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Als Stimmungsmacher waren DJs auf Partys seit jeher eine unverzichtbare Größe. In den vergangenen Jahren jedoch stiegen sie zu echten Superstars auf: Sie stürmen weltweit die Charts mit ihren Remixes und wo sie auflegen, werden sie von den Massen frenetisch gefeiert. Doch warum eigentlich? Wir haben dem Phänomen nachgespürt.

„Warum ist so ein DJ ein Star?“ Es ist Alfred Biolek, der diese Frage in seiner Talkshow „Boulevard Bio“ an die Galionsfigur der Techno-Szene, Sven Väth, richtet. 1998. Seitdem scheint die Verehrung für die Macher hinterm Mischpult sogar noch gewachsen zu sein. DJs sind, zumindest im Bereich der Elektronischen Tanzmusik, zu Helden der heranwachsenden Generation avanciert. Von David Guetta über Tiesto bis hin zu Avicii schaffen es die DJ-Größen, weltweit Millionen von Anhängern für ihre Musik und für ihre Person zu begeistern.

Auch in puncto Frauen-Verehrung stehen sie Pop-und Rockstars häufig in nichts nach. Ins Bild passen ebenfalls die nicht selten horrenden Gagen für einen Gig. Ein Honorar von mehreren Hunderttausend Euro ist bei den bekanntesten DJs Usus. Doch wie erklärt sich diese exponierte Stellung? Wir versuchen uns dieser Frage über die Historie, im persönlichen Gespräch mit DJ-Größen und über die wissenschaftliche Forschung zu nähern.

Die Welt auf einer Scheibe

Begonnen hat alles mit der Erfindung von Grammophon und Schallplatte. Das schafft 1887 die Grundlage dafür, Musikgenuss aus der Privatheit herauszuholen und für die Allgemeinheit verfügbar zu machen. Ab den 1920er Jahren entstehen zunehmend Radiostationen. Vor allem in Amerika verbreitet man auf Schallplatten konservierte Musik über Rundfunk.

Dadurch treten die ersten Disc Jockeys auf den Plan als diejenigen, die diese Platten auflegen. Auch in Discos werden statt Live-Musik die ersten DJs eingesetzt. Nach und nach werden Platten nicht mehr einfach nur gespielt: DJs entwickeln das Instrumentarium des DJing wie der amerikanische Club-DJ Francis Grasso. Auf ihn geht in den späten 60er Jahren das Beatmatching zurück, bei dem nahtlose Übergänge der Songs über die Anpassung von Beats und Tempo geschaffen werden.

Live-Acts im Ushuaïa
Live-Acts im Ushuaïa

 

Zur gleichen Zeit kommt der weltweit erste Plattenspieler mit Direktantrieb auf den Markt, der Prototyp aller Turntables. Heute wird das DJing meist mit der elektronischen Tanzmusik verbunden, doch werden wesentliche Meilensteine im Hip Hop geprägt. Zu den Pionieren zählen DJ Kool Herc, DJ Grandmaster Flash und Grandwizard Theodore, die Techniken entwickeln, die noch heute beim Hip Hop angewandt werden. Der Schwerpunkt bei DJs elektronischer Musik hingegen liegt vordergründig beim kunstvollen Durchmischen und Ineinanderweben von Tracks, ob mittels fließender oder abrupt inszenierter Übergänge.

Von Underground-Clubs greift das DJing auf Diskotheken über. In den 80ern mixt man elektronische Dance-Tracks aus Techno, Industrial, Hip Hop und House teils zu kompletten Mash-ups, bei denen mehrere Stücke zu einer Art Collage kombiniert werden. 1983 gründet der britische Radio- DJ Tony Prince den Disco Mix Club, besser bekannt als DMC, der seit 1986 unter diesem Namen einen der wichtigsten Wettbewerbe für DJs weltweit veranstaltet. In den 90ern etablieren sich neue Musikrichtungen wie Trance, House, Jungle und Techno. Dance- Musik wird in Deutschland populär und mit ihr DJs wie Marusha, Westbam oder Dr. Motte.

