Lesezeit ca.: 14 Minuten, 29 Sekunden

Der Kunstmarkt boomt, internationale Auktionshäuser wie Sotheby’s und Christie’s verzeichnen Umsatzrekorde. Bei regionalen Unternehmen, die in der Regel ein breiteres Angebot haben, kann man die besondere Atmosphäre eine Auktion ebenfalls erleben und schöne Kunst für das eigene Heim finden. Dank des Internets erreichen auch sie mittlerweile Bieter auf der ganzen Welt. Doch es gibt Konkurrenz im Netz. Von Sabine Börchers

Anja Döbritz-Berti
Anja Döbritz-Berti

Im Saal des Auktionshauses Döbritz herrscht Anspannung. Die rund 100 Plätze sind schon seit 10 Uhr besetzt, hinter den Stühlen und in jedem freien Eckchen des Raumes stehen weitere Besucher. 64 Bilder hat die Auktionatorin Anja Döbritz-Berti bereits aufgerufen, die Zuschläge erfolgten ruhig und zügig. Dann wird es spannend. Die Position 65 ist das Prunkstück der Herbstauktion, ein Bild des Expressionisten Ernst Ludwig Kirchner mit dem Titel „Winterberge mit Nebelwolke“, aus seinem Spätwerk, gemalt 1928/1929. Es zeigt das winterliche Davos, wo der Maler versuchte, seine Traumata aus den Erlebnissen im Ersten Weltkrieg zu bewältigen. 180.000 Euro lautet der Schätzpreis, zu dem es angeboten wird. Per schriftlichem Gebot ist der bereits erzielt.

Dann heben sich im Saal nacheinander die Bieternummern. Die Auktionatorin registriert jedes Gebot und erhöht entsprechend den Preis, 200.000, 220.000, 240.000. Es könnte einem schwindelig werden bei den Geldmengen, die dort sekündlich offeriert werden. Auch am Telefon geben Interessenten ihre Gebote ab. Vier junge Frauen sorgen dafür, dass sie im Saal gehört werden. Es geht sehr schnell, in nicht einmal drei Minuten ist der Preis auf 480.000 Euro hochgeschnellt. Eine ältere Dame im dunklen Mantel, die in Begleitung ihrer Tochter in der vorletzten Reihe sitzt, hat damit einen Interessenten am Telefon überboten. Plötzlich ist es still. Geht der Telefonbieter mit?

Zum Ersten, zum Zweiten…, alle Anwesenden schauen gespannt in Richtung Telefon. Doch der Interessent steigt aus, 500.000 Euro will er nicht mehr bezahlen. Zum Dritten: Anja Döbritz-Berti lässt den Hammer fallen. Plötzlich brandet Applaus auf. Die Dame in der vorletzten Reihe lächelt scheu, ihre Tochter drückt ihren Arm. Weder Anspannung noch Begeisterung sind ihr anzumerken. Um so mehr freut sich die Auktionatorin. Der Kirchner ist das teuerste Bild, das sie je in ihrem Auktionshaus versteigert hat. In ihrer Firmengeschichte wird er einen Ehrenplatz bekommen, so wie vermutlich in der Sammlung der zurückhaltenden Dame.

Was ist es, das die Menschen an Versteigerungen so fasziniert? Das manche ganz still werden lässt und andere in einen Bieterrausch versetzt, der der Sucht passionierter Glückspieler ähnlich ist. Es ist diese besondere Aura bei Kunstauktionen. In einem gehobenen Ambiente kann jeder Interessierte Gemälde, Geschirr und Geschmeide prüfen und sogar anfassen, denen man in einem Museum nicht zu nahe kommen dürfte. Hinzu kommt, die Atmosphäre bei der Auktion berührt ein zutiefst menschliches Bedürfnis: den Jagdinstinkt des Menschen. Erfolgreich ist, wer am meisten zu bieten hat und am geschicktesten taktiert. Erst, wenn der Auktionator den Hammer heruntersausen lässt, ist die Jagd beendet.

