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Seit gut drei Monaten lebt und arbeitet Fredi Bobic (44) in der hessischen Metropole. Als neuer Sport-Vorstand bei Eintracht Frankfurt war er von Anfang an mit herausfordernden Aufgaben konfrontiert. Im letzten Jahr erreichte der Verein nur Platz 16 der Tabelle und musste sogar über den Umweg der Relegation den Abstieg verhindern. Der sympathische Fußball-Generalist hat sich deshalb viel vorgenommen.

Fredi Bobic sitzt entspannt in seinem Büro in der Commerzbank Arena. Eine Seite des Raumes ist verglast, so hat er jederzeit den direkten Blick auf das Geschehen im Stadion. Heute wird allerdings weder gespielt, noch der Rasen gepflegt, sondern Roadies und Techniker bauen eine Bühne für das Konzert von Billy Joel, das bald stattfinden soll. „Ich finde es erstaunlich, wieviel unterschiedliche Veranstaltungen es in der Arena gibt: von einem Techno-Rave über Konzerte bis hin zum Sport ist alles vertreten“, stellt Fredi Bobic fest.

Fredi Bobic - der neue Sportvorstand der Eintracht
Fredi Bobic – der neue Sportvorstand der Eintracht

Vor ihm ein riesiger Fernsehbildschirm, auf dem Sportberichte laufen, im Rücken das Stadion, in dem es vor Betriebsamkeit wuselt – offenbar lässt er sich von nichts so leicht aus der Ruhe bringen. Seit Anfang Juni steht er in den Diensten der Eintracht. Da der Etat für Spielerkäufe eng begrenzt war und seine Entscheidung, relativ junge Spieler mit vielen verschiedenen Nationalitäten zu verpflichten, nicht unumstritten war, wurde in Frankfurt heftig darüber diskutiert. Nach rund hundert Tagen im Amt ist es Zeit für ein erstes Resümee: „Aus meiner Sicht ist es kein Problem, dass wir viele Spieler aus dem Ausland geholt haben, denn Internationalität passt zu Frankfurt. Es ist ein schönes Miteinander und es gibt keine Sprachbarrieren, da alle auch Englisch sprechen.“

Fredi Bobic selbst beherrscht – schon durch seine Herkunft bedingt – mehrere Sprachen. Er wurde im ehemaligen Jugoslawien geboren, hat eine kroatische Mutter und einen slowenischen Vater und kam schon als Baby nach Stuttgart. Als weltoffener Schwabe wurde er zum Reisenden in Sachen Profifußball. Stuttgart, Dortmund, Bolton, Hannover, Berlin, Rijeka, Burgas und schließlich Frankfurt sind einige seiner bisherigen Stationen.

Die Familie steht über allem

Den Abschied aus Stuttgart, wo er bis vor zwei Jahren als Sportvorstand tätig war und der durch die Abwärtsbewegung des VfB getrübt wurde, hat er gut verarbeitet. „In der Zwischenzeit bin ich viel gereist, habe Clubs in der ganzen Welt besucht, etliche Vorträge gehalten und war auch viel in den Medien. Außerdem war es schön, mal etwas mehr Zeit für die Familie zu haben.“

Seine Frau Britta und die beiden erwachsenen Töchter Celine und Tyra leben weiter in Berlin und Stuttgart, aber sie kommen oft zu Besuch und er fliegt so oft es geht nach Berlin. Dort geht er in seiner knappen freien Zeit gern mit seiner Familie und seinem Hund spazieren. „Unser Dalmatiner ist schon eine betagte Dame. Ich habe übrigens nur Frauen zu Hause. Als wir noch ein Aquarium hatten, meinte eine meiner Töchter, auch alle Fische seien weiblich“, erzählt er schmunzelnd.