Mit fortschreitender Digitalisierung erweitern sich die Möglichkeiten und das Equipment des DJing: Vinyl geht und Serato Scratch Live kommt. Mit dem neuen Mischpult lassen sich digitale Audiodateien manipulieren – ein großer Fortschritt, da DJs nun einfach so viele Platten wie gewünscht auf dem Laptop speichern und abspielen konnten. Doch ganz ausgedient hat der Plattenkoffer bis heute trotzdem nicht. Einige, wenn auch wenige DJs setzen nach wie vor auf Vinyl, weil sie die handwerkliche Arbeit an den Plattentellern schätzen.

Der Babba: Immer gut aufgelegt

Zu ihnen gehört seit über 30 Jahren Sven Väth. Aus Überzeugung. Nur das Auflegen mit Vinyl gilt ihm als Handwerk. „Viele sind eigentlich Lap-Js und nicht DJs“, sagt er uns. „Hinzukommt, dass die meisten gar nicht wissen wie man mixt, das erledigt heutzutage der Sync-Button.“ Der von seinen Fans gerne als „Babba“ betitelte 51-Jährige zählt zu den Urvätern des Techno, prägte maßgeblich den „Sound of Frankfurt“.

Sein Aufstieg zum Kult-DJ beginnt früh. Mit 16 schmeißt der gebürtige Offenbacher seine angefangene Schlosserlehre und geht für drei Monate nach Ibiza, das schon damals über eine rege Clubkultur verfügt. Ein Aufenthalt, der seinen Berufswunsch festlegt: DJ. Seine in den 80ern gemeinsam mit Michael Münzing und Luca Anzilotti produzierten Stücke „Electrica Salsa“ und „La Casa Latina“ sind für die Clubs auf Ibiza gedacht. Mit ihnen landet er seine ersten großen Hits.

Auf der Insel wird der gebürtige Offenbacher dann auch groß, legendär seine ab 1999 veranstaltete montägliche Cocoon- Reihe im Amnesia. Aber auch in Frankfurt schafft Väth, erst mit dem „Omen“, dann mit dem „Cocoon“, Publikumsmagneten der deutschen Clubkultur. Er wird gefeiert, ist in den Medien präsent wie kein deutscher DJ vor ihm – der erste echte Star der Branche. Dieser Aspekt sei jedoch bei seinen Anfängen kein Beweggrund für ihn gewesen, sagt Väth. „Da gab es diesen Lifestyle noch gar nicht.“

„Für mich gehört noch viel mehr dazu, als sich abfeiern zu lassen.“ Sven Väth

Sven Väth an den Turntables im ChaCha Moon Beach Club auf Koh Samui
Sven Väth an den Turntables im ChaCha Moon Beach Club auf Koh Samui

Zumal zu einem DJ noch viel mehr gehöre „als sich nur abfeiern zu lassen. Die Performance ist das eine, aber auch dafür zu sorgen, dass es gute Musik, Events, Clubs, Festivals und auch Nachwuchsförderung gibt, ist für mich ein sehr wichtiger Teil der elektronischen Musikszene.“ Daher sei das DJ-Dasein ohne Zweifel ein „Traumberuf “, ungeeignet jedoch für Menschen, die „nur nach Party und dem entsprechenden Lifestyle“ suchen würden.

Die gegenwärtige Entwicklung des DJ-Business bewertet Väth teilweise kritisch, nicht nur das Auflegen mit dem Laptop betreffend. Er stört sich an der Schnelllebigkeit der Branche. „Tatsächlich gibt es heute durch die Social Networks eine Art Turbo-Beschleuniger. Erfolg kann von heute auf morgen passieren, aber genauso schnell kann man in Vergessenheit geraten.

DJane Nakadia brachte Sven Väth nach Koh Samui
DJane Nakadia brachte Sven Väth nach Koh Samui

Nichts ist mehr von langer Beständigkeit und Tiefe. Das Ganze wirkt meines Erachtens sehr oberflächlich und künstlich. Die Message Musik klingt eher nach einer verdrehten Kirmes, einem Video Game mit Instant Shock Momenten. Gut dass es nicht überall so ist und es auch wirklich talentierte DJs mit Style und Geschmack für richtige Musik mit Groove und Tiefe gibt.“

Die helle Seite der Macht

Auch er kennt das Gefühl, wenn einem die Masse zujubelt: DJ Talla 2XLC. Der DJ mit dem bürgerlichen Namen Andreas Tomalla ist wie Sven Väth ein Techno-Veteran der Frankfurter Clubszene, der sich vor allem dem Trance verschrieben hat. Und wie Väth im vergangenen Jahr wurde er für sein musikalisches Wirken 2010 von der Stadt Frankfurt geehrt, er hat die Ehrenplakette verliehen bekommen.

