Elly und Ahmad Mizban in ihrer Rag Bar
Elly und Ahmad Mizban in ihrer Rag Bar

Ob es nur ein Trend ist oder gar eine größere gesellschaftliche Entwicklung: Das Thema der veganen Ernährung erreicht derzeit fast jeden Tisch. Vegan ist zeitgemäß, sozialverträglich und regt zu Gesprächen an. Und zu Widersprüchen. An vielen Veganern (und Vegetariern) stört ja nicht, dass sie eine andere Lebensweise vorziehen, es nervt der oft damit einhergehende missionarische Eifer und die Attitude des Gutmenschen. Von Ludwig Fienhold

Könnten doch Veganer nur friedlich ihr Getreide mümmeln und die anderen nicht von der Fleischeslust abhalten wollen. Es ist leider leicht vorstellbar, dass Veganer jede andere Form der Nahrungsaufnahme als Bedrohung empfinden, wobei umgekehrt natürlich auch ein Schlachtfest daraus werden kann. Ähnlich wie bei Rauchern und Nichtrauchern. Noch ist es aber so, dass Steakhäuser und Lokale für Veganer die Parteien meist voneinander trennen.

Die Metzgerei Spahn bietet veganes „Fleisch“ an.
Die Metzgerei Spahn bietet veganes „Fleisch“ an.

Grünkernbratlinge und Tofu sind nicht sexy. Wenn es bei Veganern knistert, dann dürfte höchstens Blümchensex dabei herauskommen. Meist schmeckt vegan fad, oft wird einem nur das Schnitzel mit Salat ohne Schnitzel aufgetischt. So richtig Lust macht das nicht. Vegan für ein ganzes Leben erscheint für viele keineswegs verlockend, für manch andere geradezu zwingend.

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Nicht wenige haben aber schon längst einige vegane Tage im Monat reserviert. Die Generation Gemüse will gesund leben und schlank bleiben. Wenn man das Publikum in Veganer-Lokalen sieht, die Foren im Internet anschaut und die Diskussionen draußen im Leben verfolgt, dann fällt auf, dass sich vor allem sehr viele junge Menschen vegan ernähren. Die meisten davon gar nicht so sehr aus ethischen, sondern in erster Linie aus gesundheitlichen Gründen. Einfach, weil sie unter Allergien und Unverträglichkeiten aller Art leiden und mit der Umstellung der Ernährung Auswege suchen.

Gesund leben mit veganer Ernährung?

Ist „Vegan“ vielleicht in erster Linie ein Thema für Kranke? Für Menschen, die ohnehin auf vieles allergisch sind und kaum eine andere Wahl haben? Immerhin ernähren sich in Deutschland rund acht Millionen Menschen zumindest bereits fleischlos. Dennoch erscheint vegan als Lifestyle-Trend ausgerechnet von jenen begierig aufgenommen zu werden, die sonst als Ignoranten vor jeder Mode davonlaufen – wenn auch mit Schuhen aus tierischem Leder und nicht in Karotten-Sandalen.

In den Frankfurter Öko-Biotopen Nordend und Bornheim verzehren sich viele nach alternativem Leben. Für sie sind auch Fleischesser Schlachtvieh. Sie würden selbst ihre Fahrräder vegan füttern, wenn dies notwendig wäre. Schön zu wissen: 1845 ließ sich der Schotte Robert William Thomson luftgefüllte Tierdärme als Fahrradreifen patentieren.

Vegane „Schnitzel“ in der Metzgerei Spahn
Vegane „Schnitzel“ in der Metzgerei Spahn

Ist es nicht ziemlich erbärmlich, dass gerade im Veganismus mit Fakes gearbeitet wird? Man imitiert Fleisch, Wurst oder Käse, um damit einen Hauch Normalität zu suggerieren und gaukelt sich doch nur etwas vor. Seitan ist der Satansbraten für Veganer. Das sogenannte Weizenfleisch, eine bräunliche Masse, die aus der Schreckenskammer der Gerichtsmedizin entsprungen scheint, wird in Veganer-Lokalen und entsprechendem Handel gerne eingesetzt. Für Fleischersatzprodukte wie Würstchen, Gyros oder Schnitzel. Doch gerade Seitan basiert ja auf Gluten, auf das wiederum viele allergisch sind.

