100 Jahre Frauenwahlrecht
100 Jahre Frauenwahlrecht

Mehr als die Hälfte der Deutschen sind Frauen. Nach dem Grundgesetz sind sie gleichberechtigt. Aber ist das tatsächlich so? Erst 1919 konnten Frauen in Deutschland wählen und selbst gewählt werden. Wir haben erfolgreiche Frankfurterinnen dazu befragt, was sich seitdem verändert hat und wie sie in Zeiten von Initiativen wie #MeToo und Time’s Up Gleichberechtigung erleben. Von Sabine Börchers

Vor fast 100 Jahren, am 12. November 1918, wurde mit dem Reichswahlgesetz in Deutschland das Wahlrecht für Frauen eingeführt. Am 19. Januar 1919 konnten Frauen zum ersten Mal in Deutschland reichsweit wählen und gewählt werden. 300 Frauen kandidierten für die Weimarer Nationalversammlung, 37 von ihnen wurden gewählt. Unter ihnen war die Frankfurter Sozialdemokratin Johanna Tesch, die sich seit 1902 in der Partei für bessere Bildungschancen für proletarische Frauen eingesetzt hatte. Auch ins Frankfurter Stadtparlament zogen 1919 bereits 12 Frauen ein. Mit Meta Quarck-Hammerschlag sogar die erste ehrenamtliche Stadträtin in den Magistrat.

Die Frankfurter Sozialdemokratin Johanna Tesch setzte sich seit 1902 in der Partei für bessere Bildungschancen für proletarische Frauen ein.
Die Frankfurter Sozialdemokratin Johanna Tesch setzte sich seit 1902 in der Partei für bessere Bildungschancen für proletarische Frauen ein.

Lange hatten sie alle für das Wahlrecht gekämpft und haben den Frauen heute damit den Weg geebnet. Auch aktuell engagieren sich viele, darunter zahlreiche Frankfurterinnen, in der kommunalen, der Landes- und Bundespolitik. Einiges hat sich seitdem verändert. „Der größte Unterschied dürfte wohl sein, dass Frauen heute mit offenen Armen in der Politik empfangen werden“, stellt Nicola Beer fest.

Die FDP-Europabgeordnete war rund 15 Jahre lang Mitglied im Hessischen Landtag, drei Jahre lang Staatssekretärin, zwei Jahre lang Kultusministerin und sitzt heute im Europäischen Parlament. Alle Parteien seien heute bestrebt, Frauen in politische Funktionen zu bringen, stellt sie fest, „auch, weil sie realisiert haben, dass diese einen anderen Blick auf die Themen haben und damit die Diskussionskultur besser wird.“

Die FDP habe eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die Maßnahmen erarbeiten will, damit sich noch mehr Frauen in der Partei engagieren. „Die Digitalisierung ermöglicht es zunehmend, zeitlich unabhängig zu arbeiten. Aber auch die Atmosphäre sollte so sein, dass Frauen sich wohlfühlen“, nennt Nicola Beer einige Beispiele.

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  • 208 Pages - 25.04.2016 (Publication Date) - Societäts-Verlag (Publisher)

Etwa jedes dritte Mitglied im Bundestag ist eine Frau.

Ein weiteres Thema, das bis heute aktuell ist, aber schon die Frauen damals betraf – Johanna Tesch war Mutter dreier Söhne –, ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. In der Politik sei das besonders schwierig, betont die FDP-Generalsekretärin, „zum Beispiel, weil die Veranstaltungen, in denen ich Kontakt zu den Bürgern bekomme, immer außerhalb der normalen Arbeitszeiten stattfinden. Das kann man in der Politik nicht ändern, aber dann müssen wir alle daran arbeiten, dass die sonstigen Strukturen besser werden.“

Die Europaabgeordnete Nicola Beer setzt sich für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein.
Die Europaabgeordnete Nicola Beer setzt sich für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein.