Seine Frau lernte er Ende der 80er Jahre während ihrer gemeinsamen Ausbildung im Einzelhandel kennen. „Das Wichtigste in unserem Leben sind unsere Töchter“, sind sie sich einig. Die ältere Tochter ist Sozialpädagogin und die jüngere geht noch zur Schule. „Sie kam sogar extra zum Schalke-Spiel nach Frankfurt“, freut sich Fredi Bobic, der ein absoluter Familienmensch ist. Auch zu seinen Eltern hat er ein sehr enges und gutes Verhältnis. „Sie sind bis heute meine Vorbilder und ich höre auf ihren Rat.“

Schon als Kind spielte er in diversen Stuttgarter Vereinen, und dort begann auch seine Karriere. Später gewann er mit dem VfB Stuttgart den DFB-Pokal und wurde Bundesliga-Torschützenkönig. Seine Zeit in der deutschen Nationalmannschaft – sechs Jahre mit 37 Spielen, in denen er zehn Tore schoss – wurde 1996 mit dem Gewinn des Europameister-Titels gekrönt. Fredi Bobic kennt und liebt alle Seiten des Fußballs – als aktiver Spieler, im Management und auch aus der Perspektive der Medien.

Tausendsassa im Fußball und in den Medien

Fredi Bobic im Interview mit Top Magazin-Redakeurin Barbara Altherr
Fredi Bobic im Interview mit Top Magazin-Redakeurin Barbara Altherr

„Ich habe einen 24/7-Job und kaum Freizeit, aber ich mache es gern, denn ich habe einfach eine große Leidenschaft für alles, was mit Fußball zu tun hat. Deshalb wollte ich nach meiner aktiven Zeit auch nicht Trainer werden, sondern Fußball noch viel umfassender sehen.“ Er ist gern einer der Entscheider hinter den Kulissen, hat viel Erfahrung und Verständnis für jeden und ist weltweit exzellent vernetzt. Auch die Perspektive der Medien hat er kennengelernt. So arbeitete er bei den Fernsehsendern Premiere und ATV im Expertenteam. „Das fand ich alles sehr interessant: die Vorgespräche vor den Sendungen, die Zusammenarbeit mit vielen unterschiedlichen Mitarbeitern, die Hochglanzwelt, die teilweise erzeugt wird, und die manchmal harte Realität.“

Fredi Bobic ist ein offener Mensch, der sich für ein breites Themenspektrum interessiert und immer gern dazulernt. Gelegentlich führt das sogar zu Auftritten in ganz anderen Bereichen. Mit einem Glänzen in den Augen erzählt er: „Eines Tages kam eine Anfrage von Adel Tawil, der übrigens auch ein großer Fußballfan ist, ob ich in einem Video der Band Ich + Ich im Song ‚Vom selben Stern‘ mitspielen würde. Und ich dachte: warum nicht? Es hat Spaß gemacht, auch wenn ich nur für Sekunden zu sehen bin.“ Musik ist eine weitere seiner großen Leidenschaften – vor allem Rock.

„Die Band U2 gehört zu meinen absoluten Favoriten, die habe ich gefühlt schon auf der ganzen Welt gesehen. Aber neulich bin ich meiner Tochter zuliebe auch mal in ein Konzert von Beyoncé gegangen.“ Klassische Musik konnte er im Sommer sogar unter freiem Himmel in Frankfurt genießen. „Das Konzert an der Weseler Werft habe ich von meinem Balkon aus verfolgt. Ich wohne direkt am Main in Sachsenhausen und mag die Lage sehr. Auf mich wirkt der Fluss irgendwie beruhigend.“

„Die Skyliners Frankfurt möchte ich mir demnächst unbedingt mal ansehen.“ – Fredi Bobic

Obwohl nur wenig Zeit für Hobbies bleibt, liest er gern oder geht ins Kino, allerdings arbeitsbedingt oft erst in die Spätvorstellung. „Mich interessiert auch alles, was mit Bällen zu tun hat, zum Beispiel Basketball. Die Skyliners Frankfurt möchte ich mir demnächst unbedingt mal ansehen, und auch American Football finde ich spannend.“