Viele Zusatzstoffe in veganen Lebensmitteln

Zum Gruselkabinett gehören beispielsweise auch vegane Tintenfischringe, die oft aus bakteriell erzeugten Verdickungsmitteln wie Curdlan hergestellt werden. Diese können Saucen dichter machen oder Desserts stabilisieren – und zu Magen-Darm-Beschwerden führen. Zu diesem Schluss kommt auch Ernährungsberaterin Daniela Krehl, die in den künstlichen Zusatzstoffen (Farbstoffen, Aromastoffen, Geschmacksverstärkern etc.) bei vielen veganen Fertigprodukten nur Ungesundes erkennen kann.

Die Liste der Additive bei veganen Produkten ist jedenfalls nicht unerheblich und verbirgt sich hinter den sogenannten E-Nummern, also der Kennzeichnung von Lebensmittelzusatzstoffen. Ein Steak wirkt dagegen natürlich.

Ist vegane Ernährung gesund?

Dr. Gerhard Schöbel, Mediziner und dezent libertiner Frankfurter Veganer mit natürlicher Haltung zum Apfelwein und keineswegs als genussfeindlich erkennbar, ist sich dagegen sicher, dass im Weglassen von Fleisch und allen tierischen Erzeugnissen ein elementarer Beitrag zur Gesundheit liegt. Zur eigenen und der des Weltgeschehens.

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Auch er sieht die Gesundheit als Antrieb, aber außerdem das Leid der Tiere durch den respektlosen Umgang beim Töten. Die herkömmliche Tierhaltung ist inzwischen auch Metzger Michael Spahn zuwider, weshalb er seine Ware nur noch von Biohöfen bezieht. Auf der Berger Straße in Frankfurt führt er neben der Metzgerei ein Geschäft mit über 60 Sorten veganer Qualität, etwa Soja-Buletten. Vegan greift aber nicht nur in die Lebensmittelbranche ein, auch andere Anbieter erkennen das Geschäft. Inzwischen gibt es vegetarische und sogar vegane Putzmittel.

Schon der gesunde Menschenverstand müsste sich eigentlich gegen vegane Ernährung richten. Im Verzicht auf jegliche tierische Lebensmittel, zu denen ja nicht nur Fleisch und Wurst, sondern auch Butter, Käse und andere Milchprodukte sowie Eier gehören, liegt letztlich eine Mangelernährung. Diese befindet sich im Widerspruch zu allen Erkenntnissen von Lebensmittelexperten, denen die ausgewogene Ernährung oberstes Gebot ist.

Ernährungswissenschaftler Stephan Bischoff von der Universität Hohenheim in Stuttgart findet es sehr bedenklich, dass der Verzicht auf tierische Produkte mit dem Verlust von wichtigen Nährstoffen und Vitaminen einhergeht: Eiweiß, Jod, Eisen, Kalzium, Zink oder Vitamin B-12. Gesund ist das nicht.

Veganes Nachwerk ohne Zucker

Health Food kann öde sein, doch was die Veganer Elly und Ahmad Mizban in ihrer Rag Bar ohne missionarischen Eifer und mit Engagement betreiben, ist ziemlich interessant. Sie wollen Gesundes für Genießer bieten. Neben Cookies und Pies gibt es Rohköstliches in Bio-Qualität. Präsentiert an einem Chevy Bel Air als Theke in der Frankfurter Zeilgalerie.

Elly und Ahmad Mizban in ihrer Rag Bar
Elly und Ahmad Mizban in ihrer Rag Bar

Das Naschwerk wird ganz ohne Zucker zubereitet. Gesüßt wird ausschließlich mit Datteln, Feigen, Agavendicksaft und Kokosblütennektar. Destiny‘s Chai heißt eine delikate Torte aus Zimt, Karamell, Apfel, Sternanis, Kardamom, Nelke, Muskat, Pekan- und Paranüssen – die bekannte Teemischung spielt mit dem Namen des einstigen amerikanischen R&B-Trios und deren Leadsängerin Beyoncé.

Musikernamen verleihen den Süßigkeiten der Rag Bar einen gewissen Sound, heraus kommen dabei John Lemon oder Johnny Cashew. Auf unserer Hitliste ganz oben steht der Blaubeerkuchen mit einem Boden aus Buchweizen und Macadamia sowie Avocadomousse, Cashewcreme, einer Schicht Schokolade und einer Schicht aus Blaubeeren. Probiert haben sollte man außerdem den Pistazien-Safran-Pie mit Thai-Kokosnuss und Rosenessenz.

