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Seit fast zehn Jahren ist Sebastian Weigle Generalmusikdirektor an der Oper Frankfurt. Der gebürtige Ostberliner fühlt sich wohl am Main und begeistert nicht nur die hiesigen Opernliebhaber. Weigle ist auch bei Gastspielen rund um die Welt ein gefragter Dirigent, egal ob in New York, Tokio oder Wien.
Text: Sabine Börchers, Fotos: Michael Hohmann

Sebastian Weigle
Sebastian Weigle

Auf dem Flügel in seinem Büro liegen die Partituren von Wagner und Strauss. Auch den weißen Taktstock mit dem Korkgriff hat Sebastian Weigle längst ausgepackt und lässt ihn elegant in der Hand schwingen. Er ist gerade von einem dreimonatigen Aufenthalt aus New York zurückgekehrt.

Dort hat er an der Metropolitan Opera dirigiert, Beethovens Fidelio und dann eine Neuproduktion des Rosenkavaliers von Richard Strauss – vor ausverkauftem Haus. „Es gab jeden Abend Standing Ovations, das waren Momente, die sind nicht von dieser Welt“, sagt er noch immer beseelt – auch wenn er sich auf dem Rückflug eine heftige Erkältung
eingefangen hat.

Doch die hinderte 
ihn nicht daran, 
sich in Frankfurt
 sofort wieder ans Dirigentenpult zu stellen. Wenn er dirigiere, vergesse er alles um sich herum, sogar den Husten, berichtet er und betont: „Die beiden Aufführungen waren sehr, sehr gut.“

„Es gab Ovations, das waren Momente, die sind nicht von dieser Welt.“

Das ist nicht selbstverständlich, denn das Dirigieren ist schließlich auch eine körperlich anstrengende Arbeit, womit nicht nur das stundenlange Stehen am Pult gemeint ist: „Ich atme immer mit den Sängern mit. Ich versuche zu spüren, welche Energie auf der Bühne herrscht.“ Wenn ein Sänger sich besonders wohl fühle, registriere er das und gebe ihm besonderen Raum. „Auch mit dem Orchester bin ich die ganze Zeit verbunden, eine Vorstellung muss lebendig sein. Deshalb ist sie nie exakt gleich lang.“

Wenn Sebastian Weigle von seinen Konzerten erzählt, durchdringen Begeisterung und Leidenschaft jeden seiner Sätze. Dabei wollte er nie Dirigent werden, wie er gleich zu Beginn des Gesprächs klarstellt. 15 Jahre lang war er Solohornist der Staatskapelle Berlin, auch zu Zeiten der DDR eines der führendsten Orchester der Welt.

„Nach 15 Jahren war ich auf der Suche nach etwas Neuem“, erinnert er sich. Sein Vater, selbst Kirchenmusiker, und sein Onkel, der Dirigent Jörg-Peter Weigle, rieten ihm dazu, Dirigent zu werden. „Die Aufnahmeprüfung habe ich so nebenbei gemacht, dann ein paar Jahre die Schulbank gedrückt und parallel dazu weiter Horn gespielt.“

Mentor Daniel Barenboim

Der Generalmusikdirektor der Staatsoper, Daniel Barenboim, wurde sein Mentor. Dieser stellte den Solohornisten am Ende einer „Siegfried“-Probe kurzerhand vor sein eigenes Orchester und ließ ihn „Egmont“ dirigieren. „Ich war wahnsinnig nervös“, erinnert sich Weigle. Doch er überzeugte und Barenboim machte ihn zu seinem Assistenten.

„Er hat mir gesagt: du kannst so viel dirigieren wie du willst, aber wenn ich dirigiere, dann musst du Horn spielen.“ Also blieb Weigle weiterhin Solohornist und stand darüber hinaus regelmäßig am Pult – und das über Jahre. Bis er seinen Mentor eines Tages fragte, ob er ihn für mittelmäßig halte oder ob er finde, dass er Potential habe und sich auf das Dirigieren konzentrieren sollte. Barenboims Antwort war so deutlich wie selbstlos.

Er verzichtete auf seinen Assistenten, bot ihm dafür an, an der Staatsoper Kapellmeister zu werden und seine ersten Erfahrungen nicht, wie üblich, in der Provinz, sondern an dem renommierten Haus in Berlin zu sammeln. „1997, mit 36 Jahren, wurde ich Erster Staatskapellmeister, das waren vor mir nur Herbert von Karajan und Horst Stein“, sagt Weigle heute stolz und ist zugleich dankbar, „meinen Eltern gegenüber, die mich immer haben machen lassen und besonders Daniel Barenboim“.

„Das Orchester hat sich wie ein Rolls Royce steuern lassen.“

Gastspiele in Dresden, Wien und New York folgten, wo er bereits vor 17 Jahren das erste Mal an der „Met“ dirigierte, damals die Zauberflöte. Dass er diesmal Richard Strauss präsentieren konnte, dessen Konzerte und Opern er schon als Solohornist sehr schätzte, war für ihn etwas Besonderes.

