Die Politik ist eine ernste Angelegenheit. Dass deren Akteure jedoch alles andere als humorlos sein können, bewies unser Kochabend mit dem Oberbürgermeister aus Wiesbaden, Sven Gerich, und seinem Amtskollegen Alexander Hetjes aus Bad Homburg. Eine witzige Pointe jagte die nächste bei ihrem Schlagabtausch am Herd. Und trotz allen Vergnügens – am Ende stand ein ausgesprochen passables Ergebnis.

Unsere kulinarische Koalition bereitet sich auf die Arbeit vor.
Unsere kulinarische Koalition bereitet sich auf die Arbeit vor.

Bereits als sich die Chefs der beiden Kurstädte, Wiesbaden und Bad Homburg, im Küchenstudio von JB Stahldesign begrüßen, wissen wir, dass es ein unterhaltsamer Abend werden wird. Lachend fallen sich die beiden Stadtoberhäupter wie alte Freunde, die sich länger nicht gesehen haben, in die Arme, klopfen sich auf die Schulter. Schnell kommt man überein, die Krawatten abzulegen. „Bloß nicht so förmlich“, sagt Sven Gerich und diese Devise scheint auch allgemein für den Abend zu gelten. Erst einmal anstoßen.

„Alles, was schmeckt und zuerst einmal Sekt“, reimt Alexander Hetjes. Tatsächlich gibt es aber Lambrusco. „Na, das kann meinen schwarzen Freund natürlich nicht freuen, dass es hier so etwas Rotes zu trinken gibt“, neckt Gerich. Krawatte aus, Schürzen an und Hetjes schaut gespielt entgeistert: „Wie, wir müssen wirklich kochen?“ Da der Nachtisch eine Stunde im Kühlschrank stehen muss, fangen wir damit an: Tiramisu im Glas soll es sein, so steht es im Rezeptvorschlag, den uns Gerich hat zukommen lassen.

„Warum habe ich denn eigentlich das Essen festgelegt?“, fragt er verschmitzt. „Weil du der Regent von 300.000 Menschen bist und ich nur von 53.000“, gibt Hetjes zurück. Gerich ist ein routinierter Koch, wie sich sogleich herausstellt. „Ich koche sehr gern. Seit ich mein Amt angetreten habe, finde ich aber nur noch selten Zeit dafür. Dann kocht mein Mann. Wir sind übereingekommen, dass er der Alltags- und ich der Gesellschaftskoch bin.“

Eier trennen - keine so leichte Aufgabe
Eier trennen – keine so leichte Aufgabe

Im Gegensatz zu Gerich hat Hetjes noch nie hinterm Herd gestanden. Daher ist er schon beim Trennen von Eiweiß und Eigelb ratlos. „Wie macht man das denn?“ „Ei, man kloppt es uff“, ruft Gerich und greift sich eines. „Siehst du, so! Und dann das Eiweiß ablaufen lassen.“ So aufgeregt sei er das letzte Mal vor seiner Kommunion gewesen, witzelt Hetjes und versucht es selbst. Zweimal klappt es, das Dritte schlägt mit zu viel Wucht an die Schüsselkante und zerbricht in seinen Händen. „Vorsicht“, schreit Gerich theatralisch und reißt die Schüssel an sich, bevor die Eierschalen hineinfallen können. „Lass mal, haste gut gemacht.“

Wir geben Puderzucker, Mascarpone und Amaretto zur Eigelbmasse hinzu und rühren sie cremig. Dann muss das Eiweiß steif geschlagen werden. Und wieder: Gerich macht vor, Hetjes macht es nach. Mit großem Eifer. „Das Eigelbtrennen war mir zu filigran. Ich bin der Mann fürs Grobe!“, grinst er. Gerich guckt skeptisch. „Du hast da offensichtlich deine eigene Technik.“ Doch mit Erfolg: Sekunden später ist das Eiweiß steif. „Eigentlich musste dir das jetzt über den Kopf halten!“, fordert Gerich auf. Hetjes zögert kurz und macht es dann doch – nichts tropft. „Respekt!“, ruft Gerich. „Das habe ich alleine noch nie so hinbekommen.“

Ein High Five, ein Schluck Lambrusco darauf und es geht ans Unterheben. Während des Schichtens der getränkten Löffelbiskuits und der Mascarponemasse erzählen die beiden von den gerade zurückliegenden Faschingsfeiern. „Ich hab dich bei der Rosa Wölkchen-Sitzung gesehen – guter Auftritt“, lobt Hetjes seinen Kollegen.