Sie selber habe als Mutter von Zwillingen diese Doppelbelastung nur mit Hilfe der Familie bewältigt. „Ich habe gleichzeitig mein zweites Staatsexamen gemacht, bin in den Landtag gewählt worden und sollte eigentlich in eine Anwaltskanzlei einsteigen.“ Ihr damaliger Mann habe sich im ersten Jahr stark um die Kinder gekümmert, anschließend, als sie zehn Jahre alleinerziehend war, stand ihr vor allem ihre Mutter zur Seite.

„Die Landtagsfraktion hat damals nicht damit gerechnet, eine stillende Mutter in ihren Reihen zu haben. Das musste erst organisiert werden.“ – Nicola Beer

Heute versucht Nicola Beer vor allem durch Mentoring, anderen Frauen Hilfestellungen zu geben, damit sie sich in der Politik etablieren können. Solche Vorkämpferinnen hatte sie nicht, als sie 1999 erstmals in den Landtag gewählt wurde. Als junge Mutter stieß sie auf Strukturen, die es ihr nicht leicht machten, die Doppelbelastung einzugehen. „Die Landtagsfraktion hat damals nicht damit gerechnet, eine stillende Mutter in ihren Reihen zu haben. Das musste erst organisiert werden.“

Auch die Sitzungen morgens um 8 Uhr – in denen sie damals als einzige Frau saß – wurden auf ihre Initiative hin um eine Stunde nach hinten verlegt, damit sie ihre Kinder vorher in den Kindergarten bringen konnte. „Davon haben anschließend natürlich auch andere Frauen profitiert.“

In den Aufsichtsräten der 200 größten Unternehmen in Deutschland sitzen 24,6 Prozent weibliche Mitglieder, in den Vorständen acht Prozent.

Laura Karasek-Briggs hätte sich eine solche Mentorin in ihrem Beruf gewünscht. Sie ist nicht nur Moderatorin und Autorin und damit in die Fußstapfen ihres kürzlich verstorbenen Vaters Hellmuth Karasek getreten, sie war auch Rechtsanwältin und als Senior Associate in der großen Wirtschafts-Kanzlei Clifford Chance in Frankfurt tätig. „80 bis 90 Prozent meiner Chefs waren und sind männlich. Da hat man als Frau wenige Vorbilder und muss sich eigene Rollenbilder suchen“, betont sie. Ihres sei vor allem ihre eigene Mutter gewesen, „eine starke Frau, die immer berufstätig war, die promoviert ist. Ich finde es wichtig, dass einem so etwas vorgelebt wird.“

„Auch in meinem Beruf ist man Vorurteilen ausgeliefert und wird manchmal aufs Äußere reduziert, trotz des Prädikatsabschlusses.“ – Laura Karasek-Briggs

Laura Karasek-Briggs ist nicht nur Moderatorin und Autorin, sie war auch Rechtsanwältin in der großen Wirtschafts-Kanzlei Clifford Chance
Laura Karasek-Briggs ist nicht nur Moderatorin und Autorin, sie war auch Rechtsanwältin in der großen Wirtschafts-Kanzlei Clifford Chance

Die Vorstellung, dass ihre Urgroßmutter nicht habe wählen oder gar studieren dürfen, ist für die 1982 Geborene kaum nachzuvollziehen. „Wir verfügen heute über eine enorme Freiheit, die man oft gar nicht zu schätzen weiß, weil sie so selbstverständlich geworden ist.“ Dennoch sieht sie, dass sich trotz der riesigen Fortschritte noch nicht genug verändert habe. „Auch in meinem Beruf ist man Vorurteilen ausgeliefert und wird manchmal aufs Äußere reduziert, trotz des Prädikatsabschlusses. Da nennen einen Mandanten plötzlich Blondie, denken, man kocht nur Kaffee und sind erstaunt, wenn sie die Visitenkarte sehen.“

 

