Anne-Sophie Mutter
Anne-Sophie Mutter

Als Sechsjährige stand sie bereits auf der Bühne, mit 13 Jahren spielte sie unter der Leitung von Herbert von Karajan. Heute gilt Anne-Sophie Mutter als beste Geigerin der Welt und ist international gefragt. In Frankfurt macht sie immer gerne Station, wie sie Top Magazin Frankfurt im Interview verraten hat. 

Sie kommen einen Tag aus Wien, spielen am nächsten in Frankfurt, tags darauf in Dresden. Wie schaffen Sie es, jeden Abend genau auf den Punkt vorbereitet zu sein?
Die Musik nimmt mich völlig gefangen, auch schon in der Probe. Darauf fokussiert sich alles, und ich kann die übrigen Befindlichkeiten verdrängen. Es gab natürlich in den 40 Jahren meiner Karriere auch Konzerte, in denen mir der Jetlag zugesetzt hat. Aber das ist ein Lernprozess, damit muss man konstruktiv umgehen.

Welche Beziehung haben Sie zu Frankfurt?
Mein Bruder wohnt hier in der Nähe. Frankfurt und die Alte Oper mit ihrem wunderbaren Saal sind eine musikalische Heimat für mich. Es ist einer der Säle weltweit, in die ich gerne zurückkehre. Ich habe nicht ohne Grund hier und in Stuttgart als einzige deutsche Städte im Jahre 2000 meine große Retrospektive der Violingeschichte des 20. Jahrhunderts gespielt. Das zeigt den Stellenwert, den die Stadt und ihre Musikliebhaber für mich haben.

Kommen Sie denn zum Üben, wenn Sie so viel auf Reisen sind?
Wir proben immer vor einem Konzert, um die Akustik des Raumes zu erfühlen. Je nach Repertoire muss man sich ganz unterschiedlich auf sie einstellen. Wie viel ich übe, das kann ich Ihnen gar nicht beantworten. Üben heißt ja nicht primär üben am Instrument. Es geht um die intellektuelle Erfahrung der Musik, das Entwickeln einer Klangvorstellung, eines Konzeptes im Kopf, mit dem ich dann zurück ans Instrument gehe.

Das ist vergleichbar mit dem, was Antoine de Saint-Exupéry meinte, als er sagte: „Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben, die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“ Ohne die Fähigkeit, die Unbegrenztheit des musikalischen Ausdrucks zu erkennen, gibt es keine Musik. Es gibt Perioden, in denen ich in diesem Sinne überhaupt nicht studiere, aber die Musik ist in meinem Leben immer präsent.

Sie spielen heute Abend die Violinkonzerte von Mozart…
Mozart hat fünf Violinkonzerte geschrieben. Dieser Zyklus ist wahnsinnig spannend. Sie zeigen, welche enorme kompositorische Entwicklung Mozart genommen hat in den wenigen Monaten, die zwischen den Stücken liegen. Es sind Werke, mit denen man sich ein Leben lang beschäftigen kann.

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Sie haben Mozart tatsächlich bereits als Sechsjährige gespielt, dann als Dreizehnjährige unter der Leitung von Herbert von Karajan. Sie spielen heute sicherlich virtuoser, als als Kind, aber gibt es noch mehr Unterschiede zwischen damals und heute?
Die Virtuosität muss nicht unbedingt zunehmen. Das Grundgerüst an Technik muss schon sehr solide sein, wenn man als Dreizehnjährige mit Karajan spielt. Die Frage ist eher, wie gehe ich mit dieser Technik um, wie kreativ kann ich sein. Da ich seit dem Jahr 2000 das Konzert von der Geige aus leite und nur in Ausnahmefällen einen Dirigenten dabei habe, hat sich eine viel spontanere, lebendigere, dialogischere Art der Aufführung ergeben.

Für dieses Jahr stehen noch Konzerte in Spanien, den USA, Kanada, Argentinien, der Schweiz, Österreich und China auf Ihrem Tourneeplan, bekommen Sie etwas von den Orten mit, an denen Sie spielen?
Das ist sehr unterschiedlich. Wenn ich wieder in New York bin, muss ich nicht noch einmal ins Museum of Modern Art rasen. Ich kann die Stadt vielmehr als Flaneur genießen. Wenn ich nach langer Zeit in diesem Sommer nach Buenos Aires zurückkehre, lege ich Wert darauf, dort Zeit zu verbringen, um die Stadt zu erfassen und zu erfühlen.

In den Konzerten abends erfahre ich außerdem immer einen Austausch mit den Bewohnern der jeweiligen Stadt, der mir ihre Lebensfreude oder Ernsthaftigkeit vermittelt. Deshalb freue ich mich besonders auf Buenos Aires, weil uns das Publikum dort beim letzten Mal fünf Zugaben abverlangt hat.

Wie stark nehmen Sie die Zuhörer bei Ihren Konzerten wahr?
Wie der Redner bei einem Vortrag nehme ich wahr, ob die Zuhörer gefangen sind oder nicht. Das spielt eine wichtige Rolle beim Gelingen eines Konzerts. Die Wahl eines extremen Pianissimo hängt von der Erwartungsfreude im Saal ab. Es gibt verschiedene Arten von Stille, die eines leeren Raumes und die eines vollbesetzten Saales mit angespannt zuhörenden Menschen. Das ist eine besondere Atmosphäre, auf die ich mich einstelle. Ich schaue beispielsweise, wie leise ich spielen kann, wenn das Publikum noch ruhelos ist. Meine Antwort ist dann meist, noch leiser zu spielen. Man kann Zuhörer dazu verführen, genauer hinzuhören, indem man leiser wird.