Wiesbaden-OB Sven Gerich mit einem Auge auf das Treiben seines Amtskollegen aus Bad Homburg
Wiesbaden-OB Sven Gerich mit einem Auge auf das Treiben seines Amtskollegen aus Bad Homburg

Ob sie in der Fastenzeit nun auf etwas verzichten wollen? „ Süßigkeiten“, antwortet Hetjes. „Ich habe mich noch nicht festgelegt“, sagt Gerich. „Ja klar“, Hetjes lacht. „Das macht er dann an Ostern!“ Großzügig und teils sogar unter Zuhilfenahme der Hände bestäuben die beiden OBs ihr fertiges Werk mit Kakao. „Besser kann es doch gar nicht aussehen!“, stellt Hetjes zufrieden fest. Johannisbeeren darauf und ab in den Kühlschrank.

Politik und Kochen: eine Frage der Erfahrung

Arbeitsteilung par excellence
Arbeitsteilung par excellence

Es geht ans Pilzeputzen und -schneiden. Hetjes macht sich ans Werk und überlässt Gerich das Zerteilen von Zwiebeln und Rinderhüftsteak. „Genau mein Fall“, sagt der. „Mein Mann kocht viel mit Gemüse, bei mir muss immer Fleisch dabei sein.“ „In unserem Job ist es kein Leichtes, sich gesund zu ernähren“, erklärt Hetjes. „Man hat zum Beispiel kaum Zeit, mittags was Ordentliches zu essen.“ Davon weiß auch Gerich zu berichten. „Das ist manchmal wirklich ungünstig, vor allem auf Events.Immer, wenn ich gehen will, ist Buffet-Eröffnung! Aber es hat auch sein Gutes, ich bin noch so schlank wie beim Amtsantritt.“

Um sein Gewicht zu halten und fit zu bleiben, treibe er auch trotz der beruflichen Belastung jeden Tag Sport. „Aktuell habe ich angefangen, Tennis zu lernen.“ „Echt?“, staunt Hetjes. „Ich bin doch auch Tennisspieler. Ich habe sogar schon einmal in einem Showturnier gegen Rainer Schüttler gespielt, der Finalist bei den Australian Open war!“ „Hört, hört“, Gerich klopft Hetjes auf die Schulter. „Dann können wir ja auch bald mal ein Match machen!“

Hetjes setzt die Nudeln auf. „Ich mag’s spicy“, sagt er und salzt das Wasser. „Das reicht noch nicht.“ Kurzentschlossen schraubt er den oberen Teil der Mühle ab. „So, jetzt. Manchmal muss man eben auch unkonventionelle Wege gehen.“ Sein eigener in die Politik – von Haus aus vorgezeichnet. Politisch engagiert sei er stets gewesen, erzählt der 36- Jährige. „In Kirdorf wird man schwarz und katholisch geboren. Seit ich 16 bin, bin ich CDU Mitglied. In Bad Homburg regierte 60 Jahre lang die CDU, bis 2009 mit Michael Korwisi Grün an die Macht kam.

„Die Politiker in unserem Alter achten darauf, dass sie näher an den Menschen sind, eine offene und kommunikative Politik betreiben.“ Alexander Hetjes

Da stellte sich 2015 dann die Frage, wer gegen ihn ins Rennen gehen wird. Ich war zu diesem Zeitpunkt schon lange Fraktionsvorsitzender der CDU Bad Homburg. Da ist die Wahl schnell auf mich gefallen, und ich habe gesagt: ‚Klar, ich mach’s. Und ich habe es nicht bereut!“ Er blickt zu Gerich: „Wir sind ja beide erfolgreich gegen den Amtsinhaber angetreten.“ SPDler Gerich triumphierte 2013 über Unionspolitiker Helmut Müller. Auch er mit damals 38 Jahren ein relativ junger Oberbürgermeister.

„Natürlich erwarten die Leute etwas anderes von der jüngeren Politikergeneration“, sagt Hetjes und gibt die Nudeln ins Wasser. „Die artikulieren das ganz deutlich. Die wollen frischen Wind, neue Ideen und eine andere Herangehensweise an die Dinge. Und das ist ja auch so. Ich glaube, die Politiker in unserem Alter achten darauf, dass sie näher an den Menschen sind, eine offene und kommunikative Politik betreiben.“

„Einmal Kommunalpolitiker, immer Kommunalpolitiker.“

Gerich, der derweil das Fleisch in den Topf legt und in Öl anbrät, nickt. „Die Bürger haben da heute einen anderen Anspruch. Die Zeit, wo Politiker ellenlange Reden gehalten haben, ist passé.“ Dass immer mehr junge Politiker in Machtpositionen aufsteigen würden, finden beide OBs daher nur folgerichtig: „Ein Trend, der notwendig ist“, sagt Hetjes. „Es sollte diejenige Generation an der Lösung von Problemen mitwirken, die von diesen auch noch am meisten betroffen ist.“

'Da darf ruhig noch Pfeffer dran', dachte sich wohl Bad Homburgs OB Alexander Hetjes.
‚Da darf ruhig noch Pfeffer dran‘, dachte sich wohl Bad Homburgs OB Alexander Hetjes.