Solche Momente sieht Laura Karasek-Briggs allerdings eher gelassen, die habe man als Frau selbst in der Hand. Auf keinen Fall will sie sie, wie derzeit in der Diskussion um #MeToo – ein Schlagwort, unter dem Frauen in den sozialen Medien Missbrauch, sexuelle Übergriffe und Diskriminierung thematisieren – immer wieder praktiziert, mit solchen gravierenden Fällen in einen Topf werfen. „Wenn es um so etwas wie Machtmissbrauch geht, ist die #MeToo-Bewegung sehr wichtig. Da brauchen wir eine ganz starke Solidarität unter Frauen.“

Branchenübergreifend verdienen Frauen in Deutschland – bei Berücksichtigung aller verzerrenden Faktoren – durchschnittlich 6 Prozent weniger als Männer.

Im Grundgesetz ist seit 1949 verankert, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind. Aktuelle Debatten über Frauenrechte, aber auch den männlichen Machtmissbrauch nicht nur in Hollywood, der Initiativen wie #MeToo und Time’s Up einleitete, zeigen, dass die Praxis immer noch anders aussieht. Die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau ist offensichtlich hart umkämpft. Das war sie schon immer.

Die historischen Wurzeln des Wahlrechts für Frauen liegen bereits in der Französischen Revolution von 1789 mit ihrer Forderung nach Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Olympe de Gouges veröffentlichte 1791 die „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“. In Deutschland markierte die 1848er Revolution den Beginn einer sozialen und politischen Frauenbewegung. Doch erst 1891 forderten die Sozialdemokraten als erste Partei in ihrem Programm das Frauenwahlrecht.

Auch die bürgerliche Frauenbewegung setzte sich für das Wahlrecht ein. Im Dezember 1917 reichten die deutschen Frauenstimmrechtsvereine dann eine erste gemeinsame Erklärung zur Wahlrechtsfrage beim Reichsparlament und allen Länderparlamenten ein. Doch noch einmal sollte es fast ein Jahr dauern, bis das Reichswahlgesetz in Kraft trat.

Unter den 60 reichsten Deutschen sind 14 Frauen

In den darauffolgenden Jahren erkämpften sich Frauen dann eine ungewohnte Freiheit auf allen Gebieten. „Sie legten das Korsett ab, schnitten sich die Haare kurz, konnten alleine im Café sitzen. Frauen wie die Berlinerin Anita Berber, die den Nackttanz für sich entdeckte, trugen Smoking. Sie fuhren Autorennen, mit dem Motorrad durch Europa und eroberten neue Berufe“, erzählt Micaela Leon. Die Sängerin und Mitbegründerin des „Women’s March Frankfurt“ beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Frauen dieser Zeit und porträtiert in ihrem aktuellen Programm gleich neun von ihnen schauspielerisch und musikalisch.

Micaela Leon ist Sängerin und Mitbegründerin des „Women's March Frankfurt“
Micaela Leon ist Sängerin und Mitbegründerin des „Women’s March Frankfurt“

„Die Lieder sind heute wieder absolut aktuell. Wir kämpfen an vielen Stellen für die gleichen Sachen“, stellt sie fest. Das lag vor allem an dem massiven historischen Rückschritt, den die Nationalsozialisten einleiteten und den die konservative Nachkriegszeit weiter zementierte, bis schließlich die 1968er Generation die alten Zöpfe abschnitt.

Doch selbst die Frauenbewegung der 1980er Jahre hat sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten immer weiter abgeschwächt. „Ich glaube, es geht uns heute zu gut, und wir spüren die Begrenzungen nicht mehr so stark, weil wir zum Beispiel für eine Abtreibung auch über die Grenze in die Niederlande fahren können“, stellt Micaela Leon fest. Andere Themen wie die Wiedervereinigung, die Finanzkrise, die Flüchtlingsfrage hätten zudem vieles überlagert. Dabei habe der Kampf für schwarze Frauen, Musliminnen oder Frauen am Rande der Gesellschaft, die noch weniger Rechte hätten, nie aufgehört.

„Frauen und Männer spielen nach unterschiedlichen Regeln.“ – Micaela Leon

30,4 Prozent der Professoren an den deutschen Universitäten sind weiblich.