Ein schöner Muntermacher hört auf den Namen Coffee Annan – Boden aus Paranuss und Buchweizen, darauf Schokoladenpudding und kaltgepresste Kaffeecreme. Die Kuchen werden nicht eilig zusammengerührt, sondern entstehen in einem bis zu drei Tage dauernden Prozess. Das Angebot wechselt täglich und ist am besten über die Facebook-Seite der Rag Bar zu verfolgen. Man darf sich nicht täuschen lassen, wenn die Schaulage nicht vollgepackt ist, denn alles wird stets frisch zubereitet.

Gerade die hübsch angerichteten Rohkost-Happen: Lasagne mit Zucchini, Tomaten, Avocado, Nusscreme, Walnüssen, Salat und Granatapfel oder auch Alicia Quiche aus Cashewcreme, Basilikum, Avocado, gekeimten Sonnenblumenkernen, Tomaten und Salat. Die frischen Säfte sind ebenfalls gut. Der Happy Tummy ist eine wohltuende Mixtur, bei der alle Komponenten harmonisch zueinander finden: Ingwer, Apfel, Minze, Zitrone, Fenchel. Die Drinks basieren auf unterschiedlichsten Zutaten, mit wichtigen Nähr- und Vitalstoffen, wie sie beispielsweise in den Goji-Beeren enthalten sind.

Die Becher, das Besteck, die Strohhalme sind nicht aus Plastik, sondern werden aus Mais hergestellt und lassen sich kompostieren. Alles, auch die Servietten, können recycelt werden, in der Rag Bar entsteht kein Abfall. Ahmad Mizban war in Los Angeles Manager eines Medical Health Center, bevor er aus Liebe zu seiner Frau Elly nach Wiesbaden zog.

Die Idee zur Rag Bar entstand in den letzten fünf Jahren, in denen beide damit beschäftigt waren, eine Ernährungs- und Lebensform zu finden, die Ellys zahlreichen Allergien trotzen konnte. Dabei entdeckten sie den Veganismus als Schlüssel. Die Rag Bar (steht für raw and grateful) befindet sich im Untergeschoss der Zeilgalerie. Kurioserweise gleich gegenüber von Pizza Hut.

Vegane Restaurants in Frankfurt und Rhein-Main

In Gießen hat sich das Lokal Vollwert S. innerhalb von zwei Jahren viele Freunde machen können. Dies liegt sicher auch an der relativ munteren Atmosphäre und den gut aufgelegten Köchinnen, denen man vom Tisch aus bei der Arbeit zusehen kann. Es gibt nicht nur Salate und Suppen, sondern täglich wechselnde Gerichte und ein preiswertes Buffet sowie laktosefreies Eis aus eigener Herstellung.

Bei Kartoffelnestern, Wirsingpfanne und Rote Bete Salat freut sich der Kraftesser vor allem über die Zwiebelsauce. Getrunken werden frisch gepresster Karottensaft, gluten- und koffeinfreier Lupinen-Kaffee oder Traubensäfte vom Winzer. Für die Zielgruppe ist das Angebot sicher richtig und überzeugend, anders ausgerichtete Gäste lassen sich damit jedoch kaum gewinnen.

Vegan auf Sterne-Niveau - weißer Spargel mit Bucheckern, Gundermann, Blütenzucker und Leindotteröl von Matthias Schmidt aus der Villa Merton
Vegan auf Sterne-Niveau – weißer Spargel mit Bucheckern, Gundermann, Blütenzucker und Leindotteröl von Matthias Schmidt aus der Villa Merton

Wie stark das Thema vegan auch die Spitzengastronomie erreicht, zeigt Matthias Schmidt vom Zwei-Sterne-Restaurant Villa Merton im Frankfurter Diplomatenviertel. Er ist der Koch der Wiesen und Wälder und vermag aus jeder Wurzel und jeder Blüte eine Delikatesse zu machen. Wer hätte aber gedacht, dass ein stark vegetarisches und teilweise sogar veganes Restaurant solch hohe Auszeichnungen in den Restaurantführern bekommen würde?

Matthias Schmidt arbeitet jedenfalls sehr überlegt nach geschmacklichen und auch ethischen Gesichtspunkten. So kredenzte er in noch intensiverer Art als in seinem Restaurant „kreative und nachhaltige Küche“ im unkonventionellen Hotel Lindenberg im Frankfurter Ostend.