Zu jung solle jemand an der Spitze aber auch wieder nicht sein, wirft Gerich ein, denn dann fehle die Lebenserfahrung. „Ich finde es sehr wichtig, nach der Schule Berufserfahrung zu sammeln, sich ein Leben aufzubauen und Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen, bevor man als Politiker stellvertretend Entscheidungen für andere trifft. Der Dreischritt sollte nicht Kreißsaal – Hörsaal – Plenarsaal sein. Alex und ich, wir haben zum Beispiel beide als selbstständige Unternehmer gearbeitet. Wir wissen, wie es ist, sich eine Existenz aufzubauen.“

Rühren der Pilzsauce
Rühren der Pilzsauce

Das Fleisch, braun angebraten, kommt an die Seite, nun sind Zwiebeln, Pilze und Majoranblätter an der Reihe. Zurück in den alten Job werde es für sie beide wohl nie mehr gehen, erklärt Gerich, während er die Masse mit Mehl andickt und Schluck um Schluck Glühwein und Brühe hinzugibt. „Wenn du den Schritt machst, zu sagen ‚ich kandidiere‘, dann ist das erledigt“, sagt der ehemalige Gesellschafter eines Druckunternehmens. Hetjes, früher selbstständiger Versicherungskaufmann, pflichtet bei. „Egal, was man sich bis dahin aufgebaut hat, damit ist es vorbei.

Wollen wir mal probieren?“ Von diesem ersten Geschmackstest sind die OBs begeistert: „Wird nicht Paul Bocuse heute 90? Hier sind die Nachfolger!“, ruft Hetjes. „Das meiste habe ich gemacht, mein Lieber“, korrigiert ihn Gerich. „Wiesbaden kocht und Bad Homburg lässt kochen.“ „Der eine kann kochen, der andere essen“, gibt Hetjes ungerührt zurück. „Ist doch die perfekte Symbiose.“

Sven Gerich schmeckt die Sauce ab.
Sven Gerich schmeckt die Sauce ab.

Um dem Vorwurf der Untätigkeit direkt etwas entgegen zu setzen, gießt Hetjes nach Probieren einer Nudel – „perfekt al dente!“ – nun das Wasser ab und gibt, noch bevor Gerich eingreifen kann, Öl auf die Nudeln. „Neiheiin“, schreit Gerich, als er es bemerkt. „Großer Fehler! Niemals Öl! Da fassen die Nudeln die Soße nicht!“ „Doch“, protestiert Hetjes empört. „Das macht man immer so – jedenfalls hat man das in Kirdorf so gemacht!“

Perfect match

Wir sitzen am eingedeckten Tisch und genießen einen ungefilterten Macchione zu unserem Hauptgang. „Tiefrot mit Hang zum Schwarz“, kommentiert Gerich, „wie gemacht für heute.“ Wie kommt es eigentlich, dass politische Gegner sich so gut verstehen? „Das ist bei uns jüngeren anders als bei Politikern vom alten Schlag“, erklärt Hetjes. „Uns ist die Parteizugehörigkeit nicht so wichtig, so lange der andere ein offener, sympathischer Mensch ist.“

Gerich und Hetjes haben sich im Oktober 2015 auf der Expo Real kennen gelernt. „Liebe auf den ersten Blick“, witzelt Hetjes. „Das solltest du wegen meines Mannes jetzt nicht sagen!“, lacht Gerich. „Aber in jedem Fall sofortige Sympathie. Wir haben unser erstes Kölsch zusammen getrunken und das passte einfach perfekt. Wie als wenn wir zusammen im Sandkasten gespielt hätten!“ Auch auf ihr kulinarisches Gemeinschaftswerk sind beide äußerst stolz: „Jetzt fehlt nur noch Alfred Biolek, der das mit einem ‚Mhmm!‘ bestätigt“, sagt Hetjes. „Ein schöner, entspannter Abend“, sagt Gerich

