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Seit 13 Jahren ist Dieter Beine Protokollchef des Landes Hessen. Er hat Queen Elisabeth II., Wladimir Putin und den Dalai Lama getroffen und dafür gesorgt, dass sich zahllose weitere Staatsgäste in unserem Bundesland willkommen fühlen. Derzeit plant er die Feierlichkeiten in Frankfurt zum Tag der Deutschen Einheit, der sich zum 25. Mal jährt. Ein Fest, das ihm auch persönlich besonders am Herzen liegt. Von Sabine Börchers

Seit 13 Jahren Protokollchef des Landes Hessen - Dieter Beine
Seit 13 Jahren Protokollchef des Landes Hessen – Dieter Beine

Auf einem Regal in Dieter Beines Büro in der Hessischen Staatskanzlei liegen Steine und Stacheldraht. Eine auf den ersten Blick eher unansehnliche Ansammlung von Dingen, die man im Arbeitszimmer des Protokollchefs, der über seinem Schreibtisch ein Porträt von Josef Beuys, nebenan ein Bild des Dalai Lama und im Regal zahllose Bücher und Bildbände stehen hat, nicht unbedingt erwarten würde. Doch der helle Sandsteinquader, der ganz vorne liegt, ist nur auf den ersten Blick gewöhnlich. Ein kleines Schild erläutert, welches Bauwerk er einst stützte. Es ist ein Stein aus dem Brandenburger Tor. Einer von rund 100, die bei der Sanierung nach der Wende ausgetauscht werden mussten. Was nicht auf der Plakette steht: Der Sandstein ist ein Geschenk, das Beine von Michail Gorbatschow und Lothar de Maizière erhielt, als Dank für die gelungene Ausrichtung des „Petersburger Dialogs“ im Oktober 2007 in Wiesbaden. „Nach Mitternacht, als alles gelaufen war, kam Lothar de Maizière mit einer Plastiktüte auf mich zu und überreichte mir gemeinsam mit Gorbatschow den Stein“, erinnert sich der Protokollchef. Gorbatschow habe hinzugefügt, an einem Einschussloch der Russen könne er sogar noch erkennen, auf welcher Seite des Tores der Stein gesessen habe.

Für Dieter Beine ist der Quader ein besonderes Erinnerungsstück. Nicht nur, weil er ihn aus den Händen der beiden berühmten Politiker und damaligen Vorsitzenden des Petersburger Dialogs bekam. Er steht, wie das Stück Berliner Mauer und der Stacheldraht aus seinem Regal, auch symbolisch für die wiedergewonnene Freiheit, die sich ein Teil des deutschen Volkes 1989 friedlich selbst erkämpft hat. Wenn Beine über die Wiedervereinigung spricht, ist schnell zu spüren, wie wichtig ihm dieses Thema ist. Auch wenn der frühere CDU-Politiker als Protokollchef in seiner Staatsfunktion dem Bundesland dient und daher politisch neutral agieren muss, bezieht er in diesem Fall klar Position. Er hat sich in seinem Leben schließlich intensiv mit der DDR und der Wendezeit beschäftigt.

DDR hautnah

Damals war er noch nicht im Staatsdienst. Sein Bezug zur ehemaligen DDR ist viel älter. „Mein Vater war in russischer Kriegsgefangenschaft und ist daraus nach Ostdeutschland geflohen.“ Ein Bauer dort habe ihn aufgenommen und ihm sogar das Leben gerettet, als die Russen ihn aufgespürt hatten, erzählt der 50-jährige Frankfurter. Von seinem zweiten Lebensjahr an bis zur Volljährigkeit fuhr er deshalb jedes Jahr zu „Onkel Peter“ ins Brandenburger Land und erlebte die DDR hautnah.