Nach dem Warentausch gehören Auktionen historisch zu den ältesten Handelsarten. Das Verfahren hat sich nicht verändert: An einem bestimmten Ort werden Waren zu einer angekündigten Zeit öffentlich an den Meistbietenden verkauft. Interessenten können die Objekte und Produkte, die in sogenannte Lose aufgeteilt sind, vorher begutachten. Der Auktionator nennt bei den einzelnen Losen ein Mindestgebot. In festgelegten Schritten wird so lange gesteigert, bis niemand mehr höher bietet und schließlich den Zuschlag erhält.

Rekordpreis für einen Picasso

Picassos Bild 'Les femmes d'Alger' wurde für einen Rekordpreis von 179,4 Millionen Dollar versteigert.
Picassos Bild ‚Les femmes d’Alger‘ wurde für einen Rekordpreis von 179,4 Millionen Dollar versteigert.

Auf dem aktuellen Kunstmarkt steigen die Beträge derzeit in schwindelnde Höhen. Der Markt für berühmte Kunstwerke boomt weltweit. Regelmäßig sind neue Meldungen von Rekordpreisen zu hören, die bei den Auktionen für Gemälde großer Künstler wie Vincent van Gogh, Klimt oder Modigliani verzeichnet werden. Derzeit ist es ein Bild von Picasso mit dem Titel „Les femmes d‘Algers“, das den Rekord hält. 179,4 Millionen Dollar, Gebühren inklusive, brachten die Frauen von Algier bei einer New Yorker Versteigerung des Auktionshauses Christie‘s, den jemals höchsten Preis für ein Gemälde in einer Auktion. Und es bleibt nicht bei Einzelstücken in diesem Segment. Mit seinen diesjährigen Herbstauktionen hat allein Sotheby‘s nur für Gemälde ein Gesamtergebnis von über einer Milliarde Euro erzielt. „Es ist einfach viel Geld auf dem Markt. Die Nachfrage auch durch die Globalisierung ist groß, im Vergleich dazu ist das Angebot selektiv. Deshalb sind die Preise so hoch“, erläutert Dr. Philipp Herzog von Württemberg, Europachef und Deutschlanddirektor von Sotheby‘s.

Bereits im vergangenen Jahr verzeichneten die beiden internationalen Auktionshäuser Rekordumsätze. 6,65 Milliarden Euro setzte Christie‘s in 2014 um. Um 12 Prozent sei der Umsatz im Vergleich zum Vorjahr gestiegen, bestätigte der Weltmarktführer, vor allem bei den besonders teuren Angeboten habe es erhebliche Zuwächse gegeben. Der Konkurrent Sotheby‘s erzielte 2014 international mit 5,7 Milliarden Euro reinem Auktionsumsatz sogar 19 Prozent mehr als im Jahr zuvor.

Das große weltweite Netzwerk des Unternehmens an Kunden und Käufern sei einer der Gründe für den Erfolg, betont der Sotheby‘s-Europa-Chef. „Der Kunde hat Vertrauen in unsere Professionalität und darin, dass wir den Markt überblicken.“ Ausschlaggebend für die hohen Ergebnisse sei aber auch die starke Nachfrage aus China gewesen, betonten beide. Auch bei der aktuellen Christie‘s-Auktion in New York ging das teuerste Bild, ein Modigliani, für 170,4 Millionen Dollar an einen Chinesen. Dabei sind es nicht mehr nur Sammler, die sich gerne einen Gerd Richter oder einen Paul Klee an die Wand hängen möchten. Auch Investoren, die aufgrund des schwierigeren Kapitalmarktes ihr Geld verstärkt in Sachwerten anlegen, nutzen den Kunstmarkt.

