Lesezeit ca.: 6 Minuten, 17 Sekunden

Das Rhein-Main-Gebiet ist einer der größten Standorte diplomatischer Vertretungen in Deutschland. 52 Berufskonsuln repräsentieren als Beamte des auswärtigen Dienstes ihre jeweiligen Länder. Dazu kommen 57 Honorarkonsuln, die diese ehrenamtlich vertreten. In einer Serie wollen wir diese vorstellen.
Von Sabine Börchers

Der Rechtsanwalt Klaus Sturmfels vertritt seit fast zehn Jahren die Interessen Polens in Hessen. Seine Verbindung zu unserem Nachbarland besteht aber schon viel länger. Er begründete bereits die Städtepartnerschaft zwischen Frankfurt und Krakau im Jahre 1989 mit.

„Man kann nicht immer nur darüber reden, die Beziehungen zum Nachbarn zu stärken. Man muss sich auch darum kümmern.“ Das dachte sich der Rechtsanwalt Klaus Sturmfels Ende der 1980er Jahre, als in Frankfurt die Idee aufkam, eine Partnerschaft mit der polnischen Stadt Krakau einzugehen. Er habe keinerlei Beziehungen zu Polen gehabt, betont der gebürtige Hesse, der aus Groß-Umstadt stammt.

Sturmfels war aber zu dieser Zeit stellvertretender Fraktionsvorsitzender der SPD im Römer und von der Ostpolitik Willy Brandts überzeugt. Also tat er sich mit Dr. Paul Franken, Rechtsanwalt bei der Dresdner Bank, zusammen und kümmerte sich. „Bevor wir was machen, schauen wir uns die Stadt erst einmal an“, beschlossen sie und flogen gemeinsam nach Krakau.

„Ich bin also an meinem ersten Abend in Polen, an einem Reinigungsfahrzeug hängend, durch Krakau gefahren. Da dachte ich, das muss was werden.“

„Der erste Abend ist mir noch in bester Erinnerung“, erzählt Sturmfels heute. „Wir sind gut essen gegangen und haben einiges getrunken. Dann wollten wir mit dem Taxi zurück in unser etwas außerhalb gelegenes Hotel.“ Doch ein Taxi gab es damals nicht. Daraufhin bot ihnen der Fahrer eines städtischen Reinigungsfahrzeugs an, sie mitzunehmen.

„Ich bin also an meinem ersten Abend in Polen, an einem Reinigungsfahrzeug hängend, durch Krakau gefahren. Da dachte ich, das muss was werden.“ Schon damals habe er die Menschen dort als nicht so bürokratisch erlebt, als lebensbejahend und freundlich. „Und so ist es geblieben.“

Engagierte Partner

Honorarkonsul Klaus Sturmfels
Honorarkonsul Klaus Sturmfels

Die beiden Rechtsanwälte gründeten in Frankfurt mit einigen Mitstreitern die Deutsch-Polnische Gesellschaft, deren Vorsitz zunächst Franken übernahm, ab 2001 dann Sturmfels. Franken brachte die Kontakte zur Wirtschaft mit, Sturmfels die zur Politik – offenbar eine erfolgreiche Mischung.

Aus der Initiative entwickelte sich die Städtepartnerschaft mit der bedeutenden Universitätsstadt, die schnell mit Leben gefüllt wurde. Es gab und gibt bis heute Kooperationen zwischen den Hochschulen, einen Künstleraustausch, Schulpatenschaften, Vorträge, Reisen. Oberbürgermeister Peter Feldmann lobte die Verbindung kürzlich als eine der lebendigsten Partnerschaften, die die Stadt Frankfurt habe.

Auch der Freundeskreis ist weiterhin sehr engagiert. Bis heute unternimmt die Deutsch-Polnische Gesellschaft regelmäßig Kulturreisen nach Krakau und darüber hinaus, veranstaltet in Frankfurt Vorträge, Diskussionen, Lesungen und Konzerte. „Die Reisen sind fast immer ausgebucht, wir waren auch schon in den Nachbarländern wie der Ukraine und den baltischen Staaten“, berichtet Sturmfels.

