Er ist Schriftsteller, Drehbuchautor und Produzent. Zu seinen größten Erfolgen zählen TV-Produktionen wie „Total normal“ und der Kinohit „Horst Schlämmer – Isch kandidiere“. Angelo Colagrossi hat ein Gespür für verschrobene Charaktere und die Eigenheiten der Deutschen. Wir trafen den humorvollen Römer in Frankfurt und sprachen mit ihm über sein neues Buch „Kartoffeln al dente“ sowie seinen humorvollen Umgang mit „typisch deutschen“ Gepflogenheiten. Text: Natalie Rosini, Foto: Michael Hohmann

Schriftsteller, Drehbuchautor und Produzent Angelo Colagrossi
Schriftsteller, Drehbuchautor und Produzent Angelo Colagrossi

Wie unterhält man sich mit einem Italiener am besten? Ma certo! Beim Essen! Also treffen wir Angelo im Restaurant Terranova in Frankfurt. Es gibt Miesmuscheln und Spaghetti Vongole. Der Tisch ist voll und Angelo erfüllt mit Wonne jegliches Klischee: Er übernimmt die Regie, füllt großzügig unsere Teller – nicht ohne zu erklären, dass der Sud das Beste ist und man ihn unbedingt mit viel Brot auftunken sollte (lowcarb existiert in der Heimat Dantes und Michelangelos nicht!) –, gießt immer wieder Wein nach und schlürft genüsslich seine Muscheln – mit den Händen, versteht sich! Ein Schwätzchen mit der sardischen Kellnerin – Angelo hat ein Haus auf Sardinien und beeindruckt sie mit lokalen und dialektalen Kenntnissen –, ein paar Witzchen mit den Tischnachbarn, denen er nahelegt, sein Buch zu lesen – Angelo ist eben „typisch italienisch“. „Es ist schon lustig, wie die Deutschen uns sehen und was die Italiener von den Deutschen denken“, lacht Angelo. „Die Italiener sind charmant, können alle kochen und haben mafiöse Tendenzen. Auf mich treffen nur die ersten beiden Punkte zu … Die Deutschen sind pünktlich, zuverlässig, ordentlich und haben ein paar merkwürdige Essgewohnheiten. Ich finde es köstlich, diese Stereotype auf die Spitze zu treiben.“

Faszination Vorstadt

Der Sizilianer Andrea soll in Deutschland an einer Casting-Show für Köche teilnehmen. Um Deutsch zu lernen, zieht er zu einer „typisch deutschen“ Familie: Die Heilmanns leben in einem Reihenhaus mit Vorgarten inklusive Gartenzwergen, Carport und in Gelsenkirchener Barock gehaltenem Interieur. „Kartoffeln al dente“ dokumentiert auf ironische Weise die kulturellen Unterschiede zwischen Italienern und Deutschen. „Das funktioniert natürlich nicht in einer Stadt wie Berlin“, erklärt Angelo. „Ich habe mich bewusst für Krefeld entschieden, für die Eigenheiten deutscher Vorstädte: Abendbrot, das wirklich wörtlich gemeint ist, also belegte Brote mit Gürkchen. Gemälde von Elchen oder Hirschen an der Wand. Samstagabendshows. Falscher Hase.“ Letzteren, bekennt Angelo, mag er übrigens sehr gern.

Die Perspektive des quasi Fremden

Seine ironischen Anekdoten stecken voller Liebe für seine Wahlheimat Deutschland. „Etwas nicht gleich auf Anhieb zu verstehen, wie Kaffeetrinken und Torte Essen kurz vor dem Abendbrot, oder zu denken, Kutteln seien Hundefutter, muss doch keine unüberwindbare kulturelle Hürde sein“, meint Angelo. „Immerhin haben wir Italiener auch einige merkwürdige Angewohnheiten: Selbst Akademiker neigen zum Aberglauben und bekennende Kommunisten glauben an Gott, in jeder echt italienischen Brieftasche findet man ein Bild von Padre Pio, unsere Mütter sind Heilige, und das Sprechen mit den Händen – das weiß jeder – ist nun wirklich kein Klischee. Typisch deutsch, typisch italienisch – ich finde die Unterschiede eher bereichernd und habe Spaß daran, mich mit meinen deutschen Freunden darüber auszutauschen.“ Und dieser Austausch scheint zu fruchten: Der gebürtige Römer lebt seit über 20 Jahren in Deutschland, schuf an der Seite seines langjährigen Lebenspartners Hape Kerkeling einige der witzigsten TV- und Kinocharaktere wie Peter Schlönzke aus „Kein Pardon“ oder den legendären Horst Schlämmer, den die Deutschen sogar wirklich gewählt hätten. „Als Italiener in Deutschland habe ich den Vorteil, die Perspektive des quasi Fremden zu kennen. Brasilianische Tänzerinnen in Mettmann, der deutsche Glückspielsüchtige in Norwegen …“ Bei einem Espresso doppio, „Cappuccino trinken wir in Italien wirklich nur bis 11 Uhr“, resümiert Angelo: „In meinen Filmen und Büchern gibt es immer jemanden aus einer anderen Kultur. Jemanden wie mich. So strapaziert dieser Satz auch ist: Die besten Geschichten schreibt das Leben selbst.“

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