Dr. Philipp Herzog zu Württemberg
Dr. Philipp Herzog zu Württemberg

„Wer sein Geld in Kunst als reines Investment anlegt, könnte allerdings auch ein Risiko eingehen“, mahnt der Sotheby‘s Chef. Der Markt sei nicht mit finanztechnischen Parametern zu messen, er bleibe emotional „und unterliegt somit Trends, die sich schnell ändern können.“ Das dürfte auch daran liegen, dass der Markt, wie unsere Gesellschaft im Allgemeinen, schnelllebiger geworden ist. Sammler schichten heute ihre Kollektionen häufiger um als früher, berichtet Herzog von Württemberg. Früher habe Kunst zehn Jahre lang lagern müssen, um einen Wertzuwachs zu erzielen. „Heute kann das schon in zwei bis drei Jahren passieren.“

Auktionen vor Ort

Rekorde werden allerdings nur bei den teuersten und gefragtesten Kunstwerken erzielt. Die Preise im traditionellen Auktionshandel liegen, kommt dabei nicht gerade ein Kirchner-Bild unter den Hammer, auf einem anderen Niveau. Ein Besuch in einem Auktionshaus in der Nähe kann sich daher für jeden lohnen, der ein schönes Stück für das eigene Heim sucht. Im Rhein-Main-Gebiet gibt es mehrere Möglichkeiten, eine Auktion live zu erleben. Vier Auktionshäuser listet der Bundesverband deutscher Kunstversteigerer (BDK) auf, darunter mit dem Kunst- und Auktionshaus Wilhelm M. Döbritz und dem Auktionshaus Arnold zwei in Frankfurt, die beiden anderen in Königstein und Wiesbaden.

Das Rhein-Main-Gebiet sei mit seinen zahlreichen Museen geprägt davon, dass sehr gute Kunst öffentlich zu sehen ist, betont Herzog von Württemberg. „Außerdem haben wir eine hohe Präsenz großer Unternehmen wie Banken und Finanzdienstleister, die umfangreiche Firmen-Sammlungen haben.“ Frankfurt sei daher auch für Sotheby‘s ein wichtiger Standort. Das Unternehmen hat seinen Deutschland-Sitz an der Mendelssohnstraße,
wo Verkaufsinteressenten ihre
bildende oder
dekorative Kunst,
Schmuck und sogar seltene Weine und Bücher schätzen lassen können.

Diese einzigartige Patek Philippe Ref. 2497 wurde Kaiser Haile Selassie I im Jahr 1954 geschenkt. Sie war von Christie's auf 500.000-1.000.000 Dollar geschätzt worden
Diese einzigartige Patek Philippe Ref. 2497 wurde Kaiser Haile Selassie I im Jahr 1954 geschenkt. Sie war von Christie’s auf 500.000-1.000.000 Dollar geschätzt worden

Wer vielleicht aus einer Erbschaft das Biedermeier-Schränkchen oder das edle Meissen-Geschirr zu Geld machen möchte, der kann sich ebenso an eine Auktionatorin wie Anja Döbritz-Berti wenden, die die Stücke direkt in ihrem Auktionshaus versteigert. Fünf Auktionen pro Jahr veranstaltet sie in der Braubachstraße und in ihrem Kontorhaus im Osthafen. In der übrigen Zeit gibt es in ihrem Ladengeschäft den so genannten Freihandverkauf, bei dem Gemälde, Skulpturen, Teppiche, Möbel, Glas, Schmuck, Silber und Porzellan direkt angeboten werden.

Limit ist entscheidend

Für den ersten Eindruck eines solchen Stücks reicht in der Regel ein Foto per E-Mail. Wenn konkretes Interesse besteht, wird das Stück begutachtet – im Auktionshaus oder beim Verkäufer zu Hause. Ist der Anbieter mit der Höhe der Schätzung einverstanden, zu der das Stück in die Auktion gegeben werden soll, nimmt das Unternehmen es in Kommission, führt es im Katalog auf und legt vertraglich das Preislimit fest. Das Festlegen dieses Mindestbetrages, zu dem das Stück angeboten wird, ist entscheidend. „Er darf nicht zu niedrig sein, damit der Einlieferer am Ende sein Geld bekommt und er darf nicht zu hoch sein, damit er mögliche Bieter nicht abschreckt“, erläutert Anja Döbritz-Berti.