Talla ist ein Pionier: Vor fünf Jahren reifte in ihm die Idee für ein Museum der elektronischen Tanzmusik, dem Museum of Modern Electronic Music, kurz MOMEN. Ein weltweit einzigartiges Projekt. Wir treffen Talla an dem Ort, wo das Museum ab 2017 entstehen soll – am Kindermuseum an der Hauptwache. „Die haben uns die beste Fläche vergeben“, sagt er, „wenn es soweit ist, werden wir hier auch den Vorplatz designen.“

„Du, wir müssen ein Museum machen.“ – Talla 2XLC

Den Einfall zu dem Vorhaben habe er 2011 gehabt, erzählt Talla – als er auf Einladung des Goethe-Instituts nach Usbekistan und Tadschikistan reiste. Hier hielt er drei Vorträge über die Geschichte des Techno. „Die Jugendlichen hingen förmlich an meinen Lippen“, erinnert er sich. „Die fanden das total interessant. Da fasste ich einen Entschluss. Als ich zurückkam, rief ich meinen ehemaligen Partner Alex Azary an und sagte: ‚Du, wir müssen ein Museum machen.‘“

Talla möchte die weltweite Entwicklung der elektronischen Musik aufzeigen – von Techno über Trance bis hin zu House sollen alle Stilrichtungen vertreten sein. Im Vordergrund stehe der Erlebnischarakter. „Da werden Touchscreens sein, Kopfhörer, Mischpulte. Wir wollen unsere Besucher zum Mitmachen anregen. Und wir werden eine Akademie haben, bei der die Leute lernen können zu produzieren, aufzulegen – nicht nur digital, sondern auch mit Vinyl.“

Die Vision: die Vergangenheit der Clubkultur als Gefühl wieder aufleben zu lassen. „Meine Vorstellung ist es, dass man da reingeht und fühlt sich mittendrin.“ Dazu sollen auch die Ausstellungsstücke beitragen. „Wir haben unter anderem die Originaltür des Dorian Gray als Spende angeboten bekommen.“ Talla ist selbst wichtiger Bestandteil der Frankfurter Techno – Geschichte.

Sein Weg zum DJ beginnt wie der von Väth früh. Als Jugendlicher gibt er bereits sein ganzes Taschengeld für Vinyl aus. „Ich war ein großer Musikfan, war häufig im Dorian Gray unterwegs und hab die DJs beim Mixen beobachtet. “ Die Ausbildung zum Industriekaufmann – für ihn keine ernsthafte Zukunftsperspektive. „Das war mir zu trocken“, sagt Talla. „Ich habe dann erst einmal in einem Plattenladen in der B-Ebene angefangen.“

„Ich habe dann erst einmal in einem Plattenladen in der B-Ebene angefangen.“ Talla 2XLC

Hier, am Frankfurter Hauptbahnhof, soll er den Begriff Techno erfunden haben. Darauf angesprochen, lächelt er. „Ja, ich denke schon, dass dem so ist.“ Er habe diesen Begriff als Hilfskategorie gewählt, um darunter Schallplatten mit elektronischer Musik einzuordnen. „Elektronische Technologiemusik wäre ja zu sperrig gewesen. Da habe ich mir gedacht, kürzte das ab und machste ‚Techno‘ draus. Das war `82. Meines Wissens nach kam die Bezeichnung erst ’86 oder ’87 in Amerika auf.“

Aufgelegt habe er das erste Mal in der Griesheimer Tanzschule „Kiel-Blell“, wo sein ehemaliger Schulkamerad Thomas Bäppler- Wolf, Frankfurtern bekannt als Travestiestar Bäppi la Belle, arbeitete. „Die hatten da DJ- Wettbewerbe. Das fand ich spannend. Es war einfach toll zu sehen, wie Leute reagieren, wenn ein Lied plötzlich anders ist als normal.“ Nicht lange und Talla zog es von dieser, seiner ersten Wirkungsstätte, in die Frankfurter Clublandschaft. „Die Tanzschule wurde mir zu kommerziell.“