„Es hat mir so viel Freude gebracht, dort zu dirigieren. Das Orchester war hochmotiviert, es hat sich wie ein Rolls Royce steuern lassen“, ist seine Begeisterung sofort wieder zu spüren. Er liebe es, mit Musikern zu arbeiten, die flexibel sind, die Neues entdecken wollen und sich auf das einlassen, was der Dirigent vorgibt. „Dann kann unheimlich die Post abgehen.“

Nettestes Orchester der Welt

Über das Frankfurter Opern- und Museumsorchester, das Weigle seit 2008 führt, ist er ebenfalls voll des Lobes, nennt es das netteste Orchester der Welt. Die Musiker seien nicht nur engagiert, sie zeigten auch Solidarität. „Sie interessieren sich für einander, unternehmen etwas miteinander, im gesamten Haus herrscht ein unglaublich kameradschaftlicher Geist, den wir auch dem Intendanten Bernd Loebe zu verdanken haben“, schwärmt er. Als Gastdirigent hatte er das Haus bereits kennengelernt, bevor ihm Loebe das Angebot machte, Generalmusikdirektor zu werden.

„es ist wichtig, sich regelmäßig im Ausland zu zeigen.“

„Dass das Angebot kam, war ein großes Glück. Ich wollte an ein deutschsprachiges Opernhaus, möglichst nach Frankfurt. Viele andere Theater haben mich weniger interessiert“, stellt der gebürtige Berliner fest, dessen Sprache auch nach fast 15 Jahren fern der Heimat noch die berlinerische Färbung deutlich anzuhören ist. Für das Engagement in Frankfurt verließ er sogar das schöne Barcelona, in dem er fünf Jahre lang „Director Musical“ am Gran Teatre de Liceu war. Und das ist noch nicht einmal das größte Kompliment, das er Frankfurt gemacht hat. Denn im Gespräch stellt er fest, dass er in dieser Stadt seine musikalische Heimat gefunden habe.

Ein weiterer Pluspunkt: Die Frankfurter Oper gibt ihm die Möglichkeit, seine weltweiten Gastspiele weiterzuführen. „Auch wenn ich nicht gerne ständig unterwegs bin, ist es wichtig, sich regelmäßig im Ausland zu zeigen.“ Im Juni geht es deshalb zunächst nach Budapest und dann nach Japan. Letzteres ist allerdings fast ein Heimspiel. „Es ist meine 20. Reise in das asiatische Land. Ich war 1982 das erste Mal dort. Am Anfang, als Hornist, war es ein Muss, dorthin zu reisen, aber es gibt unheimlich interessierte Klassikfreunde in Japan und viele Musiker haben in Deutschland studiert.“

Viele Freundschaften seien deshalb dort entstanden. Einige Musiker, wie etwa einen Flötenprofessor, mit dem er 1982 gemeinsam einen internationalen Wettbewerb gewann, treffe er heute noch. „Ich fühle mich dort sauwohl, und das Essen ist fantastisch. Nur das Klima im Sommer ist mir zu heiß und zu feucht. Und im vergangenen Jahr haben wir fünf Taifune erlebt.“

Das Alleinsein genießen

Das regelmäßige Reisen und die Konzentration auf die Musik lassen dem Dirigenten allerdings wenig Raum für eine Partnerschaft. Das gibt er offen zu. „Es ist schwierig, sodass man es lieber sein lässt. Ich hätte nicht gerne jemanden an meiner Seite, der ständig zu Konzerten und auf Reisen mitkommt. Ich brauche meine Rückzugsorte, wo ich komplett alleine bin. Das genieße ich.“

Wenn er abends nach einem Konzert die Oper verlässt, nutzt er häufig einen Spaziergang am Main, um in Ruhe die Aufführung nachwirken zu lassen. „Ich mache dabei eine Kurzanalyse. Das ist wichtig.“ Auch beim Besuch im Palmengarten, im Zoo oder bei einer Fahrt in den Rheingau mit Freunden kann Weigle so richtig abschalten, wenn ihn die Freunde auch ab und zu ermahnen müssen, dass er privat nicht den Ton angeben muss.

Jazzkonzerte besucht Weigle ebenfalls gerne. Privat höre er überhaupt keine Opern, verrät er. „Sonst beginne ich gleich zu analysieren und das ist Arbeit, Jazzmusik kann ich genießen.“ Dass er in New York mehrfach im Jazzclub war, versteht sich von selbst. Er hat sich aber auch Musicals am Broadway angeschaut. „Ich habe ‚Hello Dolly!‘ mit Bette Midler in der Hauptrolle gesehen, das war so sensationell, eine solche Perfektion“, gerät er auch darüber ins Schwärmen.

„Der Standort muss bleiben.“

Für die kommenden drei bis vier Jahre ist sein Kalender bereits jetzt gut mit Engagements gefüllt. Ein „beruhigendes Gefühl“, findet er. Allerdings auch ein Korsett. „Mir fehlt schon die Flexibilität, zum Beispiel, wenn meine Mutter ihren 90. Geburtstag feiert und ich ein wichtiges Projekt habe, weil ich vor drei Jahren nicht daran gedacht hatte.“

Sein Vertrag in Frankfurt läuft noch bis 2023 und Weigle macht sich derzeit keinerlei Gedanken, seine musikalische Heimat wieder zu verlassen. „Sorgen bereitet mir eher, was mit dem Opernhaus passiert“, betont er. Ihn würde es schmerzen, wenn das Opernhaus abgerissen würde, aber man müsse schauen, was sinnvoll ist. Eines aber ist ihm wichtig: „Der Standort muss bleiben.“


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