„Das ist bei uns natürlich selten, dass die Politik nicht im Vordergrund steht.“ Natürlich nehme man wegen des Zeitaufwands des Berufs viele Entbehrungen auf sich. Er blickt auf Hetjes. „Gerade mit Frau und Kind wie bei dir. Ich habe ja nur Mann und Hund, das ist schon schwer genug. Aber ich will’s nicht missen.“ Jedes Jahr als OB zähle allerdings doppelt. „Ich bin tatsächlich seit Amtsantritt schon sehr grau geworden.“ „Klar, für dich ist es natürlich anstrengender als für mich“, spottet Hetjes, „Du bist ja zehn Jahre älter!“ „Bin ich nicht!“, ruft Gerich empört. „Ich sehe vielleicht so aus!“ „Eben.“

Bei Nachtisch und Süßwein lassen wir den äußerst vergnüglichen wie genussreichen Abend ausklingen. Und dann wird es doch noch mal politisch – und nachdenklich. „Unser Amt ist schon ein absolutes Privileg“, sagt Hetjes. „Denn wir haben einen großen Gestaltungsspielraum.“ Etwas anderes als die Kommunalpolitik komme für ihn nicht in Frage. „Einmal Kommunalpolitiker, immer Kommunalpolitiker. Es ist einfach die direkteste Art, Politik zu betreiben.“ „Ich liebe die Kommunalpolitik“, bestätigt auch Gerich. „Wenn es irgendwo brennt, dann kann ich in zwanzig Minuten vor Ort sein. Man ist einfach ganz nah am Bürger dran.“

Zum Schluss Genuss - Die beiden Stadtoberhäupter stoßen mit JB Stahldesign-Inhaber Jonas Buividavicus und Kathrin Link an.
Zum Schluss Genuss – Die beiden Stadtoberhäupter stoßen mit JB Stahldesign-Inhaber Jonas Buividavicus und Kathrin Link an.

 

Es werden noch ein paar weitere Gläser Wein getrunken, noch andere Themen angeschnitten und noch viel gelacht, bevor die beiden Oberbürgermeister sich auf den Weg machen. Und wir können nur hoffen, dass die Stadtoberhäupter sich trotz eines herausfordernden politischen Alltags noch lange die frische, witzige und mitreißende Herangehensweise an ihre Aufgaben bewahren können, die sie uns an diesem Abend gezeigt haben.

 


REZEPTE

Rindsragout mit Pilzen und Pasta (für vier Personen)

Et voila - Rindsragout mit Pilzen und Pasta
Et voila – Rindsragout mit Pilzen und Pasta

 

ZUBEREITUNG
Pilze putzen, Zwiebeln schälen und würfeln, dann das Steak in feine Streifen schneiden. Ma- joran abspülen und trocken tupfen. Nudelwasser aufsetzen und salzen. Das Öl in einem Topf erhit- zen und das Fleisch darin portionsweise braun anbraten; Fleisch herausnehmen. Butter in dem Topf schmel zen lassen, Zwiebeln da zugeben und glasig dünsten. Pilze und Majoranblätter darin anbraten, mit Mehl bestäuben und unter ständigem Rühren leicht bräunen. Glühwein und Brühe hinzu gießen und fünf Minuten bei mittlerer Hitze köcheln lassen. Fleisch zugeben, weitere drei bis fünf Minuten köcheln lassen. Crème fraîche unterrühren, mit Salz und Pfeffer abschmecken. Nudeln abgießen. Zusammen mit dem Ragout servieren.

ZUTATEN
300 Gramm Pappardelle Larghe
500 Gramm Pilze, gemischt (z. B. Pfifferlinge, Kräuterseitlinge, Champignons und Austern- pilze)
2 rote Zwiebeln
200 Gramm Rinderhüftsteak vom Almochsen
3 Stängel Majoran
2 Esslöffel Öl
50 Gramm Butter
1 Esslöffel Mehl
250 Milliliter Glühwein (kann durch Brühe ersetzt werden)
250 Milliliter Gemüsebrühe
2 Esslöffel Crème fraîche frisch gemahlener
Pfeffer Salz

 

Tiramisu um Glas (für vier Personen)

ZUBEREITUNG
Eigelb, Puderzucker, Mascarpone und Amaretto cremig rühren. Eiweiß steif schlagen und unterheben. Löffelbiskuit in Kaffee oder Espresso einweichen und wechselweise in die Gläser schichten. Mit Kakao bestäuben, mit Beeren verzieren und etwa eine Stunde kalt stellen.

ZUTATEN
100 Gramm Puderzucker
4 Eigelb
2 Eiweiß
2 cl Amaretto
2 Tassen starker Kaffee oder Espresso
500 Gramm Mascarpone
250 Gramm Löffelbiskuits etwas Kakaopulver Beeren
Tiramisu im Glas