Ist das gute Stück dann unter den Hammer gekommen, erhält der Anbieter den Zuschlagpreis abzüglich einer Provision. Auch der Käufer zahlt an das Auktionshaus ein Aufgeld auf den erzielten Preis. Rund 75 Prozent der Versteigerungsstücke werden in der Regel beim ersten Termin verkauft, bestätigt Döbritz-Berti. Das liegt sicher auch daran, dass sich ihr Kundenkreis in den vergangenen Jahren erheblich vergrößert und internationalisiert hat. Mittlerweile erreicht die Auktionatorin über das Internet sogar Bieter in den USA und in China. Sie können seit kurzem bei ihren Auktionen auch online mitsteigern. Der erste erfolgreiche virtuelle Bieter ergatterte bei ihr jetzt ein Gemälde des Frankfurter Struwwelpeter-Autors Heinrich Hoffmann mit dem Titel „Weiltal“ für 750 Euro.

„Bei bestimmten Auktionen haben wir Steigerungen bei den Klickzahlen von bis zu 35 Prozent“

Auch die großen Häuser Sotheby‘s und Christie‘s bieten seit einiger Zeit ihren Kunden an, die Auktionen in New York oder London live im Internet mitzuverfolgen und Gebote abzugeben. Sotheby‘s nutzt darüber hinaus die Sozialen Medien, um ebenfalls weitere potenzielle Interessenten anzusprechen. „Bei bestimmten Auktionen haben wir Steigerungen bei den Klickzahlen von bis zu 35 Prozent“, stellt Philipp Herzog von Württemberg fest. Der moderne Kunde nutze das Angebot, sich auch vom Handy aus im Zug oder Flugzeug zu informieren und sogar mitzusteigern. Die Schwelle, im Internet zu kaufen, liege allerdings bei maximal 100.000 Euro.

Ersteigern im Netz

Es gibt aber auch Versteigerungen, die ausschließlich im Internet laufen. Und damit ist nicht nur Ebay gemeint, auf dessen Plattform alles und jedes angeboten werden kann, inklusive dem früheren Golf von Papst Benedikt XVI., dem Gemälde eines Gorillas aus einem englischen Zoo oder gar dem Sinn des Lebens. Spätestens seit selbst der britische Künstler Damian Hirst und der Londoner Galerist Jay Jopling rund 4,5 Millionen Euro in den New Yorker Online-Kunstversteigerer „Paddle8“ investiert haben, werden solche Plattformen immer populärer.

International war das bereits 1989 gegründete und 1995 online gestartete New Yorker Unternehmen „artnet“ die erste und ist bis heute die bekannteste Plattform für den Verkauf von Kunst im Internet. Die Aktiengesellschaft versammelt in ihrer Datenbank die erzielten Preise von 1.600 internationalen Auktionshäusern und verfügt damit über Daten von rund acht Millionen Auktionsergebnissen von 300.000 Künstlern. Mittlerweile veranstaltet „artnet“ auch selbst Versteigerungen moderner und zeitgenössischer merke, allerdings ohne Hammerschlag am Ende. Sie laufen wie bei Ebay bis zu einem bestimmten Zeitpunkt. Wer bis dahin das Höchstgebot abgegeben hat, erhält den Zuschlag.

Der bekannteste Online-Anbieter für hochwertige Kunst und
Möbel heißt in Deutschland
Auctionata. 146.000 Kunden
aus 140 Ländern erreicht das
Berliner Internet-Auktionshaus nach eigenen Angaben.
Das Unternehmen habe im ersten Halbjahr 2015 mit einem Nettoumsatz von 35,7 Millionen Euro nur zwei Jahre nach dem Start die Marktführerschaft in Deutschland übernommen, wie es mitteilt. 80 Prozent des Umsatzes sei mit 123 Auktionen erzielt worden, der Rest mit Privatverkäufen und im Online-Shop. Beteiligt sind unter anderem die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck, das Venture-Capital-Unternehmen Earlybird und LVMH. 2016 soll es an die Börse gehen.