Fünf vegane Gänge aus rein pflanzlichen Zutaten und biologischdynamischem Anbau. Ohne Messer und Gabel, nahezu archaisch verzehrt mit von Designern entworfenen Besteckteilen aus metallischen Restbeständen und geschnittenen Steinen. Dieses „Nouvelle Neandertal“ werden wir noch mehr erleben.

In Berlin gibt es mindestens zwanzig Lokale mit rein veganem Konzept, in Frankfurt ist es eine Handvoll. Unter den meist leblos eingerichteten Veganer-Lokalen fällt das Wondergood in Frankfurt-Bornheim optisch durchaus positiv auf. Was hier aus einem düsteren jugoslawischen Lokal gemacht wurde, ist beachtlich. Für den charmanten Country-Style sorgte die aparte und kunstsinnige Olga Kuvsinova aus Lettland, die eigentlich malt und überhaupt sehr kreativ ist. Wer zudem so gut, frisch und gesund aussieht wie sie, darf sich als glaubwürdige vegane Botschafterin verstehen.

Im Widerspruch dazu steht indes das lethargische und handwerklich grob zubereitete Essen. Plumpe Süßkartoffeln mit schlammigem ausdruckslosem Erbsen-Minze-Püree, ledrigen Soja-Weizen-Medaillons und dröhnend viel Knoblauch liefern gutwillige Gäste ans Steakmesser. So entsteht nur eine Vegan-Intoleranz. Die angebotenen veganen Weine aus Rheinhessen schmecken absonderlich wie alkoholfreie Weine, also seltsam sauertöpfig und gefühllos.

Veganer Wein

Einige Winzer haben durch den veganen Trend eine Nische entdeckt. Weine, die für Veganer geeignet sein müssen, verzichten bei der Vinifizierung auf eine Klärung mit Hühnereiweiß oder Gelatine, also jegliche tierische Einsatzmittel. Vegan mag für manche Überzeugung und mitunter mehr noch Religion sein, doch steht auch ein Geschäft dahinter. Dies ist leider zu häufig zu spüren, weil dieser Trend bislang nicht mit Professionalität und Leidenschaft einhergeht und seltsam seelenlos bleibt.

Dass es anders geht, zeigte Daniel Schönberger. Er sieht sich selbst als „Fleischkoch“, hat aber auch die Vorzüge von Alternativen erkannt und schreibt gerade an einem Kochbuch für Veganer. In seinem Lokal Jakobs in Dreieich-Buchschlag bei Frankfurt brachte er alle Richtungen an einen Tisch: Veganer, Vegetarier, Fleischesser.

Schönberger, der im Sterne-Restaurant Hessler in Maintal arbeitete und auch bei Döpfner‘s im Maingau in Frankfurt mit Talent ans Werk ging, kann Fleisch und Fisch ebenso gut zubereiten wie Gemüse und Salate. Er hat einen grünen Daumen und ein Händchen für florale Delikatessen. Leider wurde sein Pachtvertrag nicht mehr verlängert, jetzt muss man auf sein Kochbuch für Veganer warten. Die Veganer-Szene bleibt tierisch langweilig.

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1 Kommentar

  1. Nachhilfe in Sachen Veganismus

    Wir erkennen, dass etwas nicht stimmig ist. Immer mehr von uns fühlen, dass es so nicht weiter gehen kann. Wir rebellieren gegen ein System, das nicht mehr tragfähig ist. Ein System der Ausbeutung. Ohne Aufklärung. Voller Lügen. Krank machend. Wir nennen das Veganismus. Dabei fühlen wir uns gut. Wir fühlen uns bestärkt. Wir finden Gleichgesinnte. Wir nehmen wahr, dass sich etwas bewegt. Wir erheben gemeinsam unsere Stimme. Bekennen uns. Haben gute Absichten. Aus fester Überzeugung. Finden Studien oder Argumente.

    Wir kritisieren Massentierhaltung. Bio Siegel. Allesesser. Nennen sie Karnisten. Oder Tierquäler. Zoos. Aquarien. Tierhalter. Hundetrainer. Die Jagd. Selbst unsere Freunde werden zum Feindbild. Tierversuche. Wir kritisieren das System. Den Kapitalismus. Wachstum. Höher, schneller. TTIP, CETA oder Dollar. Zinsen. Medien. Die Elite.