Der erste Laden seiner DJ-Laufbahn: ein Kellerloch namens ‚no name‘. „Das war am 2. Dezember 1984.“ Es soll ein Meilenstein in Tallas Karriere werden: An diesem Sonntag startet er seine mittlerweile seit über 35 Jahren legendäre Veranstaltungsreihe, den ‚Techno Club‘. „Da war eine gute Mundpropaganda“, erinnert er sich, „385 Leute waren da.“

„Wenn du die ersten zwei, drei Platten auflegst und merkst, da kommt was ins Rollen, dann erfasst sich die ganze Energie deiner Zuhörer.“ Talla 2XLC

Klar sei er damals aufgeregt gewesen. „Das war aber eine positive Aufregung, so eine Grundnervosität. Die habe ich auch noch heute.“ Die 90er seien dann die beste Zeit der Frankfurter Clubkultur gewesen. Und insbesondere Frankfurt habe für die Entwicklung des Techno in Deutschland eine enorme Bedeutung gehabt. Talla wirkte in allen wichtigen Clubs der Szene, vom Dorian Gray bis zum U6031 1. Von seiner CD zur „Techno Club“-Reihe ist bereits Volume 49 erschienen.

Auch international ist der 53-Jährige seit Jahrzehnten auf Erfolgskurs – tourt durch Asien, Amerika, Europa. „Ich habe eigentlich immer gesagt, mit 40 höre ich auf “, sagt er, „aber es macht mir einfach so viel Spaß. Zumal ich mit dem Museum ja auch noch etwas ganz Anderes hinzugewinnen werde.“ Ein Job für Leute, die nur feiern wollten, sei der DJ-Beruf sicher nicht, stellt Talla fest. „Da hat man häufig eine verzerrte Vorstellung von. Moment.“

Talla 2XLC
Talla 2XLC

Er kramt sein Smartphone aus seiner Tasche, hält uns ein Bild hin, auf dem eine Liste aller Tätigkeiten zu sehen ist, die ein heutiger DJ neben dem DJing leisten muss: Producer, Label Owner, Public Relations Manager, Booking Agent, Graphic Designer, Web Programmer, Social Media Networker, Merchandising Hero, Entertainer. „Dazu kommt die Reiserei. Bei mir waren das schon bis zu drei Zeitzonen in einer Woche. Doch man gewöhnt sich an, wann immer es im Flugzeug geht, die Augen zu schließen.“

Trotz dieser zuweilen auch anstrengenden Seiten des DJ-Berufes hat Talla sich nie einen anderen gewünscht. „Nein, gar nicht“, sagt er, „Ich habe auch das Glück , dass meine Frau Wafa mich immer unterstützt und mir vieles abgenommen hat.“ Er spricht von dem Hochgefühl, das einem beim Auflegen erfasst. „Die Interaktion mit dem Publikum ist schon fantastisch. Wenn du die ersten zwei, drei Platten auflegst und du merkst, da kommt was ins Rollen, dann spürst du plötzlich so eine Euphorie. Da erfasst dich die ganze Energie deiner Zuhörer.“

Talla zeigt uns ein weiteres Bild auf seinem Handy, eine Montage: links ist er bei einem Auftritt hinter der Kanzel zu sehen, rechts Darth Vader, beide in identischer Armhaltung, die Hände ausgestreckt, als wollten sie die jubelnde Masse unter sich segnen. Oder beschwören? „Ich bin aber nicht die dunkle, sondern die helle Seite der Macht“, sagt Talla und grinst. „Aber klar, ein bisschen Ausstrahlung muss man schon haben als DJ. Ein Computer macht ja keine Stimmung.“

Wie Väth denkt auch Talla, dass die musikalische Schaffenskraft in der Branche stellenweise weniger geworden ist. Dies sei den Bedingungen des Marktes geschuldet. „Der Wert der Musik hat abgenommen, seitdem sie für jeden, teilweise sogar kostenlos, zugänglich geworden ist. Früher hat man als DJ noch richtig viel und teilweise auch lange an den Sachen herumexperimentiert, weil man wusste, man kann an einem Mix gut verdienen. Ein erfolgreicher Titel hielt sich zwei, drei Jahre. Doch heute?