Hohe Summen per Mausklick

Bei Auctionata steht jede Woche in einem Berliner Filmstudio ein Auktionator mit Hämmerchen am Pult. Die Interessenten sind per Live-Stream zugeschaltet und können online mitbieten. Dem Auktionator werden die Gebote auf dem Pult zugeschaltet, der Meistbietende bekommt den Zuschlag. Zuschauen kann allerdings nur, wer sich vorher auf der Plattform anmeldet. In den Geschäftsbedingungen heißt es, der Kunde könne auch höchstpersönlich an der Versteigerung teilnehmen, „wobei die Teilnehmerzahl von Auctionata begrenzt werden kann“. In der Pressemitteilung des Unternehmens steht dagegen: Auctionata biete alle Dienstleistungen eines traditionsbewussten Kunst- und Auktionshauses – „und zwar ausschließlich über das Internet“. Eine Vorbesichtigung sei „für zumindest zwei Stunden nach Terminvereinbarung bei Auctionata vor Ort“ möglich, wird dort weiter ausgeführt. Doch die im Internet als Auktionshäuser ausgewiesenen Standorte etwa in Hamburg oder Leipzig entpuppen sich beim genaueren

Hinsehen als allgemeine Werbeseiten. Standorte gibt es inklusive Adressen nur in Berlin, London, Zürich, Madrid und New York. Die rein virtuelle Umsetzung hält die Menschen aber offenbar nicht davon ab, hohe Summen per Mausklick auszugeben. So ließ sich ein gewisser Karl aus Österreich das Gemälde „Liegende Frau“ von Egon Schiele aus dem Jahr 1916 rund 1,8 Millionen Euro kosten. Der Höchstzuschlag in diesem Jahr lag für eine kaiserliche Automatenuhr aus der chinesischen Guangzhou-Werkstatt aus dem 18. Jahrhundert mit einem Startpreis von 300.000 Euro bei 3,37 Millionen.

Nutzer in einschlägigen Foren loben die Plattform, warnen aber auch vor hohen Gebühren, vor allem, wenn das eingelieferte Stück nicht versteigert wurde. Dann verlangt Auctionata offenbar Geld für die Lagerung bis zur nächsten Auktion. Auch von den traditionellen Auktionshäusern werden diese Angebote naturgemäß eher kritisch gesehen. „Ich empfehle immer, sich die Dinge vor der Aktion anzuschauen“, betont Anja Döbritz-Berti.

„Der Kunde kann bei uns sicher sein, dass er seriöse Ware von seriösen Verkäufern bekommt.“

Keine Abbildung könne über den Erhaltungszustand eines Bildes wirklich Auskunft geben, räumt auch Dr. Thilo Winterberg, Präsident des BDK, ein. Wer kann schon sagen, was etwa unter einem Hinweis wie „Gebrauchsspuren“ genau zu verstehen ist. „Das große Plus der deutschen Auktionshäuser ist es, dass sie alle sehr persönlich geführt sind, so dass der Kunde jederzeit einen festen Ansprechpartner hat“, betont Winterberg weiter. Dem stehe eine große Maschinerie bei den Internet-Unternehmen gegenüber. „Unser Geschäft basiert wie bei der Bank auf Vertrauen. Ich denke, dass ein unternehmergeführtes Haus da immer Vorteile hat.“ Anja Döbritz-Berti ergänzt: „Der Kunde kann bei uns sicher sein, dass er seriöse Ware von seriösen Verkäufern bekommt.“

Eine Konkurrenz seien die Internetangebote durchaus, so wie jeder Mitbewerber auch, räumt Winterberg ein. Ein Internet-Angebot werde aber nie das Flair einer Auktion mit hunderten Besuchern haben, die mitfiebern, sich austauschen, sich ein Bietergefecht liefern und sich am Ende vielleicht sogar mit dem anderen freuen. Darüber sind sich alle befragten einig. „Besonders in den hohen Segmenten wollen die Kunden das live erleben, auch in Zukunft“, sagt Herzog von Württemberg. „Es wird uns immer geben“, glaubt auch Anja Döbritz-Berti. Es werde immer Leute geben, die etwas verkaufen müssten und andere, die genügend Geld haben, es zu erwerben.