Als die Wende kam, studierte Beine, der zuvor eine Banklehre gemacht hatte, in Frankfurt Soziologie. Für seine Abschlussarbeit ging er wieder in den Osten. „Ich bin für ein dreiviertel Jahr im Thüringischen Artern, an der Grenze zu Sachsen-Anhalt, in ein SED-Sportlerheim gezogen und habe Feldforschung betrieben“, erzählt er. Dabei beschäftigten ihn Fragen wie, was mit einem Volk passiere, das sich die Freiheit erkämpft hat, aber seine Demokratie nicht selber aufbauen darf oder ob dem Osten der Westen übergestülpt worden sei. Auch mit Helmut Kohl habe er später über dieses Thema gesprochen, erinnert sich Beine.

Wir wollen, dass die Leute sich mit der Geschichte beschäftigen und noch einmal nachempfinden, was wir da feiern – die einzige friedliche Revolution.

25 Jahre Friedliche Revolution

Als Protokollchef beschäftigt er sich heute erneut mit der Wiedervereinigung. Diesmal in Form offizieller Feierlichkeiten, die das Land Hessen zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober ausrichtet, weil es in diesem Jahr die Bundesratspräsidentschaft innehat. Da sich die Wiedervereinigung zum 25. Mal jährt, soll es ein besonderes Fest werden. „Wir wollen, dass die Leute sich mit der Geschichte beschäftigen und noch einmal nachempfinden, was wir da feiern – die einzige friedliche Revolution“, sagt Beine. Mit seinem zwölfköpfigen Team ist er nicht nur für den geplanten Gottesdienst im Dom und den anschließenden Festakt in der Alten Oper zuständig. 400 bis 500 Veranstaltungen haben sie zudem zusammengestellt, die bis zum 3. Oktober in ganz Hessen an die Ereignisse 1989/90 erinnern sollen. Auch eine „Mauerausstellung“ unter dem Motto „Grenzen überwinden“ ist dabei, in der Bilder, Grafiken, Objekte und Texte aus der Zeit auf nachgebildeten Mauersegmenten durch das Bundesland wandern.

Aber auch die Feierlichkeiten selbst fordern den Protokollchef. Ein Gottesdienst im Frankfurter Dom sei naheliegend gewesen, allerdings auch schwierig zu organisieren. „Er hat nämlich nur 563 Plätze, ich muss alle Bänke herausnehmen lassen und für eine neue Bestuhlung sorgen, damit 1200 Gäste darin Platz finden.“ Die größte Herausforderung aber sei die Gästeliste. Wann hat man schon mal alle fünf Verfassungsorgane des Landes, darunter den Bundespräsidenten und die Kanzlerin, am selben Ort, dazu noch den EU-Kommissions-Chef Jean-Claude Juncker, voraussichtlich auch Michail Gorbatschow sowie rund 140 ausländische Botschafter. „Hinzu kommt, dass der Gottesdienst und der Festakt in der Alten Oper live übertragen werden. Dadurch sind wir an ein enges Korsett gebunden. Es muss alles auf die Sekunde funktionieren.“

220 Veranstaltungen im Jahr

Warm Welcome - Volker Bouffier begrüßt die Queen am Frankfurter Flughafen. Dieter Beine stellt den geordneten Ablauf der Förmlichkeiten sicher.
Warm Welcome – Volker Bouffier begrüßt die Queen am Frankfurter Flughafen. Dieter Beine stellt den geordneten Ablauf der Förmlichkeiten sicher.

Nervosität ist dem Protokollchef in den Vorbereitungen nicht anzumerken. Das könnte auch daran liegen, dass er sich, noch bevor der 3. Oktober ansteht, in Gedanken bereits mit der nächsten Veranstaltung beschäftigt. Ein halbes Jahr Vorplanung für einen Empfang ist nicht selten. Bei den ganz großen Anlässen, wie dem kürzlichen Queen-Besuch, sogar länger. Für die Einheitsfeiern begannen die Planungen im Oktober 2014. Im Jahr kommen 220 Veranstaltungen zusammen. Dabei soll sich jeder Gast willkommen fühlen, egal, ob es die Queen ist oder der Abgeordnete beim parlamentarischen Abend.

Die Organisation der Feierlichkeiten beim Besuch der Queen erforderten von Beine eine exakte Planung von langer Hand.
Die Organisation der Feierlichkeiten beim Besuch der Queen erforderten von Beine eine exakte Planung von langer Hand.

