofes.

„Etwas anderes kam für mich nie ernsthaft in Frage.“ Auch nach so vielen Jahren Beschäftigung mit Apfelwein ist Schneiders Begeisterung für das Frankfurter Nationalgetränk ungebrochen. Vor allem dessen Wandelbarkeit fasziniert ihn: „Apfelwein geht zu allem. Zum Frühstück könnte man statt des Sekts einen roten Trierer mit 1,5 Prozent trinken. Und sogar zu kantonesischen Schweinefüßen könnte ich etwas empfehlen!“ Nicht immer ist klar, welche Sorte auf den Plantagen steht, die seine Eltern in den 60ern angelegt haben. In diesen Fällen lässt Schneider Pomologen die Identität des Apfels bestimmen. Dabei werden zuweilen echte historische Schätze entdeckt. Wie vor kurzem die eigentlich nur in Frankreich und Holland beheimatete Muskatrenette. „Wir vermehren eine solch wertvolle Art, indem wir sie veredeln“, erklärt Schneider. Er zeigt uns einen Stamm, an dem er die Transplantation eines Pflanzenteiles auf einen anderen erfolgreich praktiziert hat. Schon sieht man die ersten kleinen Zweige treiben. Wer sich von seinem Engagement anstecken lassen will, hat auf dem Obsthof die Möglichkeit, im Rahmen einer Baumpatenschaft ein eigenes Bäumchen zu pflanzen. Eine Investition, die Geduld abverlangt: 10 bis 15 Jahre dauert es, bis so ein Baum zuverlässig Früchte trägt. Allerdings profitieren Baumpaten von ihrem Einsatz auch in der Zwischenzeit. Sie bekommen der Lage auf dem Feld entsprechend Rabatte, zudem Äpfel und Apfelsaft vom Hof. Auf dem Rückweg von den Plantagen fällt uns ein abgesägter Stamm ins Auge. „Ein Baum, der nicht austreiben wollte“, erklärt der Obstbauer. An den Seiten kunstvolle Schnitzereien in Apfelform. Eine Widmung weist Hendrik Docken als Urheber aus. Wieder im Hofladen angekommen, probieren wir einen von Andreas mit den herb-säuerlichen Stöffche der Apfelwein-Meisterschaft nicht viel gemein. Ein Liebling bei den Frauen? „Ja, schon. Aber das kaufen auch ganz viele Männer“, verrät Andreas Schneider, „So eine milde Süße – die schmeckt geschlechtsübergreifend!“

Apfel-Anarchie

Stöffche-Poesie - Schriftsteller Andreas Maier ist bekennender Fan des hessischen Nationalgetränk. Auf seiner Lesung erklärt er, wieso.
Stöffche-Poesie – Schriftsteller Andreas Maier ist bekennender Fan des hessischen Nationalgetränk. Auf seiner Lesung erklärt er, wieso.

