Avo Uvezian, weltbekannter Jazz-Musiker und Zigarrenproduzent, ist eine lebende Legende. Wir trafen den unglaubliche 85 Jahre alten Globetrotter im Frankfurter Hof und sprachen mit ihm über sein bewegtes Leben, die Musik, gute Zigarren und die Freude am Leben. Text: Natalie Rosini, Foto: Michael Hohmann

Avo Uvezian
Avo Uvezian

Weißer Anzug, Panama-Hut, Zigarre im Mundwinkel. Seine kleinen dunklen Augen strahlen eine Lebendigkeit aus, die ansteckt, die langen, schlanken Hände sind ständig in Bewegung, als würde er beim Reden eine Melodie auf seinem Piano spielen: In nahezu akzentfreiem Deutsch sagt er: „Mein Vater war Kapellmeister und hat in Leipzig studiert.“ Der im Libanon geborene und viel gereiste Musiker spricht insgesamt neun Sprachen, darunter auch Farsi, das er während seiner Zeit als Hofpianist des Schahs von Persien lernte. „Eine aufregende Zeit. Aber im Grunde waren alle Zeiten spannend – die guten genauso wie die schlechten.“

If you like it, play it!

Schwere Zeiten gab es zu genüge, im Leben des Avo Uvezian: Seine Eltern, ein Komponist und eine Sängerin, waren sehr arm. Dennoch finanzierten sie dem talentierten Sohn, der bereits mit vier anfing zu spielen, Klavierstunden und förderten sein reges Interesse für moderne Stilrichtungen wie den Jazz. „Damals gab es eine amerikanische Jazz-Zeitschrift, deren Verleger sich wahrscheinlich fragten: Wer ist dieser eine Abonnent im Libanon? Das war ich!“ Bereits mit 14 fing Avo an, sich seine Leidenschaft für Musik als Hotel-Pianist zu verdienen. Mit 16 verstarb sein Vater. „Es gibt einen Satz, den mein Vater zu mir sagte, und den ich bis heute beherzige, weil er meine gesamte Karriere bestimmt hat: ‚If you like it, play it‘.“ Und so experimentiert Avo Uvezian nach wie vor gerne mit verschiedenen Genres, spielt bei seinen weltbekannten Avo-Sessions mit unterschiedlichen Künstlern wie Diana Krall oder der Fado-Ikone Mariza. „Es gibt keine Musik, die mir nicht gefällt. Außer vielleicht Rap… Obwohl ich zugeben muss, dass ich die kubanische Hiphop-Band Orishas genial finde.“

Begegnungen

1947 emigrierte Avo Uvezian in die USA und studierte an der New Yorker Juillard School of Music klassisches Piano. Sein Weg durch die Vereinigten Staaten brachte ihn in den 50er und 60er Jahren immer wieder mit musikalischen Größen wie Dave Brubeck oder Teddy Wilson zusammen. „Und natürlich mit Frank Sinatra“, erinnert er sich lebhaft. „Es war 1958 in Las Vegas. Er wirkte so traurig, so nachdenklich, und ich fragte: ‚Warum verschwendest du deine Zeit mit Grübeln?‘“ Es waren unruhige Zeiten, viel Korruption, die Mafia war involviert in das Showbusiness, erinnert sich Avo. Aus diesem Grund, so sagt er, sei auch damals der Song „Strangers in the Night“, den eigentlich er geschrieben habe, nicht unter seinem Namen erschienen. Der deutsche Komponist Bernd Kämpfert habe das Lied zu seinem Schutz dann veröffentlicht. Wie viel Wahrheit in dieser Anekdote steckt, können wir nicht sagen, Tatsache ist aber, dass alle Geschichten, die Avo erzählt, faszinierend sind – und immer eine Pointe zu haben scheinen. So auch diese: „1966 landete Frank Sinatra mit dem Song einen Welthit. Zwei Jahre später begegneten wir uns wieder und Frank sah nicht mehr so traurig aus. Er sagte zu mir: ‚Ich habe nie vergessen, was du damals zu mir gesagt hast.‘ Das war für mich eine viel größere Freude als einen Hit gelandet zu haben.“

Entdeckung einer Leidenschaft

Avo erinnert an die legendären Musiker des Buena Vista Social Club, von denen er selbstverständlich auch einen Großteil kannte. Nicht nur optisch, auch im Herzen sei er ein Latino, gibt er zu, und so führte ihn sein weiterer Lebensweg in den 80er Jahren nach Puerto Rico, wo er seine zweite große Leidenschaft neben der Musik entdeckte: Zigarren. „Ich fing an, Zigarren in der Dominikanischen Republik für meine Bar fertigen zu lassen. Die Qualität überzeugte Gäste und Freunde und die Nachfrage stieg an. Auf der Suche nach einem noch besseren Produzenten traf ich dann auf Hendrik Kellner, damals bereits eine Legende unter den Zigarrenherstellern. Wir wurden Freunde und Geschäftspartner.“ Schon bald wurde auch Davidoff auf die Avo-Zigarren aufmerksam, verkaufte die limitierten Kostbarkeiten in einigen Geschäften in den USA. Heute sind Avo- Zigarren unter Aficionados auf der ganzen Welt bekannt. „Man könnte sagen, dass ich Davidoff in die Dominikanische Republik gebracht habe“, sagt er stolz. „Aber ich will keinen Dank. Eine gute Zigarre und schöne Musik sind Dank genug…“