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Andreas Scholl ist in fast allen Musikrichtungen zu Hause: von Barock über Klassik bis Pop und Elektro. Er gilt international als einer der besten Countertenöre und seine warme Stimme begeistert Menschen auf der ganzen Welt. Zusammen mit seiner Frau, der Pianistin Tamar Halperin, wurde er im November mit dem Hessischen Kulturpreis ausgezeichnet. Wir verabredeten uns zum Interview im Frankfurter Sofitel. Text: Barbara Altherr, Foto: Michael Hohmann

Countertenor Andreas Scholl

Seine musikalische Ausbildung begann schon mit sieben Jahren bei den Kiedricher Chorbuben. „Das ist ein Knabenchor mit mehr einer besonderen Tradition. Seit 650 Jahren wird dort regelmäßig gregorianischer Choral gesungen“, erzählt Andreas Scholl bei unserem Gespräch im neuen Frankfurter Sofitel an der Alten Oper. „Bei den Chorbuben gab es jeden Tag eine Gesangsstunde und eine Einzelstunde Stimmbildung pro Woche. Das war die Grundlage für meine berufliche Laufbahn.“

Trotz aller Disziplin ging es aber auch sehr fröhlich zu und er genoss die gemeinsamen Aktivitäten des Chors wie Konzertreisen. „Es war eine tolle Zeit und wir hatten viel Spaß dabei“, sagt er rückblickend. Andreas Scholl hatte das Glück, sogar in der Zeit des Stimmbruchs intensiv begleitet zu werden.

„Damals habe ich ein halbes Jahr ein bisschen gejodelt, die Stimme war etwas außer Kontrolle, aber durch das tägliche Weitersingen in der Kopfstimme hat sie sich wieder stabilisiert. Mit 17 Jahren meinte meine Stimmbildnerin, dass ich wie ein Countertenor klingen würde und das Potential hätte, das auch beruflich zu machen.“ Deshalb entschloss er sich nach der Schulzeit eine musikalische Ausbildung an der Schola Cantorum Basiliensis zu absolvieren.

„Ein Fahrer bei einem Festival fragte mich mal, ob ich denn Kinder kriegen könnte.“ – Andreas Scholl

Als Countertenor oder auch Altus bezeichnet man Sänger, die mit Hilfe einer durch Brustresonanz verstärkten Kopfstimme in Alt oder sogar Sopranlage singen. Selbstverständlich kann Andreas Scholl auch in einer tieferen Stimmlage singen, doch weltberühmt wurde er durch den Altus. Nicht alle Zuhörer können das auf Anhieb richtig einordnen.

„Ein Fahrer bei einem Festival fragte mich mal, ob ich denn Kinder kriegen könnte. Da konnte ich ihn beruhigen. Ein Countertenor ist ja nicht mit den sogenannten Kastratenstimmen gleichzusetzen, weder im Klang noch im Stimmumfang.“ Doch selbst wenn man das alles weiß, erstaunt es viele Menschen anfangs, einen Mann so hoch singen zu hören. Die Grenze zwischen scheinbar typisch Weiblichem und Männlichem verschwimmt und inspiriert zu einem neuen Blick auf Rollen. „Der Countertenor steht für mich nicht für Geschlechterklischees, sondern einfach für Menschsein“, meint er.

Andreas Scholl ist ein herausragender Sänger, der sein Publikum mit seiner außergewöhnlichen Interpretationskunst begeistert. Als Countertenor hat er international Karriere gemacht und singt in den großen und bedeutenden Konzertsälen dieser Welt. Seine klare, runde Stimme ist warm und schön und berührt die Herzen der Zuhörer. Er wurde bereits vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit mehreren Klassik-Echos und als „Singer of the Year“ bei den Brit Awards. Im November bekam er zusammen mit seiner israelischen Frau Tamar Halperin den Hessischen Kulturpreis. Ministerpräsident Volker Bouffier betonte in seiner Laudatio, dass sie musikalische und kulturelle Brücken bauten und mit ihrem hohen internationalen Ansehen auch wunderbare Botschafter Hessens seien.