Ein Faible für Frankfurt

Da er schon seit Jahren viele Bekannte in Frankfurt hat, ist ihm die Stadt relativ vertraut. „Ich schätze sie als pulsierende Metropole mit hohem Lebensniveau. Aber auch das Umland finde ich sehr schön – vor allem den Taunus. Freunden in New York habe ich kürzlich erzählt, dass ich jetzt in ‚Mainhattan‘ lebe, denn beim Anflug auf Frankfurt erinnert es mich mit seiner Skyline sehr an den Big Apple.“

Nach einem Besuch im Tigerpalast, den er beeindruckend fand, freut er sich auch schon auf einige Veranstaltungen in nächster Zeit, zum Beispiel auf den Sportpresseball in der Alten Oper. „Es macht mir Freude, alte Kontakte zu pflegen und neue Menschen kennenzulernen.“ Internationalität ist eine seiner großen Stärken. Durch die Herkunft seiner Eltern lernte er früh die serbokroatische Sprache. Außerdem spricht er perfekt Deutsch, fließend Englisch und etwas Französisch.

„An manchen Tagen spreche ich mit Bruno Hübner mehr als mit meiner Frau“ – Fredi Bobic

Viele Sprachen zu beherrschen sieht er als großen Vorteil. Mit Niko Kovac, der seit März Trainer der Eintracht ist, versteht er sich gut – in jeder Hinsicht. „Obwohl wir beide in Deutschland aufgewachsen sind, sprechen wir manchmal Serbokroatisch miteinander, wenn kein anderer etwas davon mitkriegen soll“, sagt er mit einem Augenzwinkern. Auch zu Manager Bruno Hübner hat er ein gutes Verhältnis und sie sind in ständigem Austausch: „An manchen Tagen spreche ich mit ihm mehr als mit meiner Frau“, meint er lachend.

Engagement für Kinder

Seit einigen Jahren ist Fredi Bobic Botschafter der Laureus Stiftung, die der grundlegenden Idee von Nelson Mandela folgt: sozialer Wandel durch Sport! „Ganz besonders am Herzen liegt mir ‚Kickformore‘, ein Straßenfußball-Projekt.“ Nachdem Motto:‚Miteinander statt gegeneinander‘ bietet es jungen Menschen – meist mit Migrationshintergrund und oft mit verminderten Bildungschancen – ein begleitetes Betätigungsfeld, in dem sie auch gestalterisch tätig sein können. Es fördert individuelle Fähigkeiten und unterstützt die persönliche Entwicklung – im Straßenfußball und im Leben. Wenn es gelingt, Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu gewinnen, die Selbstachtung zu stärken und Verantwortung zu übernehmen, führt es zu Schlüsselqualifikationen, die später auch im Beruf wichtig sind.

Fredi Bobic nimmt sich viel Zeit für das Projekt und gilt als äußerst beliebter Schirmherr bei den Kindern und Jugendlichen. Kein Wunder, denn „das ist ja praktisch auch meine Geschichte. Ich bin selbst ‚multikulti‘ aufgewachsen, habe durch den Fußball Freunde und Regeln kennengelernt.“

Heribert Bruchhagens 'Vermächtnis'
Heribert Bruchhagens ‚Vermächtnis‘

Im Büro von Fredi Bobic hängt noch immer ein Sakko von seinem Vorgänger Heribert Bruchhagen und eine Dagobert-Duck-Figur, die symbolisch für Reichtum stehen soll. „Das bleibt auch alles hier – als Mahnung“, meint er schelmisch. „Ich habe Heribert Bruchhagen immer sehr geschätzt, auch wenn ich jetzt einiges anders mache. Ich gehöre eben zu einer anderen Generation.“

Fredi Bobic ist ein Mann mit klaren Zielen und Visionen. „Ich wäre glücklich, wenn ich in einem Jahr sagen könnte, dass wir eine gut etablierte Kraft in der Bundesliga sind. Wir wollen uns weiterentwickeln, Schritt für Schritt. Mein Motto ist: Mit Vollgas in die Zukunft!“ Wir drücken ihm und Eintracht Frankfurt die Daumen!

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