Der Schauspieler Adnan Maral ist in der Türkei geboren und als Sohn eines Gastarbeiters der ersten Generation in Frankfurt aufgewachsen. Kürzlich hat er über seine Kindheit ein Buch geschrieben und verriet Top Magazin im Interview, warum er von Toleranz nichts hält. Von Sabine Börchers

Adnan Maral
Adnan Maral

Adnan Maral ist ein bisschen aufgeregt. Auf der Frankfurter Buchmesse bewegt sich der Schauspieler auf ungewohntem Terrain. Auch wenn er bereits einen kleinen Band mit einer Erzählung veröffentlicht hat, das, was er auf der Messe in der Hand hält, ist sein erstes eigenes Buch. „Ich treffe hier Autoren, die viel mehr Erfahrung haben als ich“, sagt er beeindruckt, fügt dann aber hinzu: Nach dem Austausch mit einigen von ihnen habe er festgestellt, dass sie auch nur mit Wasser kochten. Damit schlägt er im Gespräch gleich den humorvollen Ton an, den die Zuschauer von ihm gewohnt sind. Maral ist der Mann fürs leichte, aber durchaus nicht seichte Fach. Sein Gesicht kennen die meisten aus der erfolgreichen Vorabendserie „Türkisch für Anfänger“, in der er 52 Folgen lang den Vater Metin spielte – einen sehr korrekten Polizisten mit türkischen Wurzeln, der es mit einer überemanzipierten und unangepassten Psychoanalytikerin aufnimmt und mit ihr eine Patchworkfamilie gründet. Klischees des deutsch-türkischen Verhältnisses werden darin ironisch und gerne politisch unkorrekt aufs Korn genommen.

Erinnerungen ans Gallusviertel

In diesem Fahrwasser bewegt sich auch Adnan Marals Buch. Es trägt den Titel „Adnan für Anfänger. Mein Deutschland heißt Almanya“ und ist ein Plädoyer für ein menschliches Zusammenleben, in dem Vorurteile und Klischees keinen Platz haben. Es ist aber auch eine Autobiografie, denn der 46-Jährige erzählt von seiner Kindheit als Sohn eines Gastarbeiters der ersten Generation. Mit fünf Jahren kam der kleine Adnan aus dem Nordosten der Türkei nach Deutschland, genauer nach Frankfurt. Hier wuchs er zunächst in einem für den Abriss bestimmten Gründerzeithaus im Westend, schließlich im Gallusviertel auf. Wenn er nach Frankfurt kommt, verspürt er Heimatgefühle, sagt er heute. Selbst ans Gallus, damals eines der härteren Viertel der Stadt, hat Maral positive Erinnerungen. Vor allem an die Mainzer Landstraße mit ihren vielen Autohändlern. Als kleiner Junge bewunderte er dort die teuren Wagen, später wusch er sie und verdiente sich damit sein Taschengeld. Einer seiner beiden Brüder besitzt bis heute dort eine Autoreinigung.
Sein ältester Bruder war es, der ihn als 14-Jährigen mit in eine Theatergruppe nahm, um zu verhindern, dass er von der Ernst-Reuter-Schule flog. Das Spielen gefiel ihm. Mit 16 wurde Maral Mitglied im Jugendclub des Schauspielhauses und stand zwei bis drei Mal im Monat auf der großen Bühne der Kammerspiele, noch bevor er ein Studium an der HFG in Offenbach und an der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst begann.

13 Mal Mehmet

Im Jugendclub erhielt er, der junge Türke, auch die Gelegenheit, in Heiner Müllers Stück „Die Schlacht“ die Rolle eines Nazis zu spielen. „Am Theater gab es nie Diskussionen, wer welcher Abstammung ist. Wenn ein Schauspieler wirklich drin ist in seiner Rolle, überträgt sich das auf das Publikum. Dann verlieren Dinge wie die Herkunft ihre Bedeutung.“ In den Fernsehfilmen der 80er und 90er Jahre wurde ihm dagegen fast nur noch die Rolle des jungen Türken angeboten. 13 Mal spielte er einen Mehmet, wie er in seinem Buch vorrechnet. Heute habe sich das glücklicherweise geändert, sagt er dazu. „Ich will keinen Klischee-Türken mehr spielen. Ich bin ein Teil dieser Gesellschaft, ich bin auch Deutscher. Deutschland muss sich da vielleicht neu definieren“, stellt er fest und ist schnell wieder bei seinem Lieblingsthema, der Akzeptanz anderer Kulturen.

Akzeptanz statt Toleranz

Seine Eltern waren es, die ihm den Respekt und die Offenheit gegenüber anderen, auch fremden Kulturen, beigebracht hätten, erzählt er. Das von Deutschen gerne bemüthe Wort „Toleranz“ will er dabei aber nicht hören. „Tolerare heißt übersetzt erdulden, wir wollen aber nicht erduldet, sondern anerkannt, also akzeptiert werden.“ Ein Beispiel aus der eigenen Jugend hat er dazu auch parat: Die Haltung seines Vaters, dass er damals lange Locken und einen Ohrring tragen durfte, auch wenn die restliche Familie das nicht für angebracht hielt, habe ihm die persönliche Freiheit geschenkt. „Es gab mir die Möglichkeit, herauszufinden, wer ich war.“

Wenn Maral sagt, er sei Deutscher, dann ist das seine persönliche Einstellung. Auf dem Papier ist er es bis heute nicht. Die deutsche Staatsbürgerschaft hat er nicht beantragt und will es auch nicht, solange er dafür den türkischen Pass abgeben muss. „Das Wenige, was ich von der türkischen Kultur und Mentalität noch habe und leben kann, will ich, wenn irgend möglich, bewahren“, sagt er. Außerdem wünsche er sich von einem demokratischen Land in Europa Respekt und Akzeptanz gegenüber seiner Herkunft. „Es verletzt mich, dass das Land, in dem ich aufgewachsen bin, mich nicht als einen Teil von sich anerkennt.“ Und schon gar nicht kann er verstehen, dass seine Frau, die gebürtige Schweizerin ist und seit gerade mal zehn Jahren in Deutschland lebt, dank eines Abkommens beide Staatsbürgerschaften haben darf, er aber nach mehr als 40 Jahren noch immer nicht.

Stundenlang kann er über dieses Thema sprechen und tut es in vielen Diskussionen und bei Vorträgen. Immer wieder wird er bei diesen Gelegenheiten auch gefragt, wann es neue Folgen der „Türkisch für Anfänger“-Serie gebe. „Lust hätten wir alle, sie zu machen“, doch jetzt stehe für den Regisseur zunächst die Fortsetzung des noch erfolgreicheren Kinofilms „Fack ju Göthe“ an. Adnan Maral hat dafür kürzlich mit einem Schauspiel-Kollegen die fünfteilige Reihe „Zwei Süper-Freunde – mit Adnan Maral und Tom Beck auf Entdeckertour in der Türkei“ gedreht. Auch am Schreiben und daran, eigene Geschichten zu erzählen, hat er Gefallen gefunden. Ein Exposé für eine Serie hat er entwickelt. Und ein Buch mit Erzählungen, das er gemeinsam mit seiner Frau geschrieben hat, ist schon fertig. Das ist bestimmt Stoff für die nächste Buchmesse.