    Leider ist das System nicht die Ursache für unsere Gier. Es sind nicht unsere Politiker oder andere Regierungen. Es sind auch nicht die Konzerne oder Zeitungen. Das sind alles nur Symptome. Die wahre Ursache liegt woanders. Erkennen wir sie nicht, steuern wir auf eine Wiederholung zu. Das System wird seine Kleider wechseln. Keine Demonstration kann diesen Prozeß aufhalten. Krankheit ist nicht an ihren Symptomen behandelbar. Sie kehrt zurück, wenn wir die wahre Ursache nicht finden und behandeln.

    Vegetarismus ist nicht neu. Viele Menschen sahen schon früher tierische Erzeugnisse nicht als Nahrungsmittel an: Zarathustra, Hesiod, Mahavira, Pythagoras, Konfuzius, Horaz, da Vinci, Tesla, Kafka, Einstein, Tolstoi, etc.
    Ein alter Hut. Gebracht hat er bisher nichts. Die Schlachtzahlen schwanken innerhalb unserer Grenzen, weltweit steigt die Produktion tierischer Erzeugnisse.

    Vegane Shootingstars waren fleißig. Sie schrieben, kochten und trainierten. Nun werden sie aus eigenen Reihen korrumpiert. Sie sind nicht vegan genug. Nicht perfekt. Nicht extrem oder zu attraktiv. Sie wollen etwas verändern. Das unglaubliche Leid der Massentierhaltung beenden. Unseren Fleischkonsum zügeln. Bewusster einkaufen, konsumieren und genießen.
    Nicht genug!
    Ideologien, Aufklärung oder Humor – sobald ein Protagonist erfolgreich ist, greift er zu gleichen Mitteln wie der erfolgreiche Karnist. Dialoge mit Fleischjunkies, Sportwagen, Nahrungspillen.
    Alles im Rahmen bisher Mögliches. Eine reine Problemverschiebung innerhalb des Systems. Jegliche Form der Ausbeutung bleibt erhalten.

    Wie wollen wir das System verändern, wenn wir uns nicht verändern? Warum lassen wir unsere Ideale fallen? Ändern wir uns wirklich oder wollen wir, dass sich alles andere ändert? Resultiert daraus vielleicht die Unterdrückung und Dysbalance?

    Zinsgeldsystem hin oder her, es bleibt der Antrieb für die Ausbeutung in der Welt. Wir sind gegen die Mißhandlung von Tieren. Wir sind gegen den Massenkonsum von Fleisch oder Milch. Wir sind gegen den Lobbyismus der Agrarindustrie. Wir sind gegen kapitalistisch gesteuerte Politiker. Wir sind gegen Tierqual, Tod und Zucht. Wir versammeln uns zum Widerstand. Tierrechtsdemos gegen Tierversuche. Blutige Schockmomente zur Erlangung von Aufmerksamkeit.
    Doch was ändert sich wirklich? Die Zahl der Veganer steigt. Steigt auch die Zahl der Vegetarier? Oder bleibt sie konstant? Sinkt sie sogar?
    Petitionen, Demonstrationen, Facebookgruppen oder Filme – wer fragt sich eigentlich, was das alles bringt?
    Bewegen sich Menschen dadurch wirklich oder gleichen diese Instrumente den Platzpatronen von Handfeuerwaffen?
    Geben sie uns nicht nur das Gefühl, etwas zu tun? Hat jemals eine Demo etwas bewirkt innerhalb des Systems? Kann ein System wirklich selbst Mittel zur Verfügung stellen, die es stürzen?

    Auch hier wird ein Symptom bekämpft. Ursachen geraten aus der Sichtweite. Eine Demo ist wie die Bundestagswahl: ein Teil unseres Systems. Bedienen wir uns dieser Teile, lassen wir uns von den wahren Ursachen ablenken und füttern es weiter. Das System der Ausbeutung bleibt erhalten.

    Als ob alles geplant gewesen ist. Die Massentierhaltung ist begrenzt. Sie kann nicht unendlich skaliert werden. Unsere Bundesregierung ist der Überzeugung, der Klimawandel ist menschengemacht und die Viehwirtschaft trägt massiv zur Umweltschädigung bei. Warum also unternimmt unsere Regierung nichts? Warum unternehmen die Regierungen weltweit nichts dagegen?
    Nestlé, Vion, McDonalds oder Rügenwalder, jetzt verändern die Konzerne ihre Strategien. Wir erfreuen uns am „Erfolg“. Wir fühlen uns wie Helden! Plötzlich sind wir wer. Wir werden ernstgenommen. Gehört. Unsere Bedürfnisse befriedigt. WIR haben die Mauer eingerissen! Und nun? Wird die Welt jetzt vegan? Hat die Massentierhaltung ein Ende? Hat das Abschlachten rumänischer Strassenhunde (wo ist eigentlich der Unterschied zum Hund?) ein Ende?

