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Es war auch ein großer Tag für Frankfurt. Das Land Hessen richtete die Festveranstaltung zum 25. Jahrestag der Deutschen Einheit aus. Mit dem Ringen um Freiheit, Einheit und Demokratie kennt man sich aus am Main, Stichwort Paulskirche. Mehrfach hatte Frankfurt die Funktion einer deutschen Hauptstadt. Bei einem Streifzug durch die „heimliche Hauptstadt“ erläutert Kulturothek-Gründerin Sabine Mannel, was selbst Wein und Nacktbilder Gutes für die Demokratie taten.

Kulturothek-Gründerin Sabine Mannel am Friedrich Stoltze Platz
Kulturothek-Gründerin Sabine Mannel am Friedrich Stoltze Platz

Kleiner, aber gewichtiger. Gemessen an der Einwohnerzahl gab es immer größere Städte in Deutschland. Und obwohl nie „Hauptstadt“ im Sinne einer Verfassung, spielte Frankfurt eine herausragende Rolle in der deutschen Geschichte – und das mit erstaunlicher Kontinuität. „Seit den Kaiserwahlen im Hochmittelalter war Frankfurt ein zentraler politischer Ort“, erläutert Gästeführerin Sabine Mannel, „und auch nach der Niederlegung der Kaiserkrone durch Franz II. 1806 blieb das lange so.

Hier tagten der Deutsche Bund und die erste Nationalversammlung, hier hoffte man nach dem Zweiten Weltkrieg Bundeshauptstadt zu werden.“ Zur Zeit der Wende brachte die gebürtige Bockenheimerin die Kulturothek an den Start. Das Thema „Demokratie“ sei nach wie vor ein Dauerbrenner und Touristenmagnet, sagt sie. Allein ins „Haus aller Deutschen“, wie die wiederaufgebaute Paulskirche, die Wiege der Demokratie genannt wird, schauen wohl die meisten der jährlich fast fünf Millionen Besucher der Stadt rein.

Banane und Goldbroiler

Reng-teng-teng. Trabi,
 go! Schon am nächsten
Tag knatterten die ersten 
Trabis am Mainufer ent
lang. Die Berliner Mauer – Schauplatz von Leid, Tod und Trennung – war gefallen. Ein Jahrhundertereignis. „Es wächst zusammen, was zusammengehört“, kommentierte Alt-Kanzler Willy Brandt mit Reibeisenstimme den deutschen Herbst 1989. Nicht jedem gefiel das. Am 12. Mai 1990 standen rund 15.000 Menschen bei einer „Anti-Wiedervereinigungsdemonstration“ vor dem Frankfurter Römer und riefen: „Nie wieder Deutschland! Gegen die Annexion der DDR“. Gewarnt wurde vor einem „Vierten Reich“. Alles vergeben, aber nicht vergessen.

Endlich dann: In der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober 1990 wurde um Mitternacht die Fahne der Einheit vor dem Berliner Reichstagsgebäude gehisst – und Deutschland hatte einen neuen Nationalfeiertag. Ost und West fanden zusammen wie Banane und Goldbroiler. 25 Jahre ist das jetzt her, eine neue Generation ist inzwischen groß geworden. Und jeder, der den Mauerfall erlebte, weiß, was er an diesem historischen Tag getan hat.

Deutschland, du verrissen Herz

„Friedrich Stoltze kimmt haam.“ Lange wird sein Denkmal am Stoltze-Platz gegenüber der Hauptwache nicht mehr stehen, der zierliche Brunnen kommt zurück in die wiederaufgebaute Altstadt, wo der berühmte Heimatdichter und Verleger im Winter 1816 geboren wurde. Die Erwachsenen in seiner Kinderzeit konnten sich noch gut an die letzten Kaiserwahlen und -krönungen erinnern, unvergessen die prächtigen Feste mit den gegrillten Ochsen auf dem Römerberg.

Nachdem beim Wiener Kongress Europas Potentaten über Monate hinweg stritten, intrigierten und wilde Partys feierten – und so ganz nebenbei die politische Neuordnung des Kontinents entwarfen – wurde die Stadt Frankfurt für frei erklärt und Teil des Deutschen Bundes. Vier Wochen vor Stoltzes Geburt beschworen Senat und Bürgerschaft die Verfassung auf dem Römerberg. Sie blieb fünfzig Jahre das Grundgesetz der Stadt. Polizeibekannt damals das Lokal „Rewestock“, in dem liberal gesinnte Bürger „aufrührerische Reden“ hielten. Vater Stoltze betrieb die Weinstube am Dom, hier sog der junge Friedrich freiheitlich-demokratische Gedanken mit der Muttermilch auf.