„Das Internet hat uns nicht glücklicher gemacht.“ – Sven Väth

Die MP3- Verkäufe schwächeln, alles muss schnell gehen. Dann basteln manche DJs einen Track in nur drei Stunden. Ich saß früher gut und gerne mal drei Tage daran! Das ist vorbei. Und dadurch geht eben auch ein bisschen die Kreativität verloren.“ Er schaut nachdenklich. „Ich finde es schon wichtig, dass man etwas Neues schafft. Das braucht aber die richtigen Rahmenbedingungen. Das Internet hat uns nicht glücklicher gemacht.“

Katalysator des Erfolgs

Einzelne aber doch. Denn den digitalen Plattformen verdankt mancher DJ- Shootingstar seinen Aufstieg. So wie Robin Schulz, der 2013 einen Remix des Top Ten- Hits „Waves“ auf seine SoundCloud-Seite stellte und damit einen Megaerfolg landete. Zunächst in Deutschland, Österreich und der Schweiz, wurde der Remix schließlich europaweit veröffentlicht und kletterte in mehreren Ländern an die Spitze der Charts.

Seitdem ist die Erfolgssträhne nicht abgerissen: Ein Superhit reiht sich an den nächsten, längst arbeitet Schulz mit den Stars der Szene wie David Guetta zusammen. Auch Felix Jaehn hat den Sprung zum Superstar quasi über Nacht geschafft. Auf der Suche nach neuen Talenten durchforstete der Europachef des Plattenlabel Ultra Music, Tom Keil, bei dem bereits zahlreiche internationale Star-DJs wie deadmau5, Avicii und Tiesto unter Vertrag standen oder stehen, 2014 SoundCloud, Spotifiy und Youtube. Und entdeckte Jaehn.

Er übergab dem damals 19-Jährigen den Reggaesong „Cheerleader “ des jamaikanischen Musikers Omi mit dem Auftrag, einen Remix daraus zu machen. Die weitere Geschichte ist bekannt: „Cheerleader“ wird der Sommerhit des Jahres 2015 und beerbt damit Robin Schulz‘ „Prayer in C“ aus dem vorhergehenden Jahr. Schnell erlangte Berühmtheit aus dem Nichts – ein häufig zu beobachtendes Phänomen der heutigen You Tube- und Blogger-Generation. Über eine Plattform erreicht man in kürzester Zeit eine Höchstzahl von Hörern auf der ganzen Welt und kann demzufolge auch schnell mehr Ruhm einfahren, als das DJs früher möglich war.

Höher, schneller, Breiter

Einer, der sowohl mit den DJs der alten als auch der neuen Generation zu tun hatte und weiterhin hat, ist Bernd Breiter. Der Geschäftsführer von BigCityBeats richtet seit drei Jahren eines der größten und bedeutendsten Events der Szene aus: den World Club Dome in der Commerzbank-Arena. Ein dreitägiges Spektakel auf 15 Floors. Das Line-Up: eine Auflistung der internatio- nalen DJ-Elite. Guetta, Hardwell, Schulz – Bernd Breiter bekommt sie alle. 200 Künstler sind es insgesamt.

Wie DJs die Massen in Bewegung versetzen, ist nirgendwo sonst so eindrucksvoll zu beobachten. Auch Bernd Breiter selbst ist ein Schallplattenkönig. In seinem Büro hängen sie zahlreich – golden und platin leuchtend. Als Produzent feierte Breiter große Erfolge, zum Beispiel 1993 mit dem Projekt „Magic Affair“. Ein eigenes Label unter dem Namen „Land of Oz“ folgte.