Sie haben gerade Filmmusik-Klassiker des fünffachen Oscar-Preisträgers John Williams aus Filmen wie Star Wars und Harry Potter aufgenommen, die er größtenteils extra für Sie neu arrangiert hat. Wie kam es dazu?
Die Stücke sind für mich und hoffentlich auch die Zuhörer unfassbar interessant, weil es sie vorher nie für die Geige gab. Ich habe John Williams vor vielen Jahren auf einer Aftershow-Party beim Tanglewood-Festival, dem Sommerfestival des Boston Symphony Orchestra, kennengelernt. Er ist ein Freund von André Previn, meinem früheren Mann. Ich habe ihn zuerst gebeten, ein klassisches Werk für mich zu schreiben, das wir mittlerweile uraufgeführt haben. Mit seiner Filmmusik bin ich groß geworden.

Anne-Sophie Mutter im Studio mit dem fünffachen Oscar-Preisträgers John Williams (Foto Prashant Gupta)
Anne-Sophie Mutter im Studio mit dem fünffachen Oscar-Preisträgers John Williams (Foto Prashant Gupta)

Ich weiß noch genau, wie ich 1978 Star Wars in einem kleinen Kino im Schwarzwald das erste Mal gesehen und vor allem gehört habe. An den Inhalt erinnere ich mich kaum, aber an die Musik. Er hat damit ein völlig neues Kapitel der Filmmusik geschrieben. Sie ist absolut vergleichbar mit klassischer Musik, mit Programmmusik wie dem Don Quixote von Richard Strauss oder Rimsky-Korsakows Scheherazade. Man kann sie auch ohne den filmischen Inhalt genießen. Bei den Filmen ohne die Musik von John Williams sieht das weniger gut aus. Dass ich mal neben diesem Mann stehen und diese Musik aufführen würde, stand für mich 1978 außer Frage.

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Mozart würden Sie also nicht unter freiem Himmel spielen?
Das kann ich erst sagen, wenn ich die beiden Konzerte erlebt habe. Vielleicht ändert sich dann meine Perspektive.

Wollen Sie mit dieser Musik auch jüngere Menschen für die klassische Geige begeistern?
Ich finde das Repertoire unfassbar spannend, es hat die Qualität einer großen Wagneroper, zum Beispiel die Leitmotive bei Harry Potter, wo jede Figur ein eigenes Leitmotiv hat, beispielsweise die Eule Hedwig. Wenn sich dafür auch junge John-Williams-Fans begeistern, bin ich glücklich.

Aber junge Menschen hören leider immer weniger klassische Musik…
Dabei gibt es 10.000 Musikschulen in Deutschland und so viele Studenten, die den Beruf des Musikers ergreifen wollen. Ich frage mich immer, wo die sind, wenn Konzerte stattfinden. Wir können aber nur marginal auffangen, was an schulischer Präsenz weggefallen ist. Es ist schwierig, Hörgewohnheiten zu ändern, wenn diese schon gefestigt sind.

Sie haben es immerhin versucht, indem Sie 2015 zwei Konzerte in einem Club in Berlin Friedrichshain gespielt haben.
Und das wird sicherlich nicht mein letztes Clubkonzert gewesen sein, ich bin da weiter dran. Musik muss nicht nur im Konzertsaal erklingen, wir können auch neue Räume dafür schaffen. Wir wollen Orte finden, die cool sind und ein „get together“ ermöglichen. Bei den Konzerten in Berlin waren sehr viele Zuhörer, und die Musik hat sie gepackt. Musik hat einfach diese emotionale Kraft, da ist es völlig egal, ob man sie studiert hat oder nicht.

Sie tun viel für den musikalischen Nachwuchs, mit Ihrer eigenen Stiftung und den Konzerten, die Sie unter dem Titel „Mutter’s Virtuosi“ mit Ihren Stipendiaten spielen. Was lernen Sie von diesen jungen Leuten?
Das kann ich gar nicht sagen. Es ist eine große Aufgabe, diese jungen Menschen über viele Jahre zu begleiten. Für einige junge Mädchen aus Korea bin ich zur Ersatzmutter geworden. Es ist schön zu sehen, wenn die nächste Generation die Musik mit Idealismus weiterträgt.

Ich habe gerade ein Konzert für „Save the Children“ im Jemen gespielt, bei dem eine sechsstellige Summe zusammenkam. So ein Konzert ist unglaublich sinnstiftend. Es gibt einem das Gefühl, dass das Leben nicht nutzlos ist und dass man einen Moment lang dem Wahnsinn der Welt etwas Positives entgegensetzen kann.

Sie stehen seit 40 Jahren auf der Bühne. Sie haben schon so vieles gespielt, mit den besten Dirigenten gearbeitet, auch international viele bedeutende Preise erhalten, gibt es etwas, das Sie unbedingt noch machen möchten?
Es gibt 1.000 Projekte, die ich noch vorhabe. Ich will mich mit Streichquartetten beschäftigen; es gibt noch Werke, die für mich geschrieben wurden und uraufgeführt werden müssen; ich möchte Clubkonzerte machen, mein Solorepertoire vergrößern, Kammermusik spielen und natürlich das Leben genießen. Und irgendwann falle ich tot um, erst dann ist Schluss.

Das Interview führte Sabine Börchers


Dieses Interview erschien zuerst in unserer Print-Ausgabe. Sie wollen schneller informiert sein? Hier können Sie ein Abonnement abschließen.

 

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