„Knochentrocken und säurebetont“, so bevorzugt hingegen Andreas Maier seinen Apfelwein. Der 48-jährige Schriftsteller hat sich unter anderem mit einer mehrbändigen Erinnerungssaga über die Landesgrenzen hinaus einen Namen gemacht. In der Galerie Braubachfive, wo er an diesem Abend auftritt, widmet sich der gebürtige Wetterauer dem Thema Apfelwein. Person und Inhalt erweisen sich als Publikumsmagnet: Die Galerie ist bis auf den letzten Platz besetzt, nach draußen wird die Lesung über Lautsprecher übertragen. Andreas Maier sitzt an einem kleinen Biedermeier-Tisch, darauf ein Bembel und zwei Gerippte. Auf dem zweiten Stuhl – einmal mehr – Hendrik Docken, der dem Autor und sich während der Lesung von Zeit zu Zeit nachschenkt. Andreas Maier liest aus einer Zeitungskolumne, die er 2006 verfasst hat. „Zusammen Apfelwein trinken ist etwas anderes als gemeinsam Bier oder Wein trinken“, so darin die Beobachtung des Autors. „Bei Apfelwein findet alles mit einer gewissen Leichtigkeit statt.“ Maier attestiert dem Apfelwein gar etwas „Anarchisches“: „Wer Apfelwein trinkt, lässt sich nichts einreden. Denn alles wird alsbald wieder aufgelöst in dieser, von außen betrachtet, sicherlich oft eigenartig anmutenden Geschwätzigkeit.“ Einst ging der Autor seiner Leidenschaft für das Stöffche in traditionellen Frankfurter Schoppenwirtschaften nach. Heute kehrt er zwar immer wieder in die hessische Heimat zurück, lebt jedoch mit seiner Frau Christine Büchner in Hamburg. „Da lasse ich mir ab und an von Robert, dem Inhaber der Buchscheer, etwas schicken“, erzählt er. Die scheinbar eng verzweigten Wege in Sachen Apfelwein führen sogar hinauf bis in den Norden: „Auch in Altona, im ‚Weinberg‘, trinke ich manchmal einen Schoppen“, sagt Andreas Maier. „Da schenkt ein Ex-Frankfurter aus.“ Doch die florierende Apfelweinszene stimmt den Schriftsteller nicht nur optimistisch: „Wenn es eine solche Bewegung hin zum Apfelwein gibt, ist das – so sehr ich das begrüße – auch ein Zeichen für das Sterben der Apfelwein-Kultur. Das ist dann so ein bisschen vergleichbar mit Denkmalschutz.“ Die Apfelweinwirtschaft gehe als „Lebensvollzug“ jedoch nicht verloren, „absolut nicht“, sagt Maier. „Da gibt es viel Stammpublikum“. Auch bei der Frage Sachsenhausen ist der Schriftsteller kein Schwarzseher. „Da wird doch schon seit Jahren gesagt, das Flair geht unter, aber das hat sich eigentlich nicht groß gewandelt.“

Retter der Insel

Oliver Tamagnini ist da anderer Ansicht. „Captain Future“ steht auf dem schwarzen Shirt des Fotografen. Der Name ist Programm. Denn Tamagnini will die Zukunft Sachsenhausens aktiv mitgestalten, will dessen vielerorts kolportiertem Image als ballermanneske Feiermeile etwas entgegensetzen. Gemeinsam mit Unternehmer Stehen Rothenberger, Fotograf Boris Löffert und Lindenberg Hotel-Geschäftsführerin Eva Kösling hat er deshalb vor etwas über einem Jahr das Projekt „Der kleine Mann mit dem Blitz“ an den Start gebracht, mitten im Herzen von Alt-Sachsenhausen und unter dem ungewöhnlichen Label „Kolchose“. In der ehemaligen Sowjetunion als Umschreibung für eine Produktionsgenossenschaft gebraucht, meint der Begriff in diesem Fall: Künstler und Gastronomen bespielen gemeinsam ein dreistöckiges Haus. Dieses fungiert als Galerie für Ausstellungen der Haus-Galeristin Anna Feldhaus, als Atelier, Fotostudio, Eventlocation, Bar, Restaurant und, für Oliver Tamagnini, Eva Kösling und ihren Mann auch als Wohnung. Regelmäßige Öffnungszeiten gibt es nicht, Konzerte, Partys oder Ausstellungen finden im Pop-Up-Verfahren statt.

Boris Löffert, Oliver Tamagnini und Eva Kösling von "Der kleine Mann mit dem Blitz"
Boris Löffert, Oliver Tamagnini und Eva Kösling von „Der kleine Mann mit dem Blitz“

Auch in puncto Apfelwein hebt sich „Der kleine Mann mit dem Blitz“ von einem Großteil der Gastronomie-Nachbarschaft ab. Denn hier wird selbst produziert. Zuhause in Lich keltert Boris Löffert eigens Apfelwein von Streuobstwiesen, den die Kolchose in dunklen Flaschen unter dem Namen „Der kleine Mann mit dem Schwips“ offeriert. Ein säuerlich-herber Geschmack zeichnet das Produkt aus. „Ein ehrlicher Hausschoppen“, sagt Löffert, nicht sortenrein. Avantgardistisch denkend, schreckt die Kolchose auch vor Experimenten mit dem Stöffche nicht zurück, kreiert zu bestimmten Anlässen Apfelweincocktails, etwa mit Holunderblütenlikör und Sauerampfer. „Wir wollen hier etwas in Bewegung setzen“, sagt Tamagnini, „und ich glaube, auch andere mit uns. Menschen, die in die Infrastruktur Sachsenhausens investieren.“ Lässig ausgestreckt liegt der Visionär auf dem Boden des Ausstellungsraumes, einen der beiden Mischlingshunde – Pepe – kraulend. „Der ist ganz entspannt, der kennt mich ja schon. Keule“, er zeigt auf die Hündin, „ist neu. Die muss sich erst noch eingewöhnen.“ Eine Herausforderung, der sich auch die Kolchose stellen musste.