Käufer folgen dem Zeitgeist

So traditionsreich das Geschäft der Auktionen ist, es unterliegt dennoch der Mode. Immer häufiger werden aktuell Gemälde zeitgenössischer Künstler versteigert. „Das liegt daran, dass jeder gerne dem Zeitgeist folgt. Besonders bei Neueinsteigern liegt der Fokus daher auf den Zeitgenossen; das ist die Kunst ihrer Generation“, sagt Philipp Herzog von Württemberg. Auch Bilder der klassischen Moderne wie der Kirchner würde sich derzeit sehr gut verkaufen, stellt Anja Döbritz-Berti fest.

Möbel seien dagegen schwieriger geworden. „Früher waren Barock-Möbel sehr beliebt, heute kaum noch. Es ist nicht mehr en vogue, sich komplett mit historischen Möbeln einzurichten. Man hat höchstens ein altes Stück zwischen modernen Sachen.“ Auch die Tafelkultur gehe immer mehr verloren. „Früher hatte jeder, der ein bisschen Geld hatte, ein Meissen-Service zuhause und hat es weitervererbt.“ Heute verfüge kaum ein Haushalt noch über ein komplettes Service. Aber das komme wieder. „Ich bin zuversichtlich, dass sich das in 10 Jahren wieder ändern wird“, stellt die Auktionatorin fest. Sie empfiehlt daher, wenn, dann jetzt alte Möbel oder Geschirr zu kaufen. Denn während die Preise bei berühmten Gemälden auf ständig neuer Rekordjagd sind, lägen sie darunter derzeit eher auf einem niedrigeren Niveau. Anja Döbritz-Berti empfiehlt zum Beispiel, nach Möbeln aus den 1950er und 1960er Jahren Ausschau zu halten, die immer beliebter würden.

Auch bei Gemälden hat sie einen Tipp: Beckmann-Schüler wie Karl Tratt könnten sich lohnen. Seine Bilder seien noch zu bezahlen. „Man muss nach Nischen suchen. Auch Skulpturen sind wieder im Kommen.“ Letztlich sei der Kauf aber immer Geschmackssache. „Es muss einem schließlich auch gefallen.“


Die Guercino-Funde

Wer sich auf Auktionen nach alten Gemälden umschaut, der kann durchaus mal einen Glückstreffer landen. Bestes Beispiel ist Federico Castelluccio. Der Amerikaner entdeckte beim Stöbern in einem Frankfurter Auktionshaus ein unerkanntes Werk des Barockmalers Giovanni Francesco Barbiere, genannt Il Guercino, und ersteigerte es. Er war nicht der einzige, dem ein solcher Fund in Frankfurt gelang.

Federico Castelluccio vor dem von ihm entdeckten Guercino
Federico Castelluccio vor dem von ihm entdeckten Guercino

Das Bild stand auf einem Treppenabsatz in einem Stapel mit alten Gemälden, die für die nächste Auktion vorbereitet wurden. Federico Castelluccio, Amerikaner mit italienischen Wurzeln und in den USA als Schauspieler und als bildender Künstler erfolgreich sowie leidenschaftlicher Kunstsammler, war im Jahr 2010 zu Besuch bei der Familie seiner Freundin Yvonne Schäfer in Frankfurt. Gemeinsam machten sie eine Stadtbesichtigung, besuchten das Städel und machten schließlich Halt im Auktionshaus Wilhelm M. Döbritz. Als Castelluccio die Darstellung des Heiligen Sebastian sah, die als religiöse Malerei des 18. Jahrhunderts deklariert war, fiel ihm auf, dass es sich um ein Gemälde des Barockmalers Il Guercino handeln könnte.