Hier kreierte er unter anderem die Titelmusik von Braveheart. Schließlich, 2004, BigCityBeats, zunächst als Radioformat. „Wir wollten das Gefühl vermitteln, das man hat, wenn man freitags um 15 Uhr aus dem Büro kommt“, sagt Bernd Breiter, „das Gefühl von Aufbruch, die Vorfreude auf das Wochenende. Und abends gehen die Neonlichter an.“ Die Musik aus den Clubs kam zu den Hörern – und bei ihnen an. Die BigCityBeats-Compilation stieg jedes Mal in die Top Ten der Charts ein.

Ebenfalls ein großer Erfolg: die BigCityBeats- Reihe im Cocoon. „Das war Magie. Der Club ist aus allen Nähten geplatzt.“ Als er 2012 schloss, habe man über neue Veranstaltungskonzepte nachgedacht. „Wir hatten in ganz Deutschland schon zahlreiche Events gefeiert, mit jedem Mal reichlich Andrang, erst in kleineren Clubs, dann in großen Hallen“, erzählt Breiter. „Dann dachten wir: Warum holen wir das nicht in unsere Heimatstadt?“ Die Idee zum World Club Dome war geboren.

Dabei sei ihnen von Anfang an wichtig gewesen, keine Festival-, sondern eine Clubatmosphäre zu schaffen, betont Breiter – beginnend bei der Location. „Ein Club ist regensicher, ein Festivalgelände nicht.“ In der Commerzbank-Arena ermöglicht es eine spezielle Seilkonstruktion, das Dach innerhalb von 15 Minuten zu verschließen. „Das Besondere in diesem Jahr ist auch, dass wir noch mehr Fläche hinzunehmen konnten. Wir haben eine halbe Million Quadratmeter zur Verfügung, dazu kommt der Pool. Mehr Ibiza- Feeling geht nicht!“

„SoundCloud ist das Demo-Tape der Gegenwart geworden.“ Bernd Breiter

Auch musikalisch setzte man von Anfang an auf ein Clubkonzept. „Mit dem World Club Dome (WCD) komprimieren wir das ganze Jahr der elektronischen Musikszene auf drei Tage. Auf den unterschiedlichen Floors kann dabei jeder zu seinem bevorzugten Stil tanzen.“ Wie im Club gibt es zudem rote Teppiche und VIP-Bereiche. Die sind auch notwendig, denn in den Logen werden zahlreiche illustre Personen erwartet – regionale Prominenz, aber auch die internationale High Society.

Take-off to party - Ausgewählte Gäste des World Club Dome bringt eine Boeing nach Frankfurt.
Take-off to party – Ausgewählte Gäste des World Club Dome bringt eine Boeing nach Frankfurt.

Gefeiert wird ab zehn Uhr vormittags. „Um 11.30 Uhr sind dann schon 25.000 Leute am Tanzen und in super Stimmung.“ Für einige Auserwählte fängt die Party sogar noch früher an. In Boeings, die über vier eigene DJ-Areas verfügen, fliegen insgesamt 550 Gäste samt Star-DJs über Europa zum World Club Dome – und das nicht wie üblich, angeschnallt und Tomatensaft trinkend, sondern tanzend, mit einem Glas Schampus in der Hand. „Darüber wird sogar CNN berichten“, sagt Bernd Breiter stolz.

Bernd Breiter
Bernd Breiter

Von Jahr zu Jahr konnte er seinen Gästen immer mehr bieten – räumlich, musikalisch und personell. Das zahlte sich aus: 2013 kamen 25.000, 2014 30.000 und 2015 100.000 Besucher zum World Club Dome. Auf 150.000, sagt Breiter, hoffe er in diesem Jahr. Im persönlichen Kontakt mit den DJs hat Breiter ausnehmend gute Erfahrungen gemacht. „Die wirklichen Superstars sind unglaublich nett.“ Viele von ihnen hervorragende Entertainer. „Das müssen sie ja auch.“

Früher, erzählt Breiter – und in seine Stimme mischt sich leichtes Bedauern – hätte das DJ-Dasein noch andere Schwerpunkte gehabt. „Da gehörte es zum Beispiel auch zu einem DJ, dass der genau wusste, wo er welche Platte bekommt. Das waren nicht nur musikalische Virtuosen, sondern die haben sich auch ihre Sets organisiert. Den Markt sondiert. Investiert. Genetzwerkt.“ Häufig habe es ja nur 200 Exemplare von einer Platte gegeben. „Manche Platten hast du nur für viel Geld auf irgendeinem Hinterhof in London er- stehen können. Dann warst du aber auch der Einzige, der diese Musik seinem Publikum bieten konnte. Diese Exklusivität, die gibt es so nicht mehr.“

