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Im Mai verlegte der Kölner Künstler Gunter Demnig wieder Stolpersteine in Frankfurt. Über 1.000 der Messing-Gedenksteine erinnern nun allein in der Mainstadt an die Opfer des Nationalsozialismus. Wir trafen den Bildhauer am Haus Friedberger Landstraße 127, wo nun auf einem Stolperstein der Namen des „Boxerfürsten“ der Frankfurter Eintracht zu lesen ist.

Dr. Fritz und Katharina Cahen-Brach am Riederwald
Dr. Fritz und Katharina Cahen-Brach am Riederwald

Gunter Demnig kniet auf dem Bürgersteig, stemmt routiniert das vorbereitete Pflaster auf, nimmt zwei Steine heraus und ersetzt sie durch Stolpersteine. Feiner Zement und Beton sorgen für Stabilität. Mit dem Gummihammer klopft er die Gedenksteine fest. Nur ein paar Minuten dauert alles. Dann packt er Eimer und Werkzeug in seinen Transporter und fährt zum nächsten Gedenkort ein paar Straßen weiter. Über zehn Stolpersteine sind es allein an diesem Tag. Er muss weiter. Die Gedenkfeier auf der Friedberger Landstraße muss ohne ihn stattfinden. Fritz Cahen-Brach hat im schönen Eckhaus gewohnt. Kinderarzt und Mitglied der Eintracht Frankfurt, Tennisspieler und bis 1932 Obmann im Vorstand der Boxabteilung. Sein Engagement brachte ihm den Namen „Boxerfürst“ ein. Mit seiner Frau gelang ihm 1939 die Flucht in die USA. Seine Schwiegertochter Trish Brock ist zur Stolpersteinverlegung aus Kalifornien angereist. Eintracht-Präsident Peter Fischer erinnert in einer Rede an das Vereinsmitglied, dann spielt ein Saxophon-Duo. Gut 30 Gäste sind gekommen, unter ihnen der Leiter des Eintracht-Museums Matthias Thoma, der die Stolpersteine für das Ehepaar Cahen-Brach initiierte. „Nicht immer kommen so viele zu einer Verlegung, manchmal sind wir sogar allein“, weiß Demnig, dem seine Lebensgefährtin Katja Walter auch in Frankfurt zur Hand geht.

Gegen das Vergessen

Gunter Demnig
Gunter Demnig
Musikantenweg 39. Ein jüdischer Schuhmacher und seine Frau. In Theresienstadt und Auschwitz ermordet. Zwei Stolpersteine. Zwei kleine Betonkuben, auf deren Oberseite jeweils eine glänzende Messingplatte verankert ist. „Das Messing ist ein Millimeter stark, der untere Teil ist ein Formguss. Ein Mitarbeiter meines Kölner Ateliers schlägt die Namen und Daten in das Metall“, erklärt Demnig während er die beiden Gedenksteine festklopft. In Frankfurt werden die Verlegungen durch die „Initiative Stolpersteine“ betreut, einige Mitglieder sind zum alten Haus im Nordend gekommen. Der gemeinnützige Verein ruft zu Patenschaften auf, jeder Stein kostet 120 Euro. „Auch wenn man mir das schon unterstellt hat, reich bin ich durch die Stolpersteine nicht geworden“, sagt Gunter Demnig.

Anfeindungen sind ihm nicht fremd. Drei Morddrohungen habe er bereits erhalten. Ärger bei den Verlegungen gebe es aber so gut wie keine, auch Vandalismus sei selten. „Einmal, in der Nähe von Leipzig, kamen Rechte zu einer Verlegung, aber nicht in Springerstiefeln, sondern mit Schlips und Kragen.“ Der Künstler lässt sich nicht einschüchtern. Vielmehr will der 67-Jährige sein Herzensprojekt, für das er sich seit 20 Jahren einsetzt, noch weiter vorantreiben. Doch schon jetzt hat sich das Projekt zum weltweit größten dezentralen Mahnmal entwickelt. „Im September verlegen wir erstmals in Griechenland. In Rom, Oslo und Spanien erinnern bereits Stolpersteine. Und einer kommt vielleicht nach Kasachstan, dorthin, wo ein sowjetischer Soldat in Kriegsgefangenschaft erschossen wurde.“

„Die meisten der 52.000 Stolpersteine habe ich selbst verlegt.“ – Gunter Demnig

Immer mehr Steine

Ein Stein, zwei Steine, viele Steine. „Die meisten an einem Ort haben wir in Unna verlegt, eine Fläche mit insgesamt 162 Stolpersteinen, die an die Bewohner eines jüdischen Altersheims erinnern“, erzählt Gunter Demnig. Diese Art des Gedenkens – ein Stein vor Häusern, in denen NS-Opfer wohnten, Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, Behinderte, politisch und religiös Verfolgte – empfindet er als „etwas Handfestes, denn sechs Millionen Opfer ist eine abstrakte Größe“. Der gebürtige Berliner machte schon 1990 mit einer Aktion zur Erinnerung an die Deportation von Sinti und Roma aus Köln von sich reden, bei der er mit weiß leuchtender Schrift den Deportationsweg auf einer Länge von 10 Kilometern vor Ort nachzeichnete. Die erste Verlegung eines Stolpersteins in Berlin-Kreuzberg geschah noch ohne Genehmigung. Inzwischen gibt es in der Hauptstadt weit mehr als 6.000 Steine. Er hetzt von Stolperstein zu Stolperstein, „ich bin Zweidrittel des Jahres unterwegs, fahre viele tausende Kilometer Autobahn.“ Das sei „Vergangenheitsbewältigung im Halbstundentakt“, lästern Kritiker.

In München nicht erlaubt

Mit einem schwierigen „Pflaster“ hat es der Künstler – den man für die Verlegung einlädt, da Städte und Bürger die Steine initiieren – in München zu tun. In der bayrischen Landeshauptstadt durften die wenigen Stolpersteine bislang nur auf privatem Grund verlegt werden. Ansonsten sind sie verboten. Die Opfer würden ein zweites Mal verhöhnt und mit Füßen getreten, wenn ihre Namen im Schmutz der Gehsteige eingelassen werden, lautete bereits 2004 ein Argument der Stadt München, das heute von Charlotte Knobloch, der Vorsitzenden der Israelitischen Kultusgemeinde von München und Oberbayern, unterstützt wird. Die Stolpersteine seien sehr wohl eine angemessene Form des Gedenkens argumentieren die Befürworter von der Münchner „Initiative für Stolpersteine“. Die Debatte erhitzt die Gemüter auf beiden Seiten. Für diese Diskussion hat der Künstler kein Verständnis. „Das ist unsäglich“, sagt er. Und: „Um die Inschrift der Steine lesen zu können, müssen sich die Menschen bücken. Sie verbeugen sich damit vor den Opfern. Indem jeder über die Steine läuft, wird auch die Erinnerung blank poliert. Diese Idee war der ursprüngliche Ansatz meines Projekts.“

Stiftung gegründet

Gunter Demnig hat vorgesorgt. „Im Dezember konnte ich meine Stiftung gründen, nach einigen Hürden. Mit ihr wird meine Arbeit nahtlos weitergehen, wenn es mich nicht mehr gibt.“ Bis dahin werde er selbst Spuren legen. Sagt es und steigt in den Transporter. Der nächste Stein wartet.