Er gilt als urenglische Spirituose, darf in keiner guten Bar fehlen und war last but not least das Lieblingsgetränk von Queen Mum. Seit einigen Jahren erlebt Gin ein Revival. Sascha Jockovic, Barchef der Kameha Suite in Frankfurt, zeigte uns, wie vielseitig der „Wacholderschnaps“ sein kann. Text: Natalie Rosini, Fotos: Michael Hohmann

Gin-Experte Sascha Jockovic, Kameha Suite Frankfurt
Gin-Experte Sascha Jockovic, Kameha Suite Frankfurt (© Top Magazin Frankfurt)

Denkt man an Gin, kommen automatisch Assoziationen mit elitären Gentlemen Clubs, holzgetäfelten Bars, ledernen Clubsesseln und eleganten Kellnern in Livree auf. Gin gilt als die britischste aller Spirituosen. „Dabei stammt er ursprünglich aus den Niederlanden. Britische Soldaten brachten den holländischen Genever im 17. Jahrhundert auf die Insel“, weiß Sascha Jockovic, der in seiner Bar rund 30 Sorten bereit hält und selbst ein bekennender Gin- Liebhaber ist. „Das liegt vor allem an seiner Vielfalt. Neben der charakteristischen Zutat Wacholder enthält er von Ingwer über Muskat oder Koriander die verschiedensten Kräuter. Je nachdem, welche Sorte man benutzt und wie man ihn mixt, bietet Gin etwas für jede Stimmung und jeden Geschmack.“

Vom Malaria-Mittel zum Longdrink-Klassiker

Gin wird in der Regel gemixt und nicht pur getrunken. „Dabei gibt es einige hochwertige Sorten, die fast zu schade dafür sind“, so der Barchef. Auch Queen Mum trank ihn mit Tonic. Und das ist in der Tat very british: Die Soldaten der East India Company mengten ihn dem Wirkstoff Chinin, das vor Malaria schützen sollte, bei, um den bitteren Geschmack zu mildern. Bis heute ist dieser charakteristisch fürs Tonic-Wasser. Und ebenfalls bis heute wird mit Gin Tonic auf die „Malaria-Prophylaxe“ angestoßen – auch wenn der Chinin-Gehalt im Tonic um ein Vielfaches höher sein müsste, um der Tropenkrankheit tatsächlich vorzubeugen.

Die Mischung macht’s!

Eine Legende also, die ebenso absurd ist wie der Gedanke, ein Gin Tonic sei nur etwas für Fans herber und bitterer Drinks, meint Sascha Jockovic. „Das ist der Irrtum, dem man unterliegt, wenn man ihn nur mit handelsüblichen Gins und Tonics probiert hat.“ Zum Beweis mixt er uns zwei verschiedene Varianten: einen mit Black Gin, einem neuen Gin aus der Gansloser Traditionsdestillerie J.G. Frey im schwäbischen Bad Ditzenbach, und Fetimans, dem Premium-Tonic aus England, den anderen aus englischem Tanqueray Rangpur, der seinen Namen und sein charakteristisches Aroma durch die gleichnamige Zitrusfrucht erhält, und aus 1724 Tonic aus Argentinien, das bei Connaisseuren großen Zuspruch aufgrund seiner limonadigen Frische findet. Beide Drinks halten, was man sich von einem Gin Tonic verspricht: Sie sind erfrischend und spritzig, und dennoch sind sie ganz unterschiedlich. „Der Erste ist eher etwas für Fans des klassischen Gin Tonic mit charakteristischer Bitternote nach Wacholder und vielen Kräutern. Der Zweite ist milder, fruchtiger. Er erhält seinen Geschmack durch die Rangpur- Frucht, die eine Mischung aus Limette und Mandarine ist, unterstützt durch das eher weiche Tonic. Deshalb garniere ich ihn mit einer Orangen-Zeste.“ Erstaunlich, wie unterschiedlich Gin schmecken kann! Und natürlich, welche wichtige Rolle das Tonic-Wasser spielt. „Aus diesem Grund haben wir neben den Klassikern von Fentimans auch andere Premium-Sorten wie Fever Tree aus England oder das absolute Nischenprodukt Q-Tonic aus New York im Angebot.“

Die Gin-Globalisierung

Das Comeback der klassischen Barkultur sorgte automatisch auch für ein Revival des Gin, der neben seiner Hauptrolle in Klassikern wie Gin Tonic und Gin Fizz bekanntlich auch Bestandteil verschiedenster Martini-Cocktails ist. „Martinis sind wie Brüste: Einer ist zu wenig, drei sind zu viel“, scherzt Sascha Jockovic im Zusammenhang mit alten Bar-Weisheiten und bestätigt, dass Drinks wie der Negroni, der mit Campari und roten Wermut als Aperitif serviert wird, oder der Champagner-Cocktail French 75 wieder en vogue sind. „Dieser Trend sorgte in den letzten Jahren auch für die Entstehung ganz neuer Marken: Allen voran Hendrick‘s aus Schottland.“ In der viktorianisch anmutenden dunkelbraunen Apothekerflasche erweckt der aromatische Gin aus der Whisky-Destillerie William Grant & Sons den Anschein, dass es sich um einen Klassiker aus dem 19. Jahrhundert handelt. Allerdings kam er erst 2001 auf den Markt und kann durchaus als Vorreiter für den internationalen Gin-Hype betrachtet werden. „Mittlerweile gibt es Gin aus aller Herren Länder: Wie den Monkey 47 aus dem Schwarzwald oder Gin Mare aus Spanien, der teuerste Gin, den wir in der Kameha Suite anbieten. Das Tolle ist: Gin ist, anders als Wodka, eine sehr lebendige Spirituose. Jeder Gin hat aufgrund seiner Rezeptur und nicht zuletzt der regionalen Zutaten einen eigenen Charakter. Das bedeutet viel Spielraum für den Bar-Tender, der unzählige Möglichkeiten bekommt, mit Kräutern, Gewürzen, Früchten und auch Gemüse zu experimentieren, neue Drinks zu kreieren oder alte Klassiker neu zu interpretieren.“ Und auch in Bezug auf das Servieren gibt es keine eingefahrenen Regeln, wie Sascha Jockovic zum Abschluss betont: „Ich persönlich nehme meinen Gin Tonic nicht im typischen hohen Longdrink-Glas zu mir. Ich präferiere ein kleineres, dünnwandiges Glas. Erst kürzlich bestellte eine Kundin ihn in einem sehr bauchigen Burgunder-Glas mit viel Eis… Und ich muss sagen: Es passte. Das mag ich so an Gin. Er erfindet sich selbst immer neu.“

God save the Gin
God save the Gin (© Top Magazin Frankfurt)

  • TOP 5 Gin

    Von Sascha Jockovic, Kameha Suite Frankfurt

    1 Monkey 47 Schwarzwald Dry Gin, Deutschland. Schmeckt zu jeder Tages- und Nachtzeit. Beste Kombi: mit 1724
    2 Tanqueray Rangpur, England
    3 Citadelle Réserve, Frankreich
    4 Gin Mare Colección de Autor, Spanien
    5 The Duke Munich Dry Gin, Deutschland

Im Sommer 1889 schrieb Rudyard Kiepling: „The Pegu Club seemed to be full of men on their way up or down.“ Gemeint war der britische Kolonialclub im einstigen Burma, dem dieser Klassiker unter den Gin-Cocktails seinen Namen verlieh.