Schlarappelland

Die Schoppenwirtschaft in direkter Nachbarschaft hingegen, das „Lorsbacher Thal“ , ist eine alteingesessene Institution. Und ein echtes Apfelweinparadies. Über hundert verschiedene Varianten des Stöffche aus Frankfurt, Deutschland und dem Rest der Welt stehen zur Auswahl: angefangen beim Hausschoppen aus dem Fass der Kelterei Nöll über den Apfelwein „5 Kelteräpfel Cuvée“ vom Apfelwein Kontor Frankfurt bis hin zum englischen „Aspall Dry Premier Cru Suffolk Cider“. Bei Apfelweinverkostungen gibt es das hessische Kultgetränk mit Frankfurter Traditionsgerichten in Häppchenform kombiniert wie Handkässalat mit Schmandklecks oder Tafelspitz mit grüner Soße. Dabei liegt Inhaber und Gastgeber Frank Winkler die Unterstützung heimischer Hersteller und Händler am Herzen. So bietet er Mini-Wurstsalat an, „mit Frau Schreibers berühmter Fleischwurst und Bauernbrot vom Bäcker HansS“.

Wie „Daheim“ sollen sich seine Gäste fühlen – ein Anspruch, der sich bereits in der uriggemütlichen Einrichtung mit viel dunklem Holz, Hirschgeweih-Lampen und Teppichboden niederschlägt. Auch Frank Winkler selbst ist wieder dort angekommen, wo er sich zuhause fühlt, nachdem es ihn mit Frau Pia lange Zeit von Berufs wegen – beide Marketing-Kaufleute – an andere Orte verschlagen hatte. Jetzt baumelt eine Kette mit Bembel-Anhänger um seinen Hals. „Das gehört bei uns zur Berufskleidung“, lächelt er. Wenngleich gebürtiger Sachsenhäusener, ist Frank Winkler ein Spätberufener. „Meine Passion für Apfelwein hat sich erst vor zwei Jahren entwickelt. Da hat es mich auf der Apfelweinmesse voll erwischt. Diese Aromen, diese Vielfalt – das hat mich wie ein Virus infiziert! Ich wollte dann unbedingt etwas in dieser Richtung machen.“

Frank und Pia Winkler im Lorsbacher Thal
Frank und Pia Winkler im Lorsbacher Thal

Frank Winkler keltert auch. Bald sollen auch diese eigens produzierten Stöffche einen Platz auf der Karte finden. Doch hat die Pflege alter Traditionen in einer gutbürgerlichen Schoppenwirtschaft überhaupt Zukunftspotenzial, auch bei der nachwachsenden Generation? „Absolut“, ist Winkler überzeugt, „Apfelwein erlebt gerade eine große Renaissance. Das Publikum wird mehr, wird jünger und ist äußerst interessiert daran, etwas Neues zu probieren. Und wie viele sich dafür engagieren, ist einfach fantastisch!“ Der Gästeansturm gibt dem Gastronomen Recht. Auch an diesem Mittwochabend sind fast alle Plätze belegt. Ein Männerchor hebt an zu singen, vom Rauschen der Wälder vom Funkeln der Sterne, von schönen Mädchen und den Freuden des Weingenusses. Und beweist: Daheim ist’s einfach am schönsten.