„Heute müssen wir um Gleichberechtigung auf jeder Ebene kämpfen“, stellt Micaela Leon fest. Es dürfe keine Frage mehr sein, ob Frauen das gleiche verdienen, die gleichen Stellen bekommen, auch ohne Quote. Nicola Beer ergänzt, dass es jenseits der formalen Rechte, die Frauen haben, immer noch viele informelle Strukturen gebe, die es ihnen erschwerten, in Unternehmen oder in der Politik erfolgreich zu sein. „Frauen und Männer spielen nach unterschiedlichen Regeln. Für Frauen ist es daher wichtig, diese Regeln zu kennen und sie nicht zu akzeptieren, sondern sie nach ihren Bedürfnissen zu verändern.“

Ein gutes Netzwerk etwa brauche weibliche und männliche Netzknoten. Im Vergleich zu Frauen würden Männer aber häufig nicht netzwerken, sondern Seilschaften pflegen, stellt Beer fest. „Das ist etwas, in dem wir noch nicht gut genug sind.“ Frauen seien gründlicher, neigten zu Perfektion, während Männer taktischer und strategischer denken würden, etwa, wie sie ein politisches Thema platzieren könnten. „Ich stelle heute nicht weniger Ansprüche an mich, nutze aber auch die Strategien der Männer.“

Dabei will Nicola Beer Frauen und Männer nicht gegeneinander ausspielen. „Auch Männer profitieren davon, etwa wenn Familie und Beruf besser zu vereinbaren sind. Und es kommt doch auch ein gutes Ergebnis an.“ Laura Karasek-Briggs ergänzt, dass es schließlich von der Natur eingerichtete Unterschiede gebe, die nicht zu ändern seien. „Wir sind nun mal diejenigen, die die Kinder bekommen. In dieser Zeit verändert sich unsere Karriere zwangsläufig, weil man hochschwanger nicht mehr so leistungsfähig ist, weil man im Mutterschutz den Pausenknopf drücken muss.“

Ihren 2015 geborenen Zwillingen möchte sie deshalb einen Umgang zwischen Mann und Frau auf Augenhöhe vorleben. „Ich möchte, dass meine Tochter einmal genauso vorwärts kommt, ohne diskriminiert zu werden, wie mein Sohn.“

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100 Jahre Frauenwahlrecht: Ziel erreicht – und weiter?
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91 Prozent der Bürgermeister in Deutschland sind männlich.

Die Rechtsanwältin hat noch einen anderen Vorschlag, wie der Kampf besser gelingen könnte. „Wir müssen das Thema Emanzipation sexyer machen. Das Wort Emanze klingt immer noch, als hätte jemand Diarrhoe. Es gibt so viele tolle Frauen, die nicht in eine solche Ecke gestellt werden dürfen.“ Außerdem rät sie zu mehr Selbstbewusstsein: Frauen müssten aufhören zu jammern. „Ich bin gerne eine Frau, ich wäre auf keinen Fall lieber ein Mann. Ich beneide die Typen nicht.“ Zudem findet sie es wichtig, über den deutschen Tellerrand zu schauen. „Wir sind immer noch relativ privilegiert, wenn man sieht, was Mädchen in anderen Teilen der Erde durchmachen müssen. Für die müssen wir uns auch mehr einsetzen.“

Die Geschichte lehrt, dass es ein langer Weg ist, eine Gleichstellung von Frau und Mann zu erreichen. Nicola Beer ist sehr optimistisch, dass mit Arbeit und dem Schaffen eines neuen Bewusstseins viel zu erreichen ist. Gerade in Branchen, in denen Frauen neu seien, reüssierten sie überproportional. Es gehe nicht darum, dass am Ende alle gleich seien, sondern, dass ihre Kompetenzen und Fähigkeiten gleichermaßen wertgeschätzt würden. Frauen wie sie, Micaela Leon und Laura Karasek-Briggs setzen sich in jedem Fall weiter dafür ein, dass es so kommt.


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