Beide sind auch offen für neue Präsentationsformen. „Einen Abend in einem klassischen Konzerthaus aufzutreten und am nächsten in einem Club vor jungen Leuten, das finde ich sehr reizvoll“, meint Andreas Scholl. So sang er auch schon ein Crossover-Programm im „Cocoon“, dem früheren Techno-Club von Sven Väth in Frankfurt. „Ich erzähle in solchen Konzerten auch ein bisschen von mir und von meiner Motivation. Man nimmt dann Musik ganz anders wahr, wenn man weiß, es kommt etwas, das dem Künstler wirklich am Herzen liegt.“

Dass er für viele Arten von Musik offen ist, zeigte sich schon in jungen Jahren. „Als Teenager habe ich viel Pop- und Disco-Musik gehört. Mit 16 Jahren habe ich mir dann meinen ersten Synthesizer gekauft und mit einem Freund ein Pop-Duo gegründet. Elektronische Musik war also auch immer schon eine große Leidenschaft. Als ich dann nach Basel ging, um an der Schola Cantorum alte Musik zu studieren, habe ich nebenbei in einem Studio für elektronische Musik gearbeitet und konnte auch meine eigenen Songs schreiben.“

Andreas Scholl und Tamar Halperin leben jetzt mit der zweijährigen Tochter Alma in Kiedrich. „Ich habe viele schöne Kindheitserinnerungen und bin ein echter Lokalpatriot. Bis vor acht Jahren lebten wir in Basel, doch eines Tages hatte ich die Möglichkeit, ein altes Weingut im Rheingau zu kaufen. Da ich schon immer den Traum hatte, mal ein eigenes Tonstudio zu haben, habe ich mich entschlossen, wieder in die Heimat zurückzukehren und es dort zu realisieren. Wir sind jetzt alle sehr glücklich hier.“

Befragt nach seiner Inspirationsquelle und seinem Lieblingskomponisten, antwortet Andreas Scholl mit einem strahlenden Lächeln: „Das ist ganz klar Johann Sebastian Bach. In der Barockzeit sollte Musik „movere et docere“, also emotional bewegen und belehren, den Intellekt und das Herz stärken. Bach ist für mich derjenige, bei dem das auf beiden Ebenen am tiefsten und am stärksten wirkt. Seine Musik hat eine unglaubliche Komplexität und emotionale Kraft.“

„Warum uns eine Arie zu Tränen rührt, uns so tief trifft, das können wir nicht erklären.“ – Andreas Scholl

Er erinnert sich auch gern an die Aussage eines befreundeten Geigers, der meinte, Bach sei eine ganz erfahrene Seele. „Ich finde, es ist eine tolle Vorstellung, dass Bach vielleicht die letzte Inkarnation einer großen Musikerseele war – er war dann sozusagen die Kumulation.“

Es ist deutlich, dass Andreas Scholl ein zutiefst spiritueller Mensch ist – und das ist auch in seinen Liedern hörbar. „Ich glaube, als Musiker ist das selbstverständlich, denn das, was wir machen, erzählt immer von einer anderen Ebene. Es ist ja nicht fassbar. Wir können zwar eine Komposition auch theoretisch analysieren, aber warum uns jetzt eine Arie zu Tränen rührt, uns so tief trifft, das können wir nicht erklären.“ Wie viele Künstler sieht er sich als eine Art Kanal: „Als Musiker müssen wir durchlässig sein für das, was aus der Musik heraus sprechen will.“ Er erzählt, dass er bei einem seiner Konzerte das Gefühl hatte, das von seinem Körper aus eine Verbindung zu jedem Zuschauer im Saal bestünde. „Es war wie ein Faden, der von meinem Solarplexus ausging, und jeden einzelnen Zuhörer erreichte.“

Er betont auch die gesellschaftliche Komponente von Musik: „Ein Konzert als kollektives Ereignis ist ja ein transformativer Moment. Wir erleben die Musik und gehen verändert aus dem Konzert heraus, die Musik hat also etwas mit uns angestellt. So wirkt sie in die Gesellschaft rein und das ist eine Mission. Momentan gibt es leider so viel negative Energie in der Welt, doch ich finde, jedes Konzert entlässt die Zuhörer wieder mit einem verbesserten Menschsein.

Musik gibt immer wieder Impulse zu mehr Balance und Heilung. Das ist eine Form von Spiritualität. Als Musiker ist man da Missionar und Impulsgeber im Feld des Menschenveränderns. Das ist unsere Aufgabe und es wird gerade in dieser Zeit immer drängender und wichtiger.“

Eines steht außer Frage: Es gibt kaum etwas, das Menschen so zusammenführen kann wie Musik. Und Andreas Scholl ist einer der besten Botschafter für diese Idee, den wir in Deutschland haben!


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