Zurück auf Anfang: Die Rekonstruktion des alten Rebstock-Hofes soll noch 2015 im Rohbau fertig sein, innen Stahlbeton statt Fachwerk. „Vater Stoltze legte Weineinkäufe so, dass er mit seinem 16-jährigen Sohn unauffällig in die Rheinpfalz zum Hambacher Fest reisen konnte. Dort forderten sie mit Tausenden anderen nationale Einheit, Freiheit und Volkssouveränität. Das Fest war ein Höhepunkt bürgerlicher Opposition zu Beginn des Vormärz“, erzählt Sabine Mannel.

Sie weiß auch, was der Frankfurter Wachensturm ein Jahr später mit Pornografie zu tun hat. Burschenschaftler aus Heidelberg und Mannheim sowie Offiziere stürmten am 3. April 1833 Hauptwache und Konstablerwache. Doch ihr Plan – mit den dort verwahrten Waffen die Gesandten der deutschen Fürsten, die im Palais Thurn und Taxis respektive im Bundestag des Deutschen Bundes tagten, gefangen zu nehmen – ging nicht auf. Was als Signal zu einer nationalen und demokratischen Erhebung in ganz Deutschland gedacht war, forderte etliche Tote.

Der Wachensturm auf die Konstablerwache am 3. April 1833
Der Wachensturm auf die Konstablerwache am 3. April 1833

„In der Konstablerwache inhaftierte Studenten konnten befreit werden, indem man die Wachen mit gynäkologischen Tafeln ablenkte“, berichtet die Kunsthistorikerin. Die Revolution verpuffte und die Verbündeten im übrigen Deutschland kniffen. Nur wenige Wochen danach weihten die Frankfurter ihre neue evangelische Hauptkirche ein, die manchen an eine Käseglocke erinnerte. Niemand ahnte, dass nur 15 Jahre später in der Paulskirche die Nationalversammlung, das erste frei gewählte gesamtdeutsche Parlament, tagen würde.

Lokalitäten, Lokalitäten!

Was wäre, wenn aus dem deutschen Frühling von 1848, aus dem Paulskirchenplenum, tatsächlich eine gesamtdeutsche Demokratie hervorgegangen wäre? Knifflige Frage. Dabei fing alles so erfolgsversprechend an. Die geistige Elite kam zusammen, Rhetorik stand hoch im Kurs. Erstmals schlossen sich politische Aktivisten zu Fraktionen zusammen, monatelang tagte man in Gaststuben. Wo besser hätte man bei Wein und kämpferischen Liedern debattieren können? Im Café Milani am Roßmarkt trafen sich jene, die sich für die Wahrung der Vorrechte der Einzelstaaten und der Monarchen stark machten, sie saßen in der Paulskirche rechts außen.

Die Paulskirche um 1848
Die Paulskirche um 1848

Die verschiedenen liberalen Gesinnungen und die Fraktionen der demokratischen Linken suchten sich andere Kneipen. Ihren Ehefrauen daheim schrieben die Abgeordneten kluge Briefe 
und kluge Briefe mit politischen Anmerkungen flatterten 
nach Frankfurt zurück. Doch 
die Zeit war noch nicht reif. 
Der Vorschlag der Nationalversammlung, dass sich die Einzelstaaten mit Preußen als Großmacht zu einem kleindeutschen Nationalstaat – ohne Österreich – vereinen, eckte massiv an. Als schließlich der Preußenkönig die ihm angetragene Kaiserkrone ablehnte – der Monarch bestand auf Gottesgnadentum und wollte nicht vom Volk gewählt werden – waren alle liberalen Bemühungen gescheitert.

Die Abgeordneten fuhren heim und der Deutsche Bund tagte wieder im Palais Thurn und Taxis, alles beim Alten. Bis 1866 war der Bund die einzige zentrale Institution, die für ganz Deutschland zuständig war. Frankfurt blieb somit der politische Nabel, die heimliche Hauptstadt.

Abschlussfoto des Frankfurter Fürstentages von 1863 im Garten des Palais Thurn und Taxis – in der hellen Uniform König Maximilian von Bayern und Kaiser Franz Joseph I. von Österreich
Abschlussfoto des Frankfurter Fürstentages von 1863 im Garten des Palais Thurn und Taxis – in der hellen Uniform König Maximilian von Bayern und Kaiser Franz Joseph I. von Österreich

Das änderte sich im Kaiserreich, für das der Startschuss noch am Main fiel. 1871, der Krieg gegen Frankreich war gewonnen, unterzeichneten Otto von Bismarck und der französische Außenminister im Frankfurter Luxushotel „Zum Schwanen“ den Friedensvertrag. „Das Friedenszimmer im Steinweg blieb fortan unberührt und durfte bis zu seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg von Touristen besichtigt werden“, weiß Sabine Mannel. Heute steht dort eine Buchhandlung. Aus und vorbei. Der Preußenkaiser holte die Regierungsgeschäfte gebündelt nach Berlin und das stolze Frankfurt schaute in die Röhre, die „Kaiserstraße“ war ein letzter Anbiederungsversuch.

