Astrid von der Malsburg hat Reden für den früheren Bundeskanzler Helmut Kohl geschrieben und ist heute engagierte Netzwerkerin in Frankfurt. Im November 2016 eröffnete sie das neue Honorarkonsulat Estlands am Main.
Text: Sabine Börchers; Foto: Michael Hohmann

Vor fast einem Jahr wurde Astrid von der Malsburg zur konsularischen Vertreterin Estlands in Hessen ernannt. Sie ist nicht nur die einzige Frau unter den estnischen Konsuln in Deutschland.

Sie ist auch die erste Honorarkonsulin des Landes in Frankfurt. Der Schritt auf diplomatisches Neuland war für die engagierte Netzwerkerin ein kleiner. „Ich bin impulsiv, ich habe nicht lange überlegt“, erzählt sie. Der frühere finnische Honorarkonsul Prof. Dr. Alexander Riesenkampff war es, der sie auf die Idee brachte, sich in den diplomatischen Dienst des baltischen Landes zu stellen.

„Seine Familie kommt aus Estland, deshalb lag es ihm am Herzen, dass das Land, das vor allem Honorarkonsulate im Norden Deutschlands unterhält, erstmals eine Vertretung am Main bekommt“, berichtet Astrid von der Malsburg. Sie selbst hat ebenfalls familiäre Bindungen in die Region. Ihre Urgroßeltern stammen aus dem lettischen Riga.

Da die Tendenz in der internationalen Diplomatie derzeit dahin gehe, die Botschaften zu entlasten und die Konsulate aufzustocken, sei Riesenkampffs Wunsch zur rechten Zeit gekommen, stellt sie fest.

Innerhalb von zwei Jahren waren alle bürokratischen Hürden genommen. Die neue Konsulin konnte Ende 2016 die diplomatische Vertretung offiziell eröffnen und vertritt nun ein paar Hundert Esten in Hessen. Nur die große Plakette mit dem estnischen Wappen, die ihr das Land zur Verfügung stellte, hat sie noch nicht aufgehängt. Es könnte gestohlen werden, fürchtet sie.

Netzwerke knüpfen

„Frankfurt ist mittlerweile ein wichtiger Dreh- und Angelpunkt in Deutschland, allein schon, weil die Esten in der Regel hier am Flughafen ankommen“, erläutert sie weiter. Das Rhein-Main-Gebiet liege verkehrsgünstig.

Es kämen immer wieder Esten aus den Nachbarbundesländern, etwa aus Mainz, um ihre neuen Pässe im Honorarkonsulat abzuholen. Solche bürokratischen Aufgaben wie Pässe ausgeben oder Urkunden beglaubigen sind für Astrid von der Malsburg aber eher nebensächlich. Viel lieber knüpft sie Kontakte.

Wann immer es geht, versucht die Konsulin, die Besucher ihrer Vertretung in der Liebigstraße 20 kennenzulernen und damit ihr estnisches Netzwerk in Frankfurt auszubauen. „Es sind meistens sehr spannende Begegnungen, häufig treffe ich auf Musiker, Mitarbeiter der EZB oder anderer Unternehmen. Die binde ich dann gerne in meine Vorhaben ein.“

Frauen mit Format

Das Netzwerken ist ihre Passion, die sie mittlerweile zum Beruf gemacht hat. Begonnen hat die Betriebs- und Volkswirtschaftlerin allerdings auf völlig gegensätzlichem Terrain. Als Redenschreiberin für Politiker agiert sie bis heute ausschließlich im Hintergrund und unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

„Das Wasser, in das ich springen musste, war sehr kalt.“

Bereits ihre erste Tätigkeit auf diesem Gebiet brachte sie auf die höchste Ebene, ins Kanzleramt des früheren Bundeskanzlers Helmut Kohl – für sie ein Traumjob. Als 25-Jährige hatte sie sich ohne große Berufserfahrung im dortigen Wirtschaftsreferat auf eine freie Stelle beworben.

„Zu meinem Erstaunen haben die mich genommen. Ich war damals eher schockiert als erfreut. Das Wasser, in das ich springen musste, war sehr kalt.“ Noch kälter sei es aber in der Bayerischen Staatskanzlei gewesen, wo sie Jahre später Reden unter anderem für Edmund Stoiber schrieb. „Die Anforderungen dort waren noch höher.“

Als Wirtschaftsreden-Verfasserin gefragt, ging sie schließlich nach Frankfurt, machte sich dort selbstständig und arbeitete unter anderem für die Vorstandsetage der Dresdner Bank. „Wir dürfen über unsere Auftraggeber nicht reden, wir arbeiten im Verborgenen, dafür sind die Redner meist sehr treu“, erzählt sie.

Heute agiert sie mehr und gerne in der Öffentlichkeit. An der Frankfurter Universität, an der ihr Mann, der Physiker Christoph von der Malsburg, forscht, gründete sie mit einer Partnerin vor drei Jahren das Netzwerk „Frauen mit Format“, das sie bis heute betreut.

„Wir bringen Wissenschaftlerinnen und Wirtschaftsfrauen zusammen. Es ist eine inoffizielle Jobbörse“, erläutert sie. Mit dem Projekt würden im Jahr rund 300 bis 400 Kontakte zwischen den Frauen geknüpft. Dabei arbeitet sie von einem Büro auf dem Campus Westend aus. Von dort aus ist es nicht weit zum Konsulat.

Modellregion für Digitalisierung

Ihre Hauptaufgabe im Konsulat sieht Astrid von der Malsburg darin, Estland in Hessen sichtbarer zu machen. Schließlich sei es dem Land, das gerade den Vorsitz im Rat der Europäischen Union übernommen hat, gelungen, nach seiner Unabhängigkeit vor gerade mal 25 Jahren ein einzigartiges Profil zu entwickeln.