    Bin ich der Einzige, der sich fühlt wie in einem großen Schachspiel? Kurz vorm Ausbruch meiner Springer? Mit überlegener Dame und massiven Bauern?

    Ursachen? Ach ja, da war doch was. Die Symptome haben sich verschoben. Es gibt neue Schwierigkeiten. Wasser ist kein Grundrecht mehr, dafür produziert Nestlé Garden Gourmet. McDonalds steigert seinen Umsatz durch einen 30% Anteil veganer Produkte, dafür aber auch 20% der Fleischprodukte. Rügenwalder bleibt Jesus unter den Wurstfabrikanten, schließlich werden ALLE bedient. Es „ändert“ sich doch was. Und wir können froh darüber sein. German Bescheidenheit. Aufgesetzte Demut. Lieber den Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach.

    Tatsächlich erreichen wir so nicht die Ursache für das Übel. Was auch immer wir versuchen zu verändern, es ändert sich nichts. Auf ständiger Suche nach Feindbildern und feindlichen Institutionen vergessen wir, dass wir damit selbst zm Feindbild werden. Jegliches Urteil erzeugt ein Gegenurteil. Wir finden die Ursache nicht vor oder neben uns. Wir finden sie in uns: wir sind es selbst.

    Natürlich will das keiner hören. Warum auch? Es ist doch wesentlich einfacher, die Verantwortung zu übertragen. Es ist einfacher, das Problem in anderen Menschen, Konzernen oder Institutionen zu sehen. Wir müssen uns nicht ändern. Wir müssen nur Widerstand leisten. Gegenüber den Feindbildern. Ego vs Ego. Unser Ego ist der Unfrieden. Unser Ego nährt die Ausbeutung. Das ist der Preis fürs Futter. Wir ziehen uns wahrhaftig gegenseitig die Wurst vom Brot.
    Jedes scheinbar neue System, das daraus resultiert, ist erneut ein Symptom. Ein Symptom UNSERES Widerstandes.

    Natürlich sollen wir uns nicht alles gefallen lassen und uns für schwächere Erdbewohner einsetzen. Aber wir dürfen nicht der Versuchung verfallen, die Ursache für all das Leid auf der Erde in unserem System zu suchen. Das System lebt vom Widerstand. Es wandelt sich durch Widerstand. Es verformt und optimiert sich und erlangt stets mehr Perfektion. Wir befinden uns dabei in einer Art Krieg. Krieg gegen das System. Wir sind im dauerhaften Widerstand. Damit sind wir vollkommen machtlos. Ob wir eine Antivegan Gruppe oder einen Artikel bekämpfen, wir folgen der Illusion einer Trennung. Wir lassen uns spalten. Divide et impera.
    Egal wieviele wir sind, wir können uns irren.

    Sind wir nicht doch für eine friedlichere Welt?Ohne Gewalt, Ausbeutung oder Mißbrauch? Weder Menschen noch Tieren gegenüber?
    Wahrhaftig friedlich ist kein Demonstrant. Auch keiner, der Petitionen unterschreibt oder Gegenargumente verfasst. Sea Shepherd gleicht einer Eliteeinheit. Einer Marineeinheit.
    Friedliche Menschen lassen sich nicht trennen. Sie benennen keine Feindbilder oder suchen die Schuld im Außen. Sie steckt tief in uns. Unser Ego trennt uns vom System. Unsere Identifikation mit dem Ego. Dabei dürfte das System der Ausbeutung die Folge unseres Egobewusstseins darstellen. Unser innerer Widerstand gegen das Leben bildet unser System ab.