Bei solchen Anlässen kommt Beine auch seine langjährige Erfahrung im hessischen Politbetrieb zugute. Er kennt die meisten Gäste seit langem. Bereits mit 16 Jahren trat er in die Junge Union ein. Als Student konnte er sich bei seinem ehemaligen Schulkameraden Roland Koch, damals bereits Landtagsabgeordneter, etwas dazuverdienen. „Ich habe ihn in seinem Auto häufig nach Berlin gefahren, auch zu Helmut Kohl“, erzählt Beine. Während Koch beim Kanzler gesessen habe, habe er im Auto gewartet und fürs Studium Machiavelli gelesen. Die erste Arbeitsstelle führte ihn ins Rathaus von Kassel. Dort wurde er stellvertretender Hauptamtsleiter und Büroleiter des CDU-Oberbürgermeisters Georg Lewandowski.1999 machte Koch als Hessischer Ministerpräsident den Schulfreund schließlich zu seinem persönlichen Referenten. Ihm liege es aber mehr, in der zweiten Reihe zu organisieren, betont Beine. Als der langjährige Protokollchef in der Hessischen Staatskanzlei, Peter Imhoff, in den Ruhestand ging, schlug er dem Ministerpräsidenten daher Dieter Beine als seinen Nachfolger vor. „Darauf bin ich bis heute stolz“, sagt dieser.

Auf eine Zigarette mit Johannes Rau

Auch 13 Jahre später ist ihm die Begeisterung für seine Aufgabe anzumerken. Das Protokoll sei friedensstiftend, betont er immer wieder gerne, weil es überall auf der Welt nach den gleichen Regeln funktioniere und alle Gäste gleich behandele, egal ob Demokrat oder Diktator. „Wir schaffen den Politikern eine möglichst entspannte Atmosphäre für ihre Gespräche.“

Viele der großen Staatsmänner hat Beine in ebensolcher Atmosphäre und von ihrer menschlichen Seite erlebt. Schließlich kommt er ihnen so nah wie kaum ein anderer und betreut viele von ihnen vom Aufstehen bis zum Zubettgehen. Mit dem Dalai Lama steckte er 2010 am Frankfurter Flughafen zehn Minuten lang im Fahrstuhl fest und wurde von diesem beruhigt. Bundespräsident Johannes Rau ließ ihn am Flughafen in seine Limousine steigen, weil er nicht alleine fahren wollte. „Wir haben dann zusammen eine Zigarette geraucht.“ Dabei habe Rau ihn auch gefragt, wo er wohne und wollte sich sein Haus in Kelkheim gerne aus der Nähe anschauen. „Beim nächsten Besuch hat er den Piloten seiner Maschine gebeten, direkt über unser Haus zu fliegen.“

Raus aktuellen Amtsnachfolger, Joachim Gauck, und dessen Lebensgefährtin Daniela Schadt schätzt Beine ebenfalls sehr für ihre Menschlichkeit. Sie am 3. Oktober in Frankfurt in Empfang zu nehmen, ist daher weniger berufliche Pflicht als Vergnügen. Die 15 Ministerpräsidenten der anderen Bundesländer wird er an diesem Tag ebenfalls betreuen. Traditionell bringen sie jeweils 15 Gäste aus ihren Ländern mit zu den Einheits-Feierlichkeiten. Die Hessen haben sich auch dafür etwas besonderes ausgedacht. „Wir haben darum gebeten, dass sie diesmal junge Menschen aus dem Geburtsjahrgang 1989/90 einladen, die ja die ersten waren, die in die Freiheit hineingewachsen sind.“ Gerade junge Leute mit dem Thema zu erreichen, ist Dieter Beine besonders wichtig. Es könne nicht angehen, dass für Jugendliche wie seine Tochter, die Jahrgang 1998 sei, in der Schule der Geschichtsunterricht beim Zweiten Weltkrieg ende, stellt er fest und beginnt schon wieder zu politisieren.

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