Hinfallen, aufstehen, Krone richten

„Frankfurt wollte 1949 Bundeshauptstadt werden, verlor aber hauchdünn bei der Abstimmung“, erinnert die Gästeführerin an die legendäre Provinzposse. Oberbürgermeister Walter Kolb hatte voreilig eine Siegesrede aufgezeichnet, auch ein neuer Rundbau am Dornbusch und Beamtenwohnungen warteten auf die Abgeordneten. Frankfurt stehe zu sehr unter amerikanischem Einfluss, schoss Kanzler Adenauer dazwischen. Auch war ihm das heimatliche Hemd – Bonn – näher als die Hose.

„Die Beamtenwohnungen zwischen Mainufer und Saalgasse
sind noch heute hochbegehrt
wegen ihres großzügigen
 Schnitts.“ Und wenn doch,
 Frau Mannel? „Aus Frankfurts Altstadt wäre der Regierungsbezirk geworden. Der neue ‚demokratische‘ Baustil war Ausdruck der Siegesgewissheit, Bundeshauptstadt zu werden. Fachwerk zu rekonstruieren, wäre seinerzeit das falsche Signal gewesen. Der „Wirtschaftsrat der Bizone“ tagte in der Stadt, unsere Nachkriegsarchitektur huldigte der Internationalität von Anfang an.“

Und zu guter Letzt schnappte Wiesbaden den Titel der Landeshauptstadt weg. Hinfallen, aufstehen, Krone richten: Frankfurt blickte nach vorn, in der weltberühmten Skyline steckt sicher mehr als ein Quäntchen Kampfgeist. Aus dem geplanten Plenarsaal des Bundestags wurde der Sendesaal des Hessischen Rundfunks und aus dessen Foyer die „Goldhalle“.

Hier hat die Kennerin noch ein Gerücht parat: „Nachdem Bonn in der Hauptstadtfrage das Rennen gemacht hatte, drehten die Bonner ihr steinernes „Brückenmännchen“ mit dem Hintern schadenfroh in Richtung Frankfurt.“ Nicht bekannt ist, ob in Berlin – Hauptstadt seit Vollzug der Deutschen Einheit am 3. Oktober 1990 – nicht heimlich, still und leise ein ähnlich keckes Männchen in Richtung Bonn zeigt.

Freiheit, Friede, Frankfurt

2015: Drei Tage steht die Stadt Kopf, vom Main bis auf die Zeil. „Der 3. Oktober ist kein freier Tag zum Würstchenessen, sondern er erinnert uns daran, dass Freiheit und Demokratie keine Selbstverständlichkeiten sind“, ließ der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier vor den Jubiläumsfeierlichkeiten wissen. Würstchen gab es für die rund eine Million erwarteten Besucher dennoch. Wo viel Feiervolk, da viel Appetit.

„Ein leerer Bauch demokratisiert nicht gern.“

Das war schon so bei den Kaiserkrönungen. Und auch die Abgeordneten von 1848/49 lebten nach dem Motto „Ein leerer Bauch demokratisiert nicht gern“. Ihre Fraktionen benannten sie sogar der Einfachheit halber nach den Kneipen. Wein, Gesang und kein Weib. Eine fröhliche Promiskuität wie en detail für den Wiener Kongress belegt, war für die Nationalversammlung offenbar nicht von Nöten.

Pardon, und wie war das nochmal mit den amourösen Bildern beim Wachensturm? Es waren schließlich gynäkologische Tafeln, die, wenn nicht in Händen von Medizinern, als saftige Pornografie galten. Wie so oft – der Zweck heiligte die Mittel. Man darf vermuten, dass hier ein aufständischer Medizinstudent die Finger mit im Spiel hatte. Über den Verbleib dieser Tafeln schweigen leider die Quellen. Das Happy End ist jedoch rührend. Sabine Mannel: „Die sechs Studenten konnten dank der pikanten Finte in die Schweiz fliehen. Dort ließen sie sich aus dem entwendeten Gefängnisschlüssel Fingerringe schmieden. Diese trugen sie als Zeichen ewiger Verbundenheit im Kampf für Menschenrechte und Demokratie.“

 

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