„Der Satz, ‚Klaus, was willst Du mit den Polen‘ fällt heute nicht mehr.“

Der Einsatz des Vereins in Frankfurt zeige offenbar bereits Wirkung. Die Vorbehalte, die er anfangs bei einigen Frankfurtern gegenüber den östlichen Nachbarn spürte, seien mittlerweile verschwunden. „Der Satz, ‚Klaus, was willst Du mit den Polen‘ fällt heute nicht mehr. Es hat sich herumgesprochen, dass es eine große Kulturnation ist.“

Das Land repräsentieren

Im Jahr 2007 stellte das Auswärtige Amt in Polen schließlich fest, dass im Rhein-Main-Gebiet und dem Finanz- und Wirtschaftszentrum Frankfurt viele Polen lebten, diese aber diplomatisch wenig vertreten waren, da für sie das Generalkonsulat in Köln zuständig war. „Sie kamen auf die Idee, für Frankfurt einen Honorarkonsul zu finden, der die repräsentativen Termine übernimmt.“ Schnell war klar, wer es machen könnte, schließlich war Sturmfels damals nicht nur stellvertretender Vorsitzender der Deutsch-Polnischen Gesellschaft, sondern auch Stadtverordneter.

„Die Generalkonsulin aus Köln kam zu mir und fragte mich, ob ich das machen würde und ich habe zugesagt.“ Dann habe er allerdings lange nichts mehr von ihr gehört, berichtet der Diplomat. Dabei hatte er sich bereits nach Räumen umgeschaut und ein günstig gelegenes Büro direkt neben dem finnischen Konsulat in der Beethovenstraße gefunden. Eines Tages sei ein Anruf vom Nachfolger der Generalkonsulin gekommen, der sofort und unbürokratisch Fakten schaffte: Er rief aus der Nähe von Friedberg an und hatte schon die Fahne und das Schild für das neue Büro dabei.

Heute residiert das polnische Honorarkonsulat in der Kreuznacherstraße nahe dem Westbahnhof. Publikumsverkehr hat Sturmfels dort kaum. „Die Pass-Abteilung ist in Köln, ich habe ganz selten polnische Bürger zu betreuen.“ Wenn sich aber jemand an ihn wendet, dann engagiert er sich gerne. „Ich höre mir die Probleme an, viele kann ich lösen, weil man dafür kein Konsulat benötigt. Eine Familie hatte zum Beispiel Schwierigkeiten wegen einer Schule, das haben wir übers Schulamt geregelt.“

Ab und zu erhält Sturmfels auch Anfragen von deutschen Unternehmen, die Partner in Polen suchen. Dann knüpft er Kontakte. Die wirtschaftlichen Verbindungen seien aber bereits sehr ausgeprägt und liefen vor allem über die sehr engagierte Osteuropaabteilung derIndustrie-undHandelskammer,macht er deutlich.

Seine Hauptaufgabe ist es daher, das Land bei offiziellen Anlässen zu repräsentieren. Und davon gibt es viele in Frankfurt. Allein das Konsularische Korps mit seinen mehr als 100 Mitgliedern veranstaltet zahlreiche Empfänge, etwa zu den jeweiligen Nationalfeiertagen, zudem lädt die Landesregierung ein. Da es darüber hinaus in Frankfurt viele Institutionen gibt, die mit dem polnischen Nachbarn zusammenarbeiten, wird Sturmfels beispielsweise auch zu Veranstaltungen der Europäischen Zentralbank, der Universität oder des Palmengartens eingeladen, um das Nachbarland zu vertreten.

Es sei schon eine Terminflut, die er da zu bewältigen und mit dem Konsulat in Köln abzustimmen habe, räumt er ein. Doch man merkt ihm auch an, dass ihm der Kontakt zu so vielen unterschiedlichen Menschen großen Spaß macht.