Auch der Weg in die Clubs sei für DJs heute ein anderer. Das Netzwerk habe sich buchstäblich verlagert – von der realen in die virtuelle Welt. „Früher hast du deine ersten Auftritte ergattern können, wenn du einen Clubbesitzer kanntest. Heute muss man schon irgendein Alleinstellungsmerkmal haben, etwas, das einen im Netz von der Masse an Künstlern abhebt. SoundCloud und dergleichen ist das Demo-Tape der Gegenwart geworden. DJs müssen sich heute weit mehr als früher als Marke promoten.“

Die Puppen tanzen lassen

Welche Antwort also könnte man auf Bioleks Frage heute geben? Seinerzeit hob Väth den kreativen Aspekt des DJ- Daseins hervor – deren Schaffenskraft als Produzenten und die Interaktion mit der Masse. Während Letzteres zumindest nach Meinung der älteren DJ- Generation heute nicht immer gegeben ist, haben Live-Auftritte ihre Strahlkraft behalten.

Auch die Wissenschaft sieht die Funktion des DJs während der Gigs als ausschlaggebend für dessen stellenweise fast sakral anmutende Verehrung an. In ihrem Aufsatz über den „Arbeitsalltag einer Kultfigur“ haben die Soziologieprofessoren Ronald Hitzler und Michaela Pfadenhauer versucht, die Anziehungskraft des Techno-DJs zu beschreiben. Zu berücksichtigen sei das Wesen einer szenetypischen Veranstaltung, dem so genannten Rave. Zu jedem Zeitpunkt sollen Teilnehmer dabei in den stunden- oder gar tagelangen Tanzrausch hineingleiten und auch wieder aus ihm aussteigen können. Prämisse dafür: der DJ, der „komplexe Klangteppiche“ webe, wodurch der „Eindruck eines durchgehenden Stücks“ entstehe.

Nicht nur handwerklich eine Herausforderung. Fast genauso wichtig wie das virtuose Beherrschen des DJ-Instrumentariums sei das situative Einfühlen in die Schwingungen seines Publikums. Hitzler und Pfadenhauer kommen zu dem Schluss, DJing sei nicht nur die Kunst, Musik, sondern vielmehr, einem Zitat von DJ Westbam folgend, „Musik mit Leuten“ zu mischen.

Darüber hinaus ist anzunehmen, dass auch die Situation, in welcher der DJ seine Tätigkeit ausübt, seine Beliebtheit befördert. Stundenlanges Tanzen, Alkohol, mitunter Drogen, versetzen die Massen in Euphorie. Der DJ hat häufig auch räumlich eine exponierte Position. Er thront in seiner Kanzel über den Köpfen der Feiernden. Lichteffekte vervollkommnen seine Inszenierung. Der DJ führt die Ektase – und wird dadurch zu ihrem Gott. Sicher vor dem Abfall seiner „Jünger“ ist er deswegen nicht: Der DJ-Olymp beherbergt reichlich Personal.

IBIZA

Blick vom Ushuaïa Tower auf den Beach Club
Blick vom Ushuaïa Tower auf den Beach Club

 

Ibiza als die Partyinsel Europas steht seit jeher für eine rege Clubkultur. Über die Jahrzehnte wurde es zu einem der weltweiten Dreh- und Angelpunkte der internationalen DJ-Szene. Für zahlreiche Künstler wie Sven Väth war und ist Ibiza eine ihrer Hauptwirkungsstätten. Zu den wichtigsten und größten Szeneclubs zählt das Ushuaïa im gleichnamigen Beach Hotel. Der Open Air Club ist berühmt für von mittags bis mitternachts stattfindende Strand- und Pool-Partys,bei denen Top DJs aus aller Welt auflegen – inszeniert durch eine spektakuläre Bühnenshow. Im Sommer werden im Ushuaïa unter anderem David Guetta, Hardwell, Armin van Buuren und Avicii zu sehen sein.

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