Das Bild war allerdings mit einer 350 Jahre alten Firnisschicht überdeckt. Es war mehrfach ausgebessert und sogar teilweise übermalt worden. „Seine Technik, sein Stil zu malen waren verdeckt, er war eigentlich völlig unkenntlich“, erinnert sich Castelluccio in einem Film, den der Frankfurter Dokumentarfilmer Oliver G. Becker über ihn drehte. Dass er das Bild dennoch erkannte, verdankt der Maler, der in Neapel geboren und an der School of Visual Arts in New York City ausgebildet wurde, seiner Begeisterung für den italienischen Barock. Schon als junger Student hatte er sich ausführlich mit Guercinos Werk beschäftigt. „Es ist kaum möglich, alle Künstler aller Ländern Europas auch nur einer Epoche gleich gut zu kennen. Es gibt so viele verschiedene Malschulen, Malstile von Künstlern, die sich auch noch gegenseitig inspirierten. Italienische Barockkunst des 16. und 17. Jahrhunderts, Neapel, das ist in meinem Blut“, stellt er fest.

Jedes Detail stimmte

Oh mein Gott, sei ihm herausgerutscht, als er das Bild sah. Dann stellte er es schnell zurück in den Stapel. Dabei konnte der Schauspieler, der unter anderem in der amerikanischen Mafia-Serie „Die Sopranos“ zu sehen war, sein Talent zum Pokerface einsetzen. „Als ich gegangen war, konnte ich an nichts anderes mehr denken als an dieses Gemälde, und wie ich es erwerben könnte“, erzählt er im Film. Zurück in New York, verbrachte er die kommenden drei Wochen bis zur Auktion damit, alles zusammenzutragen, was seinen Verdacht stützen würde. Jedes Detail, das er fand, sei eine Bestätigung gewesen. Etwa, wie Il Guercino einen Bauchnabel malte, in Form einer umgedrehten „6“. Auch die Art, wie die Pfeile, die in Schulter und Bauch des Heiligen Sebastian steckten, ausgeführt waren sowie ihre rote Farbe tauchten in Guercinos Werk immer wieder auf.

Bei der Aktion in Frankfurt erhielt er schließlich für 49.000 Euro den Zuschlag für das Gemälde. In die Untersuchung und Restaurierung soll er noch einmal 60.000 Euro gesteckt haben. David Stone, Autor des Werkkatalogs von Guercino und weitere Experten sollen mittlerweile bestätigt haben, dass der Heilige Sebastian tatsächlich 1633 oder 1634 von Il Guercino gemalt wurde. Der Höchstpreis bei einer Versteigerung eines Guercino lag 2010 bei 5,2 Millionen Pfund, umgerechnet 7,3 Millionen Euro. Auch Oliver G. Becker, der mit seiner Firma Occasione Documentaries noch an dem TV-Film über den Fund arbeitet, geht von seiner Echtheit aus. Der Film soll im kommenden Jahr fertig werden, bislang ist Becker noch auf der Suche nach einem Sender, wie er bestätigt.

Die Madonna hängt im Städel

Zum ersten Mal öffentlich war das wiederentdeckte Bild im November 2014 in einer Ausstellung der Fondazione Cosso im Castello di Miradolo bei Turin zu sehen. Seit Ende Juli dieses Jahres hängt es im Princeton University Art Museum. Etwas, auf das Federico Castelluccio wirklich stolz ist, ist die Tatsache, „dass ich etwas aus der Vergessenheit zurück in die Kunstgeschichte bringen konnte“, sagt er. Dabei ist er nicht der Erste, dem das in Frankfurt gelungen ist. Bereits 1981 machte Eduard Beaucamp, damals Kunstredakteur der F.A.Z., mit seiner Frau Barbara bei der Vorbesichtigung einer Versteigerung im Auktionshaus Arnold eine ähnliche Entdeckung. Das Gemälde „Madonna mit Kind“ sollte eine Kopie des 19. Jahrhunderts sein, so stellte der Katalog fest. Tatsächlich stammte sie ebenfalls von dem italienischen Maler aus Cento, der wegen seines Schielens als Il Guercino in die Kunstgeschichte einging. Die Beaucamps ersteigerten das Bild, das um 1621 entstand, damals für 1500 Mark und schenkten es später dem Städel, wo es bis heute zu sehen ist. Auch Federico Castelluccio hält bei Auktionen weltweit bereits wieder die Augen auf.