Richter gegen Referendar

Gesellschaftliches Engagement war für Klaus Sturmfels schon sehr früh selbstverständlich. Noch bevor er seine Rechtsanwaltskanzlei eröffnete, arbeitete er in der SPD bei den Jusos mit und wurde schließlich Ortsvereinsvorsitzender der SPD in Sachsenhausen. Wenig später kandidierte er für den Posten des Ortsvorstehers im dortigen Ortsbeirat. Sein Gegenkandidat von der CDU war hauptberuflich Richter, wie Sturmfels sich erinnert, weil es schon etwas Besonderes war, dass er als junger Referendar gegen diesen antrat und auch noch gewann. Die Stimme des einzigen FDP-Mitglieds im Ortsbeirat habe den Ausschlag für seinen Sieg gegeben.

Zehn Jahre lang setzte er sich für die Belange Sachsenhausens ein. „Wir haben eine geplante Autobahn verhindert und, dass das Bankenviertel auf die südmainische Seite kommt.“ Als Stadtverordneter übernahm er den Vorsitz im Kulturausschuss und unterstützte unter anderem seinen Parteigenossen Hilmar Hoffmann, als dieser das Museumsufer konzipierte. Sturmfels wurde zudem stellvertretender Fraktionsvorsitzender.

„Doch die Arbeit war irgendwann nicht mehr vereinbar mit meinem Beruf und der Familie“, sagt der vierfache Vater, der damals mit zwei Partnern eine eigene Kanzlei führte. Er gab die Ämter auf, entschied sich 1989 aber, sein Know-how und seine Beziehungen nicht völlig ungenutzt zu lassen. Seitdem kamen sie der Deutsch- Polnischen Gesellschaft zugute.

Rechtsruck spornt an

Heute, jenseits der 70 Jahre und damit längst im Rentenalter, arbeitet er nur noch in speziellen Fällen als Anwalt. Sein Büro in der Saalgasse teilt er sich mit zwei Kollegen. Den Vorsitz der Deutsch-Polnischen Gesellschaft führt er noch immer, ist aber auf der Suche nach einem Nachfolger. „Im Moment ist es noch praktisch und gut für die Positionierung in der Stadtgesellschaft, den Verein und das Konsulat in einer Hand zu haben. Aber es muss jemand Jüngeres her“, stellt er fest. Schließlich gibt es trotz der sehr guten Beziehungen zwischen den Nachbarländern immer noch etwas zu verbessern.

Der Rechtsruck und die damit veränderte politische Lage in Polen seit dem Wahlsieg der nationalkonservativen PiS-Partei im Oktober 2015 habe aber seine Arbeit in Frankfurt und auch die Zusammenarbeit mit den Nachbarn nicht verändert, sagt Sturmfels entschieden und fasst die Situation so zusammen: „Es gibt den Geräuschpegel und dann gibt es die praktische Arbeit.“ Die beiden Länder seien wirtschaftlich und verkehrstechnisch so stark verbunden, da gebe es keine Trennung. Kürzlich sei in Polen erst die Partnerschaft zwischen Hessen, der französischen Provinz Aquitaine und der Woiwodschaft Wielkopolska mit einer großen Zusammenkunft gefeiert worden.

Dass die Polen per se europaskeptischer seien, könne er nachvollziehen. „Wenn man sich erst vor gut 25 Jahren seine Eigenständigkeit erkämpft hat, will man so schnell von ihr nichts abgeben.“ Das Land geht daher seiner Ansicht nach langsamer auf die europäischen Nachbarn zu, es wolle aber den Anschluss an Europa nicht verlieren. „Hinzu kommt, dass in Polen mit Herz und Gefühl Politik gemacht wird, man ist dort viel emotionaler als bei uns. Sich in einen technokratischen Großapparat wie die EU einzugliedern, das muss reifen.“

Dass durch die nationalkonservative Politik der Regierung die Menschen auseinanderrücken könnten, glaubt Klaus Sturmfels nicht. Im Gegenteil, die, die sich für ein friedliches Miteinander entschieden hätten, fühlten sich dadurch nur weiter angespornt, dafür zu kämpfen und verfielen keinesfalls in Resignation, stellt er fest, und schließt sich dabei offensichtlich mit ein.

Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Print-Ausgabe. Sie wollen schneller informiert sein? Hier können Sie ein Abonnement abschließen.