„Jeder ist mit jedem vernetzt, in jedem Winkel des Landes gibt es W-Lan.“

Estland ist heute die Vorzeigenation für Digitalisierung in Europa. Dort wurde nicht nur das Skypen erfunden. „Jeder ist mit jedem vernetzt, in jedem Winkel des Landes gibt es W-Lan. Investoren aus der gesamten Welt blicken auf diese kleine Nation“, erzählt sie und nennt ein Beispiel: Jeder Este habe seine gesamte Identität auf einer ID-Card gespeichert – von den Informationen über seine Gesundheit, der Privatadresse, dem Bankkonto bis hin zum Arbeitgeber.

Gehe er zum Arzt, speichere dieser die verschriebenen Medikamente ebenfalls auf der Karte und die Apotheke brauche diese nur auszulesen, um sie auszuhändigen. Auch jeder andere Arzt habe durch die Karte Zugriff auf alle Krankendaten und Medikamente des Patienten. Was Estland propagiert, sehen Datenschützer, besonders in Deutschland, kritisch.

„Natürlich besteht das Risiko einer großen Abhängigkeit, wenn so viele persönliche Daten auf einem Server liegen. Es gab auch schon mal einen Angriff darauf“, räumt die Honorarkonsulin ein.

Die Vorteile seien aber dramatisch höher als das, sagt sie überzeugt und fügt gleich hinzu: Auch Deutschland werde Probleme mit der Digitalisierung bekommen, wenn es die Angst um die persönlichen Daten nicht überwinde. Das Thema liegt ihr am Herzen, das ist im Gespräch schnell zu merken.

Sie selbst nutzt alle digitalen Medien. Ihr Konsulat dürfte das einzige in Hessen sein, das über eine eigene Internetseite verfügt. Die Texte dafür schreibt Astrid von der Malsburg selber. Immer häufiger ist sie auch als Vortragende auf dem Gebiet der Digitalisierung gefragt. Das Interesse in Deutschland sei riesig.

Sie habe mit ihrer konsularischen Arbeit zu keinem besseren Zeitpunkt beginnen können. Während Estland bisher durch den historischen Einfluss deutscher Kaufleute und die Verbindung zur Hanse vor allem mit norddeutschen Städten kooperierte, richte sich aktuell der Fokus des Landes stärker auf digitale Zentren wie Frankfurt.

Hocheffizient und bescheiden

Mittlerweile reist die Konsulin alle zwei bis drei Monate nach Estland. „Ich kann das Land nur gut vertreten, wenn ich es gut kenne“, sagt sie. Da die estnische Sprache sehr schwer zu lernen sei, sei es ihr um so wichtiger, herauszufinden, wie die Esten, die fast ausnahmslos auch Englisch oder Deutsch sprechen, denken und fühlen. Bisher hat sie sie als sehr zurückhaltend erlebt. „Sie sind nachdenklich und wägen ab, sind am Ende aber hocheffizient und dabei sehr bescheiden.“

Die Stadt Tartu entwickele sich derzeit zum Hotspot für die Start-up-Szene, erzählt sie weiter. Auch Hessische Firmen zeigen offenbar großes Interesse daran. So etwa die FinTech-Community, die ihr TechQuartier gerade im Castor & Pollux-Komplex am Platz der Deutschen Einheit eingerichtet hat.

„Sie starten gerade das Projekt HESTAC, in dem hessische und estnische junge IT-ler gemeinsam für Unternehmen die Lösung einer speziellen Aufgabe erarbeiten, zum Beispiel eine App. In vier Wochen muss dann ein Ergebnis stehen.

„Zuvor gab es ein ähnliches Projekt mit Israel. Sie sei stolz, dass sie die Veranstalter dazu gebracht habe, dieses Projekt mit Estland zu machen“, sagt Astrid von der Malsburg.

Ihre Begeisterung steckt an

Ihr großes Netzwerk in Deutschland nutzt die Konsulin ebenfalls dazu, Wirtschaftskontakte mit dem baltischen Staat zu knüpfen. „Ich bringe zum Beispiel Esten in Hessische Unternehmen. Auf dem NOR-TEC-Forum, das sie initiierte, können sich Vertreter der deutschen und nordischen Wirtschaft austauschen. Zuletzt war dort der Bürgermeister von Tartu zu Gast, um über E-Government und Digitalisierung zu sprechen.

„Wenn man an Europa glaubt, sollte es selbstverständlich sein, die Mitgliedstaaten kennenzulernen.“

Für die Menschen, die lieber die estnische Kultur kennenlernen möchten, organisiert Astrid von der Malsburg auch Literaturabende und kürzlich sogar eine Reise nach Estland. „Es waren 30 Gäste dabei, die alle anschließend begeistert von dem Land waren“, erzählt sie stolz.

Kein Wunder, die Begeisterung der Honorarkonsulin für ihr Auftraggeberland ist ansteckend. Und ihre Argumente, warum man nach Tallin reisen sollte, sind schwer zu widerlegen: „Estland gehört zur Europäischen Union. Wenn man an Europa glaubt, sollte es doch selbstverständlich sein, die Mitgliedstaaten kennenzulernen.“

An den Menschen dort, die eine hohe Bereitschaft hätten, sich auszubilden und neue Dinge auszuprobieren, könnten sich viele orientieren. Selbst Frauen in Spitzenpositionen seien in Estland selbstverständlich, berichtet sie weiter und schwärmt dann noch von der ausgezeichneten jungen Küche. Man glaubt es ihr aufs Wort, wenn sie feststellt: „Je länger ich das mache, desto überzeugter bin ich von der Arbeit.“


Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Print-Ausgabe. Sie wollen schneller informiert sein? Hier können Sie ein Abonnement abschließen.