    Doch warum tragen wir diesen in uns?
    Kennen wir uns selbst wirklich? Wissen wir, wer wir sind und was wir hier verloren haben? „Bekriegen wir uns schon seit Tausenden von Jahren, um aus dieser Welt einen besseren, einen lebenswerteren Ort zu machen oder um uns gegenseitig auszutricksen, auszuplündern, auszubeuten, abzuschlachten?
    Spiele um Macht und Ressourcen helfen uns keineswegs, in den Genuss eines sorgenfreien Lebens zu kommen. Vielmehr müssen wir die Früchte unseres Triumphes ängstlich umklammern, in ständiger Furcht davor leben, bald selber ausgetrickst, ausgeplündert, abgeschlachtet zu werden. Dümmer gehts nimmer!“ (Schmidt-Salomon)
    Und haben bisher fast nichts gelernt? Ist unser System nicht genau das Spiegelbild unseres Inneren?

    Wenn wir nun Widerstand leisten, damit Unfrieden verursachen, leisten wir wirklich einen Beitrag zu einer besseren Welt? Gewalt gegen Gewalt. Krieg gegen Krieg. Auch wenn unser Widerstand nicht gewalttätig ist, es gleicht einem kalten Krieg. Wir befinden uns im medialen psychologischen Kriegsmodus.
    Steigen wir aus. Rein in den Frieden. Mit sich selbst, den Tieren und Menschen, dem Leben und Tod, dem Leid und Hunger, dem Guten und Bösen. Weg vom Ego. Die Identifikation mit dem Ego gleicht einer AK-47 mit Rückstoßhemmung. Wir beuten uns letztendlich immer selbst aus. Und Ausbeutung mit Ausbeutung zu bekämpfen, macht wenig Sinn.

    Spiritualität beschreibt ein Angstgebiet der Wissenschaft. Noch ist sie nicht meßbar und wird als Esoterik abgeschrieben. Dabei ist sie im Gegensatz zu Religion und Politik egofrei und akzeptiert die Möglichkeit, sich selbst Irrtümer einzugestehen und schließlich widerlegt werden zu können. Sie entwickelt sich ständig weiter.
    Birkenbiehl hielt einen ganz wunderbaren Vortrag über die pragmatische Esoterik. Völlig unspirituell. Er ist von 1993: http://youtu.be/c_1-nbfRzO0

    So oft wird gesagt, „wir sollen vor unserer eigenen Haustüre kehren“. Doch verstehen wir diese Worte auch richtig? „Ich esse nun schon lange kein Fleisch mehr. Auch vom Leder habe ich abgeschworen.“ Kennen wir nicht alle diese Gedanken?
    Gehen wir davon aus, dass alles in allem enthalten ist: jeder Mensch ist in uns enthalten. Jedes Tier, jeder Baum. Das Universum. Sogar Gott. Finden wir nun Frieden in uns, geben wir Frieden an alle. Frieden in allen. Einige benutzen Begriffe wie „Kritische Masse“ oder „Transformation“, um die Macht in uns zu beschreiben. Dazu bedarf es keiner Tat. Keiner Unterschrift und keinem Konsum.
    Weder Intelligenz noch Distanzierung ist erforderlich, den Kampf aufzugeben. Innerer Frieden ist der Schlüssel. Es nutzt kein einziges Argument pro oder contra. Es nutzt nur die Akzeptanz. Damit erzeugen wir Akzeptanz für unsere Ideen.
    Wir dürfen uns nicht in Gruppen versammeln, um gegen Feinde oder Andersdenkende vorzugehen. Dies ist eine Solidarisierung mit dem eigentlichen Feindbild. Als Tierfreunde brauchen wir keinen Sündenbock. Wir müssen unsere eigenen Dämonen loswerden. Zurück zu unserem spirituellen Selbst. Damit können wir das natürliche Einheitsbewusstsein erschaffen, uns gegenseitig und Tieren helfen, um in Harmonie zu leben.

    Weg vom Widerstand, weg von Antidemos, weg vom Ego, weg von der Ausbeutung und Unterdrückung. Ego gegen Ego bedeutet Krieg. Es ist Zeit, neue Wege zu gehen. Lösen wir unsere eigenen Widerstände und revolutionieren uns selbst. Gehen wir auf eine Feier: eine Party für die Freiheit aller Affen. Zeigen wir unser Essen: kreativ und appetitlich. Leisten wir extreme Rekorde: Carl Lewis, Patrik Baboumian, Frank Medrano. Posten wir die Schönheit und Harmonie anderer Erdlinge. Formulieren wir unsere Vision einer veganen Welt. Unsere Belohnung: die Liebe.
    Der Veganismus beschreibt die Liebe zur Erde.

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