In den Äpfeln

Etwas weiter in der Ferne – von Frankfurt aus gesehen – liegt die Kelterei Krämer. Das Familienunternehmen in Reichelsheim bei Odenwald hat säuerlich-herbe Stöffche wie Apfelwein-Mixgetränke im Angebot. Mit seinem Kooperationspartner „Bembel-with-Care“ habe man einen Coup landen können, erzählt Geschäftsführer Stefan Krämer. „Die Mixgetränke verkaufen sich besonders gut. Die sind süffiger als der herkömmliche Apfelwein und kommen daher super bei Jüngeren an.“ Ihre Zusammensetzung freilich dürfte jeden traditionellen Apfelwein-Aficionado erschauern lassen. Nicht sortenrein gekeltert, mit Kohlensäure angereichert, in Dosen abgefüllt und mit Cola, Limonade oder Kirschsaft versetzt, brechen die Mischungen gleich mit mehreren Maximen der alteingesessenen Fangemeinde. „Diese Vorschriften sind aber auch nur innerhalb Frankfurts gültig und kaum zehn Kilometer weiter raus hinfällig“, sagt Stefan Krämer. „Der Bembel, der blaue Bock, Heinz Schenk, harte Sitzbänke und ältere Herren, die miteinander hessisch babbeln, das war einmal. Da muss man etwas Neues anbieten.“ Auch wenn er sich für eine Verjüngungskur des Kultgetränks stark macht, bevorzugt Stefan Krämer selbst den klassischen Apfelwein, pur oder tiefgespritzt. Andere Getränke-Leidenschaften treten dahinter zurück. „Seit ich gescheiten Apfelwein mache, trinke ich keinen Weißwein mehr.“ Auch gegenüber dem Bier habe der Apfelweingenuss Vorteile. „Apfelwein hat eine belebende Wirkung. Das merkt man auf Veranstaltungen. Gibt es überwiegend Bier, sind die Leute irgendwann müde. Bei Apfelwein bleiben sie fidel.“ An seinem Beruf liebt Stefan Krämer vor allem den Facettenreichtum des Produkts: „Die Vielfalt an Nuancen fasziniert mich. Die Möglichkeit, dem Wein nach eigenen Gutdünken eine Richtung zu geben. Und der technische Teil.“ In der alten Betriebstätte, direkt neben dem Wohnhaus der Familie, zeigt Stefan Krämer auf eine Reihe von innen emaillierten Stahltanks: „Die eignen sich zwar hervorragend für die Gärung, sind aber teuer und empfindlich. Deshalb bevorzugt man mittlerweile Edelstahl.“ Aus einem der Tanks zapft er einen Schluck naturtrüben Apfelwein: „Ich mag den gerne ungefiltert“, sagt er, während er probiert, „mhm, der hier ist gut. Mild genug, um ihn pur zu trinken.“

Der Weg zur neuen Betriebsstätte führt vorbei an der Grundschule. Apfelbäume stehen hier im Garten. „Da sind ein paar Nebentriebe nicht entfernt worden“, sagt Krämer und deutet auf den letzten in der Reihe, an dessen Stamm einige dünne Zweige empor streben. „Na, das machen wir dann gemeinsam mit den Schulkindern.“ Diese würden sich über solche Unternehmungen immer freuen. So wie allgemein Apfelwein dem dörflichen Miteinander Leben einzuhauchen scheint. „Es gibt hier oft Kelterfeste. Viele laden dazu ein“, erzählt Krämer und schließt die Tür zur Lagerhalle auf. „Hinein in die Kälte!“ Sieben Grad Celsius liefern hier ideale Bedingungen für den in hohen Edelstahltanks lagernden Wein, um innerhalb von vier Monaten Gärung und Nachreifung sein volles Aroma auszubilden. Zurück im Außenbereich führt Krämer uns zur Apfelannahme-Stelle. „Zwei Drittel unserer Ware kommt von Streuobstwiesen aus dem Odenwald, von Bauern und Privatpersonen.“ Auf einem Transportband gelangen die Äpfel in Silos, von dort im Schwemmkanal zum Dosierrad. Nachdem ein Erntehelfer ungeeignete Äpfel auf einem Band aussortiert hat, zerstückelt eine Mühle die restlichen. In der Presse wird schließlich der Saft aus ihnen herausgedrückt. „Mitte September bis Ende Oktober laufen die Maschinen auf Hochtouren“, sagt Krämer. „Da pressen wir hier sechs bis sieben Tage die Woche, zwölf bis vierzehn Tonnen pro Stunde.“ Im Moment hingegen verbringe er viel Zeit im Büro, Papierkram. Eine Aufgabe, die er gerne abgeben würde. „Ich bin viel lieber am Geschehen dran.“ Zur Hochsaison lässt er sich diesen Drang nicht nehmen. „Wenn die Ernte beginnt, cancele ich alle Termine. Dann ist Schluss mit Büro, da sage ich zu allen: ‚Ich bin raus, ich bin in den Äpfeln. ‘“

Flüssiges Glück

Kelterer aus Leidenschaft - Stefan Krämer verkostet einen Schluck von seinem trüben Stöffche.
Kelterer aus Leidenschaft – Stefan Krämer verkostet einen Schluck von seinem trüben Stöffche.

Vom Baum bis zum Bembel sind wir dem Apfelwein gefolgt und haben Menschen getroffen, die ihn auf diesem Weg begleiten. Unterschiedliche Perspektiven haben dabei den Apfelwein in seinen zahlreichen Facetten enthüllt: Er ist Kommunikationsstifter wie Heimatgeber, Geschmackswunder wie Reflexionsgegenstand. Doch die Menschen, die ihn promoten, verbindet etwas miteinander. Alle sind sie naturverbunden. Ihre Liebe zum Produkt schlägt sich in Respekt und der Fürsorge für die Umwelt nieder. Sie sind Künstler: Sie leben ihre Kreativität aus, sie experimentieren, sie trauen sich etwas – sei es beim Anbau, beim Keltern oder beim Ausschank. Und sie bleiben dem Stöffche treu. Ob sie es pur oder gespritzt bevorzugen, ob sortenrein oder nicht, ob mit oder ohne Kohlensäure: Wer einmal den Zugang zu dem Stöffche gefunden hat, der behält ihn lebenslang. Und sie sind fair. Andere Anbieter auf dem Markt werden nicht als Konkurrenz, vielmehr als Mitstreiter gesehen – im Kampf für das Überleben eines geliebten Kulturguts. So ist denn die Apfelweinszene mehr als nur ein Interessenverband: Sie ist eine Wertegemeinschaft.


REZEPT

Mal anders - Apfelwein als Cocktail "Apple Breeze"
Mal anders – Apfelwein als Cocktail „Apple Breeze“

Wir haben einen von Frankfurts besten Barkeepern gefragt und er hat’s gemacht – nämlich exklusiv für uns einen leckeren Apfelwein-Cocktail kreiert! João, der bereits im Mandarin Oriental in Barcelona und danach in Bangkok gearbeitet hat, steht derzeit im Breeze by Lebua im Steigenberger Frankfurter Hof hinter der Bar. Er kredenzte uns einen leichten, fruchtigen Drink, der wunderbar erfrischt und verschiedenste Aromen harmonisch miteinander vereint. „Das war schon eine kleine Herausforderung. Bis jetzt kannte ich nämlich den Apfelwein, der hier getrunken wird, überhaupt nicht. Aber ich habe ein bisschen mit verschiedenen Aromen herumgespielt. Die florale Note und die Schärfe des Ingwers ergeben zusammen mit der Säure des Apfelweins eine stimmige Komposition. Ich glaube, der Drink passt gut auf unsere Karte.“

Zutaten:
2 Scheiben frischer Ingwer
einige Zweige Basilikum
1 Apfel
40 cl „Kardamom Infused Wodka“
20 cl Ingwersirup
20 cl frisch gepresster Zitronensaft
25 cl St. Germain
Sherry Bitters
Apfelwein

Zubereitung:
Den Ingwer mit dem Basilikum im Boston Shaker anmuddeln, damit sich die Aromen entfalten. Danach Wodka, Ingwersirup, Zitronensaft und St. Germain in den Shaker geben. Mit Eiswürfeln auffüllen und 20 Sekunden shaken. In einen vorgekühlten Kelch mit Eiswürfeln abseien, mit Apfelwein auffüllen, Crushed Ice dazugeben und mit zwei Dashes Sherry Bitters aromatisieren. Mit Apfelscheiben und einem Zweig Basilikum garnieren.

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